Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
15.07.2006
Bei einem Raketenbeschuss der isrealische Stadt Haifa wurden mehrere Menschen getötet. (Bild: AP) Bei einem Raketenbeschuss der isrealische Stadt Haifa wurden mehrere Menschen getötet. (Bild: AP)

Israels Zweifronten-Krieg

Von Sylke Tempel

Jetzt herrscht also wieder Krieg. Israel habe ein Recht auf Selbstverteidigung, verkündete US-Präsident George W. Bush während seines Besuchs in Mecklenburg-Vorpommern, bevor er endlich das zu seinen Ehren gegrillte Wildschwein anschneiden durfte. Die Europäische Union verurteilte die israelischen Militäraktionen als "unangemessen". Aber was wäre denn angemessen?

Führen wir uns doch noch einmal die Tatsachen vor Augen. Die Krise begann Ende Juni mit der Entführung eines israelischen Soldaten nach Gaza. Natürlich sind Verhandlungen unter diesen Umständen die eleganteste und zivilste Lösung. Aber mit wem? Die Entführer stehen nicht unter dem Kommando der gewählten Hamas-Regierung in den palästinensischen Gebieten. Sie gehorchen Khaleed Mashal, dem Chef des Auslandsflügels der Hamas, der wiederum unter der Fuchtel Teherans steht.

Ägyptens Präsident Mubarak und sogar der palästinensische Hamas-Premier Haniyeh setzten sich intensiv für eine Freilassung des gekidnappten Soldaten im Austausch gegen palästinensische Gefangene in Israel ein. Ein Abkommen schien greifbar, nachdem Israel sich bereit erklärt hatte, eine, so Mubarak "sehr große Anzahl palästinensischer Gefangener" freizulassen. Eine dritte Partei, aber - sprich Teheran - habe den Deal platzen lassen.

Das gleiche Muster gilt für die Krise im Libanon. Seit Monaten versucht die schiitische Miliz Hisbollah, israelische Soldaten zu entführen, nur um zu zeigen, dass sie dem Feind eine größere Schlappe zufügen kann. Das ist ihr gelungen. Aber auch die Hisbollah wird vom Iran regiert, dessen Präsident keinen Hehl daraus macht, dass er nicht mit Israel verhandeln, sondern den jüdischen Staat vernichten will. Wie schwierig Verhandlungen mit dem Iran sind, davon müssten auch die Europäer inzwischen ein Lied singen können.

Israels Nachbarn sind nun einmal nicht Kanada, die Schweiz oder Schweden. Staaten also mit regulären Armeen unter dem Oberkommando demokratisch legitimierter Regierungen. Palästina ist ein gescheiterter Staat, bevor es überhaupt ein Staat werden konnte. Seit Israel sich im August letzten Jahres vollständig aus Gaza zurückzog, herrscht dort Bürgerkrieg zwischen verschiedenen bewaffneten Fraktionen. Selbst die moderaten palästinensischen Kräfte der Hamas sind nicht in der Lage, die zahlreichen Milizen zu kontrollieren.

Auch aus dem Süden Libanons zog sich Israel vor sechs Jahren vollständig - und abgesegnet von den Vereinten Nationen zurück. Nur die Hisbollah mochte den Abzug nicht akzeptieren, weil sie ein kleines Stückchen Land, die Sheba Farms, für sich reklamiert. Aus gutem Grund. Sie will sich weiterhin als erfolgreicher Kämpfer gegen das so genannte zionistische Gebilde aufführen. Mit Erfolg.

Im Libanon mag es zwar einen Fortschritt in Sachen Demokratisierung geben. Aber der Süden des Landes und große Teile der Hauptstadt Beirut werden faktisch von der Hisbollah regiert. Eine Miliz, die niemand demokratisch legitimiert hat und die aus dem Ausland gesteuert wird, bestimmt dort die Agenda.

Also bliebe doch nur, munter draufzuschlagen? Die israelische Armee hat es in mehr als drei Wochen nicht geschafft, den gekidnappten israelischen Soldaten in Gaza aufzutreiben, oder die Entführer zur Herausgabe zu zwingen. Mit ihrem Bombardement im Libanon versucht sie das gleiche Rezept einer hilflosen Demonstration von Stärke. Sie will die libanesische Regierung dazu bringen, die Hisbollah zu kontrollieren. Viel Glück, möchte man zynisch anmerken, wenn derlei Militäraktionen nicht so viele Zivilisten auf allen Seiten das Leben kosten würde.

Solange Hamas und Hisbollah sich erfolgreich als Widerstandskämpfer gerieren können, wird weder die libanesische Regierung, noch die palästinensische Bevölkerung sich gegen sie wenden. Nicht in einer Region, in der es Gang und Gäbe ist, Israel für alle Übel verantwortlich zu machen. Und nicht in Gesellschaften, in der jeder als Verräter gebrandmarkt wird, der sich gegen die Tyrannei junger Männer mit einem Überschuss an Testosteron und zu leichtem Zugang zu gefährlichen Waffen wehrt.

Alles hoffnungslos also? Nicht ganz. Welche Option in einer solchen Krise angemessen ist, entscheidet sich nicht nach dem moralischen Empfinden ausländischer Beobachter. Sondern nach einem gemeinsamen Ziel. Und das kann - auch für die Europäer - nur heißen, Milizen das Handwerk zu legen, die ausschließlich an einer Eskalation interessiert sind und jegliche Staatlichkeit in den palästinensischen Gebieten und zunehmend auch im Libanon unterwandern.

Die Milizen der Hamas und Hisbollah sind nicht nur eine Gefahr für Israel. Sie sind eine Gefahr für die Palästinenser, den Libanon, die gesamte nahöstliche Region. Es wäre an der Zeit für Europa, sich als ehrlicher Makler zu betätigen. Einer, der nicht nur Druck auf Israel ausübt. Sondern auch auf alle anderen Beteiligten.


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 18:40 Uhr
Hintergrund
Nächste Sendung: 19:00 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Themen der Woche

Das Ende der Souveränität - Die EU nimmt Griechenland an die Kandare

Sendezeit: 06.02.2010, 13:25

Ein dunkles Kapitel - Die katholische Kirche und der sexuelle Mißbrauch

Sendezeit: 06.02.2010, 13:20

Ein unwiderstehliches Angebot - Deutschland kauft die Steuersünder-CD

Sendezeit: 06.02.2010, 13:16

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link