Deutschlandfunk GESICHTER EUROPAS Samstag, 28. November 2009, 11.05 ? 12.00 Uhr Jenseits der Schengen-Grenze: Die Ukraine und das Flüchtlingsproblem mit Reportagen von Ernst-Ludwig von Aster und Anja Schrum Redakteurin am Mikrophon: Susanne El Khafif Musikauswahl: Simonetta Dibbern Opener: (Stimmen) Musik 1 Ein nigerianischer Flüchtling im Grenzgefängnis von Chop: "Niemand spricht Englisch hier. Schauen Sie sich meinen Bart an. Seit dreizehn Tagen möchte ich mich rasieren. Es gibt keinen Rasierer. Ich möchte mir die Zähne putzen. Ich habe nach einer Zahnbürste gefragt. Sie verstehen mich nicht. Ich benutze jetzt meine Finger." Und Mykola Tovt, Chef des Migrationsdienstes Transkarpatiens: "Wir haben für die Antragsteller auf Anerkennung als Asylberechtigter und für die als Flüchtlinge anerkannten Personen 6 Typen von Doku-menten: 2 davon sind Passersatzpapiere und 4 sind Aufenthaltsge-nehmigungen." Gesichter Europas: "Jenseits der Schengen-Grenze: Die Ukraine und das Flüchtlingsproblem". Mit Reportagen und Portraits von Ernst-Ludwig von Aster und Anja Schrum. Am Mikrophon begrüßt Sie Susanne El Khafif. Musik 1 Moderation Sie kommen nicht von den Küsten Nordafrikas. Sie kommen aus dem Osten und Südosten ? die meisten aus Afghanistan, aus dem Irak, aus Pakistan und Somalia, aus Moldawien und Georgien. Und sie alle wollen nach Europa, um dort ein besseres Leben zu führen. Es gibt viele Gründe, warum diese Menschen ihre Heimat verlassen. Weil sie unterdrückt und verfolgt werden. Weil sie keine Arbeit finden. Weil Gewalt und Bomben den Alltag prägen. Weil ihr Staat nicht mehr existiert. Weil das Elend groß ist ... Doch die lange und gefährliche Reise dieser Menschen findet ein abruptes Ende: Am Grenzzaun der Europäischen Union. Die hat sich in den letzten Jahren erweitert ? und damit hat sich auch die Grenze weit in den Osten verschoben. Musik 1 hoch und dann wegziehen Die Ukraine ist heute Transitland. Für all die, die versuchen, über diesen Weg in den Westen zu gelangen. Der Weg zählt zu den Hauptmigra-tionsrouten, und er ist weit mehr frequentiert als der über das Mittelmeer. Rund 80 Prozent der illegalen Grenzübertritte finden im Südwesten der Ukraine statt, in Transkarpatien, an der Grenze zu Ungarn, Rumänien, Polen und der Slowakei. Transkarpatien, eine hügelige, eine gebirgige und waldreiche Region. Atmo Grenze Es ist viel Betrieb. Die schwer beladenen LKWs rollen langsam auf die ukrainische Grenzkontrolle zu. Stoßstange an Stoßstange. Erst müssen sie die ukrainische, dann die slowakische Kontrolle passieren. Die Gebäude auf beiden Seiten sind neu. Kameras überwachen das Geschehen. In der Slowakei beginnt der Schengen-Raum, hier wird die Außengrenze der Europäischen Union bewacht. Von beiden Seiten. Mit viel Geld unterstützt Brüssel den Ausbau des ukrainischen Grenzschut-zes. Und seiner Gefängnisse ... Beitrag 1, Das Grenzgefängnis von Chop, L: 7'00 Geräusch: Schritte über Flur Sprecher: Vitalij Slabadjan eilt über den langen Gang der Kaserne. Links an der Wand prangt das ukrainische Staatswappen, daneben hängt eine Fotogalerie: Grenzschützer im Einsatz. Mal mit Fernglas in der Ebene, mal mit Maschinenpistole am Gebirgsbach. Immer in Tarnkleidung, immer mit einem Schäferhund an der Seite. Slabdjan lächelt. Der hochgewachsene Offizier im grün-schwarz-braunen gefleckten Tarnanzug, einen breiten Ledergürtel um die Taille, kommandiert die Grenztruppen. Hier in Chop, dem ukrainischen Grenzort in Transkarpatien: Take 1 Slabadjan / ÜBERSETZUNG Der Ort ist sehr günstig gelegen: hier verläuft die Grenze zu drei EU-Mitgliedstaaten. Unsere Aufgabe ist es, den illegalen Grenzübertritt zu bekämpfen. Und die Schlepper und Schleuser ausfindig zu machen. In den letzten drei Jahren haben wir ungefähr 10.000 Menschen festge-nommen, die versucht haben, illegal in die EU zu gelangen ... Geräusch-take hoch Sprecher: Vitalij Slabadjan verlässt das Verwaltungsgebäude, eilt über den Kasernenhof. Drumherum stehen zwei bis dreistöckige Gebäude. Ein alter Krankenwagen parkt vor einem brüchigen Schuppen. Geräusch-take Sprecher: Slabadjan steuert auf einen Flachbau zu. Die Wand frischgelb gestrichen, die Fenster neu, ebenso die braune Eingangstür. Mit Türspion. Neben dem Klingelkopf glänzen zwei Schilder in der Wintersonne. "Technical Cooperation and Capacity Building" steht da. Über einer EU-Flagge. Und dem Logo der Caritas. Vitlalij Slabdjan klingelt Take 2: Slabadjan Das ist unser temporäres Aufnahmezentrum Sprecher drüber "Das ist unser temporäres Aufnahmezentrum", sagt Slabadjan. Und meint das Grenz-Gefängnis. Für alle, die in Grenznähe von seinen Leuten verhaftet werden. Zwischen 10 Tagen und 6 Monaten sitzen sie hier hinter Gittern... Geräusch-take Geraschel Sprecher: Eine Grenzschützerin mit blondem Pferdeschwanz öffnet. Slabdjan nickt kurz, begrüsst dann per Handschlag einen Zivilisten, Oleksander Lostyk. Der kleine, korpulente Mann mit schwarzer Lederjacke und Ledermütze auf der Glatze, steht in einem Vorraum, gleich neben der Küche. Unzählige Kartons stapeln sich an den Wänden Geräusch-take Geraschel.. Sprecher: Lostyk greift zu einigen dünnen gelben Plastiktüten mit dem Logo einer britischen Einkaufskette. Dreht sich langsam einmal um die eigene Achse. Take 3 Lostyk Brot, Zucker ... Kekse, Kondensmilch, Fischkonserven, Cay und Nudeltütensuppen und außerdem verteilen wir Einweggeschirr und Löffel. Sprecher: Lostyk holt einen Laib Brot aus einem Karton. Ein Päckchen