Aus dem Protest gegen die Zerstörung des Istanbuler Gezi-Parks ist eine landesweite Revolte gegen die Regierung geworden. (Bild: picture alliance / abaca)
Jeden Tag sind in der Türkei Hunderttausende Demonstranten auf der Straße. In Istanbul und Ankara, aber auch in fast allen anderen Städten der Türkei. Sie sind furchtlos, obwohl es schon mehrere Tote gab und sie wissen: Das Wort des türkischen Ministerpräsidenten beansprucht absolute Gültigkeit.
Er verbiegt Gesetze zu seinen Gunsten und schafft neue, mit denen er massiv in das Privatleben der Menschen eingreift. Und als gäbe es den Aufruhr nicht, wiederholt Erdogan Tag für Tag: Im Istanbuler Gezi-Park wird ein Einkaufszentrum gebaut. Anfangs ging es nur um den Erhalt einiger Bäume. Doch aus dem Protest gegen die Zerstörung des Parks ist eine landesweite Revolte gegen die Regierung geworden. Die Arroganz des türkischen Ministerpräsidenten gegenüber ihren Wünschen erleben die Bürger nämlich nicht zum ersten Mal: Erdogan bestimmt nicht nur über das Schicksal des Parks und darüber, wie Istanbul auszusehen hat, sondern er bestimmt auch, was Kunst ist, wie man Geschichte interpretiert, was die Leute trinken - nämlich keinen Alkohol - , wo sie sich küssen - auf keinen Fall öffentlich - und sogar, wie viele Kinder eine Frau bekommen soll - nämlich drei.
Das alles will er lenken. Wird jedoch eine Frau vergewaltigt, von ihrem Mann geschlagen, aus verletzter Ehre umgebracht, werden Mädchen als Kinderbräute verheiratet oder Umweltschutzgebiete durch Bauprojekte zerstört, schauen Polizei und Justiz weg. Auch die Presse hat Erdogan längst zu seinem Handlanger gemacht. Er brachte Dutzende von Journalisten ins Gefängnis. Er drängte große Medienkonzerne so lange in die Ecke, bis sie ihre kritische Berichterstattung aufgaben.
Jahrelang haben die Menschen in der Türkei zu all dem geschwiegen. Jeder war für sich alleine unzufrieden mit den Verhältnissen. Dann aber zeigte ihnen der Protest im Gezi-Park, dass sie mit ihrem Zorn nicht alleine da stehen. Sie merkten, dass es sogar sehr viele von ihnen gibt. Nämlich so viele, dass nicht einmal Hundertschaften der Polizei sie aufhalten können. Deren Brutalität hat immer mehr Leute mobilisiert. Befeuert wurde ihre Wut, als die türkischen Medien zunächst kaum über die Proteste berichteten - kein Wunder angesichts der von Erdogan vorangetriebenen Gleichschaltung. Die meisten der Demonstranten sind unpolitisch und haben nie zuvor an einem Protest teilgenommen. Jetzt tun sie es täglich. Es sind vor allem junge Leute. Mit Gasmasken, Taucherbrillen und Atemschutz ertragen sie die Tränengasattacken und wirken dennoch dabei, als atmeten sie erstmals frische Luft.
Man mag sich zu Recht über den kollektiven Unmut gegen Erdogan wundern. Immerhin hat ihn eine überwältigende Mehrheit ins Amt gewählt. Die Leute stimmten für ihn, weil er die Türkei wirtschaftlich erfolgreich machte, Krankenhäuser baute, und den Friedensprozess mit den Kurden anstieß. Und sie wählten ihn auch, weil er den muslimisch-konservativen Türken ein Selbstbewusstsein gab, das unter früheren Regierungen undenkbar war: Sie unterdrückten alles Religiöse, wie Erdogan nun persönliche Freiheiten unterdrückt. Und so fragen sich die Bürger auf den Straßen nun: Was nutzt uns Wohlstand, wenn wir unfrei leben?
Dass Erdogan auf die Demonstranten zugeht, ihnen zuhört, ist kaum zu erwarten. Die unnachgiebige Haltung, ja Gewalt gegenüber dem eigenen Volk, hat Tradition in der Türkei. Auch wenn manche behaupten, Erdogan sei nicht autoritärer geworden. Sie liegen falsch: Erdogan war schon immer autoritär. Wenn er sich doch bewegen sollte: Dann wäre das eine große Überraschung. Dafür kämpfen die Menschen auf den Straßen Tag für Tag. Und dafür, dass sie endlich gehört und ernst genommen werden. Denn was sich gewandelt hat, ist die türkische Gesellschaft. Anders als ihre Väter und Großväter, die irgendwann resignierten, nimmt die junge Generation es nicht hin, dass man ihr das Recht auf persönliche Freiheit verweigern will.