Nancy Holm ist realistisch. Die Leiterin des Projektes "Save the North Sea" weiß genau, dass die vergangenen drei Jahre nur ein Anfang waren. Der Weg zu sauberen Meeren - in Europa ebenso wie in anderen Teilen der Welt - ist noch weit. Und dennoch wirkt Nancy Holm zufrieden.
Viele Umweltprojekte sind lediglich eine Ansammlung von Konferenzen. Wir dagegen haben mit Fischern kooperiert, die Abfall eingesammelt haben, wir haben Schulungen organisiert, mit Kindern und Schulen zusammengearbeitet, und vieles mehr. Die meisten Menschen waren sich des Abfall-Problems auf den Meeren bislang nicht bewusst. Öl, Luftverschmutzung, Klimaänderungen - das alles sind Themen, aber der Müll? Ich denke, hier haben wir durch unseren pragmatischen und wirklichkeitsnahen Ansatz eine Menge erreicht.
Ob Reedereien, Fischerverbände, Ölfirmen oder staatliche Institutionen - die Liste der Organisationen, die das Ziel von "Save the North Sea" unterstützen, ist lang. Nur 15 Prozent des gesamten Mülls, der in den Meeren landet, schwimmen auf der Wasseroberfläche, die gleiche Menge erreicht die Strände, der Rest sinkt auf den Grund. Bis zu 250 Jahre dauert es, bis Aluminium sich zersetzt hat, bei Plastik sind es noch einmal zwei Jahrhunderte mehr. Jedes Jahr verenden 100.000 Meeressäuger weltweit infolge von Müll. Hinzu kommen etwa eine Million Vögel, so der an dem Projekt beteiligte niederländische Vogelkundler, Jan van Franeker:
Im Jahr 2000 hatte eine Seemöwe in Holland durchschnittlich 0,6 Gramm Plastik im Magen. Das klingt nicht nach viel, doch wenn sie diese Menge auf den Menschen übertragen, entspricht das 60 Gramm pro Person, was volumenmäßig wiederum der Größe einer Stullendose entspricht. Und das ist der Durchschnitt. Es gibt Vögel, die haben zwischen zehn und zwanzig Gramm im Magen. Beim Menschen wären das zwischen ein und zwei Kilos.
Neun von zehn Seevögeln haben Plastikbestandteile im Magen, doch haben die Nordseeanrainerstaaten erhebliche Unterschiede festgestellt. Sind in den Beneluxländern 98 Prozent aller Vögel betroffen, liegt dieser Wert in Schottland um zehn Prozentpunkte niedriger.
Für diese Unterschiede gibt es nur eine Erklärung. Die ganze Nordsee-Region - und gerade Schottland und die Shetland-Inseln - werden gleichermaßen vom Golf-Strom mit Wasser gespeist. Wir können also nicht Zentralamerika oder jemand anderen für die Verschmutzung unserer Gewässer verantwortlich machen. Die speist sich aus lokalen Quellen und es ist liegt ganz eindeutig in unserer Verantwortung, dies zu ändern.
Kooperation, und nicht Konfrontation - das war das Ziel von "Save the North Sea". Immer wieder wurde versucht, die Neben- und Langzeitkosten der Müllverschmutzung aufzuzeigen, nicht zuletzt für die Verursacher selbst. Viele Regionen, die beispielsweise von der Fischerei leben, sind gleichzeitig abhängig vom Tourismus. Durchschnittlich zwei Stunden die Woche verbringt ein Fischer mit dem abfallbedingten Reinigen und Ausbessern seiner Netze - pro Jahr immerhin drei Wochen. Doch reicht die Änderung des Bewusstseins aus? Bedarf es nicht vielmehr strengerer Gesetze und einer gründlicheren Überwachung? Bob van Dessel, Leiter der ebenfalls an dem Projekt beteiligten Pro Sea Foundation aus Holland:
In einer perfekten Welt wäre die Änderung des Bewusstseins ausreichend, doch leben wir bekanntermaßen nicht in einer perfekten Welt. Andererseits: Nur gesetzliche Vorschriften helfen auch nicht. Tatsache ist ja, dass das geltende Recht eindeutiger nicht sein könnte: Man darf keinen Abfall über Bord werfen - niemals und nirgendwo. Das heißt: der gesetzliche Rahmen existiert, doch egal in welcher Versammlung von Seeleuten sie fragen, ob jemand in den letzten sechs Monaten Abfall über Bord geworfen hat oder werfen musste, stets heben drei von vier Leuten den Finger.
Der Weg zu sauberen Meeren ist noch weit. Darüber herrscht unter den Beteiligten kein Zweifel. Ein Anfang allerdings - der wurde in den vergangenen drei Jahren immerhin gemacht. Zumindest in manchen Köpfen.
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