Er wird zugebaut, mit Schadstoffen belastet und von Wasser und Wind abgetragen - der Boden ist eines der Sorgenkinder der Umweltfachleute. Genau wie das Land leiden aber auch die Meere unter einer übermäßigen Nutzung durch den Menschen: Sie werden leer gefischt, voll gepumpt mit belastetem Abwasser und zunehmend genutzt für die Schifffahrt, als Standort für Windkraftanlagen oder für den Abbau von Rohstoffen. Wie kommen Tiere und Pflanzen im Meer damit zurecht? Und was kann und muss für ihren Schutz getan werden? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Experten auf einer Veranstaltung in Berlin - eingeladen vom NABU, dem Naturschutzbund Deutschland.
Was vor rund 20 Jahren der Regenwald war, ist in den Augen der Naturschützer auf dem NABU-Seminar heute das Meer: Von Verschmutzung und Raubbau geschunden, vom Menschen vergessen - auch von vielen Naturschutzverbänden. Ralf Schulte vom Naturschutzbund NABU erklärt das lange Schweigen vieler Umweltschützer zum ökologischen Drama Meer so:
Es ist dort niemand, der hautnah betroffen wird von diesen Ereignissen. Und selbst, wenn wir als Touristen oder als Urlauber uns im Sommer am Meer aufhalten, dann nehmen wir das so unmittelbar nicht wahr. Wir erfahren mal von einer Lagenplage, vielleicht von toxischen Algen, die wir nicht berühren sollten, aber das ist dann auch alles.
Dass vor allem Nord- und Ostsee von viel weitreichenderen Problemen bedroht sind, versuchte der NABU auf dem Seminar deutlich zu machen: Ölförderung, Fernmeldekabel, Off-Shore- Windkraftanlagen, Kiesabbau, Fischerei - die industrielle Nutzung des Ökosystems Meer nimmt stetig zu - mit zum Teil drastischen Folgen für die Pflanzen und Tiere. Petra Deimer, Vorsitzende der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere, kritisierte unter anderem die Windkraftanlagen im Meer. Diese verursachten großen Lärm, der Fischen und Meeressäugern sehr zu schaffen macht. Schweinswale zum Beispiel verlören die Fähigkeit, einander zu hören - ein oft tödlicher Defekt. Die größte Bedrohung für Fische und Meeressäuger seien jedoch die Fischer, sagte Petra Deimer: Hunderdtausende von Fischen verenden jedes Jahr als so genannter Beifang in den Netzen. Der Schweinswal sei deswegen in der Ostsee vom Aussterben bedroht. Deimer forderte, ganze Gebiete für den Fischfang zu sperren und schlicht weniger Fische zu fangen:
Die Fischerei ist in der ganzen Welt nicht nachhaltig. Wir können nicht fischen, was wir fangen können. Die Subventionen sind schuld, weil es sich für Fischer auch lohnt rauszufahren, auch wenn sie mit ganz wenig Fisch zurückkommen. Es wird zu viel gefischt, die meisten Fische werden schon gefischt, bevor sie geschlechtsreif sind. Wo soll denn da der Nachwuchs herkommen?
Auf eine bisher kaum beachtete Nutzung des Meeres machte Onno Groß, Meeresbiologe von Deepwave aufmerksam, einer Initiative zum Schutz der Hoch- und Tiefsee. Obwohl es an Land große ungenutzte Vorräte gebe, werde in Nord- und Ostsee immer mehr Sand und Kies abgebaut. Eine Hand voll Unternehmen habe sich umfassende Rechte gesichert und darf in zum Teil ökologisch hoch sensiblen Gebieten den kompletten Meeresboden absaugen. Beispielsweise wird eine Hamburger Firma 40 km westlich von Sylt jedes Jahr 1 Millionen Tonnen Sand und Kies fördern - das füllt einen Güterzug von Hamburg bis München und zurück. In nächsten 50 Jahren werden nur in diesem Gebiet vor Sylt 25.000 Fußballfelder Meeresboden abgesaugt, sagte Onno Groß von Deepwave - und Meeresboden ist nicht nur Sand:
Es sind Millionen von Tieren, auch seltene Tiere, es ist ein Abbau der obersten Schicht des Meeresbodens von 2 bis 3 Meter Tiefe, es ist Fischlaich, Meeressäuger wie Schweinswale betroffen. Insofern ist es ein gewaltiger Eingriff in das Ökosystem der Nordsee und sollte eigentlich verboten werden.
Einig waren sich die Meeres-Experten, dass die Europäische Union wichtige Schritte zum Schutz der Nord- und Ostsee unternommen hat. Mit der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, die den Lebensraum Europa nachhaltig schützen soll, habe die EU eine zentrale Grundlage auch zum Schutz der Meere gelegt. Auch das EU-Programm Natura 2000 wurde gelobt. Alle EU-Staaten müssen danach mindestens 10 Prozent ihrer Hoheitsgewässer als Schutzgebiete ausweisen. Deutschland hat das als erstes Land gerade getan. Onno Groß, Meeresbiologe von Deepwave, bemängelte jedoch, in Brüsseler Fischerei- und Umweltpolitik gegensätzliche Ziele verfolgen. Der Umweltschutz müsse zu oft hinter die wirtschaftlichen Interessen der Fischereiländer zurücktreten. So seien Schleppnetze erst 2008 verboten - für viele Schweinswale das Todesurteil. EU-Richtlinien müssten viel stärker auf eine nachhaltige Bewirtschaftung der Meere abzielen:
Wenn wir das nicht tun, dann überrennt uns die Problematik, durch Fischerei, Klimawandel, zunehmende Nutzung, man denke an die Offshore-Windkraftanlagen und zunehmende Schifffahrt, und wir sind nicht mehr in der Lage, diese Artenvielfalt in den europäischen Gewässern zu bewahren.
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