Zucker aus einem anderen. Dann noch Kekse, Kondensmilch, asiatische Nudelsuppen. Jeden Artikel präsentiert Lostyk den Besuchern, packt ihn dann in die Plastiktüte. Der Mittfünfziger arbeitet für die Caritas im nahegelegenen Mukachevo. "Einmal die Woche werden die Gefangenen hier von uns versorgt", sagt er. Toilettenpapier, Fischkonserven, Teebeutel, Brot, Plastikbecher und Gabeln, alles stapelt sich hier, kartonweise. Auch Zahnpasta und Zahnbürsten, Einwegrasierer. Sogar Schuhe. Alles für die Gefangenen, sagt Lostyk, alles gratis. Take 4 Offizier auf deutsch Das ist alles real Sprecher: "Das ist alles real", versichert der Offizier. Und hat nichts damit zu tun, dass demnächst eine Delegation des UN-Flüchtlingshilfswerkes erwartet wird. Geräusch-take hoch Sprecher: Oleksands Lostyk verabschiedet sich. Offizier Slabadjan macht ein Zeichen, will, das wir ihm zu folgen. Richtung Männertrakt. Der liegt hinter einer schweren weißen Gittertür.. Geräusch-take: aufschliessen Sprecher: Ein bulliger Wächter schließt auf. Links und rechts schwere graue Zellentüren. Einige der postkartengroßen Kontroll-Luken stehen offen. Geben den Blick frei auf Gefangene, die zusammengesunken in ihren Zellen hocken. Der Wächter schiebt einen dunkelhäutigen Mann in die Mitte des Ganges. Er hat die Kapuze seiner Jacke tief ins Gesicht gezogen, starrt auf den Boden. "Mit dem können Sie sprechen", sagt der Wächter. Der Gefangene verharrt regungslos. Er versteht kein russisch, kein ukrainisch. Take 5: Nigerianer I am from Nigeria Sprecher: "Ich komme aus Nigeria", sagt er leise auf Englisch. Ohne aufzuschauen deutet er mit seiner Hand auf eine graue Metalltür. Er will seine Zelle zeigen... Take 6 Wärter Nein, das sind auch andere Insassen drin, sie können in einer der leeren Zelle sprechen, gibt es da leere Zellen ? Sprecher. "Nein, da können sie nicht rein", sagt der bullige Wächter. Am Ende des Ganges ist eine leere Zelle für das Gespräch vorbereitet. Wir bleiben einfach stehen. Warten. Nervös sucht der Wachmann Blickkontakt zu seinem Vorgesetzten. Vitalij Slabadjan zuckt mit den Schultern. Dann nickt er. Der Wächter greift zum Schlüsselbund, öffnet die schwere Metalltür vor der wir stehen. Geräusch-take Prachodz Sprecher: "Prachodz", sagt er, "kommen Sie rein". Ein kleiner Raum, vielleicht acht Quadratmeter groß. Es ist kalt und feucht. Zwei Doppelstockbetten rechts, gegenüber ein hüfthoch gemauerter Verschlag, mit Holzschwing-tür. Dahinter eine alte Toilette, an der Wand ein rostiges Waschbecken. Das Wasser läuft ununterbrochen. Take 7: Nigerianer As you can see all the water, you take a look at ot yourself, the colour, it is too bad for me.. That is the toilet you can look yourself.. Sprecher: "Schauen sie sich das Wasser an, die Farbe", sagt der Mann aus Nigeria . Das Wasser ist hellbraun, verströmt einen modrigen Geruch. Auf den Pritschen kauern zwei Mitgefangene, blicken starr an die Wand. Sagen kein Wort. Der Nigerianer aber redet. Vor 13 Tagen wurde er von den Grenzern festgenommen. Auf dem Weg nach Europa. Wo genau, weiß er nicht. Take 8 Nigerianer / Übersetzung Nobody can speak .... they do not do ... Übersetzung: Niemand spricht Englisch hier. Schauen sie sich meinen Bart an. Seit dreizehn Tagen möchte ich mich rasieren. Es gibt keinen Rasierer. Ich möchte mir die Zähne putzen. Ich habe nach einer Zahnbürste gefragt. Sie verstehen mich nicht. Ich benutze jetzt meine Finger. Sie verstehen mich einfach nicht Sprecher: Er zeigt auf ein wackeliges Holzregal. Darin liegt eine halbe Rolle Toilettenpapier. Neben einer fast leeren Flasche Mineralwasser. Und einer Packung Augentropfen. Sonst nichts. Keine Zahnpasta, keine Zahnbürste, keine Nudeln, keine Kekse, keine Fischkonserven. Nichts von all dem, was sich nebenan in den Kartons der Caritas stapelt. Geräusch-take Sprecher: Der Offizier gibt ein Zeichen. Der Wächter hebt den Schlüssel. Der Nigerianer nickt. Das Gespräch ist zu Ende. Doch Vitalij Slabadjan will noch etwas zeigen. Die neuesten Umbauarbeiten ... Geräusch-take Sprecher: Wieder geht es über den Kasernenhof. Zu zwei Flachbauten am Ende des Platzes. Bauarbeiter klatschen Putz an die Wände. Schutt liegt auf dem Boden. Dazwischen verrostete Wasserrohre. Im Sommer drängten sich hier bis zu 300 Leute hinter Gittern. Unter menschenunwürdigen Bedingungen. Jetzt sind sie auf andere Lager verteilt, sagt Vitalij Slabadjan, damit hier weitere Zellen entstehen können Take 9 Slabadjan Hier auf dieser Seite waren Zellen. Und da war unsere Club, Jetzt werden auch aus dem Club Zellen gemacht Sprecher: "Das hier war mal unser Kinosaal," sagt er Und zeigt auf zehn Reihen Klappstühle. "Jetzt bauen wir neue Zellen". Mitfinanziert von der EU. Für neue Flüchtlinge... Musik 2 Moderation Eine andere Zeit, eine andere Grenze ... Béla Monori will Ungarn verlassen, auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs in den Westen flüchten. "Ein Hohlweg an der Grenze", aus dem Roman "Asyl" ? von Lászlo Màrton: Musik Literatur unterlegen Literatur 1 "/ ... /Monori hatte zwar eine Taschenlampe, die hatte ihm noch der Eisenbahner in die Hand gedrückt; aber er hatte nicht den Mut, sie anzuknipsen. Es war auch gar nicht mehr stockfinster, Spurbrand-geschosse leuchteten am Horizont auf, begleitet vom Geklapper von Maschinenpistolen. Monori musste trotzdem herumtasten, er bewegte sich in einem Hohlweg oder einer Erosionsschlucht, und zwar bergauf; ringsumher raschelte kalt das Laub. / ... / An