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11.09.2008
Arbeiter rollen im Mai 2007 auf dem Schneefernergletscher unterhalb des Zugspitzgipfels bei Garmisch Partenkirchen Plastikmatten aus. (Bild: AP) Arbeiter rollen im Mai 2007 auf dem Schneefernergletscher unterhalb des Zugspitzgipfels bei Garmisch Partenkirchen Plastikmatten aus. (Bild: AP)

Das Wetter, der Mensch und sein Klima

Symposium am Deutschen Hygienemuseum

Von Francisca Zecher

Die Globale Erwärmung stellt nicht länger nur eine Herausforderung an die Natur- und Technikwissenschaften dar, sondern auch eine an die Sozial- und Kulturwissenschaften. Doch welcher Art sind diese Auseinandersetzung? Dieser Frage gingen Wissenschaftler im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden im Rahmen eines Symposiums mit dem Titel "Schnee von Gestern - Zivilisationskritik und Überlebensperspektiven in Zeiten des Klimawandels" nach.

Klimagipfel der Bundesregierung, Studien des Weltklimarates: Wenn es um das fragile Wechselspiel zwischen Mensch und Atmosphäre geht, führen bislang vor allem die Naturwissenschaftler die Diskussion an. Dabei geht es meist um Zahlen, wie zum Beispiel die Häufigkeit von Tsunamis, Temperaturanstiege, Wasserpegelstände und CO2-Emissionen. Für den Historiker Wolfgang Behringer, der sich mit dem historischen Gedächtnis des Klimas befasst, ist dies zu kurz gegriffen.

Der Umgang mit Klima betrifft eigentlich die Gesellschaft als Ganzes. Und ganz andere Dimensionen als die naturwissenschaftlichen Dimensionen. Zum Beispiel der Alarmismus, mit dem wir Veränderungen des Klimas begegnen ist eine gesellschaftliche Erscheinung, und auch die Anpassung an den Klimawandel orientiert sich an kulturellen Parametern.

Für den Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, Claus Leggewie, zeigt sich in der kulturhistorischen Betrachtungsweise, dass das Klima in der Vergangenheit sehr viel variantenreicher war, als viele heute glauben und dass es zu den verschiedenen Zeiten unterschiedliche Handlungsweisen gab, damit umzugehen. Die Aufgaben einer kulturwissenschaftlichen Klimaforschung sind für Leggewie dabei vielfältig. Dazu gehören für ihn der anthropologisch-historische Rückblick auf die Katastrophengeschichte der Menschheit an, sowie eine aufmerksame Zeitdiagnose mit Blick auf negative Folgen aber auch auf Chancen des Klimawandels.

Zu den negativen Folgen zählt Leggewie insbesondere Klimakriege und Fluchtbewegungen aufgrund meteorologischer Großereignisse. Aber auch den Verlust von Nationalen Identitäten. Die Möglichkeiten eines solchen beschreibt er am Beispiel der Gletscherschmelze in der Schweiz.

Ich glaube, dass das Wir-Gefühl der Schweizer aber auch unsere Wahrnehmung der Schweiz, dass das sehr stark von der Existenz von Gletschern bestimmt ist. Es ist eben so, dass sich über 100 Jahre damit etwas wie kollektive Identität gebildet hat. Wenn das wegfällt ist das ein Verlust, ich sage nicht, dass der nicht kompensierbar ist. Ich glaube tatsächlich, dass solche Identitätsmarker sehr stark auf das Schweizer Bankensystem, andere Schweizer Produkte wie die Schokolade die Uhren die Zückerli ausstrahlen.

Für Leggewie ein Beweis dafür, wie weitreichend der Klimawandel in gesellschaftliche Strukturen eingreift. Doch der kulturwissenschaftliche Ansatz sieht nicht nur die negativen Folgen. Für ihn ergeben sich aus den klimatischen Veränderungen auch neue Handlungsoptionen.

Die Chance, die jetzt besteht, im Klimawandel, ungeachtet der Schwere des zu erwartenden Ereignisses, dass wir Instrumente in die Hand bekommen, auch überzeugen können in der großen Öffentlichkeit, dass weniger Mobilität weniger Wachstum, also Themen der Grünen die in den 70ern und 80ern verlacht wurden, die kommen jetzt mit Macht wieder und stellen sich dem gesellschaftlichen Mainstream.

