Berlusconi ante portas - diese Drohung hat die Italiener offenbar erneut nicht davon abhalten können, den umstrittenen Medienmogul und Populisten mit einer Mehrheit, und zwar einer soliden, im Parlament auszustatten. Das Ausland sieht die polarisierende Figur des reichsten, mächtigsten und eitelsten aller Italiener offenbar gereizter als dessen Landsleute. Allen voran hatte sein Gegenkandidat, der gemäßigte Linke und vorherige Bürgermeister von Rom, Walter Veltroni, auf eine Angstkampagne verzichtet: "Verhindert Berlusconi!", das war ein Warnruf, der bereits zweimal vorher nichts gefruchtet hatte.
Seit keine akuten Klagen wegen Bestechung, Steuerfragen oder Mafiabegünstigung mehr anhängig sind und Berlusconi in der vorherigen Legislaturperiode bereits persönliche Begünstigungen wie Medienfragen und Erbschaftsteuer in Gesetzesform verankern konnte, ist die Furcht vor einem Staat als Familienunternehmen eher verblasst. Allzu lange hatte es so ausgesehen, als diene Berlusconi als Politiker nicht nur sich selbst, sondern auch den zerstrittenen und oft genug chaotischen Linksparteien als einigender Popanz und Ablenkung von der eigenen Misere.
Warum sonst hat die Regierung Prodi mit ihren Splitterparteien von Altkommunisten, Grünen, Linksautonomen, Radikalen und Kathololinken in immerhin zwei Jahren wieder kein Gesetz gegen die Verquickung von Medienmacht und Politik zustande gebracht? Warum scheiterte ein Fernsehgesetz über die gerechte Verteilung von Sendefrequenzen schon im Ansatz?
Die Wähler haben solche hoch vergütete Unfähigkeit auf ihre Weise kommentiert: Während Berlusconi die Macht bekam, die ihm nicht einmal seine Widersacher absprechen wollten, sind die linken Splittergruppen samt und sonders aus den beiden Kammern des Parlaments gefegt worden. Für die einst so stolzen Eurokommunisten ist der Sturz weit unter die Vierprozenthürde keine Katastrophe, eher schon ein vollendeter Suizid. Den Löwenanteil der Arbeiterstimmen hat die xenophobe, regionalistische und hemdsärmelige Lega Nord abgegriffen.
Offenbar sind den Wählern konkrete Maßnahmen gegen Billig-Importe, Niedriglöhne, Kriminalität und illegale Zuwanderung wichtiger als politische Korrektheit und große Worte ohne Taten. Denn einzig mit Sprüchen und endlosen Debatten hatte die Prodi-Koalition geglänzt, sodass es vielen Wählern vorkommen mochte, unter Berlusconi könne es auch nicht mehr schlimmer kommen. So zynisch und abgestumpft ist derzeit die Stimmung - und das nicht wegen Berlusconi.
Nicht vergessen werden darf auch, dass der als Clown diffamierte Berlusconi seine rechte Koalition die volle Legislaturperiode, also fünf Jahre von 2001 bis 2006, zusammenhalten konnte, während die Linke mit europäischer Unterstützung und dem bewährten Staatsmann Prodi an der Spitze erneut vorzeitig im Chaos auseinander fiel. Walter Veltroni, der erstmals ohne jede Listenverbindung mit Splittergruppen und Querulanten in die Wahl zog, wird gewusst haben, dass er aus dem Stand mit dem neuformierten "Partito democratico" keinen Sieg würde einfahren können.
Aber er denkt wohl an später, an die Zeit nach Berlusconi, der immerhin 71 Jahre alt ist. Mit einer sozialdemokratischen Partei ohne kommunistische Quertreiber, mit einem stabilen Bipolarismus und als unumstrittener Chef einer wachsenden Volkspartei in Städten und Regionen wird der erheblich jüngere Veltroni Berlusconi eher Paroli bieten können als mit leeren Angstparolen und wirren Koalitionen.
Und dass die neue rechte Mehrheit ohne Streit um Posten und Gelder friedlich regiert, dass alle Amtsträger die üble Gewohnheit des Klientelismus aufgeben und dass Berlusconi auf seine alten Tage zum milden Staatsmann mutiert - das glauben wohl nicht einmal diejenigen, die ihn gewählt haben. Sie haben nur gemacht, was in der Demokratie eben möglich ist: Eine unfähige Regierung, die den Müll Neapels auf der Straße verrotten ließ, durch eine neue zu ersetzen.
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