einigen Stellen musste er meterhohe Felsblöcke überklettern, ein andermal war es, als durchwate er den weichen Schlamm von Reifenspuren. / ... / Dann wurde das Gelände ebenerdig, Monori stolperte und wäre auf der klirrenden, krachenden Oberfläche der sinkenden, matschigen Masse beinahe zu Boden gestürzt; er klammerte sich an einem Stück Stacheldraht fest, ratsch ? zerriss ihm das Hemd, sein Arm bekam eine Schramme. / ... / Béla Monori schwitzte stark. Er kombinierte folgendermaßen: Dieser Stacheldraht kann kaum eine Landesgrenze bezeichnen und darstellen, denn die Landesgrenze verläuft in dieser Gegend in der Mitte des Flusses Rablovica, während dieses Gebiet hier ein Bergrücken oder wenigstens eine Hochebene ist. Ansonsten wurde von der Landesgrenze schon vor langer Zeit der Stacheldraht entfernt, also bedeutet der Stacheldraht, dass sich Béla Monori noch sehr wohl auf heimischem Boden befindet. Oder ist dies schon die andere Seite?, fragte sich Monori, während er unter dem Stacheldraht durchkroch. / ... /" Moderation Die Romanfigur Béla Monori wollte einst weg aus Ungarn, raus aus dem Ostblock. Und auch Monori wollte sein Land verlassen, um im Westen ein freieres und besseres Leben zu führen. Nach der Aufnahme Ungarns in die Europäische Union finden heute andere eben dort ein besseres Leben ? und politisches Asyl. Doch häufig geht dem eine Odysee voraus. Denn obwohl das Gesetz vorgibt, dass das erste EU-Land, das ein Flüchtling betritt, auch für die Prüfung seines Asylantrags zuständig ist, sieht die Realität oft anders aus. Das berichten Flüchtlingsinitiativen aus Ungarn und der Westukraine. Asylsuchende, die auf EU-Boden aufgegriffen werden, würden von Europas Beamten abgeschoben. Wohin?! In die Ukraine. Dort aber ist die Anerkennungsquote für Asylsuchende gering, sie liegt bei etwa drei Prozent. Atmo, Innenstadt, Fußgängerzone, Musik Ungarns Hauptstadt Budapest - rund 300 km von der ukrainischen Grenze entfernt - ein Café, direkt im Zentrum der Stadt ... Beitrag 2, Erinnerungen eines Palästinensers, L: 5'40 Geräusch-take 1 Atmo Cafe.... Sprecherin: Der junge Mann, der an einem Bistrotisch im hinteren Teil des Cafes Puschkin sitzt, sieht aus wie ein Student oder Tourist. Er trägt Jeans und ein graues T-Shirt, unter dem rechten Ärmel lugt der Rand einer Tätowierung hervor. Die Sonnenbrille hat er aufs fast kahlgeschorene Haar geschoben. Take 1 (Deep) ohne overvoice My name ist Deep, I am from Palastine and I am an recognized refugee in Hungary. Sprecherin: Seit gut einem Jahr lebt der Palästinenser Deep in Ungarn. Als anerkannter Flüchtling. Rund anderthalb Jahre dauert seine Flucht, die ihn von der Westbank nach Syrien, per Schiff übers Mittelmeer und das Schwarze Meer in eine ukrainische Hafenstadt führt. Vermutlich Odessa, sagt Deep heute. Per Lieferwagen geht es weiter. Via Kiew nach Transkarpatien. In ein Haus irgendwo in der Nähe der ukrainisch-slowakischen Grenze. Alles organsiert von Schleusern. Bei Nacht überquert die 12köpfige Gruppe - außer Deep vor allem Iraker - zu Fuß die Schengengrenze. Doch 100 Meter hinter dem slowakischen Grenzstein werden sie gefasst. Take 3 (Deep) We ask that we apply for refugee... And than the Ukrainian soldiers came and took us. Übersetzung: Wir haben gesagt, dass wir um Asyl bitten. Das Gespräch, das darauf folgte, war sehr gut. Am nächsten Tag sagten sie zu uns: Alles klar. Und wir dachten, sie bringen uns jetzt in ein slowakisches Flüchtlingslager. Doch der Transporter fuhr zu einen slowakisch-ukrainischen Grenzüber-gang. Dort übernahmen uns die ukrainischen Grenzschützer. Sprecherin: Statt in einer slowakischen Flüchtlingsunterkunft findet sich Deep in einem ukrainischen Grenzgefängnis wieder. Genauer: in Chop. Take 4 (Deep) The first day they brought me to Chop, they searched me... they left me without anything. Übersetzung: Dort durchsuchten sie mich. Sie fanden 400 Dollar und stahlen sie. Sie nahmen meine Uhr, mein Mobiltelefon. Sie nahmen alles, sie ließen mir nichts. Sprecherin: Nichts davon wird Deep wiedersehen. Auch einen Anwalt bekommt er nicht zu Gesicht. Der Mitdreißiger schüttelt den Kopf, nimmt noch einen Schluck Bier, kaut unruhig auf seinem Kaugummi. Take 5 (Deep) And every day I was more angry about my situation... it was a big deasaster. Übersetzung: Jeden Tag wurde ich wütender, über die ganze Situation. Die meisten Gefangenen wurden wütend. Nicht ängstlich oder erschrocken, sondern wütend. Wir waren hungrig, wir waren schmutzig, wir hatten keine Toilette und das Trinkwasser war mit allem verunreinigt, was man sich vorstellen kann. Es war ein großes Desaster. Sprecherin: Während Deep erzählt, verschränkt er die Arme vor dem Oberkörper. Sein linkes Bein wippt unruhig auf und ab. Erst langsam dann immer schneller. Nach 20 Tagen in Chop wird Deep in ein anderes Lager gebracht. Irgendwo im Wald. Wieder Zellen, Zäune, Stacheldraht. Hunderte Flüchtlinge aus Afrika, dem Nahen und dem Fernen Osten, aus allen Teilen Asiens - zusammengepfercht in ein paar Räumen. Take 7 (Deep) And also the indian guys, they were very rich... It was like a cat and mouse game. Übersetzung: Die Inder, die waren ziemlich reich. Sie bestachen die ukranischen Wächter. Sie kauften bei ihnen Mobiltelefone. Es war skurill: Die Wächter verkauften uns die Telefone, dann kamen sie und beschlag-nahmten sie, um sie uns dann wieder zu verkaufen. Eine Art Katz- und Mausspiel. Sprecherin: Viele Ratten, mieses Essen, drangvolle