|
Fazit • Kultur vom Tage Samstag bis Donnerstag • 23:05 |
|
|
|
27.6.2004
|
|
Inspiration und Spannung
|
XI. Rohkunstbau-Ausstellung im Spreewald
|
Von Barbara Wiegand
|
 Wasserschloss Groß Leuthen (Bild: Ommo Wille)
| Seit 1994 findet in Brandenburg im Raum Spreewald einmal im Jahr eine Ausstellung unter dem Namen Rohkunstbau statt. Junge und international anerkannte Künstlerinnen und Künstler entwickeln dort ortsbezogene Kunstwerke. In diesem Jahr findet die Ausstellung unter dem Titel "Ein europäisches Porträt #2" im Wasserschloss Groß Leuthen statt. Eine inspirierende und spannende Auseinandersetzung mit dem Haus auf dem Land.
 Installation von Kristina Inciuraité (Bild: Arwed Messmer)
| Die Geschichte, die Kristina Inciuraité von einer Groß Leuthenerin erzählen lässt, sie geht nicht gut aus. Der junge polnische Edelmann Vladislav Rapski. Ertrinkt bei dem Versuch der Geliebten zu imponieren indem er einen zuvor in den See geworfenen Ring wieder heraufholt. Eine Legende, die zur wechselvollen Geschichte des Hauses, vom Renaissance Schloss bis zum Waisenhaus, gehört. Und die nun, von der Litauischen Künstlerin aufgegriffen, eine Art der Auseinandersetzung mit dem Gebäude ist. Senior Kurator Marc Gisbourne:
Das Essay des Kataloges heißt ja: Ein Haus auf dem Land. Die Idee ist also, dass das Haus die Hauptrolle spielt bei dieser Ausstellung. Und zwölf verschiedene Künstler spielen dann ihre Rolle in und mit diesem Gebäude. Und ich hoffe beim Rundgang durch die Ausstellung werden die Bezüge klar, die ich hervorheben wollte - die Arbeiten beziehen Brandenburg, das Dorf Groß Leuthen, die Umgebung des Wasserschlosses oder das Haus selbst mit ein. Die Natur wird von draußen sozusagen hereingeholt, aber es gibt auch abstrakter umgesetzte Ideen.
Innen, im ehemaligen Gesellschaftsraum etwa erahnt man auf Eichenlaubbedeckten Waldboden vom Fenster gleichsam gerahmt, den sommerlichen See draußen. Ein fast poetischer Effekt der Spiegelung im die Fotografie von Thomas Florschuetz schützenden Glas.
Die Aufnahme hat ein spezifisches Licht, am Ende des Winters. Und das bringt sie in den Raum, also, sie bringt das außen in den Raum.
Hinauf gestiegen in den ersten Stock führt der Rundgang an Cornelia Schleimes passenderweise im ehemaligen Schlafzimmer gehängten, irritierend den Ungewissen Raum zwischen Schlaf und Tod bebildernden Portraits vorbei ins einstige Badezimmer. Das die junge indische Künstlerin Shilpa Gupta für die schrill schräge Inszenierung eines Thrillers nutzt, indem Menschen, ja ganze Häuser im wirbelnden Sog des zum schwarzen Loch mutierten Abflusses der Badewanne verschwinden
Das sind Gebäude aus der Kolonialzeit in Bombay. Ein Baustil, der immer wieder auch europäische Schlösser imitierte. Westliche Architektur also inmitten Bombays. Dabei geht es mir nicht so sehr darum, ob die im Video um den Abfluss herum gruppierten Gebäude die teils mit Tarnanzügen bekleideten Menschen verschlingen, oder ob auch die Häuser selbst in den Bafluss gesogen werden. Es ist vielmehr ein sich wiederholender Kreislauf. Meine Arbeit ist damit auch ein Kommentar zum Verhältnis zwischen östlicher und westlicher Kultur. Mit immer mehr militanten Gruppierungen auf der einen Seite und einer bis heute vom westlichen Kolonialstil geprägten Architektur auf der anderen Seite.
 Werke von Chen Shaofeng (Bild: Arwed Messmer)
| Während einige also nach draußen blicken, andere nach innen oder zurück auf Geschichte und Geschichten des Hauses, hat Chen Shaofeng in den Gesichtern der Dorfbewohner die Gegenwart erforscht. Er portraitierte Groß- und Klein-Leuthener und ließ sich gleichzeitig portraitieren. Etwa vom Hausmeister des Wasserschlosses Wilfried Wolf:
Ganz spontan, ich bin vorbeigekommen und dann hat er mich gegriffen von hinten. Und ich wollte nicht, hatte keine Zeit. Und musste dann. Ja und so sieht das Bild auch aus, was ich von ihm gemalt habe. Er sieht darauf mehr aus wie ein Europäer als ein Chinese.
Shaofeng hat den Groß Leuthener wie die anderen naturalistisch, fast poppig gemalt. Seine aus der Unsicherheit geborene Unruhe festgehalten. Wohingegen seine jeweiligen Gegenüber den spitz und schnauzbärtigen Chinesen rudimentär, comicalartig, expressivst gestrichelt oder impressionistisch angehaucht auf die Leinwand brachten. Damit gleicht Chen Shaofeng so wie sie ihn im Spreewald sehen ganz dem Chen Shaofeng, wie ihn chinesische Bauern in der Provinz Hebei bereits gemalt haben. Das Konzept hier wie dort umgesetzt vom in Peking lebenden Künstler zeigt, dass internationale Kunst eine! internationale Sprache spricht, die den Ausstellungstitel ein europäisches Portrait etwas gewollt erscheinen lässt.
Handelt es sich doch beim diesjährigen Rohkunstbau mehr um eine selten rein dekorativ und damit uninspirierte, oft dagegen eigene und darum spannende Auseinandersetzung mit einem Haus auf dem Land.
Service
Die XI. Rohkunstbau "Ein europäisches Porträt #2" findet vom 27. Juni bis 21. August 2004 im Schloss Groß Leuthen in Brandenburg statt.
|
|
|
|
|
|
|
|
Artikel drucken 
Artikel versenden 
|
|
|
|