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WortSpiel - ZeitReisen Samstag • 19:05 |
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28.7.2001
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Wirklichkeit in Utopien
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Ursula Le Guins 'Planet der Habenichtse'
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Rolf Cantzen
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Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. "Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?" - so fragt der letzte Mensch. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte "Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Die Utopie sei nach dem Zerfall des Staatssozialismus endgültig erledigt, weil gründlich diskreditiert - so meinen zahlreiche Wissenschaftler und Publizisten.
... die Vertreter der Utopie sind zur Gewalt entschlossen und zwar zur Anwendung einer letzten und äußersten Gewalt ...
... so der Historiker Ernst Nolte ...
... die Utopie verlangt ihrem Wesen nach stets eine totale Gesellschaft. Es gibt keine liberale Utopie.
... behauptet der Publizist Joachim Fest und verkündet:
Das utopische Zeitalter ist beendet.
"Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Die heutigen Hüter des Bestehenden scheinen es erfunden zu haben - das Glück - Friedrich Nietzsches "letzte Menschen" ebenso:
Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.
Wir haben keine Gesetze als das eine und einzige Prinzip der gegenseitigen Hilfe. Wir haben keine Regierung als das eine und einzige Prinzip der freien Gesellschaftsbildung. Wir haben keine Staaten, keine Nationen, keine Präsidenten, keine Premiers, keine Häuptlinge, keine Generäle, keine Bosse, keine Bankiers, keine Hausbesitzer, keine Löhne, keine Wohlfahrt, keine Polizei, keine Soldaten, keine Kriege. Und auch sonst haben wir nicht viel. Wir sind Teiler, nicht Besitzer.
Ursula K. Le Guins "Planet der Habenichtse" - englisch: "The Dispossessed" trägt den programmatischen Untertitel: "An ambiguous Utopia", eine zweideutige, besser: eine gebrochene Utopie, eine Utopie, die keine perfekte, keine endgültige und ideale Gesellschaft darstellt, wie es in den klassischen Utopien der Fall war.
Die klassische Utopietradition ist geprägt worden von Platon, von Platons Politeia. Sie hat von ihm den strikten Antiindividualismus übernommen. Das Ganze als Ausdruck einer kollektiven Vernunft ist sozusagen mehr Wert als der Einzelne. Der Einzelne als Individuum kann sich nur definieren dadurch, daß er in Übereinstimmung mit den Institutionen des idealen Gemeinwesens funktioniert. Seine Subjektivität ist eher ein Störelement im reibungslosen Funktionieren des Ganzen.
Prof. Dr. Richard Saage von der Universität Halle-Wittenberg gehört zu den wenigen Politikwissenschaftlern, die sich heute noch - am vielbeschworenen "Ende des utopischen Zeitalters" - mit Utopien beschäftigen - weniger allerdings mit den klassischen Utopien Platons und den autoritären Utopien der Renaissance. Campanellas erfundenes Glück ist ein bis in den privatesten Bereich hinein geregeltes:
Sie gehen nach Anordnung des Aufsehers zu Bette. Aber nicht eher schreiten sie zur geschlechtlichen Vereinigung, als bis sie die Speise verdaut und zu Gott gebetet haben.
Auch viele sozialistische Utopien des 19. Jahrhunderts plädieren für ein gut organisiertes Glück. Für Spontaneität und individuelle Selbstverwirklichung ist kein Platz.
Demgegenüber knüpfen die sogenannten postmateriellen Utopien an anarchistische Tendenzen des utopischen Diskurses an.
Eine dieser "postmaterialistischen" Utopien ist Le Guins "Planet der Habenichtse". Hier gibt es keinen Luxus, keine Gesetze, keine Polizei und mehr individuelle Selbstbestimmung - nicht trotz sondern wegen des hier praktizierten Kommunismus.
