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01.06.2013
Verlagszentrale von Suhrkamp in Berlin (Bild: picture alliance / dpa / Paul Zinken) Verlagszentrale von Suhrkamp in Berlin (Bild: picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Machtkampf auf literarischem Parkett

Der Suhrkamp-Verlag in der Krise

Von Denis Scheck, Deutschlandfunk

Reden wir über Suhrkamp. Während glücklichere Leserschaften anderer Nationen sich die Köpfe heiß reden dürfen über Werke bedeutender Literaten wie Michel Houllebecq, Philip Roth, Roberto Bolano, Mo Yan oder Hiromi Kawakami - allesamt übrigens keine Suhrkamp-Autoren -, müssen deutsche Feuilletonisten über den Suhrkamp-Verlag reden.

Und sie tun dies unentwegt. Begeistert, fast zwanghaft, seit Jahren, ja Jahrzehnten. Für mindestens eine Generation deutscher Kulturinteressierter ist Suhrkamp inzwischen der Name eines ihr gesamtes intellektuelles Leben begleitenden Dauerkrisengebiets wie der Libanon, Nordkorea oder Somalia.

Doch wer über Suhrkamp redet, redet nicht über Literatur. Die Bedeutung des Suhrkamp Verlags für die Literatur heute entspricht in etwa der Märklins für den schienengebunden Personenverkehr in Deutschland. Ob man wie Sybille Lewitscharoff, Clemens Setz oder Judith Schalansky seine Werke bei Suhrkamp verlegt oder in einem anderen Publikumsverlag wie Hanser, Rowohlt, Luchterhand, Kiepenheuer & Witsch oder S. Fischer, spielt für die Rezeption dieser Werke, für ihre Chancen am Markt und ihre Aufnahme bei der Kritik nahezu keine Rolle. Zum Glück.

Leser sollten keine Etikettentrinker sein. Das heißt nicht, dass es keine Unterschiede im literarischen Leben mehr gibt. Dass Lübbe etwa ein Schundverlag ist und es offenbar auch bleiben möchte, beweist das Haus nicht durch die Anmutung seines Gesamtprogramms. Bei Suhrkamp wurde in den letzten Jahren dagegen exzellente Arbeit geleistet: Das deutsche und fremdsprachige Lektorat sowohl in der Belletristik wie im Sachbuch haben zahlreiche neue Autoren entdeckt und Hausautoren gepflegt, diese verlegerische Fortune wurde sowohl von Literaturpreisjurys belohnt wie im Buchhandel honoriert und erschloss den Autoren des Verlags neue Leser.

Suhrkamp geht in die Insolvenz. Die Meldung vom Montag ließ es mal wieder kräftig rappeln in der Kiste namens deutscher Literaturbetrieb: Binnen Stundenfrist wurden aus Feuilletonisten Fachleute für das seit März 2012 geltende neue deutsche Insolvenzrecht, die Vorzüge des ans US-amerikanische Chapter-eleven-Verfahren angelehnte Schutzschirmverfahren wurden ausgeleuchtet, Wahrscheinlichkeiten erörtert, inwiefern dieses jüngste Manöver der 61-Prozent-Eigentümerin Unseld-Berkewicz die Möglichkeit eröffnet, die Rechtsposition des 39-Prozent-Eigentümers Hans Barlach zu schwächen, von einem "Endspiel" war die Rede oder von einem "Joker", gezogen von einer ausgefuchsten Geschäftsleitung, die vielleicht in einer am Ende des Insolvenzprozesses stehenden Kapitalherabsetzung oder eines Wechsels der Gesellschaftsform eine Lösung des unendlichen Zwists zwischen den Eigentümern ausmacht.

Spätestens hier aber kommt das Gespräch der Feuilletonisten und selbst das der Juristen ins Stocken, denn einen Vergleichsfall hat es unter den Bedingungen des neuen deutschen Insolvenzrechts nie gegeben, über Einsicht in die Bilanzen des Suhrkamp Verlags verfügen neben den Eigentümern und ihren Vertrauten lediglich der jetzt eingesetzte Generalbevollmächtigte Dr. Frank Kebekus und der vom Amtsgericht Berlin-Charlottenburg bestellte Sachwalter Professor Rolf Rattunde. Aber auch wenn man nichts weiß, kann man einfach weiter über Suhrkamp reden, dann sogar besonders gut. So schießen die Spekulationen weiter ins Kraut, ob jetzt denn nicht die Stunde des seit Langem gesuchten "weißen Ritters" für Suhrkamp gekommen sein könnte.

Die Tageszeitung "Die Welt" bringt dafür Hubert Burda ins Spiel, seit Langem ein Intimus von Peter Handke und als Finanzier des Petrarca-Preises für seine Literaturaffinität bekannt. Zwar dementiert die Burda Unternehmensgruppe prompt, aber das, so "Spiegel Online", müsse ja nicht ausschließen, dass die Privatperson Hubert Burda in den Verlag investieren könnte, und die Gerüchteküche des deutschen Literaturbetriebs spinnt diesen Faden begierig weiter, denn wäre der zum Ende des Jahres mit 70 als verlegerischer Geschäftsführer bei Hanser ausscheidende Suhrkamp-Autor und Burda-Freund Michael Krüger nicht ein ganz fabelhafter neuer Chef eines neuen Suhrkamp Verlags mit neuen Eigentümern? So reden sie über Suhrkamp.

Et tout le rest est littérature, der ganze Rest ist Literatur, dichtete Paul Verlaine einmal; er meinte das nicht einmal positiv. Reden wir über den Rest.


 
 

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Machtkampf auf literarischem Parkett - Der Suhrkamp-Verlag in der Krise

Sendezeit: 01.06.2013 13:20

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