Enge, schlechte hygienische Bedingungen ? das Schlimmste aber sind die Erniedrigungen durch das Wachpersonal. Deeps linkes Bein wippt noch stärker auf und ab, läßt seine mühsam unterdrückte Wut erahnen. Take 8 (Deep) To this guys we were even less than humans... They were punishing us for coming to that country. They punished us. Übersetzung: Für diese Typen waren wir keine Menschen. Für sie waren wir eine Art schäbiger Feind, den sie loswerden wollten. Mit einem Hund würde man besser umgehen. Sie behandelten uns als wären wir für all ihre Probleme verantwortlich, als hätten wir ihnen alles Böse gebracht. Sie bestraften uns dafür, dass wir in ihr Land gekommen waren. Sprecherin: Ein halbes Jahr bleibt Deep in dem Lager, das einige Monate später auf internationalen Druck geschlossen wird. Während seiner Zeit dort beantragt er Asyl. Immer mit der Furcht im Nacken, abgeschoben zu werden. Schließlich wird er der Palästinensischen Botschaft in Kiew überstellt. Dort aber heißt es: Geld oder Abschiebung. Take 9 (Deep) I was not afraid... about this guy than anything else. Übersetzung: Ich hatte keine Angst, ich wurde nur noch wütender und aufgebrachter, dass nun auch noch so ein palästinensisches Arschloch Geld von mir wollte. Das hat mich am meisten geärgert. Sprecherin: Deep verspricht, Geld zu besorgen. Wird frei gelassen und taucht unter. Fährt zurück nach Transkarpatien. Dort trifft er zufällig einen Taxifahrer. Einen Einheimischen, der ihm rät, es an der ungarischen Grenze zu versuchen. Nachts bringt er Deep hin. Take 10 (Deep) There was a barbed wire but that wire was very old ... So it was very easy, it was just walk. Übersetzung: Das gab es Stacheldraht, aber der war ziemlich alt und sehr rostig. Als ich da rüber bin, fürchtete ich, der Zaun würde zusammenbrechen. Es war sehr einfach. Sprecherin: Deep läuft und läuft. Stundenlang. Erst im dritten Dorf auf ungarischer Seite erkundigt er sich nach einem Bus Richtung Budapest. Gerät an einen Beamten, der ihn nach seinen Papieren fragt und schließlich festnimmt. Take 11 (Deep) So they told me: We will send you back to Ukraine...they will take you, if not, they will send you back. Übersetzung: Sie sagten: Wir schicken dich zurück in die Ukraine. Ich antwortete: Ich werde nicht gehen. Ihr könnt entscheiden, was ihr wollt, ich mache nicht mit. Dann habe ich ihnen die ganze Geschichte erzählt. Daraufhin sagten sie: Jemand vom Büro für Immigration wird dich befragen. Wenn sie entscheiden dein Gesuch anzunehmen, kannst du bleiben. Wenn nicht, schicken sie dich zurück. Musik 3 Musik Literatur unterlegen Literatur 2 "Es war ihm, als sei er, Béla Monori doch irgendwo durchs Wasser gewatet, denn seine Schuhe und seine Hosenbeine waren noch immer ganz nass; und hatte man ihm nicht gesagt, dass auf der Rablovica gerade Niedrigwasser sei? Aber man hatte ihm auch gesagt, dass bei Niedrigwasser im Flussbett der Rablovica gar kein Wasser sei, nur Gift und Dreck. Aber hier besteht alles nur aus lauter Gift und Dreck! Das sagte er nur in seiner Verbitterung; er beruhigte sich bald wieder. Die Rablovica fließt durch ein Tal und nicht einen Berghang entlang. Das ist logisch, aber die Logik hat ihre Gültigkeit verloren. Und wenn die Logik ihre Gültigkeit verloren hat, dann gilt auch die bisherige Ordnung der Berge und Täler nicht mehr. / ... / Dann können, wie der sich mühsam erhebende Béla Monori spekulierte, prinzipiell überall die Landes-grenzen verlaufen, und prinzipiell kann Béla Monori jederzeit zu einem Sieb zerschossen werden, noch dazu und unabhängig davon natürlich nur von den hierzu Befugten und den hierfür Zuständigen. Dies zu wissen, heiterte Monori geradezu auf. Da ertönte ein Schuss, ganz aus der Nähe ... " Moderation Auch heute werden die Bedingugen diktiert von den "hierzu Befugten" und den "hierfür Zuständigen": Der Europäischen Union und der Ukraine ... Sie vereinbarten 2006 ein Rückführungsabkommen, das sogenannte "re-admission agreement". Zunächst ging es dabei um die "Rücknahme" ukrainischer Staatsbürger, die sich illegal in der EU aufhielten. Ab Januar 2010 wird besagte "Rücknahme" auch auf Flüchtlinge und Migranten ausgedehnt, die durch die Ukraine in den Schengen-Raum reisen. Kritiker sprechen davon, dass Brüssel mit seinem Abkommen ein strategisches Ziel verfolge: Die Ukraine werde zum "Pufferstaat" ausge-baut, es gehe darum, die Festung Europa weiter abzuschotten. Atmo, Verkehr Ushgorod ist eine der ältesten Städte der Ukraine und zugleich das Verwaltungszentrum Transkarpatiens. 125.000 Menschen leben hier, die Stadt ist vom Fluss zerteilt, es gibt ein historisches Zentrum, das an die österreichisch-ungarische Herrschaft erinnert und es gibt die Bezirke aus der sowjetischen Zeit. Atmo Schritte Innen Im historischen Stadtkern die Sagorska Strasse, Haus Nr. 2, ein graues dreistöckiges Verwaltungsgebäude, die weißen Fenster sind vergittert, im 2. Stock befindet sich der "Migrationsdienst der Region Transkarpa-tien": Beitrag 3, Herr über die Akten, L: 6'19 Geräusch-take 1 Schritte über Gang Sprecherin: Mykola Tovt schreitet gewichtig über den Behördenflur. Bleibt vor einer Tür stehen, klopft kurz und betritt ein kleines Büro. Take 1 (Tovt) (klopft) Übersetzung: Hier werden die Gespräche geführt. Draußen können die Antragsteller warten. Es sind nicht viele Plätze, vielleicht 5 oder 6 ... Sprecherin: Der runde, kahlköpfige Chef des Migrationsdienstes Transkarpatiens bleibt vor einer brusthohen Sichtblende