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30.08.2010
Das Kernkraftwerk Krümmel in Geesthacht (Schleswig-Holstein) aus der Vogelperspektive.  (Bild: AP) Das Kernkraftwerk Krümmel in Geesthacht (Schleswig-Holstein) aus der Vogelperspektive. (Bild: AP)

"Jeden Tag Katastrophengefahr"

Atomkraftgegner über die neuen Energiepläne der Bundeskanzlerin

Jochen Stay im Gespräch mit Georg Ehring

Angela Merkel plant eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke von 10 bis 15 Jahren. Das sagte die Bundeskanzlerin nun in der ARD. Jochen Stay von der Organisation "Ausgestrahlt" hält eine solche Verlängerung für viel zu gefährlich.

Georg Ehring: Deutschlands Atomkraftwerke sollen länger laufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach gestern von 10 bis 15 Jahren. Die Kanzlerin hat damit Position bezogen, doch die Debatte geht sicher weiter. Überzeugt werden muss auch die Bevölkerung, die nach einer Umfrage von Forsa in dieser Angelegenheit gespalten ist, mit einer knappen Mehrheit von 48 zu 45 Prozent gegen die Verlängerung der Laufzeiten. Über die Reaktion der Anti-Atomkraft-Bewegung habe ich kurz vor dieser Sendung mit Jochen Stay von der Organisation "Ausgestrahlt" gesprochen. Ich habe ihn zunächst gefragt, ob er damit leben kann, wenn der Ausstieg zwar verschoben wird, aber dann etwas später doch kommt?

Jochen Stay: Nein, natürlich nicht, weil selbst das, was jetzt im Atomgesetz steht, ist ja nicht wirklich Ausstieg. Da heißt es ja auch, bis 2020, 2025 laufen diese gefährlichen Kraftwerke weiter. Und jetzt noch mal draufzusatteln, ist von den Risiken her - ich sage nur Stichwort Atommüll, Stichwort jeden Tag Katastrophengefahr in jedem dieser Kraftwerke -, das ist viel zu gefährlich.

Ehring: Aber die Laufzeitverlängerung wird doch unter anderem mit dem Klimaschutz begründet. Die erneuerbaren Energien seien noch nicht so weit, dass sie die Stromversorgung so schnell übernehmen können. Muss man da nicht vielleicht ein paar Augen zudrücken?

Stay: Wir haben ja so eine massive dynamische Entwicklung der erneuerbaren Energien schon in den letzten Jahren; dann hätte man jedes Jahr eines dieser Atomkraftwerke schon abschalten können in der Vergangenheit. Das hat man also nicht gemacht, hat dadurch inzwischen massive Stromüberschüsse. Es wird ja Strom aus sieben bis acht Atomkraftwerken exportiert inzwischen. Die alle kann man sofort abschalten und auch für die anderen Kraftwerke gibt es Ersatzkapazitäten hierzulande. Also es gehen nicht die Lichter aus, wenn man Atomkraftwerke abschaltet. Fürs Klima? Das ist ja das Spannende an diesen Gutachten, die jetzt veröffentlicht wurden. Wenn weiter auf Atomenergie gesetzt wird, dann bremst das ja die erneuerbaren Energien und so kommen wir nicht zu einem wirklich klimaverträglichen Energiesystem.

Ehring: Sie haben gerade von Gefahren der Atomkraftwerke gesprochen. Welche sicherheitstechnischen Mängel fallen da besonders ins Auge, wenn jetzt die Laufzeiten verlängert werden sollen?

Stay: Es gibt eigentlich kein Atomkraftwerk in Deutschland, also von diesen 17 Reaktoren, die noch laufen, das wirklich hundertprozentig sicher ist. Es gibt eine ganze Reihe, die nicht gegen Flugzeugabstürze abgesichert sind. Es gibt eine Reihe von Reaktoren, die haben große Probleme im Kühlsystem. Es gibt Reaktoren, die haben Probleme mit der Notstromversorgung. All die Störfälle, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, zeigen ja jedes Mal wieder ein neues Problemfeld auf, was technisch nicht wirklich hundertprozentig unter Kontrolle ist. Es ist ja auch interessant, dass ja in diesem Gutachten für die Regierung nun drin steht, bis zu 50 Milliarden Euro seien nötig für Nachrüstungen, und das, wo die Kanzlerin ja sagt, das seien die sichersten Atomkraftwerke der Welt. Also im Regierungsgutachten selber ist zu sehen: sie sind nicht sicher, sondern es gibt überall Probleme. Und Kraftwerke, die für 50 Milliarden nachgerüstet werden, die müssten eigentlich sofort stillgelegt werden.

Ehring: Rot-Grün hatte den Atomausstieg mit einer Betriebsgarantie verbunden. Ist da die Nachrüstung, die sicherheitstechnische Nachrüstung in den vergangenen Jahren vernachlässigt worden?

Stay: Das stand ja so drin im Atomkonsens, dass dann die Aufsichtsbehörden auch mal ein Auge zudrücken, um es mal salopp auszudrücken, und das ist auch die letzten Jahre so passiert. Deswegen gelten die deutschen Atomkraftwerke auch im internationalen Vergleich eigentlich schon lange nicht mehr als die sichersten. Gerade Altanlagen wie Biblis haben eindeutige Mängel, die auch international so gesehen werden, und können eigentlich nicht mehr sicher betrieben werden.

Ehring: Rechnen Sie damit, dass die Verlängerung durchkommt? Der Bundesrat muss ja unter Umständen noch zustimmen.

Stay: Das Problem ist nicht nur der Bundesrat, sondern das Problem ist weiterhin, dass bei dem, was die Regierung nun hat errechnen lassen, ja eine entscheidende Frage fehlt, nämlich die Frage der Akzeptanz in der Bevölkerung, und darauf muss die Regierung achten, weil inzwischen ja auch relevante Teile der Basis von Union und FDP die Atomenergie durchaus kritisch sehen. Sonst heißt es irgendwann, wer AKW-Laufzeiten verlängert, verkürzt seine Regierungszeit.

Ehring: Was haben Sie denn jetzt vor als Anti-Atomkraft-Bewegung?

Stay: Unser Ziel ist es, dass wir diese gesellschaftliche Mehrheit gegen Atomenergie, die es zurzeit ja gibt, auch sichtbar machen. Das heißt, zehn Tage vor der geplanten Regierungsentscheidung werden wir am 18. September in Berlin eine Großdemonstration veranstalten, um dort noch mal sehr deutlich zu machen, dass es eben keine Akzeptanz für weitere Nutzung der Atomenergie gibt, und hoffen, auf diese Weise auch noch mal Druck zu machen, weil das Schöne ist ja, auch jetzt, nach diesem Gutachten, ist sich die Regierung nicht einig, wie es gehen soll, und immer dann, wenn sich die Regierenden nicht einig sind, haben eigentlich Protestbewegungen die besten Chancen, Einfluss zu nehmen und Zünglein an der Wage zu sein, und genau das wollen wir erreichen.

Ehring: Herzlichen Dank! Das war Jochen Stay von der atomkraftkritischen Organisation "Ausgestrahlt".

Interview mit SPD-Chef Sigmar Gabriel zum Thema


 
 

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