Heute gilt: Wer Sport treibt, ist fit und attraktiv, bleibt länger jung und gesund. Doch gerade im Leistungssport leiden Menschen immer wieder unter starren Rollenbildern und auch seelische Probleme sind immer noch ein Tabu.
"Mädels, von Anfang an draufgehen. Wie beim letzten Mal."
"Das schaffen wir schon."
" For the black, for the white, let's fight!"
""For the black, for the white, let's fight" - mit diesem Schlachtruf schwören sich die Jugendlichen von Schwarz Weiß Köln auf ein Hockey-Match ein. Jetzt zählt nur noch: ein Team, ein Wille, geballte positive Energie.
"Gerade in Mannschaftssporten ist es wichtig, dass man eine positive Kultur in der Mannschaft hat und dass man sich gegenseitig unterstützt. Wenn die Mannschaft einen aggressiv-positiven Slogan hat, dann überträgt sich das von einem auf den anderen Spieler und kann dann auch, wenn es knapp steht im Spiel, gute Leistungen sicher stellen."
Kai Engbert, Sportpsychologe an der TU München, hat gerade das Buch "Mentales Training im Leistungssport" veröffentlicht. Über den Ausgang eines Matches, über die Leistung im Wettkampf entscheidet nicht allein die körperliche Fitness, sondern ebenso die mentale Stärke des Athleten, der Teamgeist einer Mannschaft. Diese Erkenntnis hat längst auch im Breitensport Einzug gehalten.
Überhaupt ist die Beziehung von Sport und Psyche, körperlicher Aktivität und seelischer Gesundheit ein großes Thema.
"Es gibt sehr viele empirische Hinweise darauf, dass tatsächlich, wenn wir Sport treiben, wir uns wohler fühlen, weniger anfällig sind für Depressionen und so weiter. Nur sind das meistens Studien, die gemacht werden im Bereich des Freizeit- und Breitensports, im Leistungssport ist es so, dass neben der sehr positiven Wirkung des Sports auch gewisse negative Faktoren dazukommen, wie Leistungsdruck, den man hat, oder Stress, den man empfindet, Zeitdruck."
Jens Kleinert, Professor an der Sporthochschule Köln, beurteilt den Leistungssport differenziert. Deshalb dürfe sich die Sportpsychologie nicht auf klassische Dienste beschränken - darauf Entspannungs- und Konzentrationstechniken zu lehren, den Umgang mit Nervosität und Wettkampfängsten. Sie müsse vielmehr die gesamte Situation des Sportlers in den Blick nehmen, seine Wünsche ebenso wie das soziale Umfeld: Trainer, Verein, Verbände und die mediale Öffentlichkeit. Denn der Spitzensport, so die Diplompsychologin Marion Sulprizio, stelle bereits dem Nachwuchs psychische Hürden in den Weg.
"Die jugendlichen Leistungssportler haben häufig Stressprobleme: Die sind gleichzeitig immer noch Schüler, sie sind in ihrer Rolle auch in Familien eingebunden, vielleicht sind sie auch in Internaten. Wir haben da eine Herausforderung, den Jugendlichen beizubringen, wie sie mit diesen Anforderungen, die der Spitzensport an sie stellt, plus das, was in ihrem normalen Leben passiert, fertig zu werden. Es gibt natürlich auch Wettkampfangst, es gibt Motivationsprobleme, falsche Zielsetzungen, dass sie zum Beispiel unrealistische Vorstellungen haben, was in ihrer Zukunft passieren soll - da ist es wichtig, dass man den Jugendlichen frühzeitig Gesundheit stärkende Ressourcen an die Hand gibt, damit fertig zu werden."