Anarres ist nicht wunderbar. Es ist eine häßliche Welt. Alles öde, alles trocken. Die Städte sind sehr klein und langweilig, richtig trostlos. Keine Paläste. Wir sind arm, wir leiden Mangel. Ihr habt, wir haben nicht. Hier ist alles schön. Nur die Gesichter nicht. Auf Anarres ist gar nichts schön, nichts außer den Gesichtern. Die anderen Gesichter, die Männer und Frauen. Etwas anderes haben wir nicht, wir haben nur uns. Weil unsere Männer und Frauen frei sind; da sie nichts besitzen, sind sie frei. Und ihr, die Besitzenden, ihr seid besessen.
Der utopische Science-fiktion Le Guins wurde gleich nachdem er 1974 in den USA erschien als eine Art moderner Klassiker des positiven utopischen Denkens bezeichnet. Negative Utopien, Utopien mit denen vor negativen Entwicklungen gewarnt wird, gab es im 20. Jahrhundert zu Hauf ...
... Orwells "1984", Huxleys "Schöne neue Welt" ...
Die positiven Utopien, Szenarien einer lebens- und wünschenswerten Welt, wurden mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Außerdem hatte die Utopie noch nie einen guten Ruf.
Der Angriff auf die Utopie erfolgte auf der einen Seite aus dem bürgerlichen Lager: Utopisches Denken wurde mit kommunistischem Denken gleichgesetzt, das also die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft, das Privateigentum, abschaffen und durch das Gemeineigentum ersetzen will. Auf der anderen Seite wurde die Utopie aber auch angegriffen von der marxistischen Linken.
"Utopie" ist ein Kampfbegriff, mit dem zunächst die sogenannten Frühsozialisten attackiert wurden und schließlich auch die Anarchisten. Ihre eigene Lehre verstanden Marx, Engels und Nachfahren als "Wissenschaft", auch als Wissenschaft von der gesellschaftlichen Entwicklung:
... Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus ...
Dummerweise blieb die Entwicklung in der Phase eines autoritären Staatssozialismus stecken.
"Wir haben das Glück erfunden ..."
... sagten auch diese "letzten Menschen" und blinzelten - solange wie es den Staatssozialismus noch gab. Auf dem Planeten Urras, dem Gegenstück des herrschaftslosen Anarres, hatte ihn der kapitalistische Teil der Welt noch nicht niederkonkurriert, was zweifellos daran lag, daß der Roman 1974 publiziert wurde, als es auf der Erde den sogenannten Realsozialismus noch gab.
Wir sind Sozialisten - wie ihr ...
.... behauptet der Staatssozialist gegenüber dem Anarchisten Shevek im "Planet der Habenichtse". Als echter Anarchist ging dieser jedoch entschieden auf Distanz. Auf der Erde endeten solche Umarmungsstrategien für Anarchisten häufig tödlich.
Ihr seid Archisten. Euer Staat ist noch stärker zentralisiert als der kapitalistische. Die Kontrolle eueres Staates wird von einer einzigen Machtstruktur ausgeübt, die über alles bestimmt: über die Regierung, die Verwaltung, die Polizei, das Militär, die Bildung, die Rechtssprechung, den Handel, die Industrie.
Kommen Sie mit zu uns, sehen sie sich an wie der echte Sozialismus funktioniert.
Ich weiß, wie echter Sozialismus funktioniert.
... nämlich so - oder so ungefähr - wie auf Anarres, meint Shevek, ohne Staat, ohne Hierarchie, dezentral und ohne eine Einschränkung der individuellen Freiheit. In ihrem Roman plaziert Le Guin den Anarchismus als eine Art dritten Weg.
Aber das Prinzip der gesetzlichen Autorität muß unbedingt aufrechterhalten werden, sonst degenerieren wir, rutschen wir ab in Anarchie ...
... sagte ein fetter, finster dreinblickender Mann auf einer Party der vornehmen Kreise von Urras und scheint vergessen zu haben, daß es sich beim "Planet der Habenichtse" nicht um einen billigen Propagandaroman handelt. Kindlers Literaturlexikon versucht eine literaturwissenschaftliche Einordnung:
Das Buch stellt einen überaus gelungenen Übergang vom tendenziell konventionellen Science-fiction-Roman mit den Elementen einer interstellaren Reise, der Raumschiffe, Roboter und Aliens zur ethische Probleme diskutierenden Utopie dar, in deren Mittelpunkt die politische Idee steht ...
