Die afrikanische Wanderung nach Europa
18 Millionen Menschen ziehen Schätzungen zufolge in Afrika von Land zu Land - entweder in den reichen Süden oder nach Norden, in Richtung Europa. Sie fliehen nicht - wie so viele andere - vor Verfolgung, Unterdrückung oder Bürgerkriegen, sondern vor Armut und Hunger. Die Hoffnung auf ein besseres Leben treibt sie an. Längst ist von einem Zeitalter der Migration die Rede: Im Zeichen der Globalisierung und der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich nimmt die Wanderungsbewegung weltweit zu, über alle Grenzen hinweg.
Der Deutschlandfunk dokumentiert in seiner Serie "Gefährlicher Transit: Die afrikanische Wanderung nach Europa" (ab 24.4.2006 - 7.5.2006 um jeweils 8.20 Uhr) die Migrationsströme von Süd nach Nord. DLF-Reporter Rüdiger Maack war vier Wochen in Afrika unterwegs und legte weit über 20.000 Kilometer zurück - vom Senegal nach Mali, von Algerien nach Marokko. Mit Flugzeug, Auto, Lastwagen oder zu Fuß. Sieben weitere Reporter folgten illegalen Immigranten in Europa und zeichneten deren Geschichten auf - in Italien und Spanien, in Belgien und Deutschland, in Frankreich und Großbritannien.
In einer zweiteiligen Tagebuchserie schildert Rüdiger Maack vor dem Start der Sendereihe seine Reiseeindrücke, Begegnungen mit Betroffenen und Beobachtungen am Wegesrand.
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Im Jahr 2003 fasste sich Ahmed ein Herz. Da ist er nach Libyen gegangen, hat dort ein Jahr gearbeitet und ist dann nach Marokko weiter gereist. Sein Ziel: die spanische Enklave Melilla im Norden des Landes. Von hier aus wollte er weiter nach Spanien. Aber daraus wurde nichts.
Die Endstation Sehnsucht liegt in Berlin-Köpenick. Der Abschiebegewahrsam, wie es im Behördendeutsch heißt, ist in einem ehemaligen DDR-Frauengefängnis untergebracht. Ein schmutzig-weißer Gebäudekomplex mit vergitterten Fenstern, umgeben von Mauer und Stacheldrahtzaun.
Als Mayala Mbungi noch für den Boxstall Spandau startete, holte er für die Berliner etliche Medaillen und Pokale. Doch seine sportlichen Erfolge nützen ihm für sein zukünftiges Leben nichts. So viel Ehre habe er dem Amateur-Boxsport gebracht, aber eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis für Deutschland bekommt er trotzdem nicht.
Patience kam vor zwei Jahren aus Nigeria nach Antwerpen. Ihre Familie hatte die Reise bezahlt. Patience sollte sich irgendwie nach Europa durchschlagen, dort Geld verdienen und es ihrer Familie nach Hause schicken. Zuerst war sie in Antwerpen illegale Prostituierte, inzwischen hat sie den Absprung geschafft.
Patrick kam 2001 mit einem Besuchervisum nach Großbritannien. Als Studentenaktivist war sein Leben in Zimbabwe nicht mehr sicher. Er beantragte ein Studentenvisum. Das wurde abgelehnt. Patrick verschwand in den Untergrund.
Ende 2002 hatte der französische Staat auf Druck der britischen Regierung das Notaufnahmelager in Sangatte bei Calais schließen lassen. Damit war das Migrantenproblem für Paris offiziell beendet, obwohl nach wie vor Flüchtlinge an die Kanalküste strömten. Immer noch leben in der Gegend zahlreiche Flüchtlinge, die über den Ärmelkanal gelangen wollen.
Freitagabend in einer Jugendherberge im Madrider Vorort Leganés. Sozialarbeiterin Iciar Fernández vom "Komitee zur Hilfe für Flüchtlinge" verteilt warme Kleidung. Vielmehr kann sie im Moment nicht tun - außer noch auf das spanische Asylrecht aufmerksam zu machen, das es Asylbewerbern verbietet, zu arbeiten. Aber genau dafür haben die Flüchtlinge alle Gefahren auf sich genommen - um in Europa zu arbeiten.
"Ich bin eines Morgens aufgewacht und zur Arbeit gegangen und da sah ich, dass meine Werkstatt niedergebrannt war. Ich habe beschlossen, Liberia zu verlassen." Eineinhalb Jahre brauchte Abdel Aziz, um als Arbeitssklave in Libyen 700 Dollar zusammenzusparen, mit denen er die Überfahrt im Holzboot bezahlen konnte. Doch beim ersten Versuch ging alles schief.
