Deutschlandradio Kultur
MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
15.3.2004
Feinde des Sozialismus
Ein Kinderladen-Experiment in der DDR
Von Pascal Fischer

Kindererziehung war zu einem großen Teil auch Sache des DDR-Staates (Bild: AP)
Kindererziehung war zu einem großen Teil auch Sache des DDR-Staates (Bild: AP)
Die Kindererziehung war ganz Sache des DDR-Staates. Doch die staatliche Kindererziehung missfiel einigen Eltern im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg so sehr, dass sie 1980 die Betreuung ihrer Kinder selbst organisierten. Für den SED-Staat war das Kinderladen-Experiment eine Herausforderung.

Ostberlin, 1979. Ulrike Poppe war schwanger. Eigentlich brauchte sie sich keine Sorgen um die Betreuung ihrer Kinder zu machen. Die DDR bot für die Kinder von fünf Monaten bis drei Jahren Krippen an. Der Staat trug die Krippenkosten, die Eltern zahlten nur die Verpflegung. Ulrike Poppe aber war skeptisch:

Die Jahrgänge Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger waren geburtenstarke Jahrgänge, und so waren die Krippen überlastet, vor allem in Berlin. Eine Hilfskrankenschwester für 20 Babys, das war einfach zu wenig.

Meist betreuten nur zwei Krippenerzieherinnen bis zu 18 Kinder. Ebenso beunruhigend waren die Vorgaben vom Erziehungs- und Bildungsministerium. Unter Margot Honecker war 1965 das "Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem" erlassen worden. Schon in den Krippen sollte mit der "Formung einer sozialistischen entwickelten Persönlichkeit" begonnen werden. Das bedeutete: feste Regeln.

Der Tagesablauf in der Krippe ist so zu gestalten, dass die Kinder an Ordnung und Regelmäßigkeit gewöhnt werden. (§10, Abs. 2)

Die Erzieherin bestimmte, wann die Kinder aßen und schliefen und wann sie aufs Töpfchen gingen - im Kollektiv, auf Topfbänken. So genannte Tagesablaufpläne regelten das Leben.

Acht Uhr fünf bis acht Uhr dreißig: Frühstück.
Acht Uhr dreißig bis acht Uhr vierzig: kulturhygienische Maßnahmen.
Acht Uhr vierzig bis acht Uhr fünfundvierzig: Vorbereitung zur Beschäftigung.


Ähnlich war es im Kindergarten. Dort gab ein "Bildungs- und Erziehungsplan" Entwicklungsziele vor. Etwa, wann ein Kind mit Messer und Gabel essen können sollte, wann es den Tisch decken können sollte.

Diese zentralen Vorgaben waren vom Ministerium für Volksbildung erarbeitet worden, unterstützt von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften. Deren Präsident, Prof. Gerhard Neuner, verkündete schon 1975 die Früchte der Vorschulerziehung:

Die Kinder aus Kindergärten sind selbstbewusster, sind an das Kollektiv gewöhnt, sind geistig entwickelter, sind natürlich auch lebendiger. Was nun jenen Teil der Kinder betrifft, die den Kindergarten noch nicht besuchen, so gibt es gesellschaftliche Anstrengungen, um die Erfassung der Kinder in Kindergärten noch zu erhöhen. (im DDR Fernsehen am 3.6.75)

Neun von zehn Kindern besuchten 1980 einen Kindergarten. Der Staat finanzierte auch hier alles außer den Essenskosten. Doch Frauen wie Bettina Köppen, später Erzieherin im Kinderladen, beargwöhnten auch in den Kindergärten die feste Zeiteinteilung:

Es gab auch Kindergärten, in denen es ganz krass war, wo es echte Beschäftigungspläne gab, und dann war da auch immer dieses Armeespielzeug.

Laut Gesetz sollten die Kinder zu Persönlichkeiten erzogen werden,

die der Deutschen Demokratischen Republik, ihrem sozialistischen Vaterland, treu ergeben und bereit sind, sie zu stärken und zu verteidigen.

Mein großer Bruder Rüdiger / der geht zur Volksarmee. / Er schützt den Kindergarten / in den ich morgens geh'. / Noch ist die Mütze mir zu groß, die Jacke viel zu schwer. Bin ich erst groß, dann wird' ich / Soldat sein so wie er!

