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Fazit • Kultur vom Tage Samstag bis Donnerstag • 23:05 |
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29.8.2004
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Existentielle Not und tödliche Angst
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Der Maler Felix Nussbaum in Rendsburg
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Von Anette Schneider
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Der Maler Felix Nussbaum, der 1944 in Auschwitz umgebracht wurde, zeigt in seinen Bildern eindringlich wie kein anderer das Gehetzt- und Verfolgtsein durch die Nazis, zeigt, wie zerstörerisch existentielle Not und tödliche Angst sind. Anlässlich des 100. Geburtstages und des 60. Todestages in diesem Jahr zeigt das Jüdische Museum Rendsburg eine Nussbaum-Ausstellung, die hervorragend gelungen ist.
Immer wieder steht man in der Ausstellung vor Bildern mit Mauern: Mauern die einsperren. Mauern die abgrenzen. Mauern die den Weg nach außen verschließen. Oder vor Straßenzügen, die sich so sehr verengen, dass eine Flucht unmöglich wird.
Felix Nussbaum malte sie zwischen 1933 und 1944. Der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, der 1904 in Osnabrück geboren wurde, wusste früh, was er wollte: Maler werden. Mit 17 Jahren ging er an die Kunstakademie nach Hamburg, dann nach Berlin. Im Sommer 1932 erhielt er ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom. Ein halbes Jahr später ist aus dem Stipendiaten ein Exilierter geworden. Ein Zurück nach Deutschland gibt es für ihn und seine jüdische Frau Felka nicht. Es ist eine Zeit des Nicht-Weg-Könnens und des Nicht-Wissens-Wohin. Eine Situation, die in einer Meeresansicht, in der er zum ersten Mal das Motiv der hohen Mauer verwendet, die von links ins Bild ragt. Daneben liegt auf tristem Strand ein steinern wirkendes Ruderboot.
Frauke Dettmer, die Leiterin des Jüdischen Museums Rendsburg, die die Ausstellung organisierte:
Es ist kein Boot, das zur Flucht auffordert, mit der man dieser Situation entfliehen könnte. Es liegt da wie festgenagelt, wie festgezurrt. Und das spiegelt ja auch die Situation Nussbaums wieder, denn man fragt sich natürlich, warum er nicht noch einen Versuch gemacht hat, noch nach England zu fliehen, wo er ja Verwandte hatte. Aber auf der anderen Seite war es ja ganz, ganz schwierig, ein Visum zu bekommen.
Es beginnt ein Leben im Exil, ein Leben auf der Flucht, das elf Jahre dauern wird: Nach zwei Jahre Italien erhalten die Nussbaums endlich ein Visum für Belgien. Sie leben mal in Brüssel, mal in Ostende, mit Malunterricht verdienen sie sich das Notwendigste. Als 1940 die Deutschen in Belgien einmarschieren, wird Felix Nussbaum als feindlicher Ausländer verhaftet und in das Pyrenäenlager Saint Cyprien deportiert. Ihm gelingt die Flucht und er kehrt nach Belgien zurück, doch fortan leben die Nussbaums im Untergrund und damit in ständiger Angst vor Entdeckung. Währenddessen malt Felix Nussbaum wie ein Berserker. Malen wird ihm zur Überlebensstrategie: Zurückgeworfen auf sich selbst entstehen viele Selbstbildnisse: er zeigt sich als grimassierenden Clown. Als Apfelesser. Als Biedermann. Verkleidungen, in denen er zu überleben hofft. Aber auch stetige Selbstvergewisserungen, dass er noch lebt.
Er arbeitet ohne Echo, was ganz besonders bitter ist. Dann ist aber das interessante, dass Nussbaum in seinem Exil doch die Möglichkeit findet, die Verfolgung und die immer tödlicher werdende Bedrohung in Bilder zu bannen. Und ich glaube, das Wort bannen kann man auch wirklich benutzen. Denn wenn man etwas benennt und dafür ein Bild findet, dann ist es eben für eine zeitlang gebannt. Und man kann wieder ein Stück leben - bis man wieder von Angst geschüttelt wird.
Neben den Selbstbildnissen sucht er die Erfahrungen von Verfolgung, Todesangst und der Zerstörung sämtlicher Werte auf die Leinwand zu bannen. Die kluge Auswahl der Bilder durch Frauke Dettmer zeigt, dass Felix Nussbaum wie kein anderer eine ganz eigene symbolhafte Bildsprache dafür entwickelte, die noch heute verstört und bedrängt: Immer wieder tauchen nun die ausweglosen Straßenzüge auf, Pestfahnen und Totentänze, Menschen - Verfolgte - in lebloser, erstarrter Haltung. Immer häufiger werden die Skelette, die auf dem Schutt der Zivilisation tanzen - auf zerborstenen Säulen, wissenschaftflichem Gerät, auf Büchern, Noten und Bildern.
Doch für Nussbaum steht fest: Auch wenn die Welt um ihn herum in Schutt und Asche liegt, seine Bilder müssen überleben!
Eigentlich weiß man: wenn jemand deportiert wurde, wurde der gesamte Nachlass einkassiert von den Nazis. Auch hier wieder die Hellsichtigkeit von Nussbaum: er hat vorher schon seine Bilder bei belgischen Bekannten untergebracht. Und dabei soll ja auch der berühmte Satz gefallen sein: "Wenn ich untergehe, lasst meine Bilder nicht sterben!” Und diese Bilder sind zwar nicht besonders pfleglich behandelt worden von diesen belgischen Bekannten im Keller, da haben sie gelegen. Jahrzehnte. Aber immerhin, sie sind dadurch erhalten geblieben.
Nussbaum selbst wusste, was auf ihn zukommt: Das letzte Bild der Ausstellung entstand 1943/44 und heißt: "Die Verdammten”. Vor Brandmauern und dem typischen Straßenzug mit Pestfahnen drängen sich im Bildvordergrund die Verdammten: Menschen in zerrissener Kleidung und erstarrter Haltung. Mittendrin Felix Nussbaum. Von hinten nähern sich schwarz gekleidete Skelette mit Särgen auf den Schultern.
Die Alliierten sind schon an der Küste, Anfang September marschieren sie in Brüssel ein, und er wird zusammen mit seiner Frau Felka im Mai 1944 von der Wehrmacht verhaftet - aufgrund einer Denunziation. Und zwei Monate später werden sie mit dem buchstäblich letzten Zug von Malin nach Auschwitz deportiert. Und sie werden mit Sicherheit sofort in die Gaskammern geführt, denn in den Sterbebüchern von Auschwitz sind ihre Namen nicht verzeichnet, was sonst der Bürokratie entsprochen hätte, wenn sie im Lager gestorben wären.
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