110.000 Berliner spielen organisiert Fußball, ein Drittel von ihnen hat ausländische Wurzeln, allein 20.000 stammen aus der Türkei. Viele der Zuwanderer sind in einem der 40 ethnischen Vereine aktiv, die meisten mit muslimischem Hintergrund. Um ihre Sorgen kümmert sich Mehmet Matur. Seit 2004 ist er Integrationsbeauftragter des Berliner Fußball-Verbandes.
Manchmal lässt das Ehrenamt keine Zeit fürs Frühstück. Dann begibt sich Mehmet Matur schon vor seinem Job auf die Suche nach Lösungen. Dann fährt er nach Neukölln, nach Kreuzberg oder in den Wedding - wo auch der Fußball seine größten Problemzonen hat.
Seit zwei Jahrzehnten engagiert sich Mehmet Matur als Fußballfunktionär. In einer Stadt, die nicht arm ist an Konflikten, zwischen Türken und Kurden, Israelis und Palästinensern, Afrikanern und Deutschen. Oft wird Streit zwischen zwei Fußballtoren ausgetragen. Matur kam vor 37 Jahren aus dem Süden der Türkei nach Deutschland. In Berlin ist er nun als Dolmetscher unterwegs, als Schlichter. Er hat es schwer - doch nun kommt ihm auch noch der Populist Thilo Sarrazin in die Quere:
"Mir läuft es kalt über den Rücken, das macht einem schon Angst. Und wo man sich auch bemüht und kleine Schritte macht für die Integration, macht so ein Politiker das alles zu Nichte, was man eigentlich in den letzten zwanzig Jahren mühsam aufgebaut hat. Wird es auch auf der Seite der Türken jetzt welche geben, zu sagen, ,die wollten uns sowieso nicht. Nie haben sie uns gemocht."
Mehmet Matur hatte oft das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Seine erste deutsche Freundin durfte er nicht heiraten, ihre Eltern hatten etwas dagegen. Matur hatte zwölf Jahre bei der Berliner Verkehrsgesellschaft gearbeitet. Er wurde beleidigt und bedroht. Nun fürchtet er, dass sich die Abneigung durchs Sarrazins Worte wiederholen könnte.
Der Hermannplatz in Neukölln, im Süden Berlins, der Migrantenanteil liegt bei 23 Prozent. Gerade hier muss der 50-jährige Matur in den Vereinen gegen Klischees anreden - und bei den Grundlagen beginnen. Immer wieder versucht er, Freunde fürs Ehrenamt zu begeistern. Und Bekannte zu überzeugen, ihre Söhne und Töchter zum Fußball zu schicken. Meist vergeblich, vor allem, was die Töchter betrifft. Denn von Breitensport haben viele Eltern in ihrer Heimat nie etwas gehört:
"Muss man natürlich die Eltern aufklären, sagen: Wir haben die Möglichkeit im Verein, wir haben zwei Duschkabinen, auch für die Töchter, dann wird das nicht nur von den Jungs benutzt. Und auch die Dunkelheit, was wichtig ist, dass die Mädchen nicht in der Dunkelheit trainieren müssen. Man zieht die dann vor, dass sie dann auch am helllichten Tag wieder nach Hause können."
In der Nähe des Neuköllner Rathauses betreiben Mehmet Matur und sein Bruder ein Sportgeschäft, der Laden ist mittags gut gefüllt. Matur hat die ersten Termine erledigt, nun tauscht er Sakko und Hemd gegen ein blaues T-Shirt. Er muss seinen Lebensunterhalt verdienen. Doch auch dabei lässt er sein Ehrenamt nicht ruhen. Ihm helfen Kontakte bei der Sponsorensuche für seine Zielgruppe im Berliner Fußball:
"Also es ist schwer, die haben immer wieder Sponsoren gefunden, die aus den eigenen Reihen gekommen sind, also auch Unternehmer, die auch türkische Wurzeln haben. Das sind aber natürlich keine großen Sponsoren. Das ist um die Ecke der Obst- und Gemüsehändler oder der Döner - mehr ist es nicht."
