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29.09.2009
Leere Schaukel auf einem Kinderspielplatz (Bild: Stock.XCHNG / Anthony Teoh) Leere Schaukel auf einem Kinderspielplatz (Bild: Stock.XCHNG / Anthony Teoh)

"Spannungen, die kaum noch auszuhalten sind"

Therapeutin Gisela Zeller Steinbrich über Kinderlosigkeit

Von Martin Winkelheide

Wenn der Kinderwunsch übermächtig wird, dann hat das auch Auswirkungen auf die Beziehung von Paaren. Das ist die Erfahrung von Gisela Zeller Steinbrich. Sie hat eine psychoanalytische und psychotherapeutische Praxis in Basel.

Beim Kinderwunsch ist die Sache deswegen ganz besonders schwierig, weil da die ganze Person, das Ganze Lebenskonzept, das Ganze Paarkonzept infrage gestellt wird. Also die Frage, weshalb sind wir ein Paar? Weshalb bleiben wir zusammen? Was gibt unserer Beziehung Sinn? Was gibt unserer Beziehung Dauer und eine Zukunftsperspektive?

Und dann gibt es Erwartungen. Es gibt Erwartungen: Es gibt Erwartungen der eigenen Eltern. E gibt auch Verpflichtungsgefühle den eigenen Eltern gegenüber. Dass manche Menschen das Gefühl haben, mir ist selber das Leben geschenkt worden, ich möchte, ich muss es auch weiter geben.
Und wenn deutlich wird, dass es Schwierigkeiten gibt, dann ist sehr schnell auch die Frage da: Warum tut Ihr nichts dagegen?

Und dann entsteht dann so ein Druck. Und aus diesem Druck heraus kommt es dann zu diesem Schritt, und dann wird ein Fertilitätszentrum aufgesucht, oder es wird mit dem Gynäkologen, der Gynäkologin gesprochen.

Das ist über einen längeren Zeitraum auch emotional aber auch körperlich ein sehr belastender Prozess, und wenn es dann nicht geklappt hat, dann ist natürlich eine ganze Zeit vergangen, wo andere Dinge - soziale Kontakte unter Umständen - vernachlässigt worden sind, wo die Paarbeziehung sehr stark darauf ausgerichtet war, wo es immer wieder Thema war, Freude am Leben oder Freude an der Sexualität vielleicht sehr in den Hintergrund getreten sind, weil immer wieder die Angst und die Sorge - klappt es, klappt es nicht? - im Vordergrund stand, über eine längere Zeit, gerade wenn mehrere Versuche gemacht werden.

Und dann sozusagen umzuschalten und zu sagen: So, jetzt freuen wir uns unseres Lebens und schauen, was das Positive mit sich bringt? Das ist eine Herkules-Leistung, das kann man nicht so ohne Weiteres wegstecken. Die Seele braucht Zeit, damit umzugehen, braucht Raum.

Wenn die Beteiligung beider ungefähr gleich ist, also es an beiden liegt, das eine Zeugung und Empfängnis nicht zustande kommen kann, ist das oft eher zu verkraften, als wenn durch medizinische Untersuchungen deutlich geworden ist, es liegt an der Frau oder es liegt am Mann. Dann gibt es sozusagen einen, "der schuld ist", und das kann zu starken Belastungen derjenigen führen, die das Gefühl haben: "Es liegt an mir".

Zusätzlich zu der unerfüllten Kinderwunschsituation: Ich bin diejenige, die dem Partner, oder ich bin derjenige, der der Partnerin das Kind vorenthält. Dann kommt sozusagen auf das Ganze drauf noch einmal die Asymmetrie. Das führt oft zu Spannungen, die kaum noch auszuhalten sind. Das ist sehr schwer zu bewältigen. Das größte Risiko ist, dass das depressiv verarbeitet wird. Dass es zu Selbstunwertgefühlen kommt und zu Leere und Sinnlosigkeitsgefühlen - anstatt zu Trauer und Abschied von diesem Wunsch.

Kinder gibt es überall. Wir alle sind gewohnt, dass wir das eigene, das individuelle Kind unglaublich wichtig nehmen, und gleichzeitig gibt es einen Prozess gesellschaftlich, dass ich mich frage: Sind Kinder wichtig?

Also die Lebensbedingungen von Kindern zum Thema sich zu machen und da zu kämpfen und zu arbeiten, ist ja auch eine sehr elterliche Tätigkeit. Und das können die Eltern, die selber Kinder zu Hause haben, natürlich von den Ressourcen her nicht so gut leisten, wie diejenigen, die das "theoretisch" könnten, die selber keine Kinder haben. Aber das ist natürlich eine sehr reife Form von sozialer Elternschaft, die da gefragt ist. Die aber sehr befriedigend sein kann, wenn sie gelingt.


 
 

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