Aus dem Leben eines Wissenschaftsreporters
Die ersten Wochen in Washington - ein Tagebuch
Für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur wird der Wissenschaftsjournalist Arndt Reuning zum Jahresbeginn 2008 in Washington seine Arbeit aufnehmen und regelmäßig aus den USA über neue wissenschaftliche Entwicklungen und aktuelle Wissenschaftsdiskussionen berichten.
Fürs Internet hat er vorab ein Tagebuch über seine ganz privaten Eindrücke bei der Abreise, der Ankunft und während der ersten Tage in der neuen Heimat geschrieben.
Auf der Zielgeraden hat das Jahr 2007 noch mal einen ordentlichen Spurt hingelegt. Ich hatte jedenfalls in den vergangenen Tagen den Eindruck, die Zeit fliege nur so dahin. Ich war vollständig damit beschäftigt, die Termine wichtiger wissenschaftlicher Konferenzen im kommenden Jahr zusammen zustellen und interessante Themen zu suchen.
Gestern hatte mein Telefonanschluss freigeschaltet werden sollen. Aber heute ist die Leitung noch immer tot. Also versuche ich, beim Kundenzentrum zu erfahren, wo das Problem liegt.
In meiner Wohnung gibt es einen begehbaren Kleiderschrank - mit Abstand der ruhigste Ort im ganzen Apartment. Hier brummt kein Kühlschrank, hier rauscht keine Klimaanlage.
Heute bin ich der einzige Gast zur Mittagszeit in dem Sushi-Restaurant, das sich fünf Stockwerke tiefer genau unter meinem Apartment befindet. Für mich ein Tag, an dem ich durchatmen kann und einen kleinen Blick zurückwerfen.
Ich konnte es kaum glauben: In dem Supermarkt, in dem ich immer einkaufe, werden an der Kasse CDs von meinem Lieblings-Weltmusik-Pop-Label angeboten (das aus New York mit den bunten Coverbildern).
Heute Morgen finde ich eine neue E-Mail in meinem Postfach. Meine Telefongesellschaft fordert mich auf, innerhalb von 24 Stunden meine Identität nachzuweisen. Andernfalls könne der Freischalttermin für meine Telefonleitung nicht eingehalten werden. Das kommt mir irgendwie bekannt vor.
Gestern habe ich meinen Telefonanschluss bestellt - per Internetformular bei einem großen, etablierten Anbieter. Am 27. Dezember soll die Leitung freigeschaltet werden.
Mein Besuch bei Christopher Davis an der Universität von Maryland steht heute an. Von der Metrostation aus muss ich noch ein Stückchen bis zum Campus laufen. Links und rechts von der Straße stehen die Verbindungshäuser mit ihren griechischen Namen.
Kaum bin ich wieder online, schon habe ich Spam. Also jene Köstlichkeit, die aus sehr viel Fett, sehr viel Salz und ein wenig zerkleinertem Fleisch besteht. All das vermischen die Amerikaner gut miteinander, um es in Konservendosen zu füllen und später irgendwann zu verzehren.
Heute soll ich meinen Internet-Anschluss bekommen. Mit dem Anbieter hatte ich einen Termin für den Nachmittag ausgemacht. Aber der Mitarbeiter der Firma erscheint schon um elf Uhr morgens vor meiner Tür. Macht nichts, zufällig bin ich ja zu Hause.
Am Sonntagnachmittag werden die Möbel geliefert. Die Matratze muss sich zuerst noch entknautschen, der Rest muss noch zusammengeschraubt werden.
Noch immer schlafe ich auf meiner Isomatte. Das soll sich jetzt aber ändern. Heute mache ich mich auf den Weg zu einem großen schwedischen Einrichtungshaus, das in den USA sehr populär ist. Von Arlington in Virginia aus nehme ich die U-Bahn, tauche unter dem District of Columbia hindurch und komme in Maryland wieder an die Oberfläche.