aus Holz stehen. Sie verdeckt den dahinterliegenden Schreibtisch. Und wirkt wie ein Schutzschild. Jetzt taucht der Kopf einer Mitarbeiterin auf. Take 2 (Tovt/Frauen) Frau im Gespräch, erwarten einen Flüchtling aus Dagestan Sprecherin: "Ist der Dagestaner schon da?" fragt Tovt die Frau. Und erklärt: Jeder unserer Mitarbeiter ist für jedes Land zuständig. Spezialisierungen gibt es nicht. Geräusch-take 2 Schritte Sprecherin: Mykola Tovt führt weiter durch seine kleine Behörde. Deutet auf einen Aktenschrank, zieht die Tür auf... Take 4 (Tovt) (Geräusch : Tür auf) Übersetzung: Sehen sie, wir haben hier mehr als 4 000 Personenakten! Bald wird's knapp mit dem Platz. Alle Akten sind nach Herkunftsland sortiert. Wie gesagt, alles nur Papier, weil wir kein elektronisches Datensystem haben. Sprecherin: Seit 2004 sind hier jährlich rund 1.000 Anträge auf Asyl eingegangen. Das ist etwa die Hälfte aller in der Ukraine überhaupt gestellten Anträge, rechnet Tovt vor: Take 5 (Tovt) Übersetzung: Die Mehrheit der Migranten kommt über die russische oder weißrussische Grenze. Das sind 2000 Kilometer Grenze, die nicht gesperrt werden können. Ich stelle mir das Ganze wie einen riesigen Trichter vor, der an der Öffnung 2000 km breit ist und hier unten, in Transkarpatien, am Ausgang, sind es nur 120 km. Stellen Sie sich nur diese Menschenflut vor! Die kann keine Grenze aufhalten. Sprecherin: Am Ende des Trichters befindet sich ? gewissermaßen - Tovts Migrationsdienst. Seine sieben Mitarbeiter nehmen die Asylanträge jedoch nur entgegen, um sie dann weiter nach Kiew zu leiten, an das "Staatliche Komitee für Nationalitäten und Religionen". Dort wird entschieden. Wie die Verfahren ausgehen? Tovt zuckt mit den Schultern. Davon erfährt er nichts. Er kennt nur die Statstik, der zur Folge 97 Prozent aller Anträge abgelehnt werden. Take 6 (Tovt) Übersetzung: Die meisten Flüchtlinge verstehen die Aussichtslosigkeit beider Wege: Sowohl die Gewährung des Asyls in der Ukraine als auch die Rückkehr in die Heimat. Sie versuchen immer wieder die Grenze zur EU zu durchbrechen. Geräusch-take ruft was Mitarbeiterin zu dawai, dawai... Sprecherin: Zurück in seinem Arbeitszimmer: Mykola Tovt bittet eine Mitarbeiterin um ein paar Formulare. Dann läßt er sich in einen schwarz-ledernen Bürosessel fallen. Der korpulente Mitfünziger im schwarzen Anzug zündet sich eine Zigarette an. Über den Rand seiner Brille hinweg wirft er einen Blick auf die drei Handys, die griffbereit zu seiner Linken liegen. Take 8 (Tovt) Lacht, unterschiedliche Handy-Anbieter aus Kostengründen Sprecherin: Tovt lacht, sein Doppelkinn bebt. Nein, die drei Handys unterstreichen nicht seine Bedeutung, sie sparen Geld. Weil er den jeweils günstigsten Betreiber auswählen kann. Der Mitfünziger zieht noch einmal an seiner Zigarette, dann hievt er sich aus seinem Sessel und öffnet einen schmalen Stahlschrank. Tovt holt einen Stapel hellgrüner, gelber und rosafarbener Formulare hervor. Take 9 (Tovt) Geräusch schon unter Text [man hört ihn blättern und schnaufen, Safe zu, setzt sich, schnauft] Übersetzung: Wir haben für die Antragsteller auf Anerkennung als Asylberechtigter und für die als Flüchtling anerkannten Personen 6 Typen von Dokumenten: 2 davon sind Passersatzpapiere und 4 sind Aufenthalts-genehmigungen. Sprecherin: Ausführlich erklärt Tovt Sinn und Zweck eines jeden Formulars. Er ist kaum zu bremsen. Seit 15 Jahren verwaltet der studierte Historiker den Migrationsdienst in Transkarpatien. Er weiß: Wechselnde Zuständigkeiten und eine permante Unter-finanzierung kennzeichen nicht nur seine Behörde, sondern die Flüchtlingspolitik des ganzen Landes. Auch wenn Tovt das lieber nicht so deutlich sagt. Schließlich befindet sich die Ukraine im Wahlkampf. Und keiner weiß, wie der ausgeht. Unklar ist auch, was passiert, wenn im nächsten Jahr das sogenannte "Readmission"-Abkommen in Kraft tritt. Dieses Abkommen erlaubt den EU-Staaten, abgelehnte Asylbewerber oder illegale Migranten, die über die Ukraine eingereist sind, dorthin zurückzuschicken. Tovt schaut nachdenklich über den Rand seiner Brille: Take 10 (Tovt) Übersetzung: Das Abkommen über die Rückführung tritt am 1. Januar 2010 in Kraft. Nach Einschätzung von Experten kann die Ukraine dann aus der EU 150.000 bis 300.000 Migranten bekommen. Das ist eine beängstigende Zahl. Aber ich glaube nicht daran. Sprecherin: Tovt ist vorsichtig. Schließlich finanziert die EU den Neubau von Lagern für Flüchtlinge in der Ukraine. ? Schon jetzt nutzen einige EU-Staaten die nahe Grenze, um Migranten wieder loszuwerden. Eigentlich ist der erste EU-Staat, über den ein Flüchtling einreist, für die Prüfung eines Asyl-Antrages zuständig, doch die Praxis sieht oft anders aus, weiß Tovt: Take 11 (Tovt) Übersetzung: Sehr oft bekommen die Flüchtlinge in diesem 1. EU-Mitgliedstaat nicht mal die Möglichkeit einen Antrag zu stellen. Innerhalb von einem oder zwei Tagen werden sie in die Ukraine abgeschoben. Das ist meiner Meinung nach eine negative Seite der Flüchtlingspolitik seitens der EU und einzelner Staaten. Außerdem fehlt die Kontrolle, das Monitoring, wir wissen oft nicht, wer die Flüchtlinge sind, in welchem Stadium das Prüfverfahren ist. Also, es gibt viele offene Fragen. Musik 4 Musik unter Literatur Literatur 3 "Ein einzelner Scheiwerfer fuhr in die Höhe, leuchete umher und fand nichts, was beleuchtenswert gewesen wäre. Dunkelheit, Stille. Auf einmal entschloss sich Monori einfach so, sich freiwillig