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20.06.2009
Studierende der TU Dresden demonstrieren für eine bessere Bildungspolitik. (Bild: AP) Studierende der TU Dresden demonstrieren für eine bessere Bildungspolitik. (Bild: AP)

Erzwungene Reformen

Studierende streiken für bessere Bildung

Von Christian Füller, taz

Der Bildungsaufstand, den wir gerade erleben, ist ein merkwürdiges Ding. Das beginnt schon bei dem Begriff Streik. Denn was die Studenten da veranstalten ist ja alles mögliche - bloß kein Streik. Die Studenten legen keine Produktionsmittel lahm. Mit anderen Worten: Echten Druck können die Studenten durch ihren Vorlesungsboykott nicht ausüben.

Damit ist auch schon erklärt, wieso die meisten Politiker und Professoren so unheimlich nett zu den Schwänzern sind - es tut ihnen nämlich nicht weh. Jedenfalls noch nicht. Vor allem aber kann man den Streik hinterfragen, weil er die Bewusstlosigkeit der Studierendenbewegung 2009 offenbart. Die Studenten erklären zuallererst sich zu den Opfern eines ungerechten Bildungssystems - meistens wegen der Studiengebühren.

Das ist allerdings fragwürdig. Denn die privilegierte Schicht der Studenten gehört wirklich zuallerletzt zu den Entrechteten des Bildungssystems. Nur etwa 38 Prozent eines Jahrgangs dürfen in Deutschland studieren und sie stammen ganz überwiegend aus den bürgerlichen Schichten. Nein, die Geplagten sind die sogenannten lernbehinderten Kinder. Die Bildungspolitik schiebt sie zu Hunderttausenden in Sonderschulen ab - obwohl eine Menschenrechts-Konvention der Vereinten Nationen dies verbietet.

Zu den Benachteiligten des Bildungssystems gehört auch eine halbe Million Schüler mit schlechtem oder ganz ohne Schulabschluss. Sie befinden sich ohne Jobchancen in einem Übergangssystem von Warteschleifen und Ersatzmaßnahmen. Die meisten Studenten wissen noch nicht einmal von der Existenz dieses Lernghettos.

Das muss man einer Streikbewegung ankreiden, die das Wort Gerechtigkeit auf ihren Fahnen trägt. Ja, der Seminarboykott lässt sich also mit respektablen Argumenten kritisieren. Dennoch: Jeder, der sich einmal unter die Streikenden gemischt hat, wird feststellen, dass sie ein sehr starkes Argument auf ihrer Seite haben: Die Verlogenheit der Bildungspolitik. Es vergeht keine Woche, dass Schuldezernenten, Kultusminister und auch die amtierende Bundesbildungsministerin tönen, Wissen sei der einzige Rohstoff Deutschlands. Das tun sie sonntags - und am Montag kürzen sie munter an genau diesem Rohstoff herum. Das regt die Objekte einer solchen Bildungspolitik auf - zu Recht.

Auf allen Ebenen das gleiche Bild. Stets muss aus irgendwelchen obskuren Gründen etwas gestutzt oder gestrafft werden: Sei es bei den Gymnasiasten, denen man ein mitunter unmenschliches Turboabitur zumutet. Oder eine Lehrerin in Bayern, die man strafversetzt - weil sie guten Unterricht macht. Seien es die Studenten, die man - aus Gründen der Internationalität - zu Bachelor und Master zwingt - und die genau wegen des verschulten Bachelors kaum mehr im Ausland studieren können. Oder seien es die streikenden Erzieherinnen, denen man für ihre anspruchsvolle Tätigkeit nur Teilzeitstellen mit Putzfrauengehalt anbietet. Allen diesen Grotesken des Bildungssystems liegt die selbe Ursache zugrunde: In der Bildung herrscht organisierte Verantwortungslosigkeit.

Die Schulbehörden reklamieren humanistische Bildung als ihr Ziel - aber wenn man sein Recht auf Bildung einfordern will, dann ist in Deutschland keiner verantwortlich. Die Kultusminister etwa hatten dieser Tage die Chuzpe, den streikenden Studenten in einem Gespräch mitzuteilen: Sie, die Wissenschaftsminister seien der falsche Ansprechpartner für ihre Beschwerden. So viel Dreistigkeit macht Studenten sprachlos - und wütend. Und: mächtig. Denn das ist die Perspektive des Bildungsstreiks: Es gibt so viele im Land, die unzufrieden sind mit ihren beschränkten Lern- und Studienmöglichkeiten. Und sie haben alle Gründe, sauer zu sein.

Wenn diese Eltern und Erzieherinnen, diese Sonder- und Hauptschüler, diese reformorientierten Lehrer und unzufriedenen Studenten zusammen fänden. Und wenn sie eine gemeinsame Sprache entwickelten - dann würde keine Bildung-ist-unser-einziger-Rohstoff-Rede mehr nützen. Dann wäre dieser Bildungsstreik nur noch schwer zu stoppen. Ganz egal, ob sein Name richtig gewählt ist.


 
 

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