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04.03.2005
Nach dem Zyanid-Unglück von Baia Mare: tote Fische am Ufer der Theiss (Bild: AP Archiv) Nach dem Zyanid-Unglück von Baia Mare: tote Fische am Ufer der Theiss (Bild: AP Archiv)

Immer noch gefährlich?

Der Goldabbau in Rumänien fünf Jahre nach dem Zyanid-Unglück von Baia Mare

Von Thomas Wagner

Anfang 2000 sorgte die rumänische Bergwerk-Stadt Baia Mare europaweit für Negativ-Schlagzeilen: Nach heftigen Regenfällen und Tauwetter brach der Damm eines Zyanid-Auffangbeckens, das mit einer Goldmine verbunden war. Folge: Über 100.000 Kubikmeter zyanidverseuchten Wassers gelangten in die Flüsse Somes, Theiss und schließlich in die Donau. Fünf Jahre nach dem Unfall, ist es ruhig geworden um Baia Mare - und das, obwohl die Unglücks-Goldmine immer noch in Betrieb ist.

Schlagloch reiht sich an Schlagloch. Man benötigt schon einen Geländewagen, um von der Fabrik "Transgold" am Stadtrand von Baia Mare zu jenem Ort zu gelangen, auf den vor fünf Jahren ganz Europa blickte.

"Wir sind auf dem Weg zum Auffangbecken Aurul. Das liegt etwa viereinhalb Kilometer von der Fabrik entfernt", erklärt Benoniu Muntean, Produktionsleiter bei "Transgold" Baia Mare. Das Unternehmen, das sich mehrheitlich in australischem Besitz befindet, wäscht aus den Gesteinsvorkommen rings um Baia Mare mineralisiertes Gold aus - ein rentables Geschäft. Nur: Dazu ist Zyanid notwendig - Zyanid, das das Unternehmen nach dem Auswaschprozess in das Auffangbecken "Aurul" pumpt. Das sieht aus wie ein kleiner, 90 Hektar großer See. Doch statt auf klares Wassers blicken die Besucher von dem hohen Damm auf eine metallisch glänzende Brühe - Zyanid, in Wasser gelöst.

Gleich da drüben hat sich damals dieser Unfall ereignet. Da ist der Damm gebrochen, und das Wasser mit dem Zyanid drin lief aus und gelangte dann in den nächsten Fluss.

Damit nahm das Unglück vor fünf Jahren seinen Lauf: Alleine in Ungarn sollen über 100.000 Tonnen tote, zyanidverseuchte Fische aus der Theiss geborgen worden sein. Zum Teil brach die Trinkwasserversorgung in den Städten entlang der Flüsse sowohl in Ungarn als auch in Serbien und in Rumänien zusammen. Die damalige EU-Umweltkommissarin Margot Wallström besuchte persönlich den Unglücksort; eine eigene "Task-Force" wurde gebildet, die sofortige Verbesserungen angemahnt hat.
Und heute? Heute ist es still geworden um die Goldmine "Aurul", die die Eigentümer zwischenzeitlich in "Transgold" umbenannt haben. Immerhin habe man einiges investiert in Sicherheitstechnik. Ein Unglück wie damals, vor fünf Jahren, könne sich heute nicht mehr ereignen, meint "Transgold"-Manager Benoniu Muntean:

Wir haben zwei Kläranlagen gebaut, die aus dem Becken ablaufendes Zyanid-Wasser perfekt reinigen. Damit können wir, wenn es wieder mal so außerordentlich stark regnet, den Wasserstand im Becken absenken. Außerdem gibt es einen Notabfluss und ein Reservebecken unterhalb des damaligen Unglücksbeckens. Das heißt: Wenn das überläuft wie damals, gelangt die Brühe nicht mehr in irgendeinen Fluss, sondern einzig und alleine in dieses Reservebecken.

Dieses Sicherheitssystem erscheint selbst den kritischsten Beobachtern schlüssig. Annamaria Bogdan vom Rumänien-Büro der Umweltschutzorganisation Greenpeace:

Der Betrieb ist wirklich viel sicherer geworden. Auch wir würden unter diesen Bedingungen ein Unglück wie das vor fünf Jahren ausschließen. Dennoch macht uns etwas Grundsätzliches weiterhin Sorgen: Zum Goldabbau verwendet man immer noch Zyanid.