... die anarchistische Idee einer Gesellschaft der Freien und Gleichen. Sie existiert auf Anarres, einem kargen Mond des Planeten Urras.
Urras ähnelt der Erde der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Hier gibt es unterschiedliche Gesellschaftsformen, einmal den ausbeuterischen Kapitalismus mit einem autoritären kriegführenden Staat, dann einen hierarchischen Staatssozialismus, der jede individuelle Freiheit erstickt ...
... und gleichsam dazwischen existieren weniger wohlhabende Länder auf deren Territorium Krieg - Vietnamkrieg - geführt wird. Der Roman entstand auf dem Hintergrund der antiautoritären und pazifistischen Bewegungen der 60er und frühen 70er Jahre. Es war eine Zeit der Unzufriedenheit und des Aufbruchs. In diesen Jahren entdeckte ein Teil der US-amerikanischen Linken auch die Theorien der Anarchisten. Ursula Le Guin knüpft daran an, wie sie in einem Interview erklärt:
Meine Anregungen bezog ich von Kropotkin, von den Anarchosyndikalisten ...
... also der anarchistischen Gewerkschaftsbewegung Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ...
... von Paul Goodman, was die Verwaltung der Stadt betrifft; von Murray Bookchin, was die sanfte Technologie betrifft und seine Art, die Anarchie als eine einfache Idee darzustellen, die es schön ist sich auszumalen ...
Weitere Einflüsse: Die antiautoritäre Erziehung, die Anfänge der Ökologiebwegung, vor allem aber der Feminismus.
Geboren 1929 als Tochter eines Anthropologen und einer Schriftstellerin studierte Ursula Kroeber Geschichte in den USA und Frankreich, heiratetein Frankreich den Historiker Le Guin, unterrichtete Französisch, schrieb - ohne publizistischen Erfolg - Lyrik, Kurzgeschichten und Romane. Ende der 60er Jahre hatte sie ihren ersten Bestseller mit feministischen und pazifistischen Science-fiction-Romanen.
In den folgenden Jahren erhielt sie gleich mehrfach alle relevanten Science-fiction-Preise. Es folgten wenig anspruchsvolle aber auflagenstarke und in viele Sprachen übersetzte Fantasy-Romane - insgesamt etwa 60 verschiedene Bände. Heute lebt Le Guin - immer wieder ausgezeichnet mit Literaturpreisen - in Portland, Oregon, USA.
Ihr könnt die Revolution nicht kaufen. Ihr könnt die Revolution nicht machen. Ihr müßt die Revolution sein. Sie ist entweder in euch, oder sie ist nirgends.
Schon die Rahmenhandlung des Romans unterscheidet sich grundlegend von Utopien der Renaissance und den kommunistischen Utopien des 19. Jahrhunderts: Der Held gelangt nicht - wie meistens sonst in literarischen Utopien - von der mangelhaften Welt in die bessere utopische, sondern umgekehrt: Der im "utopischen" Anarres lebende Physiker Shevek reist in den kapitalistischen Teil Urras - und zwar nachdem beide Welten 170 Jahre keinen Austausch mehr miteinander hatten.
Vor etwa 170 Jahren gab es auf Urras eine Revolution, die sich an den Ideen der Anarchistin Odo orientierte. Die Revolutionäre wurden auf den Mond Anarres verschickt und konnten hier eine Gesellschaft nach ihren Ideen aufbauen.
Der geniale Physiker sucht den Kontakt zu Urras, nachdem er beginnt, am Gesellschaftssystem von Anarres zu zweifeln. Er kann seine Ideen aufgrund der Borniertheit und einer gänzlich unanarchistischen Machtausübung einiger Wissenschaftler weder diskutieren noch publizieren. Er wird von manchen als "Verräter" beschimpft, folgt aber trotzdem der Einladung nach Urras, um dort seine bahnbrechenden Theorien zu entwickeln.
