Bis zu 80 Prozent der landwirtschaftlichen Kulturen hängen mehr oder weniger davon ab, dass sie regelmäßig durch Bienen bestäubt werden. Doch das ist längst nicht mehr überall gesichert: Die Zahl der Imker in Deutschland sinkt kontinuierlich, und die verbliebenen Bienenvölker leiden unter einer immer eintönigeren und blütenärmeren Landschaft. Das 100jährige Bestehen des Deutschen Imkerbundes ist deshalb nicht nur Anlass für idyllische Rück- und Ausblicke.
Es ist ein Verband, der sich in Deutschland zu mehr als der Hälfte aus Menschen zusammensetzt, die die Imkerei als Hobby begreifen. 84.000 Mitglieder hat der Deutsche Imkerbund. Die Anzahl der Berufsimker ist überschaubar, vielleicht rund zwei Dutzend, sagte man heute Vormittag in Berlin, könnten davon leben. Somit steht vor allem die Nachwuchsgewinnung im Vordergrund des Imkerverbandes, der Mitgliederstand geht von Jahr zu Jahr etwas zurück, und das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt derzeit bei über 60 Jahren. Das ist also sicherlich ein Schwerpunkt für die kommenden Jahre. 100 Jahre Imkerbund - da hat sich im Laufe der Zeit vieles geändert, sagt Anton Reck, der Präsident des Deutschen Imkerbundes:
Unterschiede gibt es viele. So ist der Bestand an Bienenvölkern seit der Nachkriegszeit erheblich zurückgegangen. Der Bestand hat sich seit 1948 bis heute ungefähr halbiert. Insofern ist auch die volkswirtschaftliche Leistung der Branche vermindert worden. Andererseits haben wir durch züchterische Maßnahmen den Fleiß der Bienenvölker steigern können, so dass sich dies alles per Saldo nicht so dramatisch auswirkt.
Generell aber gelte: Die Leistung, die die Honigbienen mit der Bestäubung für einen intakten Naturhaushalt vollbringen, das sei eine unschätzbare Leistung. Kümmern muss man sich um vieles - derzeit stehen auch viele politische Fragen auf der Agenda. So bereitet die grüne Gentechnik dem Verband Sorgen. Ein Nebeneinander von gentechnikfreien und gentechnisch veränderten Kulturen sei hier eigentlich gar nicht möglich, sagt Präsident Reck:
Insbesondere dadurch, dass der Bienenflug nicht kontrollierbar ist. Wir wissen, dass Bienen einen Radius von rund 3 Kilometern um ihre Behausung fliegen. Somit sind sämtliche Abstandsregelungen, die derzeit diskutiert werden, recht bedeutungslos. Wir sagen, dass die im Gesetz niedergeschriebene Koexistenz auf die Imkerei nicht zutrifft.
Zumindest aber sei mit dem Entwurf für ein Gentechnik-Gesetz in Deutschland geregelt, dass Imker nicht haftbar gemacht werden können, wenn es zu Verunreinigungen durch die Gentechnik komme. Da aber große Teile der Bevölkerung die Gentechnik in Lebensmitteln ablehnen, hat der Verband aber große Befürchtungen für den künftigen Absatz der Bienenprodukte. Ebenfalls ein Problem derzeit - der Blick in die USA. Dort wird ein Bienenmassensterben registriert. So könnten bis zu 40 Prozent der dortigen Populationen betroffen sein. Peter Rosenkranz sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Imkerbundes, er lehrt an der Universität in Hohenheim. Die Gründe für das Massensterben seien vielschichtig:
Das sind an erster Stelle Bienenkrankheiten. Auch Krankheiten, über die wir Bescheid wissen - beispielsweise verursacht durch Milben. Das können auch neue Erreger im Bereich der Darmparasiten sein. An zweiter Stelle steht der Pflanzenschutz, in den USA wird sehr viel bestäubt. Hier kann man nicht ausschließen, dass durch Veränderungen in der Praxis vielleicht Schäden auftreten. Drittens kann es auch mit dem dortigen Management zusammenhängen. Es ist eine sehr intensive Bewirtschaftung, Bienenvölker werden über große Strecken transportiert, die müssen dazwischen gefüttert werden etc.
In Europa habe es übrigens vor vier Jahren ein ähnliches Massensterben bei den Bienen gegeben - eine endgültige Aufklärung der Gründe ist aber naturgemäß sehr schwierig.
Und natürlich spielen bei diesem Jubiläum auch künftige Entwicklungen eine Rolle. Der Klimawandel beispielsweise - Peter Rosenkranz hält sich berufsbedingt mit Prognosen eher zurück - in dieser Frage aber sei er sicher:
Der Mensch wird deutlich früher Probleme bekommen als die Biene. Bienen fühlen sich sehr wohl in den Tropen, selbst in Wüstengebieten findet man sehr viele Bienenarten - mehr wilde Bienenvölker als bei uns. Das heißt, der Verbreitungsgrad wird wohl weiter nach Norden gehen, vielleicht werden wir sogar Richtung Nordkap mehr Bienenvölker haben. Die Biene wird sich also anpassen, die wird mit dem Klimawandel kein Problem haben.
100 Jahre Imkerbund. Ein Jubiläum mit vielen Unwägbarkeiten bei den Aussichten für die kommenden Jahre.
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