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05.11.2009
Die Eisberge schmelzen. (Bild: AP) Die Eisberge schmelzen. (Bild: AP)

"Wir spüren nicht, was wir anrichten"

Klimawandel erfordert Kulturwandel

Von Peter Leusch

Auf der interdisziplinären Tagung "Spiekerooger Klimagespräche", initiiert vom Zentrum für wirtschaftswissenschaftliche Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung der Universität Oldenburg, fordern Kultur- und Sozialwissenschaftler ein gesamtgesellschaftliches Umdenken in Bezug auf den Klimawandel. Die modernen Leitbilder von Mobilität, Wohnen und Konsumieren müssten infrage gestellt werden.

Nordseeinsel Spiekeroog: Das heißt Natur, Ruhe, Entspannung und Gelassenheit. Bis auf ein paar Elektromobile gibt es hier keine Autos, weder Lärm noch Hektik, vor allem keine Energieverschwendung, die das Klima schädigt. Zwar ist die kleine Insel Spiekeroog kein Modell für Deutschland im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe. Aber allemal ein inspirierender Ort zum Nach- und Umdenken, gerade auch für rund 30 Kultur- und Sozialwissenschaftler, die ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln angereist waren.

Denn Auto und Flugzeug sind mitverantwortlich für die enormen CO2-Emissionen und damit für den Klimawandel - das haben uns die naturwissenschaftlichen Klimaforscher zur Genüge vorgerechnet. Aber was es mit dieser modernen Hypermobilität auf sich hat und warum die Appelle zum Umstieg auf die öffentlichen Verkehrsmittel nicht greifen - das ist eine der Fragen, die die Kultur- und Sozialwissenschaftler auf die Agenda setzen.

"Was wir wollen, ist eigentlich eine soziale Bewegung, die die öffentliche Verkehrsnutzung wieder akzeptabel macht und nicht als die von minderbemittelten Schichten, sondern auch en vogue kommen lässt. Man ist natürlich nicht allein in den öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern setzt sich zu anderen, auch das geht psychologisch ganz tief und ist etwas völlig anderes als Autofahren, mit diesen Bedürfnissen müssen öffentliche Verkehrsmittel auch umgehen, und sie tun dies in gewissen Grenzen auch, dass sie Sitzgruppen bereitstellen, oder aber auch Sitze, in denen man sich verkriechen kann, um von niemandem angesprochen zu werden und die Privatsphäre zu behalten, während des Transports zur Arbeit."

Andreas Ernst ist Psychologe, er lehrt am Wissenschaftlichen Zentrum für Umweltsystemforschung der Universität Kassel. Mobilität ist zwar ein menschliches Grundbedürfnis, aber die gesellschaftliche Form, in der wir es ausleben, muss diskutiert werden. Die Wissenschaftler kritisierten den Glauben an die Selbstheilungskräfte der Technik. Wenn die Technik verspricht, das Klimaproblem, welches uns die Industriegesellschaft eingebrockt hat, wiederum mit technischen Mitteln, also energieärmeren Autos zu lösen. Das sei eine Illusion und Selbsttäuschung ersten Ranges, so Nico Paech, Umweltökonom der Universität Oldenburg und in der Klimakommunikation tätig.

"Wenn man den Menschen einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt haben, immer Auto zu fahren, verspricht, dass es demnächst ökologischere Autos gibt, dann haben sie eine Rechtfertigung, jetzt erst recht Auto zu fahren. Das heißt, es wird nicht nur mehr Auto gefahren, sondern Menschen, die bis jetzt gar kein Auto hatten, sogar aus Gewissensgründen, die haben jetzt ein Alibi - und das sind nur zwei der Rebound- oder Bumerang-Effekte, die dazu führen, dass allein sparsame Autos nichts bewirken."

Technische Innovationen allein, darin waren sich die Wissenschaftler einig, lösen das Klimaproblem nicht. Läuft das auf einen reinen Verzicht hinaus - Energie sparen, Konsum reduzieren - oder gelingt es uns andere befriedigende Lebensformen zu entwickeln. Darüber entspann sich eine Kontroverse. In jedem Fall verlangt der Klimawandel, dass wir unsere modernen Leitbilder infrage stellen, auch was das Wohnen anbelangt, erläutert der Soziologe Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie:

"Wie kann man Stadträume lebensfreundlich, interessant gestalten, wo kurze Entfernungen vorherrschen, wo Transportintensität nicht mehr der Trumpf ist. Das greift ein nicht nur in Stadtplanung und Infrastrukturplanungen, sondern auch darin, was überhaupt gute Wohnungen sind. Stimmt es eigentlich, dass nach wie vor das Idealbild das Einfamilienhaus im Grünen darstellt, die Bungalow-Kultur der 60er-Jahre? Also es deutet sich an, dass hier auch Vorstellungen des guten Lebens mit drinhängen. Und hier kommen dann auch wieder die Fragen von Kulturwissenschaften hinein."

Klimawandel fordert einen Kulturwandel, so die Botschaft der Tagung, verlangt Veränderungen nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch einen Umbau des Systems. Wir müssen neue Formen des Produzierens und Konsumierens entwickeln, erklärt der Initiator der Tagung, Professor Reinhard Pfriem. Er lehrt am Zentrum für wirtschaftswissenschaftliche Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung der Universität Oldenburg.

"Es geht ganz grundlegend und Sektoren übergreifend darum, eine Wende oder Kehre zu schaffen, dass der permanente Zwang zu Wirtschaftswachstum aus den Unternehmensstrategien herausgenommen wird, dass Unternehmen lernen, in ihrer strategischen Entwicklung stärker von Massenproduktion zu differenzierter Qualitätsproduktion überzugehen, das heißt im Klartext: weniger, aber qualitativ gut statt viel in diese Wegwerfgesellschaft hineinzuwerfen. Und es muss natürlich auch auf der Seite der Konsumenten sich etwas ändern - mehr das, was man gekauft hat, zu genießen und Zeit zu genießen als immer neuen - brutal ausgedrückt - Schrott zu kaufen, mit dem man gar nicht viel anfängt und den man einen Monat später durch etwas anderes ersetzt."

Reinhard Pfriem zweifelt das Wachstumsprinzip an, das immer noch wie ein Dogma alle politischen und ökonomischen Diskussionen beherrscht. Stattdessen fordert er eine ökologische Weltwirtschaft, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist, und auf eine Ökonomie des Teilens. Denn die Klimadiskussion hat bislang Schlagseite, weil sie bis in den Weltklimarat hinein primär Kosten-Nutzen-Analysen anstellt - also zum Beispiel: Wäre es nicht billiger, die Malediven untergehen zu lassen und ihre paar Hunderttausend Bewohner umzusiedeln? - und auf diese Weise Fragen nach Recht und globaler Gerechtigkeit ausblendet.

Die ersten Spiekerooger Klimagespräche, so ein Fazit, haben die Kultur- und Sozialwissenschaftler endlich in die Debatte geholt und herausgearbeitet: Neben Dringlichkeitsprogrammen ist eine grundsätzliche Reflexion der modernen Gesellschaft und ihrer Lebensformen notwendig, um im Klimawandel zu bestehen.


 
 

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"Wir spüren nicht, was wir anrichten" - Klimawandel erfordert Kulturwandel

Sendezeit: 05.11.2009 20:36

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