Hinter dem Verkaufsraum seines Ladens hat Mehmet Matur ein kleines Büro. Einen Schrank mit Aktenordnern, einen Wandkalender, Fotos von Mannschaften. Auf seinem Schreibtisch thront ein Papierstapel seiner Verbandsarbeit.
Immer wieder muss Matur Urteile des Sportgerichts studieren. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die sich zu einem Berg auftürmen, und die dann einen Migrantenverein in Bedrängnis bringen: Ungeöffnete Briefe, nicht bezahlte Strafen, fehlende Schiedsrichter. Mehmet Matur ist ein Hürdenläufer durch die Bürokratie des Fußballs - und andere profitieren von seiner Ausdauer.
Die Admiralstraße in Kreuzberg. In der Nähe des Kottbuser Tors liegt das Vereinsheim von Türkiyemspor. An den Wänden hängen Plakate und Wimpel. Senioren spielen Karten, an der Bar wird Tee serviert. Türkiyemspor ist der bekannteste Migrantenverein Deutschlands. Seit 1978 bietet er Einwanderern Vertrautheit und Kontakte. Sieben Nationalitäten sind in der ersten Mannschaft vertreten. Trotzdem muss sich der Verein noch immer behaupten, berichtet sein Klubmitglied Mehmet Matur:
"Die haben keine Trainingsplätze, keine Rasenplätze. Sie müssen ihre Spiele auch auswärts auf Rasen austragen, aber trainieren können sie natürlich nicht auf Rasen. Sie sind immer wieder auf Wanderschaft. Also ein Zuhause, eine Heimat haben sie leider nicht."
Am Abend im Jahnsportpark in Prenzlauer Berg, im Osten Berlins, dreißig Minuten von Neukölln und Kreuzberg entfernt. Der Viertligist Türkiyemspor bestreitet ein Benefizspiel für die Hochwasser-Opfer in Pakistan. Rund 300 Zuschauer sind gekommen, mit wenigen Ausnahmen sind es Mitglieder der türkischen Gemeinschaft.
Der Stadionsprecher wird an diesem Abend wenige Worte auf Deutsch sprechen. Oft hören ethnische Vereine den Vorwurf, sie würden sich vor der Mehrheitsgesellschaft abschotten. Mehmet Matur hat vieles probiert, um Spieler und Funktionäre zu vernetzen. Er hat Versammlungen abgehalten, ein Austauschprogramm für Spieler angeregt, einen Integrationspreis gefördert. Und er hat eine jährliche Feier etabliert, die ein Ziel hat: das Kennenlernen von Kulturen:
"Die Tische werden gemischt, die Sitzordnung ist gemischt, dass sie dann auch zueinander finden. So versuchen wir eigentlich auch im Sport außerhalb dieses ganz üblichen Fußballspielens andere Aktivitäten zu fördern."
Matur ist im Jahnsportpark ein gefragter Mann. Küsschen hier, Handschlag dort. Er war der erste Einwanderer, der in das Präsidium eines Fußballverbandes gewählt wurde. Viele Verbände haben keinen Integrationsbeauftragten, der für Migranten spricht:
"Ein Spieler von Eintracht Südring in Kreuzberg sagte mir, ein B-Jugendspieler: 'Ich kann mir hier nur beweisen mit meinem guten Fußball. Ich bin in der Schule schlecht. Aber weil ich gut Fußball spielen kann, bin ich bei allen akzeptiert.' Mit denen muss sich ein Verein auseinander setzen, mit denen auch arbeiten."
Gegen 22 Uhr tritt Mehmet Matur den Heimweg an. Sein Tag als Fußballfunktionär hatte 14 Stunden. Manchmal lässt das Ehrenamt keine Zeit für das Frühstück mit der Familie - und auch nicht für das Abendessen.
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