Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
09.09.2006
Der Fall Natascha Kampusch zwischen Voyeurismus und berechtigtem Interesse. (Bild: AP) Der Fall Natascha Kampusch zwischen Voyeurismus und berechtigtem Interesse. (Bild: AP)

Natascha Kampusch und ihr Medienweg

Von Erna Lackner

Eigentlich hatten die Wiener Medien versprochen, dass Natascha Kampusch, wenn sie ihr Gesicht erst einmal ausgiebig gezeigt hat, zuvorkommend behandelt wird und danach etwas Ruhe bekommt. Doch Katzen lassen das Mausen nicht. Boulevardkatzen schon gar nicht.

Die "Kronen Zeitung", die eines der drei exklusiven Interviews erhielt, lässt Natascha Kampusch nicht aus ihren Fängen und spannt sie heute schon den dritten Tag en suite als Titelmädchen ein. Und der News-Verlag, der Zweite im Bunde der Interview-Allianz, will Natascha Kampusch nun in New York zur "Woman of the Year" küren lassen. Seit dem Fernsehinterview ist Natascha Kampusch ein Star.

Mit dem Medienpaket, das von einer auf Wirtschaft und Medien spezialisierten Anwaltskanzlei ausgehandelt wurde, sollte der gröbste Andrang der Paparazzi aufgelöst werden. Was auch gelang. Die Horden auf der Jagd nach Natascha Kampusch sind wieder abgezogen. Unter den gegebenen Umständen war die mediale Vorwärtsverteidigung richtig und vermutlich ohnehin die einzig mögliche.

Außerdem hat das gesteuerte, gerade noch rechtzeitige Outing viel Geld gebracht. Ob Geld nun die größte Rolle spielte in dem Medienschlachtplan, der in seinen internationalen Verbreitungswellen auch vom Pentagon nicht präziser hätte ausgearbeitet werden können, oder nicht - das Entführungsopfer wird dieses Geld brauchen. Viel länger hätte Natascha Kampusch mit dieser Flucht nach vorn auch nicht mehr warten können, denn es gab bereits heimlich per Handy aufgenommene Fotos von ihr. Und wären noch länger Details aus Polizeiprotokollen durchgesickert oder Bilder von ihr veröffentlicht worden, wären die im Medienpaket ausgehandelten Summen wahrscheinlich nicht mehr ganz so hoch gewesen. Und englische Blätter hätten weiter von der Sexsklavin phantasiert. Dem hat Natascha Kampusch mit ihrem offenen, würdigen Auftritt Einhalt geboten.

Dass in der Begründung, welche österreichischen Medien als erste die Interviews bekommen, auf deren soziale Kompetenz verwiesen wurde - dies freilich war für jeden Kenner der Szene scheinheilig bis lächerlich. Ausgerechnet die "Kronen Zeitung" sollte in diesem Fall sozial kompetent sein? Und gegen das News-Magazin hat Kampusch eigentlich klagen wollen, weil darin unter der knalligen Ansage "Natascha spricht" ein "Protokoll des Grauens" zusammengeschustert worden war, dessen Zitate aus Gesprächen mit ihren Betreuern und Polizisten stammten.

Nicht die soziale Kompetenz, sondern der soziale Druck dieser beiden Printerzeugnisse hat, ganz abgesehen von deren Finanzkraft, den Ausschlag gegeben. Mit ihnen wurden die zwei aggressivsten Medien des Landes eingebunden, per Vertrag gezügelt und gezähmt. Für die Kriegsberichterstattung im Irak wurde der Begriff "embedded journalism" verwendet - und so etwas Ähnliches wurde für die Natascha-Interviews angestrebt: nämlich die beiden großen Boulevardmedien mit ins Natascha-Boot zu nehmen. If you can't beat them, join them! Dass Krone und News einen so gewaltigen Ehrgeiz an Tag legten, die Kampusch-Story um jeden Preis zu bekommen, hat auch mit einem Krieg zu tun und ihrem gemeinsamen Feind, der neuen Boulevardzeitung "Österreich". Deretwegen tobt seit Monaten ein regelrechter Zeitungskrieg, in den Natascha Kampusch nun auch noch geraten ist.

Sie selbst - ohne ihre Berater - wäre mit ihrer Geschichte wohl in die seriösen Medien gegangen, die sie in ihrer Gefangenschaft zu hören und lesen bekam. Dass sie wirklich auch deren Geisteskind ist, hat die faszinierend ernsthaft sprechende Frau im Fernsehinterview eindrucksvoll gezeigt. Zynismus und Coolness der Jugendsprache sind an Natascha Kampusch vorbeigegangen. Die mediale Sozialisation ist nur eine von vielen Facetten ihrer Geschichte, die das Projektionspotential eines Jahrhundertereignisses hat und die weit über den Boulevard hinausreicht.


 
 

Mehr zur Sendung:

Links bei dradio.de:

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 15:05 Uhr
Corso
Nächste Sendung: 16:00 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Themen der Woche

Verteidigung, Arbeitsteilung und Erweiterung - Die Zukunftsaufgaben der NATO

Sendezeit: 26.05.2012, 13:25

Bemüht um Einigkeit - Die Personaldebatte bei der Partei Die Linke

Sendezeit: 26.05.2012, 13:20

Bund und Länder gehen an die Arbeit - Die Energiewende braucht Entschlossenheit

Sendezeit: 26.05.2012, 13:15

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link