Dass amerikanische Waschmaschinen technisch besonders ausgefeilt seien, kann man ihnen wohl kaum nachsagen. Sie sind robust, zugegeben, aber das war es dann auch schon. Heute werde ich das erkunden. Mein eigenes Exemplar lässt sich von oben mit der Wäsche befüllen.
Heute besorge ich mir ein Mobiltelefon, in dem Handyladen gleich gegenüber. Die Verkäuferin sieht mich ein wenig schräg an, als ich ihr sage, dass ich den Vertrag nur für ein Jahr lang brauche. Dann erkläre ich ihr, dass ich auch keine Sozialversicherungsnummer besitze. Sie mustert mich, als ob ich mich gerade von Mexiko aus über die Grenze geschlichen hätte.
Am frühen Morgen mache ich mich auf nach Rosslyn. In diesem Stadtteil von Arlington befindet sich das Büro der Social Security Administration, das für mich zuständig ist. Es ist in einem der vielen Hochhäusern untergebracht, deren verspiegelte Fassaden sich gegenseitig reflektieren. Von innen sieht das Büro aber eher schäbig aus - im wahrsten Sinne des Wortes.
Für heute stehen zwei Verabredungen auf dem Programm: In Washington werde ich mich mit dem USA-Korrespondenten des Deuschlandradios treffen, mit Klaus Remme. Mit der Metro rattere ich rüber nach Foggy Bottom, schlittere über vereiste Gehsteige und höre dazu "Blue December (In the city)" von den "Pearlfishers".
Überraschung! In meinem Badezimmer hat ein neuer Duft Einzug gehalten: Weichmacher. Dem Billig-Duschvorhang, den ich gestern bei Macy's gekauft habe, entströmt ein doch sehr aufdringlicher Geruch nach Wasserbällen und Luftmatratzen. Aber ich schätze, spätestens in einem Jahr hat sich das Zeug verflüchtigt.
Am nächsten Tag weht ein kalter, heftiger Wind durch die Straßen von Arlington. Ich stelle meinen mp3-Player auf "Eastern Standard Time" und blase mir "Eye of the storm" durch die Ohren, während ich die Gegend noch etwas weiter erkunde.
Das Frühstück verbringe ich wieder mit den Beach Boys, Nat King Cole und Burt Bacharach. Dann zahle ich meine Hotelrechnung und mache mich auf den Weg in Richtung Arlington Courthouse Plaza - um mich davon zu überzeugen, dass meine Wohnung, für die ich bereits eine Anzahlung geleistet habe, nicht nur im Internet existiert.
Am Sonntag Morgen erwache ich mit einem sehr wattigen Kopf, was bei mir allerdings nichts besonderes ist. Ich schleppe mich ins Frühstücks-Cafe des Hotels und schaufele einen Haufen Cholesterin in mich hinein.
Morgens um halb sechs bin treffe ich in Frankfurt am Flughafen ein. Ich checke ein und begebe mich auf die Suche nach dem Informationsschalter, wo ich den Weg zur Zollstelle erfahren soll. Leider ist zu dieser frühen Stunden der Schalter noch nicht besetzt.
Nachdem ich die Umzugskiste mit dem Archiv meiner Aufnahmen vergeblich nach der vermissten Kassette durchsucht und zur Sicherheit auch alle anderen Kisten durchwühlt hatte, hat mein Kollege das Band dann doch in seinem Büro gefunden. Und auch die Abschiedsfotos sind geschossen.
"Alone again or", das alte Love-Stück in der Version von Calexico und Nicolai Dunger? Viele Namen, die mir wichtig sind. Oder doch lieber "Flowers in December" von Mazzy Star? Da hängen Erinnerungen dran.
Beiträge zum Nachhören
Deutschlandfunk
Türkei: Unruhen bis zum Morgen, neue Demos angekündigt
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Kulturinsel Einsiedel
Sendezeit: 16.06.2013, 11:30
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