zu stellen. Vielleicht würde man ihn nicht einmal bestrafen. Warum sollte man ihn auch bestrafen? Schließlich war er unschuldig. Und auch wenn er bestraft wurde, so konnte man ihm nur eine ganz leichte Strafe auferlegen. Er war ja fast unschuldig, beziehungsweise ganz unschuldig, nur eben ein bisschen verdächtig, und eigentlich war auch nicht er verdächtig, sondern die Situation, in der er sich befand, und auch das war nicht seine Schuld, oder jedenfalls nicht nur seine Schuld. / ... / Er wird alles erklären, auch das, was sich nicht erklären lässt; er wird sich nicht länger mit der Dunkelheit und der Herkunft der Menschen abmühen, man soll ihn in Ruhe lassen, man soll ihn bestrafen, Hauptsache, dass all dies bald zu Ende geht! / ... /" Atmo Siedlung draussen, Kinder Moderation In derselben Stadt ? Ushgorod ? ein grauer Wohnblock, fünf Stockwerke hoch, umgeben von anderen grauen Wohnblöcken aus der sowjeti-schen Zeit. Davor: Pfützen, spielende Kinder, an einer Bude Frauen und Männer mit rotgeäderten, verhärmten Gesichtern, die Flasche Bier in der Hand. Atmo Treppenhaus Im Inneren ist es kalt und zugig, dann - ganz oben im 5. Stock - eine dunkelbraune Tür, eine Klingel, aber kein Namensschild ... Beitrag 4, Zwei junge Somalis, L: 5'40 Sprecher: Yasir blickt erst durch den Türspion, öffnet dann die Wohnungsstür. Entschuldigt sich, dass die Besucher zwei Minuten warten mussten. "Wir haben gerade gebetet", sagt er. Sein Freund Mohammed schiebt schnell ein paar Schuhe zur Seite. Zehn Paar stehen in dem kleinen Flur... Geräusch-take Sprecher: Yasir bittet ins Wohnzimmer. Die alten Holzdielen knarren. Zwei Betten stehen an der Wand, daneben liegen zusammengerollte Matratzen. Unter dem Fenster breitet sich ein großer Schimmelfleck aus. In der Ecke steht ein kleiner Ölradiator. Yasir deutet auf eine Matratze... Take 1 Here for me, ...4 guys here Übersetzung: Das ist meine Matratze. Die lege ich hin, wo gerade Platz ist. Wir sind hier, eins, zwei, drei vier. Vier Männer und drei Frauen. Sieben Leute schlafen hier, die drei Frauen nebenan, wir vier hier... Sprecher: Alle sieben kommen aus Somalia. Alle wollen in die EU. Und alle wurden schon einmal an der Grenze festgenommen. Die beiden Freunde setzen sich aufs Bett, schieben ein Mobiltelefon beiseite: Yasir fährt sich mit der rechten Hand durchs kurze Haar, spricht schnell, gestikuliert, entschuldigt sich immer wieder für seine Aufgeregtheit... Take 2 I am outside for 4 days... night at home ... Übersetzung: Vier Tage sind wir gerade aus dem Gefängnis raus. Vier Tage, richtig. Das sind wieder vier Tage normales Leben. Von morgens bis nachts in einer Wohnung Sprecher: Mohammed nickt. Sie haben Glück gehabt. Dass ihre Landsleute in der kleinen Wohnung noch einmal zusammen gerückt sind. Sie mit Informationen versorgen. Und die Lebensmittel, die sie von einer Hilfsorganisation bekommen, mit ihnen teilen. "Die zehn Tage im Gefängnis waren hart", sagt Mohammed. Wo sie genau hinter Gitter saßen, wissen sie nicht: Take 3 We call this jail, "Somali kuchat"... That means, somali eat.... Übersetzung: Wir nannten das Gefängnis nur "Somali kuschat". Das war das einzige, was wir dort zu hören kriegten. "Somali kuschat". Das heisst: "Somalis, essen !!" Sprecher: Die beiden Freunde lachen. Um die 20 Jahre sind sie alt, sagen sie. Der eine kam über Kenia mit einem Touristenvisa nach Moskau, der andere über Dubai. In Kiew haben sich die beiden das erste Mal getroffen. In Somalia sollten wir für die Armee kämpfen, erzählen sie, beide haben sich geweigert. "Wir mussten das Land verlassen", sagt Yasir. Und: Alle unsere Freunde wollen auch weg. Take 4 Everyone in Somalia ... It s so hard, really Übersetzung: Niemand aus Somalia weiß, wie man über die Grenze nach Europa kommt. Aber jeder will weg. Auf der Suche nach einem sicheren und guten Leben. Darum versuchen alle nach Europa zu kommen. Die somalisch-russische Mafia hat uns bis Moskau gebracht. Niemand kann sich vorstellen, wie anstrengend so eine Reise ist. Wie viele Probleme es gibt. Das ist wirklich hart... Sprecher: Umgerechnet zweieinhalbtausend Euro zahlte jeder von ihnen für Pässe und Visa. Hier an der Grenze waren noch einmal 400 Euro fällig. Für die Passage nach Ungarn. Die beiden Schleuser trugen Armeekleidung. Und waren maskiert, sagen sie. Eine Stunde waren sie in einem Auto unterwegs. Eigentlich sollten sie nachts die Grenze überqueren. Es wurde aber morgens. Und im Morgengrauen liefen sie acht Grenzern mit Hunden in die Arme. Die Schleuser aber entkamen ... Take 5 Maybe they deal together ... gonna be catched, bad luck ... . Übersetzung: Vielleicht arbeiten sie mit den Schleusern zusammen. Ich weiß es nicht. Vielleicht lassen sie manchmal sieben Flüchtlingsgruppen durch. Und dann schnappen sie wieder zwei oder drei. Wir gehörten eben zu den zwei oder drei, die geschnappt wurden. Das war Pech... Sprecher: Yasir zuckt mit den Schultern. Lacht. Pech gehabt. So etwas Ähnliches ist allen, die hier wohnen, schon einmal passiert. Take 6 Some people ... finally they go ... Übersetzung: Einige haben es dreimal probiert, manche viermal. Einige waren eineinhalb Jahre im Gefängnis, manche zwei Jahre. Aber am Ende haben sie es geschafft Sprecher: Nach Somalia aber geht niemand zurück. Sie wollen nicht. Die somalische Regierung will sie auch nicht. Und der Ukraine fehlt für eine Abschiebung das Geld. Yasir holt ein Portemonnaie aus der Gesäß-tasche seiner Jeans. Keine Kopeke