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08.06.2013 · 13:10 Uhr
Rathaus in Grimma: Es ist kaum zu verstehen, dass es vielen Gemeinden seit 2002 nicht gelungen ist, das Notwendige für den Hochwasserschutz zu tun, meint Berndt.  (Bild: Michaela Gericke) Rathaus in Grimma: Es ist kaum zu verstehen, dass es vielen Gemeinden seit 2002 nicht gelungen ist, das Notwendige für den Hochwasserschutz zu tun, meint Berndt. (Bild: Michaela Gericke)

Über die Stärkung des Gemeinwohls nachdenken

Die Interessen von Bürgerinitiativen und die Maßnahmen gegen Hochwasser

Von Christina Berndt , "Süddeutsche Zeitung"

Im sächsischen Grimma wurde die 2002 geplante Hochwasserschutzmauer bis heute nicht fertiggestellt - weil die eigenen Bürger ihre Einzelinteressen vor das Gemeinwohl gestellt haben. Dabei wüssten Fachleute genau, wie man Flutkatastrophen verhindern kann.

Kaum etwas kommt dem Menschen so nah wie das Wetter. Fast täglich beschäftigt er sich mit dem Phänomen, das er so wenig beeinflussen kann. Und immer häufiger bereitet es ihm Unbehagen. Dazu muss es nicht einmal einen weggeschwemmten Sommeranfang geben oder weit über die Ufer tretende Flüsse. Selbst so angenehme Dinge wie warme Sommer machen inzwischen Angst: Sie werden als Anzeichen dafür wahrgenommen, dass der Klimawandel bedrohliche Ausmaße angenommen hat.

Doch das Wetter in Deutschland hat gemeinhin wenig mit dem Klimawandel zu tun. Dieser ist zweifelsohne in vollem Gange. Die Fluten aber, der besonders dunkle Jahresanfang und der unerträglich nasse Mai taugen keineswegs als Beleg für die globale Erwärmung. Ungewöhnliches Wetter hat es immer gegeben. Die Pegelstände haben jetzt zwar extreme Höhen erreicht, wie es zum Teil seit 500 Jahren nicht mehr der Fall war. Doch dieser Bezug besagt zugleich: Auch vor 500 Jahren gab es mitunter - ganz ohne Treibhausgase und Luftverschmutzung - Katastrophen, wie wir sie heute wieder erleben.

Auch ohne Klimawandel wären Deggendorf und Dresden in diesem Juni womöglich nicht von den Fluten verschont geblieben. Die globale Erwärmung ist ein globales Phänomen, das zunächst wenig mit dem regionalen Wetter zu tun hat. Seriös belegen lässt sich der Klimawandel nur mit einer längerfristigen Analyse. Die Temperaturkurven der vergangenen 50 Jahre etwa liefern beunruhigende Hinweise. So waren die Jahre 2000 bis 2009 das wärmste Jahrzehnt seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Auch mehren sich Stürme, Dürren und Überschwemmungen weltweit, und das Packeis schmilzt zusammen.

Es ist gut, dass der Klimawandel und die daraus resultierenden Gefahren für Umwelt und Menschen inzwischen ins Bewusstsein gedrungen sind. Die Sorgen der Bevölkerung werden hoffentlich dazu führen, dass die Politik mit mehr Einsatz versucht, der Luftverschmutzung entgegenzuwirken. Doch zugleich muss die Debatte sachlich bleiben. Temporäre Wetterphänomene wie das Hochwasser dürfen nicht instrumentalisiert werden, um für mehr Umweltschutz zu werben. Die Fluten sollten vielmehr Anlass sein für eine viel näherliegende Forderung- nämlich die nach mehr Hochwasserschutz.

Viele der jetzt betroffenen Gebiete sind nun schon zum zweiten Mal seit 2002 von einer Jahrhundertflut getroffen worden. Und es ist wahrscheinlich, dass der Klimawandel in unseren Breiten in Zukunft eher mehr Niederschläge bringen wird. Somit steigt langfristig die Gefahr für wiederkehrende Hochwasserkatastrophen. Versicherungen gehen bereits mit so großer Überzeugung von immer neuen Fluten aus, dass sie Häuser und Geschäfte in den betroffenen Gebieten oft gar nicht mehr gegen Hochwasserschäden versichern. Mit ebensolcher Überzeugung müssten auch Politiker in die Zukunft schauen.

Es ist kaum zu verstehen, dass es vielen Gemeinden in elf Jahren seit 2002 nicht gelungen ist, das dringend Notwendige für den Hochwasserschutz zu tun. Eigentlich wissen Fachleute genau, wie man Flutkatastrophen verhindern kann. Höhere Deiche, Schutzmauern, weniger Bodenversiegelung und mehr Raum für Flüsse etwa in Form von Überschwemmungsflächen oder Rücklaufbecken versprechen Erfolg. Vielerorts sind solche Maßnahmen aber am Widerstand von Bürgern gescheitert, die ihre Einzelinteressen vor das Gemeinwohl gestellt haben. Manche mochten den Blick auf eine historische Stadtkulisse nicht verstellt sehen, andere wollten unbedingt ein Neubaugebiet entstehen lassen, wo eine Überschwemmungsfläche wichtig gewesen wäre.

Im sächsischen Grimma etwa wurde die 2002 geplante Hochwasserschutzmauer bis heute nicht fertiggestellt. Bürgerinitiativen meinten, sie verschandele das Stadtbild. Bürgerbeteiligung ist ein hohes Gut. Beim Hochwasserschutz allerdings, dessen Vernachlässigung Tausende Menschen an den Ufern der Flüsse immer wieder in Not bringt, sollte über eine Stärkung der Gemeininteressen nachgedacht werden.


 
 

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In den Fluten: Bürgerbeteiligung verhindert Hochwasserschutz

Sendezeit: 08.06.2013 13:25

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