Im kapitalistischen Teil von Urras stehen ihm scheinbar alle Möglichkeiten offen. Er forscht und lebt in einer ungewohnt komfortablen Umgebung.
Doch die Freundlichkeit seiner Gastgeber erweist sich als Berechnung. Ein Wissenschaftler konfrontiert ihn damit:
Ich möchte wissen, ob Sie wissen, was Sie hier tun?
Ich glaube schon.
Dann ist Ihnen also klar, daß Sie gekauft werden?
Gekauft?
Na schön, nennen Sie es eingeladen. Aber eins merken Sie sich: Wie sollen Sie unsere Situation hier begreifen, in einer kapitalistischen Volkswirtschaft, einem plutokratisch-oligarchischen Staat? Wie können Sie die Situation erkennen, Sie, der sie aus einer kleinen Kommune hungerleidender Idealisten oben am Himmel kommen?
Tatsächlich stolpert der ahungslose Anarchist Shevek durch die kapitalistische Gesellschaft wie zuvor in der Literatur der Aufklärung der "edle Wilde" durch die feudale gestolpert ist. Die Konfrontation mit Sheveks unverstellten und direkten Verhaltensweisen und Beobachtungen der unseren so ähnlichen Gesellschaft von Urras macht deren Mängel sichtbar:
Besitz macht sie zu Besessenen, Zentralisierung zu Untertanen ...
Erziehung läßt Kinder Hierarchien internalisieren ...
... sie lernen "gutes Benehmen" und Gehorsam statt Selbstbestimmung ...
Prüfungen und Leistungsbewertungen an der Universität ersticken die Kreativität ...
Konkurrenz und Herrschaft verhindern ein offenes und solidarisches Sozialverhalten ...
... auch die Frauen sind dem Besitzdenken unterworfen: In öffentlichen Ämtern, an den Universitäten findet man sie nicht, nur als Hausfrau und Mutter ...
Die Unterschichten im kapitalistischen Teil von Urras sind sehr arm, rechtlos, werden ausgebeutet und in Kriegen verheizt ...
... und die überaus freundlichen Wissenschaftler zeigen sich nur deshalb an Sheveks genialen Theorien interessiert, um sie militärisch zu nutzen. Je mehr Shevek von dieser autoritär- kapitalistischen Gesellschaft erfährt, desto entschiedener wird sein Eintreten für die Gesellschaftsordnung auf Anarres. Als es zu Massendemonstrationen der anarchistischen Opposition auf Urras kommt, flieht er zu den Revolutionären, wird als lebendiges Beispiel für ein besseres Leben zur Leitfigur und hält vor Hunderttausenden von Menschen eine Rede ...
.... Wir haben keine Staaten, keine Nationen, keine Präsidenten, keine Premiers, keine Häuptlinge, keine Generäle, keine Bosse, keine Bankiers, keine Hausbesitzer, keine Löhne, keine Wohlfahrt, keine Polizei, keine Soldaten, keine Kriege. Und auch sonst haben wir nicht viel. Wir sind Teiler, nicht Besitzer. Keiner von uns ist reich. Keiner von uns ist mächtig ...
Ein Gemetzel der Regierungstruppen macht der Rede ein Ende. Shevek entkommt, flieht in die Botschaft Terras, der Vertretung der Erde auf Urras. Gleichsam nebenbei erfährt man - durch ein Gespräch Sheveks mit der Botschafterin - , daß sich auf der Erde eine ökologische Katastrophe abgespielt hat.
Wir haben weder unserem Appetit noch unserer Gewalttätigkeit Zügel angelegt; wir haben uns nicht angepaßt. Wit haben uns selbst vernichtet. Aber zuerst haben wir unsere Welt zerstört. Auf der Erde gibt es keine Wälder mehr. Die Luft ist grau, der Himmel ist grau, es ist immer heiß ...