ist darin, kein Hriwna-Schein. Nur ein kleiner Zettel. Seine Aufenthaltsgenehmigung ? für 20 Tage. Take 7 We have liks this (holt s aud Tasche)20 days document ... after that I will get to court, then I will ry to get another one, for two month ... . Sprecher: In gut zwei Wochen wird die Aufenthalts-Genehmigung ablaufen. Bis dahin wird er einen Asylantrag stellen. "Der wird garantiert abgelehnt", haben ihm seine Landsleute erzählt. Und auch gleich gesagt, wie es weiterläuft: Yasir wird Beschwerde bei Gericht einlegen. Und automatisch eine Aufenthaltsgenehmigung für zwei Monate bekommen. Dann wieder eine für zwei Monate. Dann wieder eine für zwei Monate. So läuft das in der Ukraine, haben seine Mitbewohner erzählt. So war es bei ihnen. So wird es auch bei Yasir und Mohammed sein... Take 8 But thats no ...only I can stay here Übersetzung: Aber ich habe keinen Flüchtlings-Status. Es heißt nur: Du kannst hier eine Zeit bleiben. Aber Du hast keine Rechte. Wenn Du krank bist, kannst Du nicht zum Arzt gehen. Du darfst hier bleiben, das ist alles Sprecher: Und darum werden sie erst einmal hier bleiben. Und warten. Zusammen mit ihren Mitbewohnern. Auf die nächste Gelegenheit. Take 9 My target is ... without rights ... , Übersetzung: Ich will nach Europa. Irgendwann. Irgendwie. Kein Mensch kann so leben. Ohne Dokumente. Und ohne Rechte.... Musik 5 Musik unter Literatur Literatur 4 "Er ließ das Licht seiner Taschenlampe an den Wänden entlangtanzen. Aber wozu brauchte er auch hier eine Taschenlampe, schließlich war es hell! Bläulich-weißes Licht, wie in Unterführungen, freundlich aber zuverlässig. / ... / Diese freundliche Wärme. Da soll es einen Menschen geben, dem hier nicht die Augen zufallen! Monori drehte sich um, dort stand jemand hinter ihm, mit Namen Wacholder. Sehen Sie, sagte Wacholder, überall grüne Farbe. Ich habe keine Angst, erklärte Monori, genauer gesagt, ich hatte keinen Grund zur Flucht, ich wurde nur vom Regen überrascht." Moderation Brüssel zeigt sich großzügig. Es schickt viel Geld und moderne technische Ausstattung in die Ukraine, um die Grenzen ? die Außengrenzen der Europäischen Union - noch sicherer zu machen. Und Brüssel schickt auch Geld für die Errichtung neuer "Aufnahmezentren" ? neuer Gefängnisse ? die die Flüchtenden auffangen sollen. Doch Europa übernimmt, abseits von kleinen Spenden an Hilfsvereine, keine wirkliche Verantwortung, auch die wird abgeschoben ? in den Osten. Atmo, außen In der Ukraine gibt es mittlerweile einige Hilfsorganisationen, die sich um die kümmern, um die sich auch Kiew nicht sorgen will. Eine solche Organisation arbeitet seit kurzem auch in Ushgorod ... Beitrag 5, Wir würden gerne mehr tun, L: 7'37 Take 1 (Oksana) ohne overvoice It is not an expensive car... the first time for me not be afraid doing something bad... Sprecherin: "Das ist kein teures Auto", lacht Oksana Pavlovska und startet ihren weinroten Kleinwagen der Marke Slavuta. "Aber ich muss auch keine Angst haben, wenn mit dem Auto etwas passiert." Die 29jährige steuert vorsichtig durch die knöcheltiefen Pfützen einer ungeteerten Seitenstraße. Geräusch-take 1 Steht und blinkt, Autos fahren vorbei, Auto knarscht, beschleunigt, Gummi... Sprecherin: Oksana versucht, sich in den Verkehr auf der Hauptstraße einzufädeln Der kaputte Sicherheitsgurt baumelt lose über ihrem Bauch. Nur der oberste Knopf ihres beigen Wollmantels läßt sich noch schließen. Darunter spannt ein modisch-karriertes Trägerkleid. In ein paar Wochen kommt ihr zweites Kind. Geräusch-take 2 Auto Sprecherin: Die dezent geschminkte 29jährige ist auf dem Weg ins Büro des "Komitees der Medizinischen Hilfe Transkarpatien", kurz: Camz. Seit fünf Jahren arbeitet sie für die kleine Hilfsorganisation, hat Präventionskam-pagnen zu HIV und Tuberkulose betreut. Take 2 (Oksana) ohne overvoice Now, our project on migration... Sprecherin: Mit Migranten arbeiten wir erst seit einem Jahr, erzählt Oksana. Sie selbst ist vor allem nachmittags für Kamz unterwegs. Vormittags unterrichtet sie Englisch an einer staatlichen Schule. Seit drei Monaten aber hat die Lehrerin keinen Lohn mehr gesehen. Die Ukraine ringt mit den Folgen der Wirtschaftskrise. Die Inflationsrate beträgt 15 Prozent, Entlassungen sind an der Tagesordnung. Geräusch-take 2 Auto Sprecherin: Die Flüchtlinge haben es da besonders schwer, vor allem die dunkelhäutigen. Oxana erzählt von Imam, einer jungen Somali. "Cigan, cigan" haben die Leute hinter ihr hergerufen. Imam aber wußte nicht, was es bedeutet. Take 4 (Oksana) Because we have here gypsy people, ... local people with those migrants, they accepted another way. Übersetzung: Hier leben auch Zigeuner. Die Leute verwechseln sie oft mit den Flüchtlingen. Die Zigeuner sind nicht sehr beliebt. Manche klauen. Nicht alle, aber viele. Die Menschen hier haben ein wenig Angst vor ihnen. Deswegen begleiten wir die Flüchtlinge aus Afrika oder Bangladesch ins Krankenhaus. Wenn Einheimische die Migranten begleiten, werden sie besser behandelt. Geräusch-take 3 Türen knallen ? Oxana: Close it... Straße, Autos rasen ziemlich, Schritte über Straße... zwischen zwei Häusern durch, über Kies, dann nach links durch Gartentor... Hund bellt... Sprecherin: Die 29jährige hat ihren Wagen an einer Ausfallstraße geparkt. Wartet nun am Zebrastreifen, dass einer der Autofahrer stoppt. Vergeblich. Schließlich erwischt Oksana eine Lücke im Verkehr, eilt über die Straße und zwischen zwei grauen Häusern hindurch in einen