Berlin-Köpenick. Ein Steinwurf von der S-Bahn-Station entfernt. Die schwarzen Autoabgase überziehen die Häuser mit einer braun-grauen Schicht. Nur ein Gebäude trotz dieser Atmosphäre. In einem freundlichen hellen Gelb strahlt die Front, eine nagelneue Eingangstür und ein glänzendes Hoftor sollten einladend auf die Besucher wirken. Doch wer hier vorbeikommt, geht lieber noch einen Schritt schneller. Videokameras zeichnen jede Bewegung auf, Stacheldraht krönt das Tor und die Stahl-Haustür passt eher zu einer Gefängniszelle, denn zu dem Haupteingang einer Parteizentrale. Der Parteizentrale der NPD.
Der schmale Eingangsflur ist in eine Sicherheitsschleuse verwandelt worden, dahinter die Treppe und noch ein eisernes Gitter. Dann ist der Weg frei zum NPD-Parteivorsitzenden Udo Voigt. Kühl bittet er in sein Büro, ein großer Schreibtisch, ein winziger Besprechungstisch, auf Besucher scheint die NPD nicht eingerichtet zu sein. Voigt beantwortet jede Frage sofort, braucht keine Zeit zum Nachzudenken, streicht höchstens einmal flüchtig mit der Hand über seinen kleinen Oberlippenbart: Ist die NPD ein Sammelbecken für Neo-Nazis?
Voigt: "Sicher könnte durch manche Großdemonstration der Eindruck erweckt worden sein, die NPD könnte ein Sammelbecken sein, aber die Vergangenheit hat auch bewiesen, das sich die Kräfte von der NPD distanziert haben, die NPD ist ihnen zu lasch, zu liberal und sie wollen lieber eigene Wege gehen.
Das sind z.B. die Kräfte, die sie als Neo-Nazis bezeichnen würden.
Das heißt konkret Personen, die sich um Christian Worch, Thomas Wulff in Hamburg, Norddeutschland gesammelt haben, die mittlerweile auf Klagedistanz zur NPD gehen, weil sie ihnen zu lasch ist."
Christian Worch war ein Funktionär der rechtsextremen Nationalen Liste, bevor der Verein verboten wurde . Worch ist immer noch einer der führenden Neo-Nazis in Deutschland. Nur, dass die NPD ihm zu lasch geworden sei, wie Voigt behauptet, darf bezweifelt werden. Dieses Argument nutzt in diesem Fall noch nicht einmal die NPD-Zeitung, die Deutsche Stimme. In der jüngsten Ausgabe wird gemutmaßt, was Worch dazu veranlasst hat, die Zusammenarbeit aufzukündigen:
O-Ton: ".. dass Worch und Co durch die NPD-Parteiaktivitäten ihre Stellung im Hamburger Raum gefährdet sehen."
Offenbar also ein Machtkampf ums Klientel. Und weiter heißt es in dem Artikel:
O-Ton: "Die Frage, worauf der Gesinnungswandel Worchs, der im Mai in Passau noch den Schulterschluß mit NPD-Parteichef Voigt vollzog, zurückzuführen ist, steht im Raum."
Nachdem in den neunziger Jahren 15 rechtsextremistische Vereine verboten worden sind, suchten deren Mitglieder eine neue Zuflucht. Der Chef des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes Hartwig Möller:
"Ein großer Teil, ..... ist der NPD und deren Jugendorganisation beigetreten, ein geringerer Teil den sog. Ferien-Kameradschaften der Neo-Nazi-Szene."
Und ein großer Teil bedeutet nach Möllers Ansicht, dass fast die Hälfte aller Mitglieder von verbotenen Organisationen zur NPD übergelaufen sind.
Der NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt sieht das natürlich völlig anders:
"Nun gibt es da nur sehr wenige und sie haben nicht die staatsbürgerlichen Rechte aberkannt bekommen, und man muss ihnen auch Läuterung unterstellen können. Sie sind von der Anzahl her zu keinem Zeitpunkt in der Lage, in der NPD mehrheitsfähig zu werden."
Vielleicht nicht mehrheitsfähig, aber zum Teil in wichtigen Führungsfunktionen. Zum Beispiel Frank Schwerdt. Der Vorbestrafte war Mitglied des nun verbotenen Vereins "Die Nationalen". Heute sitzt er im Bundesvorstand der NPD.
Oder Holger Apfel und Jens Pühse - beide sind führende Neo-Nazis und gehören zur Bundesspitze der NPD.
Und Wolfram Nahrath. Er leitete die mittlerweile verbotene, militante Wiking-Jugend. Eine Gruppe, die paramilitärische Trainingslager abhielt und unverhohlen der NS-Ideologie huldigte. Wolfram Nahrath ist heute im Bundesschiedsgericht der Partei.
Die NPD hat in den vergangenen Jahren auch die sogenannten Freien Kameradschaften umworben. Dort haben sich viele der Neo-Nazis versammelt, deren rechtsextreme Organisationen verboten worden sind.
Hartwig Möller, der Leiter des NRW-Amtes für Verfassungsschutz:
"Dass die Kameradschaften natürlich eine enge Symbiose mit der NPD pflegen, dass wir in der Vergangenheit immer wieder beobachten konnten, dass die NPD immer Demos angemeldet hat und zu 80-90% von Freien Kameradschaften, Neo-Nazis, beschickt wurden und denen sozusagen ein Aufmarschfeld geboten wurde, dass sie so nie bekommen hätten. Wenn sie selber eine Demonstration angemeldet hätten, wäre die ja wahrscheinlich verboten worden. Und deshalb gibt es diese Beziehung schon."
Eine Beziehung, die selbst der NPD-Vorsitzende Udo Voigt nicht leugnen kann:
"Wir haben weitestgehend versucht, das gesamte Spektrum im nationalen Bereich zu erfassen, es ist auch die Aufgabe einer Nationalen Partei, breite Gruppen der Partei zuzuführen und die bestimmte jugendliche Gruppe, die man vielleicht als Skinheads klassifizieren kann, die war halt da, ohne ein Zutun der NPD. Es sind Zehntausende von Jugendliche und wenn sie mit Aufklebern rum laufen, "ich bin stolz ein Deutscher zu sein", müssen wir natürlich versuchen, diese Leute einzubinden."
Nur: Dass die Skinheads plötzlich da waren, ohne Zutun der NPD, mag man kaum glauben. Udo Voigt war nach Ansicht von Experten immer ein Vertreter, der die Zusammenarbeit mit Neo-Nazis gefördert hat. Nur so kann der von der NPD erklärte Kampf um die Straße gewonnen werden: das Straßenbild dadurch zu beherrschen, dass Hunderte marschieren und nicht nur einige wenige NPDler. Vielleicht ist es dann ja auch gerade dieser Zusammenhang, der in der aktuellen Verbotsdebatte eine wichtige Rolle spielen wird.