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17.05.2013
Wenn die Bundesregierung nicht den Schutz verstärke, drohe die nächste Krise noch viel schlimmer zu werden als die jetzige, fürchtet Thomas Fricke.  (Bild: AP) Wenn die Bundesregierung nicht den Schutz verstärke, drohe die nächste Krise noch viel schlimmer zu werden als die jetzige, fürchtet Thomas Fricke. (Bild: AP)

Trennbankengesetz als Mittel gegen Krise "weit überschätzt"

Ökonom Thomas Fricke kritisiert Maßnahmen der Bundesregierung gegen künftige Krisen

Thomas Fricke im Gespräch mit Sina Fröhndrich

Das vom Bundestag verabschiedete Trennbankengesetz biete keinen Schutz vor künftigen Krisen, es begrenze nur die Schäden, meint Autor und Ökonom Thomas Fricke. Statt bei den Symptomen müsse die Bundesregierung "vielmehr bei den Ursachen der Finanzmarktturbolenzen ansetzen", um Krisen vorzubeugen.

Sina Fröhndrich: Während die Spitzenkandidaten in Berlin ins Kreuzverhör genommen wurden, hat sich der benachbarte Bundestag mit den Lehren aus der Finanzkrise beschäftigt. Erst gestern hatten die Abgeordneten beschlossen, dass die Banken künftig mehr Eigenkapital vorhalten müssen. Heute nun haben sie das sogenannte Trennbankengesetz verabschiedet.

Und wie die neuen Regeln einzuschätzen sind, darüber habe ich mit dem Ökonom und Buchautor Thomas Fricke gesprochen. Getrennte Geschäfte, das soll die Sparer schützen, dass nicht mit ihrem Geld spekuliert wird. Das ist doch eine gute Nachricht, oder?

Thomas Fricke: Ja, für die Sparer ist es an sich eine gute Nachricht, wenn man eine Situation antizipiert, in der die nächste Krise ausbricht und dann möglichst wenig Schäden auf den normalen Sparer quasi abgeladen werden sollen. Dann ist es gut, diese beiden Geschäfte voneinander zu trennen.

Man muss allerdings auch dazu sagen, dass das an sich nur die Schäden einer Krise im Grunde genommen begrenzt. Das viel Sinnvollere wäre natürlich, das Entstehen der Krise von vornherein zu verhindern.

Fröhndrich: Und das heißt, das kann ein Trennbankensystem eher nicht, höre ich da heraus?

Fricke: Das Trennbankensystem gilt als etwas, was sehr effizient ist gegen Krisen. Aber wenn man genauer hinguckt, historisch gesehen und im internationalen Vergleich, dann ist es so, dass in Trennbankensystemen genauso schwerwiegende Krisen stattgefunden haben. Das treffendste Beispiel ist Japan. Dort hat es nach dem Platzen der Immobilienblase eine der schlimmsten Finanzkrisen, die sich bis heute im Grunde genommen hinzieht, gegeben.

Die Amerikaner haben in der ganzen Zeit in den letzten Jahrzehnten ein relativ striktes Trennbankensystem gehabt. Das ist zwar etwas aufgelöst worden, aber im Grunde genommen nach wie vor da gewesen, und trotzdem hat es diese aktuellen Krisen gegeben. Mir scheint dieses Trennbankensystem als Mittel gegen Krisen doch weit überschätzt.

Fröhndrich: Das heißt, welche Schlussfolgerung ziehen Sie?

Fricke: Man müsste vielmehr bei den Ursachen der Finanzmarktturbolenzen ansetzen, und die liegen nach meiner Einschätzung viel stärker darin, dass einfach Finanzmärkte und Menschen ganz grundsätzlich sehr stark dahin tendieren, sich in Euphorie und Panik zu steigern. Das sind Wellenbewegungen, die man in jeder dieser Finanzkrisen immer wieder beobachten kann, und die gibt es, ob es nun Trennbanken sind oder nicht Trennbanken sind. Da muss man Mechanismen finden, mit denen man diese Euphoriewellen möglichst automatisch stoppt.

