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12.12.2009
In Bonn protestierten rund 3000 Studenten und Schüler für eine bessere Bildungspolitik. (Bild: AP) In Bonn protestierten rund 3000 Studenten und Schüler für eine bessere Bildungspolitik. (Bild: AP)

Reformierte Reform

Die Kultusminister und der Studentenprotest

Von Heike Schmoll, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Das haben die demonstrierenden Studenten immerhin erreicht: Kultusminister und Hochschulrektoren hören endlich auf, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben, und wollen gemeinsam dafür sorgen, dass die Bologna-Studiengänge zumindest studierbar werden.

Dass die sogenannten Akkreditierungsagenturen, die jeden einzelnen Studiengang für mehrere Tausende Euro genehmigen müssen, jetzt, nach zehn Jahren aufgefordert werden müssen, auf die Studierbarkeit als Kriterium zu achten, ist eine Schande. Es zeigt, dass weder die Hochschulrektorenkonferenz, die den Bologna-Prozess mit massivem Druck vorantrieb noch das Bundesbildungsministerium und die Wissenschaftsminister der Länder wussten, welche Folgen die erzwungene Einführung der konsekutiven Studiengänge von Bachelor und Master wirklich hatten. Entstehen sollte ein europäischer Hochschulraum mit einem Studium ohne Grenzen - als wenn Wissenschaft nicht seit der frühen Renaissance immer grenzübergreifend und international gewesen wäre.

Durch die Bolognareform jedoch wurde das deutsche Wissenschaftssystem so provinziell und undemokratisch, wie es noch nie gewesen ist. Prüfungsdruck, Bulimie-Lernen, mangelnde studentische Mobilität und ein insgesamt wissenschaftsfremdes Zwangskorsett mit hierarchischen Führungsstrukturen, die dezentrale Suchprozesse wissenschaftlichen Fragens zu einem untauglichen Befehlsprodukt machen, sind die Kennzeichen der gegenwärtigen Bologna-Wirklichkeit. Mit einigen deutschen Zwangsvorstellungen von sechssemestrigen Bachelorstudiengängen und viersemestrigen Masterstudiengängen soll nach dem Willen von Kultusministern und Hochschulrektoren nun Schluss sein, auch soll es weniger Prüfungen geben. Bachelorstudiengänge können jetzt getrost sieben oder acht Semester in Anspruch nehmen, Masterstudiengänge entsprechend weniger. Die Vorgabe, die Regelstudienzeit von fünf Jahren nicht zu überschreiten, bleibt bestehen. Denn - das darf nicht vergessen werden - Bologna war auch ein Sparmodell, ein Versuch die Studienzeiten zu kürzen und die Abbrecherquoten zu reduzieren.

Der Grundgedanke der konsekutiven Studiengänge war planwirtschaftlich und nicht wissenschaftsadäquat. Das alles hätte man spätestens vor zwei Jahren ändern können. Damals gab es einen Beschluss der europäischen Universitäten in London mit genau jenen Flexibilisierungsforderungen, die nun endlich in das begrenzte Blickfeld der Hochschulrektorenkonferenz gerückt sind. Die in Bonn beschlossenen Verbesserungen sind erste Schritte in die richtige Richtung, aber retten das Bologna-System noch nicht. Es gibt noch immer keine Lösung für die katastrophalen Betreuungsrelationen. Wie sinnvoll studiert werden soll, wenn ein Professor für über 150 Studenten zuständig ist, bleibt fraglich. Wie sollen Prüfungen anders als hirnlose Multiple-Choice-Aufgaben ablaufen, wenn nicht endlich mehr Geld für Tutoren zur Verfügung steht? Universitätsausbildung ohne Bildung ist doch nur Inflationsgeld, das betrügt - auch und gerade die Studenten, die die für sie intellektuell wichtigsten Jahre einsetzen.

Universitätsausbildung darf nicht länger auf die Heranbildung von Funktionseliten zugeschnitten werden, die mittlerweile in sinnloser Weise überproduziert werden. Gebraucht werden zunehmend eigenständige Denker, die zur Reflexion fähig sind und die in der Bologna-Universität keinen Raum mehr zu finden scheinen. Denn aus einer argumentativ begründeten Wissenschaft ist eine Antragsmaschinerie geworden, die mit Effekthaschereien jeder Art um Fördergelder buhlt.

Mittlerweile wird nicht unbedingt geforscht, weil eine wissenschaftliche Frage auf Antwort dringt, sondern weil Fördermittel verbucht werden müssen. Weil Fehler und Zweifel bei Strafe der Nichtförderung nicht mehr zugegeben werden dürfen, wird die Angepasstheit für Studenten und Hochschullehrer zur zweifelhaften Überlebensstrategie. Eigenständigkeit entwickelt sich so gewiss nicht. Niemand soll sich der Illusion hingeben, dass vor der Bologna-Reform Traumzustände an deutschen Hochschulen geherrscht hätten. Seit Jahren zu Tode verwaltet und zu Tode gespart, war die Massenuniversität mit unstrukturierten Studiengängen wahrlich kein Idealzustand. Doch wenigstens Freiheit hat es in der Universität vor Bologna gegeben.


 
 

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