Hof. Das Büro vom Camz liegt versteckt hinter einer hohen Hecke, in einem kleinen Häuschen. Geräusch-take 4 Tür auf, reingehen... Sprecherin: Im Büro ist es eiskalt. Die 29jährige eilt geradeaus in die schmale Küche. Setzt den Wasserkocher auf. Geräusch-take 5 Glas klappert... Teebeutel... Sugar... Wasser eingießen... Sprecherin "Die Einwohner Transkarpatiens wissen wenig über die Migranten hier, in ihrer Region", erzählt Oksana, während sie Tee und Kaffe kocht. Auch sie selbst hat erst durch ihre Arbeit von ihnen erfahren. Take 5 (Oksana) I have seen them once or twice a year... so every day I am checking the reviews... Übersetzung: Ein, zwei Mal im Jahr habe ich dunkelhäutige Männer gesehen, sie sahen aus wie Touristen. Das hat mich nicht interessiert. Auch in der Zeitung liest man wenig über die Migranten. Aber im Internet gibt es einige Seiten, zum Beispiel Berichte der Grenztruppen. Diese Seiten checke ich jetzt jeden Tag. Geräusch-Take 6 (Oksana) Kaffee-Maschine zischt... Now I will show you... Wasserhahn... How is it called... How we make the interviews with those people... Sprecherin: Oksana stellt die Tassen auf einen Besprechungstisch aus Rattan. Die Büro-Einrichtung ist ein Sammelsurium gebrauchter Möbel. Dann greift die 29jährige nach einem Stapel Papier, beginnt zu blättern. Take 6 (Oksana) ohne Overvoice This is all the files from different nationalities. Blättert... This is Somalian, here we have Afghanistan... blättert... Iraque, Pakistan, Bangladesh, Athopoia, blättert... Pakistan... Sri Lanka... We had also Kongo, Simbabwe, Palastine... Sprecherin: Befragungen von Flüchtlingen aus Somalia, Afghanistan, Irak, Pakistan, Bangladesch, Äthiopien, SriLanka, Kongo, Simbabwe usw. Der Versuch die alltäglichen Schicksale an der Schengengrenze zu dokumentieren. Besonders im Gedächtnis geblieben ist Oksana ein junger Mann, den sie vor ein paar Wochen beim regionalen Migrationsdienst traf: Take 7 (Oksana) He couldn't fill in the survey.. it is very hard to overcome this, the story, the information. Übersetzung: Er konnte den Fragebogen nicht ausfüllen. Ich sah, dass es für ihn schwierig war zu schreiben. Er hatte irgendwie Angst vor etwas. Dann begann er, uns von seiner Familie zu erzählen. Sie war ermordet worden. Sein Vater, seine Mutter, seine Geschwister. Er weinte. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits fünf Tage auf der Straße gelebt. Er wußte einfach nicht wohin. Wie überleben. Auch ich konnte nicht weitermachen. Als Nadja und ich die Behörde verließen, da haben wir angefangen zu weinen. Es ist manchmal sehr schwer, das alles zu verarbeiten. Diese Geschichten, die Informationen ... Sprecherin: Oksana schluckt. Gerne würden sie und ihre Kollegen mehr für die Flüchtlinge tun. Take 8 (Oskana) Some times I feel myself uncomfortable because I can't give them the roof, the money, the food.... but we can't help them much. Übersetzung: Manchmal fühle ich mich unwohl, weil ich den Flüchtlingen kein Dach, kein Geld, kein Essen geben kann. - Naja, ich kann ihnen zu essen geben, aber nicht mehr. Sie können hierher kommen und von morgens bis abends hierbleiben, aber wir können nicht viel helfen. Sprecherin: Die kleine Hilfsorganisation hat einfach kein Geld. 250 Euro erhält sie von einer europäischen Flüchtlingsorganisation. Das deckt gerade die Büromiete. Camz würde gerne einen Treffpunkt für die Flüchtlinge einrichten. Vielleicht eine Art Cafe mit rechtlicher und sozialer Beratung. Auch Aufklärungskampagnen wären nötig, um die Bevölkerung für das Schicksal der Migranten zu sensibilisieren. Take 9 (Oksana) What situation is really in their homecounrty,.. its not so widely spread information. Übersetzung: Wie es wirklich in ihren Heimatländern aussieht. Warum sie hierher kommen. Dass sie nicht nur kommen, um einen guten Job zu ergattern. Die Leute sollten die Gründe kennen. Diese Informationen sind noch nicht sehr weit verbreitet. Geräusch-take 7 Klickt kurz im Internet.... Sprecherin: Oksana sucht in ihrem Computer nach einer Mail, die sie vor ein paar Tagen erhalten. Von einem jungen Afrikaner, mit dem sie öfter im Krankenhaus war. Wochenlang hatte sie versucht, ihn zu erreichen, jetzt hat er geschrieben: Take 10 (Oksana) Dear Oksana, I am so glad to hear from you ..... I am sure, I will not loose you, even I left the Ukraine. Good by... Übersetzung: Liebe Oksana. Ich bin so froh von dir zu hören. Es tut mir leid, dir mitteilen zu müssen, dass ich die Ukraine plötzlich verlassen habe. Ich bin jetzt in Deutschland und bekomme hier Asyl. Du warst sehr wichtig für mich. Ich bin sicher, ich werde dich nicht vergessen. Auch wenn ich die Ukraine verlassen habe... Sprecherin: Oksana lächelt. Und versucht ihre Gefühle in Worte zu fassen: Take 11 (Oksana) Its both. Happy and sad... Here is no future for them. Übersetzung: Ich bin froh und traurig zugleich. Weil er ein guter Mensch ist. Und intelligent. Aber hier gibt es keine Zukunft für Menschen wie ihn. Musik Moderation Sie hörten die Sendung 'Gesichter Europas': "Jenseits der Schengen-Grenze: Die Ukraine und das Flüchtlingsproblem." Eine Sendung von Ernst-Ludwig von Aster und Anja Schrum. Musik und Regie: Simonetta Dibbern. Sprecher der Literatur: Bernt Hahn. Am Mikrophon verabschiedet sich Susanne El Khafif. Musik ________________________________________________________ Urheberrechtlicher Hinweis Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. © - unkorrigiertes Exemplar - 25 25