Die fortschreitende Industrialisierung, die rücksichtslose Ausbeutung der Natur haben eine ökologische Katastrophe bewirkt. Nur noch eine Milliarde Menschen können auf der Erde leben. - Hier nimmt Le Guin Diskussionen auf, die in den 70er Jahren noch sehr entschieden geführt wurden - auch in Hinblick auf die gesellschaftlichen Folgen. Es herrscht eine rigide Ökodiktatur.
... wir haben gerettet, was wir retten konnten: durch totale Zentralisation. Totale Kontrolle über die Verwendung jedes einzelnen Hektars noch fruchtbaren Landes. Totale Rationalisierung, Geburtenkontrolle, Euthanasie. Absolute Reglementierung jeden Menschenlebens ...
Nach der abschreckenden Thematisierung der kapitalistisch autoritär-staatlichen Konkurrenz- und Konsumgesellschaft und des Staatssozialismus thematisiert Le Guin den Ökofaschismus als mögliche Perspektive "unserer" Erde. Auch unter dem ökologischen Aspekt wird Anarres zu einer Alternative.
Im Roman werden zwei parallel verlaufende Geschichten erzählt: Einmal die Ereignisse, die sich um Shevek auf Urras abspielen, dann - in Rückblenden - das Leben Sheveks auf Anarres mit seiner ökologischen Wirtschaft: Windkraft und Erdwärme werden als Energiequellen genutzt. In Anarres setzt man nicht auf Naturbeherrschung, sondern auf Anpassung an die natürlichen Gegebenheiten:
Wenn der Mensch mit Maßen fischte und wenn er den Boden unter Verwendung organischen Düngers beackerte, gelang es ihm. Für Pflanzenfresser gab es kein Gras, für Fleischfresser keine Pflanzenfresser. Man verzichtete darauf, von Urras Tiere herüber zu holen, um das labile Gleichgewicht des Lebens nicht zu zerstören.
Freiwillig beschränken sich die Bewohner von Anarres. Le Guin schildert Anarres als staats- und herrschaftslosen Ökokommunismus. Ein Grundsatz der von der anarchistischen "Urmutter" - die Analogie zu den Urvätern der Renaissanceutopien - lautet:
Willst du einen Menschen zum Dieb machen, mache einen anderen zum Besitzer. Nichts gehört dir allein. Alles ist zum Gebrauch da, zum Teilen mit anderen.
Niemand besitzt irgend etwas privat. Die Arresti essen in Refektorien, die es überall gibt, sie übernachten in karg ausgestatteten Wohnhäusern entweder im Mehrbettzimmern oder - wenn feste Paarbeziehungen eingegangen werden oder wenn zwei Menschen miteinander schlafen wollen - in Zimmer für zwei Personen. Wenn man Kleidung braucht, nimmt man sie sich aus den Magazinen.
Höre endlich auf zu egoisieren!
Du bist eine Profitlerin!
Warum possesivierst du schon wieder?
Durch die Sozialisation werden die Werte der Solidarität, der Besitzlosigkeit und der Selbstbestimmung verinnerlicht.
Wir moralisieren nicht, wir schaffen Moral ...
... so drückt es Shevek aus.
Willst du Menschen zu Verbrechern machen, mache Gesetze.
Es gibt keine Gesetze, nur die verinnerlichten Regeln der gegenseitigen Hilfe und der Selbstbestimmung. Wer sich nicht sozial und kooperativ verhält, wird sozial isoliert. Er kann allein leben oder sich einen neuen Schlafraum, einen neuen Arbeitsplatz suchen.
Die Menschen machen ihre Arbeit gern. Und es macht ihnen Spaß, sie gut zu tun.
... berichtet Shevek. Unliebsame Arbeiten werden verrichtet, weil sich jeder dazu verpflichtet fühlt. Jeder erledigt solche Arbeiten in gewissen Abständen freiwillig. Niemand wird dazu gezwungen.
Unsere Verwaltungs- und Managementstruktur nennt sich PDK, Produktions- und Distributionskoordination. Das ist ein Koordinierungssystem für alle Syndikate, Föderationen und Individuen, die produktive Arbeit leisten. Die PDK regiert nicht Menschen, sondern verwaltet die Produktion. Sie hat weder die Macht, mich zu unterstützen noch mich zu hindern.