Fröhndrich: Das heißt, an welchen Mechanismus denken Sie da als Erstes?

Fricke: Es gibt schon einige Überlegungen. Es gibt auch erste Ansätze, die zum Beispiel in den internationalen Abkommen jetzt in Basel III, was jetzt auch im Bundestag Thema war, schon angedacht sind. Da geht es darum, dass man zum Beispiel die Anforderungen an Banken, sich mit Eigenkapital auszustatten, einfach je nach Lage variieren lässt. Das heißt, ganz automatisch, wenn ganz offenbar eine Kreditblase entsteht, die Eigenkapitalanforderungen automatisch anhebt.

Da gibt es Mechanismen, das ist alles noch in der Entstehung, in der gedanklichen Entstehung, aber es ist zum Beispiel in Basel auch schon angelegt, dass man solche Puffer aufbaut in den Euphoriezeiten, dass man da Bremsen einbaut. Es gab in den ruhigeren Zeiten durchaus Situationen, wo die Banken 30, 40 Prozent Eigenkapital hinterlegen mussten. In der Industrie sind Raten von 25, 30 Prozent durchaus üblich, weil man damit einfach den Hebel aussetzt, mit dem Banken bislang enorm viel Kredit aus relativ wenig Eigenkapital schaffen.

Das ist sicherlich was, was man nicht von heute auf morgen machen kann und sollte. Das ist sicherlich richtig, weil die Banken dann sagen, wenn ihr das sofort macht, dann werden darunter auch die Kredite an die Realwirtschaft, an Unternehmen, an Mittelständler und Startups leiden. Aber wenn man das mit einem mittelfristigen Programm macht und da auch ein bisschen darauf achtet, dass das vor allen Dingen die Kredite innerhalb der Finanzwirtschaft trifft, hat man, glaube ich, ein Mittel, womit man diese Bedenken beiseiteschieben kann.

Fröhndrich: Das heißt, abschließend gefragt: Das, was der Bundestag gestern und heute jeweils auf den Weg gebracht hat, das sind für Sie wahrscheinlich eher nur Tippelschritte?

Fricke: Ich glaube, dass die Bundesregierung im Moment sehr stark an Symptomen kuriert und nicht wirklich die Ursachen von Finanzkrisen angeht. Da fehlt aber, glaube ich, auch so ein bisschen die Schärfe dafür, was eigentlich diese Finanzkrisen ausmachen, und das ist schon gravierend, weil dieses Paket, was der Bundestag jetzt beschlossen hat, soll ja eigentlich uns vor künftigen Krisen schützen. Damit werden wir nicht geschützt, und das heißt, dass das Problem früher oder später wieder auftauchen wird.

Es wird die nächste Euphorie an den Märkten geben, es wird die nächste Blase geben, und es wird den nächsten Crash geben, und das Schlimme ist, dass wir dann in ein paar Jahren, wenn das passiert, möglicherweise in einer Situation sind, wo die Regierungen, wo die Notenbanken gar nicht mehr die Mittel haben, wie sie sie jetzt in den letzten Jahren noch hatten, um dagegen anzugehen. Dann haben die Notenbanken ihre Zinsen schon gegen null gesenkt, dann ist eigentlich auch nicht mehr so viel möglich, sich dagegen zu wehren, und dann droht diese Krise einfach noch viel schlimmer zu werden als die, die wir jetzt haben.

Fröhndrich: …, sagt der Ökonom Thomas Fricke. Das heute beschlossene Trennbankensystem geht ihm nicht weit genug.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


 
 

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Ist getrennt besser? Interview mit Ökonom Thomas Fricke zum Trennbankengesetz

Sendezeit: 17.05.2013 17:09

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