Zusammen mit Jens Kleinert hat Marion Sulprizio eine Netzwerkinitiative zur psychischen Gesundheit im Leistungssport unter dem Titel "Mental gestärkt" ins Leben gerufen. Es ist ein Projekt angewandter Forschung, das auch von der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie unterstützt wird. Ihr Vorsitzender, Manfred Wegner von der Universität Kiel, entwirft eine umfassende psychologische Förderung der Leistungssportler:
"Unser Ansatz ist neben leistungssteigernden Aspekten das psychische Wohlbefinden und auch die Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Wenn wir Personen sehen, die von Depression bedroht sind oder die eine Essstörung aufgebaut haben, dann versuchen wir jetzt auch über ein Netzwerk hier in Köln wohnortnahe Partner zu finden, wo sich die Sportler, die sich vielleicht nicht trauen, weitervermittelt werden und Ansprechpartner haben."
Gerade im Leistungssport leiden Menschen unter starren Rollenbildern. Denn hier halten sich die härtesten Klischees, wie ein Mann und wie eine Frau zu sein haben. In anderen Bereichen des öffentlichen Lebens geht es dagegen oft gelassener und toleranter zu: Während Schauspieler und Künstler, auch Politiker, sogar ein Außenminister sich zu ihrer Homosexualität bekennen können, ohne diskriminiert zu werden, ist das in der Paradesportart Fußball immer noch nicht möglich. Und auch Depressionen bei Spitzensportlern bilden ein fatales Tabu.
Marion Sulprizio:
"Es liegt nicht daran, dass durch den Druck der im Sport entsteht, derjenige eine psychische Erkrankung bekommt, sondern es liegt eher daran, dass die Bekanntheit des Sportlers wie etwa bei Robert Enke ihn davon abhält, sich an Fachleute zu wenden. Da würden wir uns wünschen, dass Verbände, Vereine eine gewisse Toleranz entwickeln gegenüber psychischen Störungen, Erkrankungen, aber auch anderen Themenfeldern, dass dort wie es die Netzwerkinitiative meint, alle an einem Strang ziehen und dieses Netz zum Wohle des Sportlers, was auch immer er für ein Problem hat, arbeitet."
Die Sportpsychologen monieren ein Klima in Deutschland, das zu sehr auf Fehler und Versagen, das zu sehr auf Defizite fixiert ist - anstatt Chancen der Verbesserung und Weiterentwicklung zu betonen, wie jüngst Eishockey-Nationaltrainer Uwe Krupp im Vergleich mit den USA feststellte.
Jens Kleinert:
"Wenn ein Spieler Fehler macht - konkret herunter gebrochen: Also er spielt Fehlpässe oder er schießt öfter neben das Tor - dann ist es eine Möglichkeit, diesen Spieler zu ermahnen, dass ich ihn schelte, salopp gesagt zusammenstauche, und das sicherlich auch etwas kulturell bedingt, zumindest hört man das von Athleten anderer Nationalitäten, dass das möglicherweise die Kultur in Deutschland ist, dass Fehler sehr stark sanktioniert werden und nicht positiv umgewandelt werden in eine Perspektive: 'Was kann ich daraus lernen, was können wir besser machen?' - da ist jetzt plötzlich Luft nach oben."
Eine solche defizitorientierte Sichtweise blockiert, ja sie kann sogar depressiv und krankmachen, wenn es darum geht, dass Nachwuchssportler, die trotz Ambition den Durchbruch in die Profispitze nicht schaffen, für sich eine andere Perspektive finden und dabei sich selber neu begreifen.
"Der sportliche Erfolg ist sicherlich etwas sehr Schönes, aber der sportliche Misserfolg kann durchaus etwas sehr Wichtiges für die Persönlichkeitsentwicklung eines zum Beispiel jungen Athleten sein: Das heißt, das ist sehr wichtig, dass wir Misserfolge nicht als persönliche Misserfolge wahrnehmen, und das auch den Athleten vermitteln, sondern Misserfolge möglicherweise auch als Hinweis darauf, dass vielleicht Grenzen erreicht sind, oder darauf, dass Wege falsch gegangen worden sind, dass ich meinen eigenen Lebensentwurf ändern muss, also eigentlich eine positive Art und Weise damit umzugehen. Das ist nicht ganz einfach, und das klappt auch nicht immer, das den Athleten zu vermitteln, aber das ist letztendlich unser Job."
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