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KalenderBlatt Täglich • 4:50 • 11:45 |
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8.2.2003
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Vor 110 Jahren
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Erster Striptease im Moulin Rouge
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Anette Schneider
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Mein Gott, eine Gouluemanie hat Paris gepackt. Ich komm' nicht mal auf die Tanzfläche, ohne dass diese Zeitungsfritzen über mich herfallen.
Paris, Anfang 1893. Die berühmte Cancan-Tänzerin La Goulue, "die Unersättliche", kämpft sich auf die Bühne des "Moulin Rouge":
La Goulue, die wie ein Hund ihr Bein hob, verletzte jedes Schamgefühl. Die Pariser, Richter, Politiker, Rechtsanwälte, Schriftsteller und Intellektuelle, waren empört, strömten aber nichtsdestotrotz herbei. Man besuchte den "Palast der Frauen", um sich schockieren, unterhalten oder sexuell anregen zu lassen. Das "Moulin Rouge" wurde zum Wahrzeichen von Paris und war bald ebenso berühmt wie der Louvre oder der gerade errichtete Eiffelturm.
Das schreibt Lucinda Jarrett in ihrem Buch über die "Geschichte der erotischen Entkleidung". Während die bürgerliche Doppelmoral im "Moulin Rouge" nach zwei Zentimetern nackten Oberschenkels giert, geschieht einige Bezirke nördlich etwas, das La Goulue schon bald zu düsteren Ahnungen Anlass geben wird.
Im Quartier Latin feiern Künstler, Bohème und Möchtegern-Lebewelt einen "Künstlerball". Wein und Champagner fließen, die Musikband spielt, die Stimmung ist ausgelassen, und so kommt, was kommen muss: das Künstlermodell Mona, andernorts auch Manon genannt, entledigt sich übermütig ihrer Klei...
Die Polizei reagiert sofort: Mona - oder Manon - wird verhaftet und soll für ihr schamloses Verhalten 100 Franc Geldstrafe zahlen. Das Viertel steht Kopf.
"Sittenwächter", "Moralapostel", "Kleingeister".
Kunststudenten belagern die Polizeipräfektur, bis Mona - oder Manon - freigelassen wird.
Ihr wollt meine Meinung über Manon wissen? Lang lebe La Goulue und die Quadrille! Das ist mein Urteil. Hauptsache, die Mädchen werden nicht noch nackt durchs Viertel getragen, denn dann interessiert sich bald keiner mehr für einen Streifen nackter Haut am Oberschenkel.
In der Tat verwandeln Varieté- und Tanztheaterbesitzer schon wenig später, was die Gemüter derart bewegt, in klingende Münze, und so gehört, was aus einer Sektlaune heraus geschah, schon bald zum Repertoire der "Unterhaltungskultur". Natürlich kommt der Auftritt Manons - oder Monas - nicht aus dem Nichts. Bereits seit langem sind Frauen im singenden und tanzenden Unterhaltungsgewerbe tätig. "Lydia Thompson und die British Blondes" etwa waren 1868 die ersten, die nicht in langen Röcken, sondern in Strumpfhosen auf die Bühne traten und also zeigten, was bis dato sorgfältig verborgen blieb: Bein. Besser: Viele lange Beine.
Sie warf ihre flinken Beine nicht nur ein wenig höher, als man es bisher für möglich gehalten hatte, sondern es gelang ihr auch, mit ihren Haaren den Fußboden zu fegen.
Bei den meisten löste das Entzücken aus.
Es gibt spezielle Vertreterinnen des "Nacktdramas", die meiner Ansicht nach nichts anderes als strikte Zensur und strengen Tadel verdienen.
Wie gesagt: bei den meisten.
Ich spreche von Frauen, die weder Fisch noch Fleisch sind - weder Schauspielerinnen noch Ballettmädchen -, und die sich einer Berühmtheit erfreuen, von der die meisten seriösen Künstlerinnen nur träumen können...
So die Schauspielerin Olive Logan 1869. Im Cancan wie in der Burleske, dem rasanten Spiel mit Körper, Erotik und frechen Sprüchen, liegen die Wurzeln des Striptease, der für die Vertreter der hohen Kunst nicht einmal als niedere, populäre Unterhaltung durchgeht.
... Wie immer es um ihren Charakter bestellt sein mag - sei er gut oder schlecht - ihre öffentlichen Auftritte berechtigen uns dazu, sie als schamlos und unwürdig zu verurteilen.
Doch ob in den Vereinigten Staaten, wo in den 1870ern die Industrialisierung auf Hochtouren läuft und nach hartem Arbeitstag neureiche Geschäftsleute die Vergnügungsviertel stürmen, oder ob in Frankreich, wo "mann" nach dem deutsch-französischen Krieg und der Niederschlagung der Kommune endlich einmal wieder Spaß haben möchte: die Herren sind sich einig: Frauenbeine sind dafür nicht das Schlechteste.
Sie war reine provokative Exhibitionistin, die es genoss, ihr Publikum zu reizen und es dann erahnen zu lassen, was unter ihren Unterröcken verborgen war. Wenn sie ihr Bein hob, zeigte sie viel nacktes Fleisch zwischen den Strumpfbändern und der ersten Lage Unterwäsche. Der durchsichtige Stoff verhüllte kaum ihren Körper, und indem sie die Faszination, die sie hervorrief, genoss, wurde sie immer kühner und regte die Neugier ihres Publikums zu immer absurderen Spekulationen an.
Das schreibt ein Zeitgenosse über La Goulue. Doch schnell will das Publikum mehr. Und um nicht auf der Straße zu landen, lassen die Tänzerinnen ihre Hüllen fallen. Einige ziehen ihr Publikum damit über Jahre in Bann: Colette, Mata Hari oder Anita Berber gelten als Göttinnen der Erotik. Sie beherrschen die Kunst der Verführung, spielen mit Andeutungen und raffinierten Verzögerungen, sie wissen um ihre erotische Ausstrahlung und fachen die Phantasie der Zuschauer entsprechend an.
"Danse du ventre" - als die Öffentlichkeit erfuhr, dass die wörtliche Übersetzung "Bauchtanz" war, schloss sie entzückt daraus, dass er obszön und unmoralisch sein müsste. Die Menschen strömten herbei. Ich hatte eine Goldgrube.
Erinnert sich ein Bühnenbesitzer. Jeder Zuschauer soll das Gefühl haben, dass der Auftritt allein für ihn bestimmt sei, dass die Tänzerin allein seine Phantasien auslebt. Sie inszeniert Geschichten, tritt in orientalischen Gewändern auf, verkleidet sich als Salome oder Lolita. Gefragt ist weniger ein perfekter Körper als vor allem Erotik, persönliche Ausstrahlung und Phantasie. Doch selbst zu seiner Hoch-Zeit gilt der erotische und erotisierende Akt des Entkleidens nie als Kunst, stets bewegt er sich irgendwo zwischen Kunst und Pornographie, je nachdem, wie eng die moralischen Werte gerade gesteckt sind. Für La Goulue aber und ihre derbe, deftig-laute Quadrille war der Februar 1893 ein düsterer Monat.
Ich muss die Quadrille ein bisschen aufregender machen. Was würde Senator Béranger wohl dazu sagen, wenn ich statt weißer Schlüpfer zur Abwechslung mal rote, weiße und blaue anziehen würde? Ich will als Tänzerin bezahlt werden, und wenn die Nackten überhand nehmen, wird es fürs Tanzen kein Geld mehr geben. Also müssen wir zusehen, dass unser Tanz aufregend ist...
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