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Fazit • Kultur vom Tage Samstag bis Donnerstag • 23:05 |
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29.9.2003
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"Herr Lehmann"
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Verfilmung des Erfolgsromans von Sven Regener
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Jörg Taszman
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 Szenenfoto aus "Herr Lehmann" (Bild: Delphi Filmverleih GmbH)
| "Scheiß der Hund drauf" denkt sich Herr Lehmann, der Kneipier, der an einem schönen frühen Morgen im Frühjahr 1989 in Berlin-Kreuzberg mitten auf der Straße von einem Köter bedroht und nicht nach Hause gelassen wird. Da hilft nur noch der gute Whisky, den Herr Lehmann eigentlich nur für seinen besten Freund Karl besorgt hatte und mit dem er nun den Hund besoffen macht.
So beginnt Sven Regeners erster Roman um Herrn Lehmann, der 30 wird und eigentlich Frank heißt. Seine Freunde nennen ihn Herr Lehmann und duzen ihn trotzdem. Das findet Herr Lehmann das "Übelste, was es gibt".
Autor Sven Regener erinnert sich, dass er lange vor dem Roman 1991 eine Kurzgeschichte schrieb mit einem Hund. Danach ließ er die Figur des Lehmann neun Jahre lang reifen. Seinen Roman bezeichnet er dann auch als nur einen Ausschnitt dessen, was er über die Figur weiß. Sven Regener über Lehmann.
Man sieht nur Dinge, die er auch sieht und erfährt nur Dinge, die er auch erfährt. Man erfährt auch, was er denkt. Man erfährt aber nur das, was offensichtlich für diesen Moment auch relevant ist. Er denkt ja in sehr vielen, verschlungenen Wegen. Er denkt auch innerhalb eines Gedankens über seinen eigenen Gedanken noch einmal nach. Sogar so weit kann es teilweise gehen. Das heißt, er ist ein Freak auf 'ne Weise.
Regener selbst sieht zwischen dem Schreiben von Songs, die direkt zur Musik geschrieben werden, und dem eines Romans keine Gemeinsamkeiten. Auch für ihn kam der Erfolg von "Herr Lehmann" überraschend. Immerhin verkaufte er von seinem Buch fast eine halbe Million Exemplare. Wichtig war ihm nur, seinen eigenen Roman selber zu adaptieren, auch wenn die Arbeit am Drehbuch mit Regisseur Leander Haußmann nicht immer leicht war.
Den Film mag er, sagt Regener, aber es ist eben ein Leander Haußmann Film und nicht mehr seiner. Man muss auch abgeben können meint er pragmatisch. Deshalb stand auch nie zur Debatte, mit seiner Band "Element of Crime" den Soundtrack zum Film zu machen, auch wenn er einen Song beigesteuert hat.
Leander Haussmann nennt seinen zweiten Film nach "Sonnenallee" eine Tragödie mit komischen Elementen. Eine reine Tragödie könne er gar nicht machen, sagt Haußmann etwas kokett. Nach dem Erfolg von "Sonnenallee", an den übrigens kaum einer glaubte, glaubt Leander Haußmann auch diesmal ein gutes Händchen für einen unterhaltsamen und erfolgreichen Stoff gefunden zu haben.
Er spielt das Kreuzberg-Feeling herunter, mit Recht weist er daraufhin, dass Berlin im Film kaum vorkommt. Einen großen Ost-West Gegensatz zwischen seinen beiden Filmen sieht er übrigens nicht. Er betont Gemeinsamkeiten des Geschmacks, die seiner Meinung nach immer bestanden haben.
Wir haben im Osten natürlich nicht die Scheiße gehört, die man uns jetzt suggerieren will. Und über die man so lacht. Wir haben die ordentliche, gute und harte Musik gehört. Wir wussten Bescheid wie die Dinge laufen. Und wie es in Kreuzberg aussieht, das wussten wir auch. Wir hatten natürlich auch Kontakte untereinander, immer gehabt. Dass jetzt diese anderen Nervensägen da plötzlich wieder alle da sind, das hätte ja auch keiner für möglich gehalten.
Leander Haußmann neigt im Interview immer leicht zur Eitelkeit, wirkt sehr selbstbewusst und schlagfertig. Er freut sich über so manchen Besetzungscoup. So kann man Thomas Brussig als DDR-Zöllner bewundern oder Karsten Speck als Hardcore-Schwulen ganz in Leder. Auch Michael Gwisdek taucht ebenso auf wie Detlev Buck, der den Karl spielt.
Leander Haußmann: Auf der anderen Seite wird man sehr schnell in meinem Oeuvre entdecken, dass mich Prominenz oder der Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad eines Schauspielers eigentlich überhaupt nicht interessieren, sondern ich verbringe gerne Zeit mit Leuten, deren innere Einstellung mit dem, was ich darstelle, auch übereinstimmt. Ich mag gerne mit Leuten kommunizieren nach der Arbeit. Für mich ist das alles Lebenszeit.
Der bei MTV mit "unter Ulmen" bekannt gewordenen TV Komiker Christian Ulmen spielt die Hauptrolle des Herrn Lehmann und ist eine Offenbarung. Nach seiner kleinen Rolle als arroganter Musikkritiker in "Verschwende deine Jugend" sieht man ihn nun zum zweiten Mal im Kino. Dabei hatte es Ulmen nie vor, auf die große Leinwand zu wechseln.
Christian Ulmen: Ich wollte immer Fernsehheini bleiben. Für mich war das klar und seitdem ich 12 bin, war es mein Wunsch, Fernsehen zu machen. In den letzten Zügen von MTV "Unter Ulmen" habe ich gelegentlich Dinge auf der Straße gedreht. Skurrile Situationen, versteckt gefilmt. Dann ging es langsam los, mit spielerischen Elementen. Die wurden dann auch Leander zugetragen und er lud mich zum Casting ein.
Am zweiten Film von Leander Haußmann scheiden sich ähnlich wie schon bei "Sonnenallee" die Geister. Die eiserne Kreuzberg-Fraktion fühlt sich verschaukelt und kann das Lebensgefühl der 80er Jahre im Film nicht wieder finden. Zugegeben: Haußmanns Film wirkt nicht immer durchgehend originell. Einige hübsche Ideen, wie surreale Traumsequenzen, zieht der Regisseur nicht konsequenter durch. Bleibt abzuwarten, ob die Verfilmung des Herrn Lehmann nach "Goodbye Lenin" zum zweiten deutschen Hit des Jahres wird.
Für die Zukunft hat Leander Haußmann viel vor. Eigentlich sollte ja vor "Herr Lehmann" auch ein ganz anderer Film entstehen, den er seinen Produzenten Claus Boje und Detlev Buck ans Herz legte.
Relativ früh nach "Sonnenallee" kam ich zu Boje und sagte, ich sehe folgendes Plakat: N V A auf grünem gelben Grund. N.V.A. wie M.A.S.H., so was. Dann kam der 11. September, Brussig, Buck und ich saßen in meinem Büro und schrieben. Meine Frau kam herunter und sagte: "Da ist gerade ein Flugzeug so in einen Büroturm... Und wir: "Ha ha ha", sind dann hoch und haben uns das angesehen. Der Künstler denkt sofort: nicht 2000 Menschen und Tod, nein. Der Künstler denkt: Scheiße, das Projekt kann ich nicht mehr machen.
Service:
Der Film "Herr Lehmann" kommt am Donnerstag, 2. Oktober in die Kinos. Der Roman "Herr Lehmann" von Sven Regener ist im Eichborn Verlag erschienen.
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