Oujda liegt im Norden Marokkos und direkt an der Grenze zu Algerien. Melilla ist knappe zwei Autostunden entfernt - jene spanische Enklave in Marokko, die wie Ceuta von tiefen Gräben und hohen Zäunen umgeben ist und bewacht wird wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Wer es schafft, die Sperranlagen zu überwinden, ist in Europa angekommen.
César ist 32 Jahre alt, stammt aus dem Kongo und hielt sich bis vor wenigen Wochen illegal in Marokko auf. Seit ein paar Wochen hat César offiziellen Flüchtlingsstatus und ist vom UNHCR anerkannt, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Er darf sich jetzt zwar legal in Marokko aufhalten. Doch die marokkanischen Behörden verweigern ihm die Aufenthaltsgenehmigung. Seit den Ereignissen von Ceuta und Melilla sieht sich die Regierung mit immer mehr Asylgesuchen konfrontiert.
Sie heißen Iffanie, Obih und IK. Sie sind Nigerianer und stehen mit gesenkten Köpfen am Eingang der großen Moschee von Maghnia und betteln. Die Kleinstadt Maghnia liegt im Norden Algeriens, direkt an der Grenze zu Marokko. In Maghnia hielten sich früher viel mehr illegale Einwanderer auf. Wenn es die marokkanischen Behörden auf der anderen Seite der Grenze wieder einmal auf die Migranten abgesehen hatten, konnten sie sich hierher zurückziehen.
Die Garnisonsstadt Tamanrasset liegt 400 Kilometer nördlich von Mali und Niger. Wer hier ankommt, hat die Sahara hinter sich und den gefährlichsten Teil der Reise in den Norden überstanden. Doch der Weg von Afrikanern zu einem vermeintlich besseren Leben in Europa ist noch weit.
1200 Kilometer liegen zwischen Bamako, der Hauptstadt Malis, und Gao im Zentrum des Landes. Gao ist ein staubiger Marktflecken mit flachen ockerfarbenen Gebäuden. Hinter Gao fängt die Sahara an. Vor Gao hört die Teerstraße einfach auf. Bis zur algerischen Grenze sind es 700 Kilometer. Wer in den Norden will, muss durch Gao. Und wer nach Süden will auch. Für abgeschobene Flüchtlinge wird der Ort zur Endstation.
Als er 20 war, ist Cheikh vom Dorf in die Stadt gegangen, nach Dakar. Lange ist er nicht geblieben, er hat keine richtige Arbeit gefunden. Also ging er auf Reisen. Vor sechs Jahren hat er schon einmal versucht, nach Europa zu kommen. Er wurde geschnappt und abgeschoben. Dennoch plant er einen neuen Versuch.
Zwei Tage lang habe ich hier, im Norden Marokkos, nach Emigranten gesucht, die die Wüste bereits hinter sich haben und auf dem Sprung nach Europa sind. Vergebens. Die Hügel und Berge zwischen Oujda und Nador zu durchstreifen, erweist sich als aussichtslos: Da liegen 150 Kilometer dazwischen.
Tanger ist dreckig, laut, heruntergekommen. An fast jeder Ecke Prostituierte, Drogenabhängige, Straßenköter. Aber die Stadt lebt. Noch nach 22 Uhr sind die Straßen voll. Hier waren lange die billigen Hotels besetzt mit Algeriern, Nigerianern oder Senegalesen, die von den Stränden der Umgebung aufbrachen ins gesegnete Europa. Viele kamen nie an, doch niemand zählt die Opfer der Pateras, der oft seeuntüchtigen Boote, auf denen die Menschen versuchen, nach Tarifa oder Algeciras überzusetzen.
Fast wäre ich zum Vermissten erklärt worden. Dabei war ich nur in Südalgerien, das kommt aber kommunikationstechnisch dem Vermisstenstatus ziemlich nahe. Spötter sagen, in Tamanrasset gebe es zwar viele Telefone, aber nur 41 Leitungen. Sobald der 42. telefonieren will, bricht das Festnetz zusammen. Was das Handynetz angeht, ist es nicht viel anders. Kurz: Ich war fast eine Woche lang nicht zu erreichen. Ziemlich lange also.