Frauen, die ihre Kinder selbst betreuten, erhielten beim zweiten Kind und bei weiteren Kindern eine Freistellung von der Arbeit, das so genannte Babyjahr. Aber dann herrschte Pflicht zur Arbeit, wusste auch Bettina Köppen:

Man musste wieder arbeiten gehen, sonst galt man als asozial, sonst wurde man in den Knast gesteckt. So eine Art Grundsicherung wie hier gab es nicht!

Wenn das Geld zuhause nicht reichte, oder wenn die Mutter ihr Kind allein erzog, waren die Krippen und Kindergärten notwendig. Ulrike Poppe blieb ratlos:

Einige Eltern hatten Kinderfrauen. Aber das war erstens teuer, zweitens brauchte man die geeigneten Wohnverhältnisse dazu, drittens war das gar nicht so einfach, jemanden zu finden, und viertens wollten wir auch, dass unsere Kinder mit anderen Kindern aufwachsen.

Westberliner Eltern hatten ihre Probleme seit 1968 auf neue Art gelöst. Überall in der Stadt standen kleine Läden leer. Elterngruppen mieteten die billigen Räume und zogen dort die Babys der 68er-Revolution auf. Die Kinderläden entstanden, ab 1970 sogar mit Förderung des Westberliner Senats. Über Besucher und Verwandte aus Westberlin hörte Ulrike Poppe davon - und wollte dasselbe im Osten umsetzen.

Die Raumsuche war schwierig: Es gab keinen freien Wohnungsmarkt in der DDR, und von der kommunalen Wohnraumlenkung war keine Hilfe zu erwarten. Dann aber zogen Bekannte aufs Land und überließen ihre Räume im Prenzlauer Berg Ulrike Poppe und ihren Freundinnen. Die Erdgeschoss-Wohnung wurde renoviert, die Eltern steuerten Tische und Bettchen hinzu.

Poppe: Spielzeug brachte auch jeder mit. Und es gab auch viele Leute, die ihr eigenes Spielzeug spendeten, weil sich das rumsprach.

Schließlich startete das Projekt 1980. Ulrike Poppe fand eine Kinderkrankenschwester, die die fünf knapp einjährigen Kinder den ganzen Tag betreute. Bald tollten acht Kinder im Laden herum. Zusammen erarbeiteten die Eltern Erziehungsgrundsätze. Besonders wichtig war allen die Kreativität, erinnert sich Ulrike Poppe:

Das haben wir dadurch versucht zu erreichen, dass wir viel gemalt, gebastelt, gespielt haben. Wir wollten die Kinder anregen, dass sie selbst etwas erfinden.

Ebenso wichtig war die individuelle Förderung. Jedes Kind sollte in seinem eigenen Tempo lernen - ohne Entwicklungsplan, ausdrücklich auch ohne autoritäre Betreuer. Die Kinder sollten Selbstbewusstsein und Kritikfähigkeit entwickeln, so Bettina Köppen.

Köppen:Die Kinder mussten auch Nein sagen können. Sie wissen ja, was sie interessiert. Man konnte es ihnen nur anbieten, und sie machten das oder ließen es bleiben.

Diese Art der Kinderbetreuung erweckte indes das Misstrauen der staatlichen Organe. Die Familie galt auch in der DDR als Keimzelle der Gesellschaft, und im Radio wurde propagiert:

Diejenigen, die da ganz ihr Privates abtrennen und nicht in der Wechselbeziehung sehen wollen, sind für die Ideologie und für die Politik, ob sie wollen oder nicht, die Feinde des Sozialismus mit ihnen machen wollen. (aus: Berliner Rundfunk 21.3.1981 "Also wenn Sie mich fragen")

Die Anzeichen mehrten sich, dass der Kinderladen von Staats wegen beobachtet wurde. Bettina Köppen wurde beschattet, und 1982 wurde das Interesse des Staates an dem Kinderladen offensichtlich:

Poppe: Was dann so anfing, dass wir eines Tages Besuch von zwei Beamten bekamen, die den Kinderladen durchsuchen wollten, weil ihnen zu Ohren gekommen war, dass sich dort Rauschgift befände.

