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04.05.2013
Hier steht ab Montag Beate Zschäpe vor Gericht: Der Saal 101 (Bild: picture alliance / dpa - Andreas Gebert) Hier steht ab Montag Beate Zschäpe vor Gericht: Der Saal 101 (Bild: picture alliance / dpa - Andreas Gebert)

Es geht um die Opfer, nicht um Journalisten

Der NSU-Prozess und die Platzvergabe

Von Birgit Wentzien, Deutschlandfunk

Der Saal 101 des Oberlandesgerichts München ist zu klein - für das Leid und für die Fehler, die über mehr als ein Jahrzehnt hinweg passierten und für das Maß an mörderischer, rechtsextremistischer Unmenschlichkeit, über das in diesem Saal von Montag an verhandelt werden soll.

Auf der Strecke hin zu diesem Tag ist dies in Vergessenheit geraten, und die Last auf diesem Gerichtsverfahren könnte größer nicht sein.

Vor Gericht stehen eine mutmaßliche Terroristin und vier mutmaßliche Unterstützer. Und vor Gericht stehen die versammelte Sicherheits-Behördenschaft der Republik, die dafür verantwortliche Ministerschaft und die parlamentarisch-legitimierten Kontrolleure. Sie alle räumen ein, was kein Behörden-Saal fassen kann: Man hätte es wissen können, wenn man es hätte wissen wollen. Langsam wird sichtbar, was geschah oder eher nicht geschah: Manchem Ermittler fehlte der notwendige Abstand zur rechtsextremistischen Szene. Und manchem fehlte die Qualifikation. Koordiniert wurden weder der Informationsaustausch noch die Zusammenarbeit der Behörden. Unterlagen wurden vernichtet. Die Rechtspflege stand still - über Jahre hinweg. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie willentlich und wissentlich behindert wurde. Zehn Menschen mussten aufgrund dieses Versagens sterben. Dabei kann niemand ausschließen, dass nicht noch mehr Morde falsch etikettiert in irgendwelchen Behördenschubladen liegen.

Wie um alles in der Welt sollen die Angehörigen der Ermordeten damit umgehen? Sie durchleben den brutalen Mord an ihren Ehemännern, ihren Vätern, Söhnen, Brüdern, an ihrer Tochter ein weiteres Mal. Mit jeder Spekulation, jedem Gerücht, jeder vermeintlich wichtigen medialen Aufregung. Die Angehörigen sind durch die Hölle gegangen, durften über Jahre hinweg nicht einmal Opfer sein, wurden selbst verdächtigt, durften alles, nur nicht trauern. Waren umgeben von Ermittlern, die an dem Verdacht festhielten, die Opfer hätten sich die Morde selbst zuzuschreiben.

Das Münchner Gericht selbst hat erbärmlich agiert. Ihm war zunächst Sicherheit wichtiger als Öffentlichkeit. Der Automatismus eines sogenannten "Windhund-Verfahrens" als Ordnungskategorie, eine formale Entscheidung - ohne Sinn und Verstand. Im Rennen war, wer sich zuerst gemeldet hatte, ungeachtet der Herkunft oder der Relevanz des Mediums. Bei diesem Verfahren fehlte es den obergerichtlichen Staatsdienern in München am Mut, Vernünftiges zu tun und es auch vernünftig zu erklären. Der erste Versuch der journalistischen Platzverteilung im viel zu kleinen Gerichtssaal scheiterte. Der zweite Versuch, die sogenannte "Gerichts-Glücksspirale", steht. Und mittendrin wir - Journalisten, die angesichts eines weltfremden und ungeschickt agierenden Gerichts vor lauter Gezerre und kraft eingebildeter Wichtigkeit offenbar vergessen haben, worum es geht.

Es geht um den Respekt vor Angehörigen, die starr vor Schreck und Trauer über Jahre hinweg selbst verdächtigt wurden. Und es geht um die schier unfassbare, aber jetzt erst zu beweisende Menschenverachtung von immer noch mutmaßlichen Tätern. Der Saal 101 des Oberlandesgerichts München ist zu klein. In diesem Saal beginnt der Versuch, substanzielle Fragen für dieses Land zu beantworten - ab Montag: Wie gehen wir miteinander um? Dürfen wir uns ein Urteil anmaßen? Müssen wir strafen? Was muten wir uns und dem anderen zu? Und wir Journalisten in diesem Saal haben nichts anderes zu tun als zu beobachten, zu berichten und mit Ahnung und Haltung zu kommentieren. Die Verkehrung der Wichtigkeiten hat dann ein Ende. Hoffentlich!