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20.03.2010
Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (Bild: AP Archiv) Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (Bild: AP Archiv)

Die unendliche Dresden-Debatte

Von Hubert Maessen, freier Autor

Wie viele Juden sind vergast worden? Als wir Schüler waren, erklärte uns der Direktor des Gymnasiums, es seien nicht sechseinhalb sondern "bloß" vier Millionen gewesen. Der Mann wurde nach einigem Hin und Her versetzt, strafversetzt natürlich.

Als polnische Historiker jetzt in einem umfassenden und sorgfältigen Überblick zu den Vertreibungen in Europa die Zahl zwölf Millionen für die deutschen Vertriebenen nannten, gab es aus deren Kreisen Protest: Es seien rund 15 Millionen gewesen. Kommt es darauf an? Die Opferzahlen als Maß des Unrechts und des Rechthabens? Auch als Faktor der Aufrechnung? Bei einigen Zeitgenossen ganz sicher: Holocaustopfer minus Vertriebene. Aber hat das die Wahrheit zu interessieren? Dürfen Zahlen unkorrekt sein, damit die Geschichte politisch korrekt ist? Müssen die Deutschen weniger Leidtragende, weniger Opfer haben, weil sie im Unrecht waren? Oder mehr, um dieses Unrecht zu kompensieren?

Also Dresden. Die Stadt ist zum Synonym geworden für die Flächenbombardierungen der alliierten Geschwader im Zweiten Weltkrieg, für das schreckliche Kriegsverbrechen des Bombenterrors. Denn blutiger Terror, das waren die Luftangriffe auf das Elbflorenz Mitte Februar 1945 zweifellos. Sollten sie auch sein. Dass sie ein Verbrechen waren, schwante Engländern und Amerikanern damals schon, nach Dresden wurde es Gewissheit. Hunderte von Bombern setzten die alte Residenzstadt in Brand, Angriffe nachts und mittags, an drei Tagen, eine monströse Bombenfracht fiel vom Himmel, nach Lage des Krieges auf Kinder und Frauen, auf die Alten, auf Kranke und Verwundete, auf Flüchtlinge, die der Roten Armee nach Westen entkommen wollten.

Die Stadt brannte in einem Feuersturm, die Menschen auch, Dresden ging unter, wurde Schutt und Asche, unzählige Menschen auch. Wer zählt die Opfer, nennt die Namen? Die Behörden natürlich, man ist in Deutschland. Beim Bergen der Leichen, beim Verscharren und Entsorgen hat man versucht, einen Überblick zu gewinnen. "Der Aufwand, der selbst im Frühjahr 1945 im Angesicht der Katastrophe noch betrieben wurde, die Opfer zu bergen, zu registrieren und zu beerdigen", der hat die nach verlässlichen Zahlen suchenden Historiker erstaunt.

Bemerkenswert ist aber auch, dass die Nazis die Opferzahlen unter Verschluss hielten. Goebbels wusste warum: Ein unbestimmtes Grauen, das im Gerücht krebsartig wächst, ist wirksamer furchtbar als eine nüchtern rationale Zahlenkolonne, die sich als Erfolgsstatistik der Alliierten lesen lassen könnte. Joseph Goebbels soll drei Wochen nach Dresden in einer Konferenz von 40.000 Toten gesprochen haben, aber veröffentlicht wurde eine offizielle Zahl nie. Diese Rechnung ging auf, die Spekulation begann zu wuchern. Zeitungen im Ausland berichteten von über 100.000 Toten, und diese Zahl wuchs mit der Zeit weiter. "Näher bei 200.000 Toten" korrigierte sich eine schwedische Zeitung, die es aus dem Reich gehört hatte; in der Literatur nach dem Krieg steigerte man sich bis auf eine halbe Million.

Diese Zahlen waren nicht gezählt, ganz offensichtlich waren sie der trügerische Versuch, dem Grauen eine fassbare Größe zu geben - eine nachgerade atavistische Verwechslung der Dimensionen. Und so bekamen die Dresden-Zahlen auch politische Bedeutung bis auf den heutigen Tag. Für die Neonazis können sie nicht groß genug sein, sie brauchen sie für die Aufrechnung, für die Schuld des "anglo-amerikanischen Bombenterrors", wie das übrigens schon bei Goebbels hieß und auch in der antiimperialistischen DDR zu hören war. Dass die 2004 erstmals in den sächsischen Landtag gewählte NPD auch dort den "Bombenholocaust" zu Protokoll geben konnte, ließ die Stadt Dresden nicht ruhen, die im Jahr 2005 eine Kommission beauftragte, die historische Wahrheit in genaue Zahlen zu fassen. Das schon 2008 veröffentliche Zwischenergebnis ist jetzt bestätigt: 18.000 Tote ganz sicher, möglicherweise auch 25.000, eine Rechnung, deren Faktoren grausig penibel sind, wenn beispielsweise die Opfer pro Tonne Bomben veranschlagt werden. Maximal 25.000 Tote, das ist jetzt, nach 65 Jahren, die amtliche Zahl.

Vernünftiger Zweifel ist nicht mehr möglich. Aber spielt der in Politik, in Fragen von Schuld und Sühne, bei der Auseinandersetzung um Täter und Opfer überhaupt eine Rolle? Ist Dresden mit diesen Zahlen, dem Achtfachen von "Nine-Eleven", wirklich zu messen? Ist man mit dem Versuch, Dresden über Zahlen zu objektivieren, dem Grauenhaften eine nachrechenbare Dimension zu geben, nicht den Aufrechnern auch auf den Leim gegangen? Ja, die Zahlen mögen stimmen, aber sie beantworten die Fragen nicht, die heute noch umtreiben. Und die Propaganda mit "Dresden" wird so auch nicht beendet. Denn sie wird nun erweitert um die Behauptung der auftragsgemäß gefälschten Zahlen. Die Toten kommen nicht zur Ruhe, ganz gleich, wie viele es waren und sind.


 
 

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