Stadtbauern hat es in New York schon immer gegeben. Heute sind es vor allem Alternative, Künstler und Schulen, die in kleinen Schrebergärten ihre eigenen Lebensmittel anbauen. Einem Professor an der New Yorker Columbia University geht das alles nicht weit genug. Er hat jetzt konkrete Pläne vorgelegt, um die Wolkenkratzer der Stadt in "vertikale Bio-Farmen" umzuwandeln - und das schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren.
Mein Großvater war einer der letzten Garnelenfischer, seufzt Dickson Despommier, wenn man ihn auf den Klimawandel anspricht. Der Professor kommt aus New Orleans. Schon lange vor dem Katastrophensturm Katrina hat er dort mit ansehen müssen, wie sintflutartige Regenfälle nach und nach die Küstengewässer geleert haben. Für Despommier steht fest: Schuld an all dem ist der Treibhauseffekt.
Wenn wir diesen Zyklus brechen wollen, genügt es nicht, nur auf alternativen Energien umzusatteln. Al Gore sagt in seinem Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" zurecht: Pflanzt Bäume! Es würde schon ausreichen, wenn wir die Felder und Weiden in fünf US-Bundesstaaten wieder in Wälder verwandeln, um den CO2-Ausstoß signifikant zu verringern.
Leichter gesagt als getan. Die Demographen schätzen, dass die Erdbevölkerung bis 2050 auf insgesamt 9,2 Milliarden Menschen anschwellen wird. Um diese alle zu ernähren, bedarf es einer zusätzlichen Agrarfläche so groß wie Brasilien. So viel ist gar nicht mehr vorhanden, sagt Despommier.
Alleine New York isst schon jetzt jedes Jahr eine Landmasse, die den ganzen US-Bundesstaat Virginia einnimmt: So viel Agrarfläche brauchen wir, um die acht Millionen Einwohner dieser Stadt zu ernähren!
Vor sechs Jahren begann Despommier mit seinen Studenten an der New Yorker Columbia University nach Alternativen zu forschen. Jetzt haben sie einen konkreten Plan: Sie wollen die glitzernden Wolkenkratzer der Metropolis in "vertikale Treibhäuser der Superlative" verwandeln.
Diese Idee ist vielleicht unromantisch, aber der ökologische Nutzen liegt auf der Hand. Vertikale Farmen sind von der Außenwelt abgeschnitten, also brauchen sie weder Herbi-, noch Pestizide. Weitere Vorteile sind: Keine Kontamination von organischem durch gentechnisch manipuliertes Saatgut; keine umweltverschmutzenden Transporte, um dem Nahrungsbedarf der ständig wachsenden Stadtbevölkerungen zu sichern; keine Erntevernichtungen durch schlechtes Wetter!
Nach den Berechnungen Despommiers würde ein 30 Stockwerk hohes Stadt-Treibhaus den jährlichen Nahrungsbedarf von 50.000 Menschen sichern - wozu sonst 672 Quadratkilometer Land nötig sind. Der Professor hat mit der Hilfe von anderen Wissenschaftlern und Architekten alles bis ins Detail ausgeklügelt. Der Prototyp seiner Wolkenkratzerfarm stellt einen gläsernen Zylinderbau mit rotierenden Solarmodulen dar. Auf dem Dach befinden sich neuartige Windmühlen, die bei Stürmen bequem abgeschaltet werden können. Alles ist umweltgerecht konzipiert, und dennoch: ein rentables Unterfangen.
Die erste Hochhausfarm wird rund 100 Millionen Dollar kosten. Aber sie wirft auch mehr ab, als die herkömmlichen Agrarbetriebe. Neben der Obst- und Gemüsezucht sieht unser Konzept auch eine Kondensationsanlage vor, die den Dunst der Pflanzen in wertvolles Trinkwasser verwandeln kann. Eine Verbrennungsanlage wird außerdem dazu dienen, aus den nicht essbaren Pflanzenteilen Energie zu gewinnen! Wir haben berechnet, dass so eine Farm einen jährlichen Nettogewinn von 10 Millionen Dollar abwerfen wird.
Was sich anhört wie eine gewagte Zukunftsvision, ist bereits ein ernstes Geschäft. Risikokapitalgeber von Kalifornien bis Dubai haben Interesse an dem Projekt bekundet. Auch die UNO ist hellhörig geworden. Sie hat Despommier eingeladen, seine Wolkenkratzerfarm demnächst in ihrem New Yorker Hauptquartier vorzustellen.
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