Tamanrasset - eine Garnisonsstadt in Südalgerien. Grenzstadt, obwohl hunderte Kilometer von der Grenze entfernt: Hinter Tamanrasset kommt nichts mehr - nur Leere.
Reisen in Afrika ist bis heute zeitraubend, anstrengend und unerfreulich. Das gilt selbst für Ausländer, die viel mehr Geld zur Verfügung haben, als die meisten Afrikaner jemals verdienen werden, und die folglich auch nicht auf überfüllte Buschtaxis oder rostige Ladeflächen von Lastwagen angewiesen sind.
Ich habe Jutta wieder getroffen. Jutta ist eine Institution für deutsche Mali-Reisende. Das liegt zum einen daran, dass sie strategisch günstig wohnt: in Sevaré.
Rückfahrt von Gao. Unser Fahrer Amadou, Paul, ein Journalist aus Bamako, der mich begleitet und ich. Wir schweigen. Jeder von uns dreien hat sich die letzten Stunden überlegt, was er für die vielen Illegalen in der Stadt hätte tun können, für die, die nichts mehr haben und weder vor noch zurück können. Für die Senegalesen, die seit drei Tagen nichts zu essen hatten. Für die Frauen, die anschaffen gehen müssen.
Ich kenne kaum einen deprimierenderen Ort als Gao - ein gottverlassenes Kaff am Ende der Teerstraße. Die Autorität der staatlichen Behörden endet ungefähr fünf Kilometer hinter der Stadtgrenze. Von da an bewegen sich auch Provinzfürsten nur noch mit Eskorte.
Wir sind wieder unterwegs. Quer durch Mali, von der Hauptstadt Bamako nach Gao, der letzten größeren Stadt vor der Sahara. Hier geht es nach Algerien. Oder in den Niger. Oder nach Mauretanien: auf jeden Fall in Richtung Norden. Von hier aus starten die Pick-Ups, die die "clandestins", wie die illegalen Einwanderer auf französisch genannt werden, für viel Geld ihrem Ziel Europa vermeintlich näher bringen.
Flughafen Bamako. Nur eineinhalb Stunden Flug, aber eine ganze Ewigkeit. In Dakar bin ich abends nicht ohne Baumwollpullover aus dem Hotel gegangen und die Einheimischen waren erkältet und verschnupft. Über dem Rollfeld in Bamako weht ein trockener glutheißer Wind, obwohl es schon abends um halb sechs ist. In einer knappen Stunde wird es Nacht.
Es ist später Sonntagnachmittag. "? II" heißt die Kneipe, in der ich mich mit einem zukünftigen Emigranten treffe. Eigentlich wollten wir zu ihm nach Hause fahren, aber dann hatte er plötzlich seinen Schlüssel verloren. Also kehren wir in "Fragezeichen zwei" ein. Es gibt auch "? I", das muss wohl als Erklärung reichen, woher die Gaststätte ihren Namen hat.
Vorsichtige Menschen treffen in Dakar höchstens eine oder zwei Verabredungen am Tag. Zwei nur dann, wenn jedes Treffen nicht länger als eine Stunde dauert. Den Rest des Tages sitzt man nämlich im Auto oder Taxi oder Bus, je nach Geldbeutel. Dakar hat den Dauerstau erfunden; der Verkehr in der Millionenstadt Dakar ist eine mittlere Katastrophe.
Fremder, kommst Du nach Dakar, wisse: Es gibt da zwei Straßen, die Du meiden musst. Die eine heißt Avenue Hassan II. Die andere Avenue Pompidou und ist die Fortsetzung davon. Leider sind es genau die Straßen, die im historischen Stadtteil Plateau rund um den Platz der Unabhängigkeit liegen. Also da, wo der gemeine Dakar-Besucher früher oder später vorbeikommen wird.
Illegale Emigration? Im Senegal kümmert sich niemand wirklich darum: Die Regierung ist um jeden froh, der sich nach Europa aufmacht - und irgendwann Euros oder britische Pfund in die alte Heimat überweisen kann.
Beiträge zum Nachhören
Deutschlandfunk
Wiederbelebung des Powertrios: Jean Paul Bourellis "Stone Raiders"
Sendezeit: 26.05.2012, 15:32
Here we are: Sommerlicher Synthie-Pop mit „Citizens!“
Sendezeit: 26.05.2012, 15:12
PISAplus 26.05.2012, komplette Sendung
Sendezeit: 26.05.2012, 14:05
dradio-Recorder
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