Das aber hat seinen Grund: Denn der Anteil des Goldes in den Gesteinsvorkommen rings um Baia Mare liegt zwischen zwei und fünf Prozent. Die Goldgewinnung, sagen Fachleute, mache daher nur mit dem Zyanidverfahren Sinn. Das aber erfordert oberirdische Rückhaltebecken wie das von "Transgold". 16 solcher Becken gibt es alleine rings um Baia Mare- trotz aller Sicherheitsvorkehrungen tickende Öko-Zeitbomben, findet Greenpeace-Mitarbeiterin Annamaria Bogdan:

Also eigentlich müsste man damit ganz aufhören mit dieser Form des Goldabbaus - das ist unsere Meinung. Wenn Goldabbau, dann mit umweltverträglicheren Methoden.

Die, sagen die Fachleute, gibt es nicht. Und im Zweifelsfall lockt das Geschäft mit dem Gold. So plant ein kanadischer Investor hundert von Kilometern von Baia Mare entfernt, in der kleinen rumänischen Gemeinde Rosia Montana, das größte europäische Goldbergwerk im Tagebau. Ganze Dörfer müssten dazu umgepflügt und Gebirgszüge aufgebrochen werden - ein gigantischer Eingriff in die Umwelt. Vor allem aber soll auch in Rosia Montana, wie in Baia Mare, das Zyanid-Verfahren zum Zuge kommen. Und das lässt bei Greenpeace-Sprecherin Annamaria Bogdan alle Alarmglocken schrillen:

Rosia Montana funktioniert vom Verfahren her ähnlich, nur in weitaus größerem Umfang, was die Abbaumengen anbelangt. Und das bedeutet auch: Die Risiken sind viel größer.

Noch ist das Projekt Rosia Montana nicht genehmigt. Das Nachbarland Ungarn hat vorsorglich schon mal größte Bedenken angemeldet - und die kommen nicht von ungefähr. Denn vor allem ungarische Fischer haben die Unglücks-Goldmine in Baia Mare auf Schadensersatz verklagt - und dabei schlechte Erfahrungen gemacht. Transgold-Manager Benoniu Muntean:


Ja, ich weiß, diese Prozesse sind ja immer noch im Gang. Transgold hat bis zum heutigen Tag absolut nichts an Schadenersatz bezahlt. Weil das Verfahren noch läuft, kann ich dazu auch nicht mehr sagen.

Immerhin hat sich eine Befürchtung, die Umweltschützer gleich nach dem Unfall von Baia Mare hegten, nicht erfüllt: Seinerzeit war davon die Rede, das Zyanid könne die Flüsse auf Jahre und Jahrzehnte hinaus verseuchen, alles Leben abtöten. Selbst Greenpeace gesteht ein, dass Fauna und Flora in den betroffenen Gewässern heute weitgehend in Ordnung sind - abgesehen mal von den zahlreichen Schwermetallen, die täglich von den Minenbetrieben ins Wasser gelangen - und das, obwohl Rumänien als EU-Beitrittskandidat westeuropäische Umweltstandards akzeptiert hat und diese in den nächsten Jahren auch Zug um Zug umsetzen muss. Allerdings achten die Menschen in einem Schwellenland wie Rumänien zunächst einmal auf wirtschaftliche Erfolge; ökologische Anforderungen müssen sich dem häufig unterordnen. Viorica Pirja, für den Umweltschutz engagierte Journalistin aus Baia Mare:

In jeder Familie hier in Baia Mare gibt es wenigstens einen, der in einem Minenbetrieb arbeitet. Und wenn ich dann sage: He, das, was Ihr da tut, verschmutzt die Umwelt, dann schauen die mich ziemlich verständnislos an. Sie wollen eben am nächsten Tag noch ihr Brot auf dem Tisch haben - Umweltverschmutzung hin oder her.


 
 

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