Auch Historiker Wolfgang Behringer will die kulturwissenschaftliche Klimadiskussion nicht nur auf mögliche Katastrophen reduzieren. Im Rückblick auf die Geschichte lässt sich für ihn zum Beispiel nachweisen, dass sich in Zeiten der Erwärmung Gesellschaften besser entwickeln konnten. Diese Potenziale sieht er, trotz aller negativen Folgen des Klimawandels, auch heute.

Wir sehen ja, dass sich im Norden neue Schifffahrtrouten ergeben, dass neue landwirtschaftliche Gebiete entstehen, vor allem im Norden Kandas und Russlands. Als unsere Bundeskanzlerin Merkel Grönland besucht hat, um sich vor schmelzenden Gletschern fotografieren zu lassen, da kam ein TV-Team auf die Idee, auch die lokale Bevölkerung zu befragen, was sie vom Klimawandel hält. Die Grönländer waren begeistert. Das erste Mal können sie hinter ihrem Haus Gemüse anpflanzen.

Um den negativen Folgen zu begegnen, aber auch, um die damit verbundenen Potenziale zu nutzen, nehmen die Kulturwissenschaftler bestimmte Entwicklungsphasen der Vergangenheit in den Blick und ziehen entsprechende Lehren daraus. Der Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien, Helmut Lethen, bezieht sich bei seiner Analyse auf die Zeit um 1900.

Zwischen 1900 und 1925 entstehen 100 neue Prognosen des Einbrechens der Eiszeit wovon man ausgeht, dass plötzlich über Nacht furchtbare Minusgrade herrschen sollen. Das hat nichts mit der Eiszeit zu tun, sondern mit dieser Aussichtslosigkeit, weil man nicht weiß, wo die Geschichte münden wird. Da müssen wir als Kulturwissenschaftler davor warnen, dass Angstbilder nicht plötzlich den Rang wissenschaftlich prognostizierbarer Ereignisse haben können. Der kulturgeschichtliche Rückblick ist hier sehr lehrreich.

Claus Leggewie warnt hier allerdings davor, die Geschichte 1:1 auf die Gegenwart zu übertragen. Das führe zu nichts, außer zu falschen Rezepten für die Bewältigung von Gegenwartsproblemen. Man könne jedoch das Urteilsvermögen an historischen Kriselagen und an historischen Prozessen des Wandels überprüfen, so der Politikwissenschaftler. Aber wo noch liegen die Grenzen der kulturwissenschaftlichen Klimaforschung? Kann sie der Gesellschaft psychologische Bewältigungsstrategien an die Hand geben?

Verlangen Sie nie von Wissenschaftlern, dass sie Lebenshilfen geben sollen. Aber es kann sehr wohl sein, dass die Erkenntnisse, die die Kulturwissenschaften immer in Zusammenarbeit mit den Naturwissenschaften anbieten, dass die sehr hilfreich sind für Menschen, die bereit sind, ein anderes Leben zu führen. Die sich zum Beispiel fragen, warum muss ich mich diesem Mobilitätszwang unterwerfen und warum muss ich mich ständig Sachzwängen aus der Welt der Unternehmen unterwerfen. Hier kommen vielleicht interessante Ansätze, die einem helfen können, sein eigenes Leben anders auszurichten. Das reicht von den Energietipps fürs Haus bis hin zu den Vorstellungen brauche ich im Jahr eigentlich drei Städtereisen in fernste Gegenden, wenn ich damit einen derartigen ökologischen Fußabdruck hinterlasse.

Vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion erscheint es den Kulturwissenschaftlern möglich und notwendig, die Klimaforschung interdisziplinär zu verknüpfen und zu untersuchen. Mittlerweile gebe es ein erhöhtes Problembewusstsein dafür, dass Kultur- und Naturwissenschaften miteinander kooperieren müssten.

Auch die künftigen IPCC-Berichte werden viel stärker als bisher durch kultur- und sozialwissenschaftliche Evidenz beeinflusst sein. Das liegt auch daran, dass politische Entscheider nicht nur in Deutschland sehr viel stärker nach den gesellschaftlichen Konsequenzen fragen, nach den Folgen, die zum Beispiel bestimmte transnationale Verträge wie Kyoto-Abkommen in den verschiedenen Weltregionen vor dem Hintergrund kultureller Differenz wohl haben werden.

Von dem derzeit oft noch in der Klimadiskussion vorherrschenden Alarmismus warnen die Kulturwissenschaftler. Was jetzt passieren muss, so die Botschaft, ist das an Klimaschutz zu betrieben, was noch möglich ist und das, was nicht mehr zu ändern ist, versuchen anzupassen.


 
 

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