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10.06.2013
"Scheibenwischer"-Kabarettist Mathias Richling tritt in seinem Programm in bischöflichem Ornat auf (Bild: AP) "Scheibenwischer"-Kabarettist Mathias Richling tritt in seinem Programm in bischöflichem Ornat auf (Bild: AP)

Nicht alles schlucken, was von oben kommt

Die noch unbekannte Szene der Kirchenkabarettisten

Von Johanna Risse

Satire und Kabarett provozieren und können auch schon mal Gefühle verletzten. Heikles Thema bei vielen Kabarettisten: Die Kirche. In vielen deutschen Gemeinden gibt es mittlerweile jedoch Kabarettensembles, die brisante Themen "ihrer Kirche" selbst angehen.


"Jeder macht es auf seine originäre Weise. Und die ist dann richtig, wenn ich selber davon betroffen bin. Das ist das besondere am Kabarett, das im Gegensatz zu vielen anderen Berufen, es kaum einen gibt, der so unterschiedlich von Figur zu Figur ist, wie der Satiriker. Und das ist im Kirchenkabarett genau so wie im normalen Kabarett."

Mathias Richling bricht als Satiriker gerne Tabus. In seinem aktuellen Programm schlüpft er in das Ornat des katholischen Erzbischofs von Freiburg, Robert Zollitsch, und parodiert dessen Aussagen zu den Missbrauchsfällen. Doch Satire über die Kirche kommt mittlerweile auch aus der Gruppe der kirchlich engagierten Gläubigen selbst.

"Ich sag schon seit Jahren, ein Katholik braucht kein Survival-Training und kein Bungee-Jumping, weil die ganze katholische Existenz, das ist ein einziger Erlebnispark. Meine Damen und Herren, alles schwärmt heute vom Mittelalter - wir leben immer doch darin!"

Ottmar Traber ist katholischer Theologe und hat mehr als 20 Jahre als Bildungsreferent und Eheberater gearbeitet. Heute ist der Ludwigsburger Kabarettist, Kirchenkabarettist. Und dabei sieht Ottmar Traber auch gar kein Problem mit der Amtskirche.

"Das muss man der katholischen Kirche auch lassen, es gibt unendlich viele Freiheitsräume. Ich glaube nicht, wenn ich ein Manager wäre bei auf der mittleren Ebene bei Daimler, dass ich dann so Kabarett machen könnte, wie ich es über die katholische Kirche machen kann. Da gibt es auch eine große Freiheit, über sich selber lachen zu können."

Kirchenkabarett ist heute ein Spartenkabarett. Und diese kleine Sparte wächst und gedeiht, sagt der evangelische Kirchenkabarettist Micki Wohlfahrt:

"Wir haben auf der einen Seite einen Schrumpfungsprozess in den beiden großen Kirchen, auf der anderen Seite mit den höchsten Stand an Kirchenkabaretts, den wir bisher in Deutschland hatten. Und ich glaube natürlich, dass das mit dieser ganzen Veränderung, nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft zusammenhängt. Die meisten Kirchenkabarettisten kommen von der Basis, merken das natürlich gerade unten auch, diese Veränderung und sind eben Leute, die sich nicht einfach damit zufriedengeben, sondern glaube ich dann auf ihrer Art auf einer Bühne dieses dann auch thematisieren."

Wohlfahrt betreibt ehrenamtlich die einzige Internetseite zur deutschen Kirchenkabarettszene: kirchenkabarett.info. Fast 50 Solo-Künstler und Ensembles stellen sich dort vor. Evangelische und Katholische Gemeindereferenten, Religionslehrer, Pfarrer, die mit ihrem Programm durch die Republik reisen. Die "Insideransicht" ist für Wohlfahrt der entscheidende Unterschied zum üblichen Kabarett.

"Viele Nummern auch von Kolleginnen und Kollegen beschäftigen sich mit dem Alltag von Kirchenleben und prangern nicht nur das an, was irgendwo vielleicht in Leitungen verkehrt läuft, sondern auch gerade, was in der Basis verkehrt läuft. Und das finde, ich ist ein sehr guter Ansatz, nämlich den Leuten den berühmten Spiegel vorzuhalten und zu sagen: Ihr könnt über die da oben schimpfen, aber hier unten im Kleinen seid ihr auch nicht anders. Und das finde ich, macht den Reiz aus."

Im Kirchenkabarett gibt es daher nicht nur Pointen über Papst und Bischöfe, sondern auch über die Basis: Sketche über erbärmliche Kirchenvorstandssitzungen, Parodien von sterbenslangweiligen Predigten oder sarkastische Lieder über die vielen Besitztümer der Kirchen.

Satirische Songs über die Kirche sind die Spezialität des Ehepaars Ulrike und Wolfram Behmenburg. Sie ist kirchliche Sozialpädagogin, er evangelischer Pfarrer. In ihrer Freizeit bilden sie das Kölner Kirchenkabarettensemble "Die Küngelbeutel". Vor brisanten Themen weicht Wolfram Behmenburg auf der Bühne nicht aus:

"Jeder der Kritik äußert, muss in Kauf nehmen, dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlt. Und das ist ja auch der Sinn dessen, was man auf der Kabarettbühne macht. Und wenn man mal in sieht in der Bibel, da gibt es jede Menge Leute, die andere Leute verletzt haben, Jesus selber ist als Gotteslästerer verurteilt worden. Von daher, dass man in so einen kritischen Grenzbereich geht, wo einige sagen, das darf man nicht, und andere sagen, das muss aber gesagt werden, den Mut muss man haben. Das gehört dazu."

Das Katholisch-Soziale Institut des Erzbistums Köln verleiht seit 2008 den einzigen deutschen Kirchenkabarettpreis - die "Honnefer Zündkerze". Ralph Bergold, Direktor des Instituts, verspricht sich vom Kirchenkabarett neue Impulse für beide Konfessionen.

"Vom Grundsatz her kann man sagen, seit es Kirche gibt, gibt es auch Kirchenkabarett. Auch die prophetische Tradition lebt ja davon, dass sie das Gewohnte unterbricht und dadurch zum Nachdenken anregt und das ist etwas, was auch das Kabarett ausmacht, die gewohnte Sichtweise unterbrechen. Von daher ist Kirche auf solche kabarettistischen Einlagen auch angewiesen, um sich weiterzuentwickeln."

Eine Auseinandersetzung der Kirchen mit kabarettistischen Einlagen wünscht sich auch Mathias Richling. Die Szene sieht er als Bereicherung.

"Sie ist genauso wichtig wie in der Politik oder im gesellschaftlichen Leben überhaupt. Also es ist glaube ich elementar wichtig, damit sich da nicht noch mehr festsetzt und um Gegenpositionen aufzuzeigen. Denn ich bin ja auch nicht als Kabarettist oder Satiriker dafür da, die Leute zu überzeugen von meiner Meinung, sondern ich bin dazu da, ihnen eine Möglichkeit der anderen Sichtweise zu geben und diese Sichtweise können sie mit ihren eigenen überprüfen und dann zu der Schlussfolgerung kommen, dass sie doch ihrer Meinung sind und nicht meiner Meinung, aber dafür ist ein Überlegungsprozess notwendig, und für so einen Überlegungsprozess sind solche Gruppen existenziell notwendig, damit nicht alles geschluckt wird, was von oben kommt."