Heute vor 30 Jahren besetzte die einheimische Bevölkerung das Gelände des geplanten Atomkraftwerks im Wyhler Wald. Mit Erfolg. Der Bau des AKW wurde auf Dauer verhindert. Alleine schon das wäre Grund genug für ein großes Fest, frohlockt die Wyhler Bürgerinitiative heute. Aber das sei noch nicht alles: Vor Wyhl gab es den erfolgreichen grenzüberschreitenden Widerstand gegen das geplante AKW in Breisach und die erfolgreiche Bauplatzbesetzung gegen das Bleichemiewerk im elsässischen Marckolsheim. Hätten sich damals Badener, Elsässer und Schweizer, Frauen und Männer, Jung und Alt, Städter und Landbewohner nicht gemeinsam engagiert, - so die Bürgerinitiative - dann wären in den letzten dreißig Jahren über 300 Tonnen Blei auf den Kaiserstuhl und das elsässische Ried niedergegangen und die verschiedenen Reaktoren hätten die Umgebung und den Rhein radioaktiv belastet. Heute feiern die Bewohner der Region gemeinsam den damals errungenen Sieg - mit vielen Gästen, teilweise aus dem Ausland.
Grenzlandballade: Im Badisch Land, im Elsass Land / herrscht heute großer Jammer. /Es sind der Rhein und unser Wald / und die Felder unter'm Hammer.
Auf beiden Seiten des Rheins sind die Bürger in Aufruhr. Wo gerade der Winterweizen keimt, sie gestern noch ihre Reben geschnitten haben, am Fuße dieses idyllischen Kaiserstuhls wollen ferne Konzerne ihre Fabriken errichten. Das Wort vom Ruhrgebiet am Oberrhein macht die Runde. Man sorgt sich um die eigene Gesundheit, sieht aber auch den Wein in Gefahr. Durch Klimaveränderungen und: Strahlenbelastung. In Wyhl soll ein Atomkraftwerk entstehen:
Mir sind zerschtmol informiert worde in Brisach im Banhof, und zwar do het e Kolleg von mir gsait, du do isch e Informationsveranstaltung, un de Doktor Biehler het do ruskriegt, das usserhalb Rottwiehl kummt a Atomkraftwerk h. Ich heb nimmi recht schloofe kenne selli Nacht. Do mün mir uff 'd Barrikade, unsere Existenz ist unmittelbar bedroht.
Man krempelt die Ärmel hoch und sammelt 65.000 Unterschriften innerhalb weniger Tage. Das macht Mut:
Grenzlandballade: Die Bauern sind jetzt aufgewacht / und die Arbeiter und die Studenten / und tausend Frauen schlugen Alarm: /
Wir müssen das Übel abwenden.
Wir gehen nach Hause, wir rüsten uns zum Platz-besetzen in Wyhl.
Unbescholtene, ruhige Bürger proben den Aufstand. Ein Aufstand gegen die Obrigkeit in Stuttgart, Bonn und: Paris. Ideal: der alemannische Dialekt. Im Rheintal zwischen Schweizer Jura, Vogesen und Schwarzwald versteht man sich über Staatengrenzen hinweg, Parole: Verteidigung der Heimat:
Wir fordern Sie zum letzten Mal auf...
Des isch jo e Schande...
Polizei, raus aus Wyhl...
Grenzlandballade: Sie fuhren Wasserwerfer auf, / sie hetzten ihre Köter, / sie zogen ihren Stacheldraht - / doch wir lachten drei Tage später.
Sie lachen tatsächlich, am Sonntag, dem 23.Februar 1975. 30.000 Menschen besetzten den Bauplatz des geplanten AKW Wyhl, eine Besetzung, die andauern sollte. Man verpflichtet sich streng der Gewaltlosigkeit, aber mindestens ebenso der Entschlossenheit. Ausdruck dessen: Das auf dem Bauplatz errichtete Freundschaftshaus. Hier wird in den kommenden Monaten diskutiert und geplant, werden anarchoregionalistische Utopien gesponnen aber auch ganz konkret der Grundstein für das gelegt, was heute als Umweltbewegung gilt.
Die Landesregierung unter Ministerpräsident Hans Filbinger aber hofft, dass sich die Besetzer zurückziehen:
Zweifellos ist es zu einer gewissen Solidarisierung an Ort und Stelle gekommen, und wir wollen den besonnenen Kräften unserer Bevölkerung die Möglichkeit geben, hier sich wieder herauszufinden, ich habe niemals unsere Bürger in einen Topf geworfen mit den Extremisten und den Kommunisten, denen es nicht geht um den Umweltschutz, sondern die in erster Linie gegen unseren Staat angehen wollen.
Im Sommer 1975 beginnen Verhandlungen, das Ergebnis: Gebaut wird nicht, die Besetzung des Bauplatzes in Wyhl wird beendet, es gibt keine Strafanzeigen gegen die Aktivisten. Und heute? Wein und Weizen wachsen dennoch nicht auf dem Bauplatz: Er ist mittlerweile zum Naturschutzgebiet erklärt worden.
Mehr zur Sendung:
Beiträge zum Nachhören
Umwelt und Verbraucher
Bahnreform - Was der Wettbewerb auf der Schiene gebracht hat
Sendezeit: 25.05.2012, 11:50
Keine irreführende Werbung mehr - EU schaftt Gesundheitsangaben für Lebensmitte
Sendezeit: 25.05.2012, 11:47
Urteil in Neuseeland - Kapitän und Steuermann der Rena verurteilt
Sendezeit: 25.05.2012, 11:46
dradio-Recorder
im Beta-Test: