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Fazit • Kultur vom Tage Samstag bis Donnerstag • 23:05 |
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24.7.2003
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''Kunst in der DDR''
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Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin
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Von Michaela Gericke
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Die These, die wir haben, ist simpel: Wir zeigen Kunst als Kunst.
Eugen Blume, bekannt als Leiter des "Hamburger Bahnhofs", des Museums für Gegenwart in Berlin, hat zusammen mit Roland März die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie kuratiert. Beide kommen aus der DDR und kennen als Kunsthistoriker die Rahmenbedingungen, unter denen Kunst in jener "geschlossenen Gesellschaft" entstand. Dennoch betonen sie, dass es ihnen um Kunst in der DDR geht. Schon jetzt fühlen sich Besucher und Künstler provoziert, wenn Eugen Blume behauptet:
Kunst ist eine im Grunde anti-gesellschaftliche freie autonome Handlung, die sich in einem - dort wo sie zur Kunst wird, in einem Geheimnis aufhält, was wahrscheinlich von daher provozierend in die Gesellschaft hineinwirkt, gerade in unsere moderne Gesellschaft, insofern ist es Kunst in der DDR, in einem politischen Gebilde.
Es ist aber nicht Kunst der DDR, das hieße, dass all diese Kunst von dem politischen Gebilde beauftragt worden wäre. Es gibt die so genannten Staatskünstler oder solche, denen man das unterstellt hat, die tatsächlich hohe Staatsfunktionäre waren, wie Willi Sitte und Werner Tübke usw., die haben wir aber auch nach ihrem Kunstvermögen untersucht, das was wir hier zeigen, das würden wir auch von der Kunstseite her mittragen.
Der essayistische Parcours, wie die Ausstellungsmacher ihr Projekt verstehen, beginnt in der oberen Halle des Mies van der Rohe Baus mit einem kurzen Überblick gegensätzlicher Positionen.
Drei schwebende Bilder hängen von der Decke herab: rechts der "achtarmige Strahl": mit weißen, diagonalen Linien auf schwarzem Grund, von Hermann Glöckner: ein einsamer Künstler, der seit den 30er Jahren konsequent konstruktivistisch malte, und im hohen Alter von 80 endlich einmal öffentlich mit einer Ausstellung gewürdigt wurde.
Auf der anderen Seite: das Figuren- und Zeichenspiel in Rot, Blau, Gelb, Grün und Schwarz auf heller Fläche, von Ralf Winkler, bekannt als A.R. Penck. Er schuf seine eigene poetische Malsprache und musste die DDR 1980 verlassen. Und in der Mitte, im Triumvirat der Gegensätzlichkeiten, wie die Kuratoren selbst heute formulierten, "altarhaft": Werner Tübke, "Staatskünstler der Wahnhaftigkeit par excellence", hier mit einem vergleichsweise kleinen Ausschnitt aus einem Panoramabild in Frankenhausen. Eugen Blume:
Was eins der absurdisten Unternehmungen ist in der Kunst der DDR so für 20.000 qm Malfläche.
Davor ein großes, wenngleich unpathetisches Heinrich-Heine-Denkmal, hier noch einmal in Gips rekonstruiert. Es sorgte einst für Aufregung, denn Waldemar Grzimeks Skulptur war den Kulturbehörden nicht kämpferisch genug, deswegen wurde es statt an der Humboldt Universität am Rand des Volksparks in Berlin-Mitte aufgestellt. Hier nun hat Heine seinen Platz mitten im Saal, verkündet freundlich die geistige Freiheit des Menschen in prekären Zeiten.
Dann geht es hinab: In 20 Räumen wollen die Ausstellungsmacher Positionen miteinander korrespondieren oder aufeinanderprallen lassen: ein unchronologischer Abriss verschiedener Kunstlandschaften und -Schulen mit Skulpturen und Bildern aus dem poetisch malenden) Dresden, (dem eher avantgardistischen) Berlin, (dem zeichnerischen) Leipzig.
Den Anfang macht in der "Stunde Nichts", wie Heinrich Böll das Jahr '45 nannte, Hans Grundig, der auch der Juden als Opfer des Faschismus gedachte mit einem düsteren Bild, das er noch vor der DDR-Gründung schuf. Darauf zu sehen: jagende Wolken, Schwärme von Krähen über zwei Toten, die umgeben sind vom Stacheldraht eines Konzentrationslagers.
Als Bildhauer setzten sich Will Lammert und Fritz Cremer mit dem Faschismus auseinander: Die große Skulptur "Bleiche Mutter" auf der Terrasse vor der Neuen Nationalgalerie - ein Werk von Fritz Cremer - repräsentiert den Beginn des Künstlerdaseins Ende der 40er Jahre in der DDR. Die figurative Kunst sollte humanistisches Zeichen sein. Und sie stand im Gegensatz zur westlichen abstrakten Kunst.
Aber auch in der DDR wandten sich der freien Malerei schon mehr Künstler zu, als es den Kulturbehörden Recht war. Sie wählten ihren individuellen Weg, der sie in die abstrakte Malerei oder Zeichnung führte. Ausgewählte Beispiele: der feinnervige Gerhard Altenbourg, Dieter Goltzsche in seiner aquarellistischen Poesie, Carlfriedrich Claus, später Hanns Schimannsky.
Das große Vorbild Picasso geistert durch manche Räume, in frühen Arbeiten von Penck beispielsweise, der zu malen begann unter dem Einfluss großer Talente wie Peter Hermann und Jürgen Böttcher, später als Strawalde bekannt. Ein ganzer Raum widmet sich der so genannten "schwarzen Periode", jenen Künstlern, die nicht im Stil des sozialistischen Realismus arbeiten wollten, die nicht den heldenhaften Arbeiter, den Sieg der Revolution in Öl feiern wollten. Eugen Blume:
In den 50er Jahren gibt es in Berlin einige wichtige Künstler wie Metzkes, Schröder, die Schwarzbilder gemalt haben, bewusst aus der dunklen Zeit heraus, die sich bewusst in dieser dunklen Farbigkeit aufgehalten haben, sehr beeindruckende Phase der frühen Berliner Kunst. Es gab ja damals die Formalismusdebatte, da sind diese Bilder natürlich stark angegriffen worden, weil hier geistert natürlich eine Formensprache, die aus dem Westen kommt, die die auch gekannt haben.
Die ungestillte Sehnsucht nach Poesie erfüllten sich manche Maler mit Pinsel und Farbe: Zu entdecken sind wunderbare Kleinformate von Albert Ebert und Josef Hegenbarth.
Auch die Fotografie wird durch die Ausstellung geehrt, wenngleich hier der Eindruck entsteht, die Kuratoren hatten zu wenig Zeit, sie in angemessener Weise auszuwählen. Natürlich fehlen nicht die Alltagsaufnahmen von Arno Fischer, Evelyn Richter und Ursula Arnold, Porträts von Helga Paris, Reportagefotos von Gundula Schulze el Dowy. Auch ein jüngerer Vertreter des künstlerischen Mediums Fotografie ist vertreten: Matthias Leupold. Er bedauert zwar die Dominanz der Malerei, freut sich aber, dabei zu sein, wenngleich er bereits 1986 ausreiste und seine Beispiele keine Fotos aus der DDR sind, sondern Nachwende-Arbeiten:
Schade finde ich, dass die Kuratoren bei mir nicht im atelier waren, sondern eine Schenkung der berlinischen Galerie ausgeliehen haben, die gar nicht dem Originalformat der Fotografien entspricht. Ich glaube, dass viele gute Namen hier sind, aber ich könnte mir doch noch den einen oder andern, um nur einige zu nennen wie Kurt Buchwald, Klaus Elle und auch noch andere Künstler vorstellen.
Hans Hendrik Grimmling, einer der oppositionellen Maler in der DDR, ist ebenfalls mit einem seiner damals Aufsehen erregenden Bildern in der Ausstellung präsent. Aber wie manch anderen befremdet auch ihn der Titel der Ausstellung, "Kunst in der DDR":
Der Herbstsalon fehlt, es fehlen Figuren, die Ausbruch aus Materialkonventionen philosophiert haben wie Wegewitz, es fehlen Bildhauer wie Baumgart. Insgesamt kommt wieder so'n uralter Gedanke, der sicher diskutiert werden wird: Ist Kunst wirklich nur als Qualität vorzuführen und wie hier thesenhaft verfochten wird: Kunst muss endlich herausgeführt werden aus der Geschichte. Ich glaube, es ist unmöglich.
Service: Die Ausstellung ist vom 25. Juli bis zum 26. Oktober 2003 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen.
Link: (Kunst in der DDR. Eine Retrospektive der Nationalgalerie
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