Wer in diesen PDKs arbeiten will, wird im Losverfahren bestimmt, angelernt und tut seine Arbeit dort nicht länger als vier Jahre.
Jede Zentralisation ist eine ständige Bedrohung, der man durch unaufhörliche Wachsamkeit begegnen kann.
Aus informeller Macht droht tatsächliche Macht zu entstehen.
Alls funktioniert dezentral, alles ist vernetzt: Jeder Wohnblock verwaltet sich selbst, jeder Stadtteil, jede Fabrik, jede landwirtschaftliche Einheit.
Odo, die anarchistische Urmutter von Anarres in Ursula K. Le Guins Roman scheint ihre Ideen von den anarchistischen Klassikern zu haben. Bakunin und die Anarchosyndikalisten wollten über Koordinationsorgane die Produktion und Verteilung der Güter organisieren. Der Anarchist Kropotkin betonte eher den Aspekt dezentraler Vernetzung. Le Guin kombinierte diese Ansätze. Doch im Gegensatz Le Guins "Anarristen" hatten die Anarchisten nichts gegen Luxus. In einem Interview stellt Le Guin jedoch fest:
Die Armut auf Anarres stellt kein ideologisches Postulat dar. Ich habe sie benutzt, um den simplen Kontrast zwischen den armen Anarchisten und den satten Kapitalisten zu schaffen.
Anarres ist nicht wunderbar, sondern stets in Gefahr durch Bürokratie und einer Etablierung informeller Macht zu erstarren. Shevek, seine Familie und seine Freunde gründeten, was ihrem Recht auf individuelle Selbstbestimmung entsprach, selbst ein Syndikat mit Publikationsmöglichkeiten für neue und ungewöhnliche Werke, mit denen die Gemeinschaft nicht einverstanden war.
Deshalb wurden sie sozial isoliert, man verweigerte Kooperation, übte auf sie sozialen Druck aus ...
Die kollektiven Zwänge drohen die individuelle Selbstbestimmung einzuschränken und die anarchistische Idee zu pervertieren - auf diese am Leben des Helden Shevek demonstrierten Gefahren weist die Utopie Le Guins hin und das macht sie als Utopie interressant:
Eine positive politische Utopie, die ihre eigene Kritik gleich mitliefert, die nicht abgeschlossen, nicht statisch ist.
Eine Utopie, deren utopischer Gehalt durch die politische Wirklichkeit - auch mehr als ein Viertel Jahrhundert nach ihrem Erscheinen - keinesfalls abgegolten und eingelöst ist.
Es wird Zeit, daß wir auf und davon gehen und ein Anarres über Anarres hinaus gründen.
Am Ende der Held Shevek nach seinem Aufenthalt auf dem Planeten Urras mit seinem Staat, seinen sozialen Ungerechtigkeiten, seiner rücksichtslosen Naturausbeutung, seinem Kapitalismus und seinem unsolidarischen Konkurrenzprinzip ... am Ende kommt Shevek nach Anarres zurück, um es im Sinne seiner ursprünglichen Ideen zu verändern.
Wir haben keine Gesetze als das eine und einzige Prinzip der gegenseitigen Hilfe. Wir haben keine Regierung als das eine und einzige Prinzip der freien Gesellschaftsbildung. Wir haben keine Staaten, keine Nationen ....
Ich glaube, eine wichtige Funktion des utopischen Denkens besteht darin, die Kritikfähigkeit zu erhalten, das heißt: Wir sind, wenn unsere Gesellschaft nicht versteinern will, auf Standpunkte einer fiktiven besseren Alternative angewiesen, um Fehlentwicklungen überhaupt diagnostizieren und kritisieren zu können.
Wir brauchen Reflexionsräume, die vom Druck der unmittelbaren politischen Verantwortung entlastet sind, um zunächst fiktiv Gegenmodelle zu erkennbaren Fehlentwicklungen diskutabel zu machen.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren! Ich sage euch: man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
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