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27.08.2007
Bio-Kartoffeln müssen nicht aus Deutschland stammen. (Bild: AP) Bio-Kartoffeln müssen nicht aus Deutschland stammen. (Bild: AP)

Öko global

Bioprodukte kommen aus aller Welt nach Deutschland

Von Ludger Fittkau

Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz mit Öko-Lebensmitteln in Deutschland um 16 Prozent. Die nach ökologischen Kriterien bewirtschaftete Fläche wuchs dagegen um nicht einmal 3 Prozent. Die Lücke füllen Lebensmittel aus dem Ausland. Eigentlich ist das ein Widerspruch zur Idee des ökologischen Landbaus, der vor allem auf Produkte aus der Region setzt.

Zünftige Begrüßung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des internationalen Kongresses der Biobauern in Schwäbisch-Hall. Bevor das Treffen richtig losgeht, mischen sich die Gäste aus aller Welt unter mehr als 4000 Menschen aus dem Hohenlohischen bei einem Volksfest auf dem Sonnenhof, einem Bio-Betrieb in Wolpertshausen. Hier hat die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall ihren Sitz. Vandana Shiva, die alternative Nobelpreisträgerin aus Indien, zeigt sich begeistert:

"Um eine wirkliche Lösung zu bieten, muss die Produktion biologischer Erzeugnisse kombiniert werden mit erneuerten lokalen Strukturen. Und deshalb ist es so schön, dass wir hier auf dem Fest eines örtlichen Bauernhofes sein dürfen. Hier kommt die Idee der ökologischen Landwirtschaft gut zum Ausdruck, nicht indem Bioprodukte Tausende von Meilen zu einem anonymen Supermarkt transportiert werden."

Vandana Shiva kommt viel herum. Doch sie muss nicht lange überlegen, wenn man sie fragt, wo sie im Augenblick die Avantgarde des ökologischen Landbaus sieht:

"Ich glaube, Italien ist besonders interessant, weil man dort das Lebensmittelsystem demokratisiert hat und dies mit Qualitätserzeugnissen einschließlich der Bioprodukte verbunden hat. Qualität heißt in Italien, die speziellen Güter jeder Region neu entdeckt zu haben. In Italien basiert die Bewegung des biologischen Landbaus auf der Idee, die Diversität der Regionen zu zelebrieren und auch das Lokale und das Besondere aufs Neue zu feiern. Und es sind staatliche Institutionen, die dies unterstützen, es ist eben nicht nur die Sache einzelner Farmer. Wir sind hier auf einem Bauernhof, eine lokale Vereinigung macht hier die Arbeit, in Italien ist es eine Regionalregierung."

Gerald Herrmann, der deutsche Präsident der Weltorganisation der Biobauern, kann der indischen Öko-Frontfrau nur zustimmen:

"Die Italiener haben es wirklich verstanden, ihre eigene Kultur zu bewahren und ihrer eigenen Kultur einen Wert zu geben. Landestypische Produkte, traditionelle Produkte, Öko-Produkte und traditionell- geografische Herkünfte, das ist einfach italienscher Flair. Und die haben das verstanden, das für sich selbst zu kultivieren, aber auch in die Welt zu exportieren."

15 Prozent Zuwachs für den Biolandbau jährlich - diese Wachstumsraten sind international allerdings sehr ungleich verteilt. In Deutschland sind es drei Prozent, doch die eigentlichen Sorgenkinder in Sachen Öko-Landwirtschaft sind weiter im Osten zu finden. Gerald Herrmann:

"Russland und die Ganzen An-Länder Aserbaidschan, Usbekistan und so weiter. Das ist eigentlich eine Region in der Welt, wo sich nach wie vor herzlich wenig tut im Ökolandbau. Während Afrika, ist zwar ein Sorgenkontinent insgesamt, aber was den Ökolandbau anbelangt, sind sie zum Teil sehr stark, es gibt sehr gute Projekte und sehr gute Initiativen, auch sehr erfolgreiche, marktfähige Produkte. Lateinamerika hat sich sehr, sehr gut entwickelt in den letzten zehn Jahren, Brasilien ist unheimlich stark geworden, Chile, Argentinien. China ist stark als Rohwarenland. Indien ist noch so ein bisschen an der Kippe, aber hat einen stark sich entwickelnden Inlandsmarkt. Also ich würde wirklich sagen, Osteuropa ist zurzeit am Schwächsten in der Welt."

Da könnten die Osteuropäer dann doch ein Vorbild im Hohenlohischen finden - auf dem Sonnenhof von Rudolf Bühler zum Beispiel. Seine Spezialität: die Zucht des schwäbisch-hällischen Landschweins:

"Schauen sie, unseren Hof hier im Hohenlohischen, den gibt es seit 1380. Ich bin jetzt die 14. Generation, die den Hof bewirtschaftet, bis 1970, also all die Jahrhunderte waren wir ja ökologisch. Und dann waren wir nur 20 Jahre mit dieser verflixten Chemie, und seither sind wir wieder sauber."

Sauber werden - das sollten künftig eigentlich wieder alle Bauern, überall. Davon träumen der Weltverband der Biobauern und ihr Präsident Gerald Hermann. Aber die Produzenten müssen auch international finanzielle Hilfen zur Umstellung bekommen, so seine Forderung:

"Wir wollen nicht elitär sein, und genauso wenig wollen wir elitär für Bauern sein, und wir wollen 100 Prozent Ökolandbau. Ich weiß, da sagt jeder, was ist denn das für ein Idiot? Frau Künast ist gescholten worden für 20 Prozent, ich sage 100 Prozent. Aber 100 Prozent geht nur, wenn wir jedem eine faire Chance geben, insofern: Ich sage: Herzlich willkommen!"

Renate Künast hat sich übrigens für heute auf dem Kongress in Schwäbisch Hall angesagt. Dieses Heimspiel will sich die ehemalige grüne Landwirtschaftsministerin dann doch nicht nehmen lassen.


 
 

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