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26.04.2008
Der frühere katholische Bischof Fernando Lugo nach seinem Sieg bei der Präsidentenwahl in Paraguay mit 40 Prozent. (Bild: AP) Der frühere katholische Bischof Fernando Lugo nach seinem Sieg bei der Präsidentenwahl in Paraguay mit 40 Prozent. (Bild: AP)

Vom Bischof zum Präsidenten

Fernando Lugo schafft historischen Machtwechsel in Paraguay

Von Gerhard Dilger

Zu Beginn seiner Regierungszeit im August will der charismatische Kirchenmann mit dem silbergrauen Vollbart der indianischen Bevölkerung helfen, die im Elend lebt, so hat er es jetzt erneut versprochen. Darüber hinaus steht der Hoffnungsträger des verarmten Sechsmillionenlandes im Herzen Südamerikas vor weiteren schwierigen Aufgaben.

Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre geht vor allem auf die hohen Weltmarktpreise für Soja zurück, denn Paraguay ist der viertgrößte Exporteur des Futtermittels. Doch diese Gewinne wandern in die Kassen ausländischer Agrarkonzerne und weniger in die der einheimischen Unternehmer. Die Lage in den Krankenhäusern, Schulen und Armenvierteln Paraguays ist desolat. Wie ein Krebsgeschwür hat sich die Korruption ausgebreitet. "Nie wieder soll mit Vetternwirtschaft und Postengeschacher Politik gemacht werden", verkündete Fernando Lugo in der Wahlnacht.

Genau diese Praktiken sind aber auch bei den Liberalen verbreitet, der mit Abstand gewichtigsten Kraft in seiner "Patriotischen Allianz für den Wandel" aus neun Parteien und 20 Basisorganisationen. Der künftige Vizepräsident gilt zwar als integer, aber unter seinen gewählten Parteifreunden dominieren die Politiker alten Schlages. Zum Regieren braucht Politneuling Lugo zudem Abtrünnige aus dem Lager der Rechten.

Hinzu kommt: Die Bauernbewegungen, der Kern einer neuen, basisorientierten Linken und die politische Heimat Fernando Lugos, haben keine parlamentarische Erfahrung. Ihre Partei Tekojoja wird gerade einen der 45 Senatoren stellen. Lugo muss seine heterogene Mitte-Links-Allianz von einem Wahl- zu einem funktionierenden Regierungsbündnis zusammenschweißen.

Eine umfassende Landreform, wie er sie plant, wird Jahre in Anspruch nehmen. Zunächst einmal müssen die staatlichen Behörden halbwegs effizient arbeiten. Die gegensätzlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen, ist noch schwieriger. Bislang nämlich stehen Landlose und Kleinbauern den Agrarunternehmern in einem explosiven Konflikt gegenüber, bei dem auch noch mächtige Mafiagruppen ihre Finger im Spiel haben. Lugo will neue Arbeitsplätze schaffen, um auch jenen zwei Millionen Paraguayern, die ausgewandert sind, wieder eine Perspektive zu bieten.

Außenpolitisch hat es der frischgebackene Präsident ebenfalls nicht einfach. Seine Kollegen aus den Nachbarländern, der brasilianische Ex-Gewerkschafter Lula da Silva, die Linksperonistin Cristina Fernández de Kirchner aus Argentinien und der bolivianische Staatschef Evo Morales, gehören zwar alle dem fortschrittlichen Lager an. Die jüngste Geschichte der Wirtschaftsunion Mercosur zeigt jedoch, dass die Regionalmächte Brasilien und Argentinien zuallererst die Interessen ihrer eigenen Unternehmerschaft vertreten.

Lugos Forderung nach "energiepolitischer Souveränität" mag noch so berechtigt sein: Die Verhandlungen um die Gewinne aus der Wasserkraft des Grenzflusses Paraná dürften sich monate-, wenn nicht jahrelang hinziehen. Von Brasilien und Argentinien fordert er höhere, wie er sagt, "gerechte" Preise für den überschüssigen Strom, den Paraguay aus seinem Anteil der Riesenstaudämme von Itaipú und Yacyretá an die Nachbarn abtritt. Dieses Geld braucht Lugo für seine dringenden Sozialreformen.

Andererseits kommt ihm der Linksruck entgegen, der den Subkontinent in den letzten Jahren erfasst hat. Während sich Brasiliens Staatschef Lula noch betont distanziert gab, sandte sein Außenminister Celso Amorim bereits positive Signale in Richtung Asunción. Brasilien wolle nicht als "imperialistisches Land" dastehen, das nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht sei, versicherte Lulas Chefdiplomat.

Zudem bleibt festzuhalten: Der Triumph Fernando Lugos ist der bislang deutlichste politische Sieg der Befreiungstheologie und ihrer "Option für die Armen", die sich nach 1968 in ganz Lateinamerika verbreitet hat.

Der Vatikan hat das Treiben des ungewöhnlichen Bischofs Lugo misstrauisch verfolgt. Letztes Jahr ließ ihn der Papst vom Priesteramt suspendieren. Im Lande selbst weiß Fernando Lugo jedoch die meisten seiner Kollegen hinter sich. Und wenn der Glaube an Gott und an sein Volk, den er immer wieder beschworen hat, Berge versetzen kann - dann wird aus dem ausgebeuteten Armenhaus und Schmugglerparadies Paraguay womöglich doch noch ein Land mit Zukunft.


 
 

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