Fernsehen ist extrem selbstreferenziell: Es zeigt uns vor allem Leute, die wir aus dem Fernsehen kennen. Dabei ist es egal, was für Leute das sind - Analphabeten oder Literaturprofessoren, Possenreißer oder Nachrichtensprecher. Denn das Fernsehen ist ein totalitäres Medium, das alles umfasst, alles unterpflügt und alles auswringt, was die menschliche Gesellschaft hergibt: Dieter Bohlen, Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki.
So verschieden deren Stillagen auch sein mögen, sie haben eine Gemeinsamkeit, die sie erst telegen macht, nämlich die Nähe zum Affekt. Nicht von ungefähr sind die drei für ihre Transgressionen, für Grenzverletzungen berühmt geworden: Bohlen pöbelt, Gottschalk lässt sich in Senf tunken und Reich-Ranicki macht plötzlich nicht mehr mit und beschäftigt damit die Nation eine geschlagene Woche lang.
Seine öffentlich gezeigte Bockigkeit war eine starke Geste - und als solche schon wieder eine Sternstunde des Fernsehens. Dies um so mehr, als ihre Begründung völlig unklar blieb - alles, was Reich-Ranicki über das Fernsehen äußert, ist nämlich äußerst konfus. Gerade deshalb aber findet seine Schelte so enorme Resonanz: sie eignet sich als Projektionsschirm für die frei flottierende Wut, die jeder Kulturmensch über das Fernsehen empfindet. Wie der tragische Held in dem Film "Falling down", so erntet Reich-Ranicki Verständnis und Sympathie, wenn ihm der Kragen platzt; das Leiden am Fernsehen hat sich bei vielen angestaut.
Jenseits aller Idiosynkrasien, die hier auch im Spiel sind, gibt es zwei große Fragen, die es ernsthaft zu erörtern gilt: Ist dieses Leiden begründet und falls ja - kann man den Missstand beheben? Ob das Fernsehprogramm gut oder schlecht sei, ob das meiste heutzutage Gebotene nach dem Wort von Reich-Ranicki "Blödsinn" oder nach den Worten von Elke Heidenreich "hirnlose Scheiße" sei, lässt sich weder aus dem Blickwinkel einer Fernsehpreisjury noch aus dem des Ressentiments hinreichend objektiv bestimmen. Der Kulturkritiker Uwe Nettelbeck drückte vor mehr als dreißig Jahren das Maximum seines Ekels dadurch aus, dass er den genauen Wortlaut einer beliebigen Fernsehshow verschriftlichte und in seiner Zeitschrift "Die Republik" veröffentlichte. Es war das Gestammel von Halbidioten, und es geschah zu einer Zeit, als es in Deutschland nur öffentlich-rechtliches Fernsehen gab.
Andererseits genügt ein Blick auf die Fernsehdarbietungen in anderen Ländern dieser Welt, um zu erkennen, dass Blödsinn und hirnlose Scheiße noch kräftig steigerbar sind. Das eigentliche Problem jedoch besteht in der Unsteuerbarkeit des ganzen Systems. Natürlich treffen Programmdirektoren Entscheidungen, doch vor allem machen sie die Erfahrung, dass das Fernsehen als Bestandteil des gesellschaftlichen Aggregats die Zustände mehr widerspiegelt als dass es sie verändert. Da nützt es nichts, mehr Schiller und mehr Shakespeare zu verlangen, wenn Volksbildung und Demokratie in ein Ausschließungsverhältnis zueinander geraten.
Leider hat Reich-Ranicki zu diesem hochkomplexen Thema nichts als Plattitüden beizutragen, und das liegt nicht zuletzt an ihm selber. Schließlich war er es, der den Klamauk als Stilmittel der Literaturkritik habilitierte und mit klamaukhaften Fernsehauftritten zu jener Marktmacht gelangte, die es ihm jetzt erlaubt, das Klamauksystem im Angesicht seiner höchsten Repräsentanten fulminant zu denunzieren. Ist er nicht ein Geschöpf des Fernsehens auch in dem Sinne, dass sein Verständnis von Literaturkritik genau dem Wesen und den Möglichkeiten des Mediums entspricht, weil er derbe, quotenträchtige Geschmackswillkür an die Stelle interpretierenden Verstehenwollens fremder Werke setzt?
Nicht zufällig begann Reich-Ranickis Siegeszug im Fernsehen just zu der Zeit, als dieses sich vom kultivierten Teil des Publikums verabschiedete. Seitdem dürfen selbstgefällige Befindlichkeitserklärungen, wenn sie nur laut genug vorgetragen werden, als Literaturkritik firmieren. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass er nun eine Lanze für das Intellektuelle und Komplizierte auf dem Bildschirm bricht. Die Wahrheit ist: da passt es einfach nicht hin. Gegen Bilder haben es die Wörter immer schwer, doch alles Geistige artikuliert sich sprachlich. Man wird in keiner Fernsehsendung und zu keiner Zeit Texte vernehmen, in denen Wörter wie "selbstreferenziell" und "Indiosynkrasie" vorkommen.
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