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23.01.2010
Warten auf Hilfe (Bild: AP) Warten auf Hilfe (Bild: AP)

Nach der Katastrophe

Welche Hilfe braucht Haiti?

Von Gerd Meuer, freier Journalist

Nach dieser jüngsten Katastrophe in Haiti - nun über Menschen zu richten, die über Hilfe in der Not zu entscheiden haben: Nein, das geht doch nicht!

Urteilen über überforderte Helfer vor Ort: Das wäre doch verantwortungslos! Zu bewerten, wie es denn hätte gemacht werden müssen und künftig gemacht werden muss? Das geht doch nicht! Das wäre verantwortungslos, vermessen. Versuchen wir es trotzdem ...

Es ist beeindruckend, wie sich die Weltgemeinschaft, allen voran die benachbarten USA in Haiti ins Zeug legen. Dort muss auf vielfältige Weise sofort geholfen werden. Und das Aufgebot an Soldaten und zivilen Helfern, die nach Verschütteten suchen, die Verletzte versorgen, die Wasser und Nahrung verteilen, ist in der Tat beeindruckend.

Doch es muss ebenso rasch nachgedacht werden über das nahe Morgen, über die Zeit nach dem Abzug der Kameras, die Haiti derzeit in den Fokus der gesamten Weltöffentlichkeit rücken. Ein Anfang für diese Zeit danach ist gemacht, indem die Haitianer, die mit dem Leben davon gekommen sind, jetzt zunehmend für die Aufräumarbeiten herangezogen und dafür entlohnt werden. Aber schon gleich morgen müssen sie für einen ortsüblichen Lohn massenhaft für den Wiederaufbau eingesetzt werden. Für den Bau von Häusern, Wohnungen, und die müssen der Tatsache Rechnung tragen, dass sich diese tektonischen Platten in der Region auch in Zukunft aufeinander schieben und weitere Erdbeben verursachen werden. Zudem müssen die Haitianer dafür entlohnt werden, dass sie selbst die ökologische Wüste Haiti in riesigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aufforsten. Dass mehr als das bisherige Minimum an landwirtschaftlicher Produktion in Gang kommt: Jede Verlängerung der eingeübten Nahrungsmittelhilfe schafft in Haiti - wie in Afrikas Sahelzone - nur Bettler und Abhängigkeit, entmutigt die lokalen Bauern und Produzenten.

Zwei Jahrhunderte lang waren die Haitianer Opfer von Sklaverei, Kolonialismus, Ausbeutung durch die eigenen Despoten. Dabei gingen auch menschliche Würde und Selbstachtung vor die Hunde. Nur durch eigene Arbeit für den Wiederaufbau, für die eigene Ernährung, gewinnen die Haitianer nach dieser langen schmerzlichen politischen Geschichte - vielleicht - nach und nach ihre Würde wieder. Nur wenn das gelingt, gibt es eine - auch dann nur bescheidene - Chance, dass der Wiederaufbau künftigen Generationen ein nachhaltiges Überleben sichert.

In Abwandlung des Wortes von Albert Camus muss man sich Sisyphus heute nicht als "einen glücklichen" Menschen sondern als einen Haitianer vorstellen - und mit ihm all jene Helfer, die nach dem Abzug der Kameras weiter - bescheiden im Hintergrund - helfend zur Seite stehen werden, weil sie dort benötigt werden Und ein letztes - klares - Wort:
Nein, ohne Migration aus Haiti heraus, ohne eine gezielte aber massive Umsiedlung wird es keine dauerhafte, nachhaltige Lösung in und für Haiti geben.

Zur Erklärung: Haiti Ist nur wenig größer als das wirtschaftlich potente Land Hessen, in dem gerade einmal 6 Millionen Einwohnern leben. Das schon vor der Katastrophe bitterarme Haiti hat 9 Millionen Einwohner - und dies in einer weitestgehend - schon vor dem Erdbeben - zerstörten Umwelt. Die wurde über fast ein Jahrhundert durch die von Frankreich nach Haitis Unabhängigkeit auferlegten Reparationszahlungen zerstört. Später dann auch - ganz wie im Sahel - durch die Abholzungen und die falschen Anbaumethoden einer total verarmten Bevölkerung.

Eine dauerhafte, friedliche Lösung des Problems wird es hier - wie etwa auch im völlig überbevölkerten Ruanda oder auch in Bangladesch - nur mit einer geplanten, gezielten, dauerhaften und von der Weltgemeinschaft finanzierten Umsiedlung geben. Wohin, wie, in welchem Umfang und von wem zu finanzieren, dies wird eine der großen Aufgaben für die Weltgemeinschaft bereits innerhalb einer Generation sein.


 
 

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