Natürlich fanden die Ermittler nichts, was dafür gesprochen hätte, den Kinderladen zu schließen. Schließlich kam ein behördliches Schreiben: Die Wohnung sei zu räumen, weil sie nicht gewerblich genutzt werden dürfe. Die Eltern gingen zum Stadtbezirksrat. Beim Gespräch war auch der Volksbildungschef anwesend.

Poppe: Dieser sagte dann den interessanten Satz: Seit Makarenko sei die Zeit der Experimente vorbei. Die Argumentation des Stadtrats war die, dass die DDR weltbekannt für ihre hervorragende Kinderbetreuung sei und wir ein Gegenmodell schafften, das das widerlegen wolle.

Eigentlich wollte die kleine Gruppe Ostberliner Eltern nur ihre Kinder nach eigenen Vorstellungen betreuen lassen. Sie hatten keine staatsfeindliche Aktion im Sinn. Aber der Volksbildungschef erblickte in dem Kinderladenprojekt offenbar einen Angriff auf das staatliche Erziehungsmonopol der DDR, er blieb bei seiner Argumentation. In den Wochen danach wurden immer wieder Kündigungen ausgesprochen, aber nicht vollzogen. Schließlich wandten sich die bedrängten Eltern an die evangelische Kirche. Sie fragten den damaligen Oberkonsistorialpräsidenten Manfred Stolpe, ob er Räume für das Projekt zur Verfügung stellen könne.

Poppe: Und es gab sicherlich Räume, die die Kirche uns hätte zur Verfügung stellen können. Aber wir hatten den Eindruck, als ob Stolpe zwar so tat, als ob er uns helfen wolle, aber es letztlich doch nicht wollte.

Ende 1983, drei Jahre nach dem Start des Projekts, beschloss das Stadtbezirksgericht, den Kinderladen zu räumen. Die Eltern erfuhren davon nichts. Dann überschlugen sich die Ereignisse: Am 12. Dezember 1983 wurde Ulrike Poppe zusammen mit Bärbel Bohley und anderen aus der Gruppe "Frauen für den Frieden" verhaftet - wegen Landesverrats und konspirativer Westverbindungen.

Am nächsten Morgen war es so weit. Auf ihrem Weg in den Prenzlauer Berg musste sich Bettina Köppen fünf Mal ausweisen und traf schließlich vor dem Kinderladen auf eine Handvoll Bauarbeiter.

Köppen: Und einer fragte mich: Was wollen Sie hier? Und ich sagte: Ich arbeite hier! Und er sagte: Hier kann niemand arbeiten, hier ist Baustelle. Aha.

Die Männer räumten das Mobiliar und Spielzeug aus und warfen es auf einen LKW. Mittlerweile waren die ersten Mütter eingetroffen. Ihre Kinder konnten nur noch zuschauen, wie der Kinderladen zerstört wurde.

Köppen: Und die waren völlig empört, die waren außer sich, haben gezittert. Sie haben noch ein halbes Jahr später wildfremde Bauarbeiter auf der Straße mit Steinen beworfen. Es hat gedauert, bis wir ihnen klarmachen konnten, dass nicht alle Bauarbeiter böse sind.

So endete der erste und einzige Versuch, in der DDR einen Kinderladen zu betreiben. Kurz nach der Schließung erhielten die Kinder glücklicherweise Plätze in evangelischen Kindergärten.

In den staatlichen Einrichtungen wurde Mitte der 80er Jahre eine Krippenreform wirksam, die immerhin die rigiden Tagesablaufpläne abschaffte.

P. S.: Der Ostberliner Kinderladen war 1983 angeblich wegen Wohnraumbedarfs geräumt worden. Doch so groß war der Bedarf offensichtlich nicht: Die Räume blieben bis zur Wende leer.
Artikel drucken Artikel drucken
Artikel versenden Artikel versenden
 
-> MerkMal
-> Aktuelle Beiträge
-> Beitrags-Archiv

Zum Seitenanfang Copyright 2004 Deutschlandradio Hilfe Impressum Kontakt