DEUTSCHLANDFUNK Redaktion Hintergrund Kultur / Hörspiel Redaktion: Ulrike Bajohr Pu`uhonua O Waimanalo. Kann ein Dorf Geschichte machen? Von Marlene Küster Ton und Technik: Bernd Friebel Redaktion: Ulrike Bajohr Regie: Wolfgang Rindfleisch Produktion: 30.11. bis 3.12. DLR Berlin Urheberrechtlicher Hinweis Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. (c) - unkorrigiertes Exemplar - Sendung DLF : 11. Dezember 2009, 20.10 Uhr 49`50 max MUSIK KAUMAKAIWA Kaumakaiwa spricht Hawaiianisch ATMO WELLEN Erzählerin Aloha! Man heißt mich willkommen auf Hawaii. Ein Archipel mitten im Pazifik, von Vulkanen geschaffen. Hawaii - die entlegenste Inselgruppe der Welt: 4000 Kilometer westlich des amerikanischen Festlands und 6000 Kilometer süd-östlich von Japan. Nach über zwanzig Flugstunden bin ich in der Hauptstadt Honolulu angekommen, auf der Insel Oahu. Die touristisch erschlossenen Gebiete sind nicht mein Ziel. Sie sind ohnehin wenig geeignet, den Traum von der stillen Insel zu erfüllen. Hotels säumen den Küstenstreifen von Waikiki, dem bekanntesten Stadtteil Honolulus, und das Zentrum wirkt mit seinen Wolkenkratzern und Shoppingmalls typisch amerikanisch. Ich verlasse den Trubel der Metropole und mache mich auf den Weg zu einem Einheimischendorf, 100 Kilometer nach Norden. ATMO Übergang von Straßengeräuschen zur Dorf -Atmo Ansage Pu`uhonua O Waimanalo. Kann ein Dorf Geschichte machen? Ein Feature von Marlene Küster ATMO Übergang von Straßengeräuschen zur Dorf -Atmo Erzählerin Ein Sandweg windet sich unter Akazien, Koa-Bäume und Palmen hoch in die Berge und endet vor der Flagge von Hawaii: Der Union Jack, kombiniert mit acht weiß-blau-roten Querstreifen - einer für jede der acht Hauptinseln des Archipels. Rechts daneben ein Schild mit der Aufschrift: Pu`uhonua O Waimanalo, INDEPENDENT, SOVEREIGN. Das einzige Dorf im ganzen Inselreich, das kein Fremder ohne Erlaubnis betreten darf. 80 Menschen wohnen hier. ATMO: Bumpy stellt sich vor und geht durch das Dorf, erklärt wo sich was befindet Erzählerin Dennis Kanahele zeigt mir das Dorf. Alle nennen ihn Bumpy. Ein Spitzname, den er seinem großen, durchtrainierten Körper verdankt und vielleicht ja auch seinem resoluten Auftreten. Bumpy, Mitte 50, kurze Hose. Ein ärmelloses T-Shirt spannt sich über die muskulöse Brust, Tätowierungen mit polynesischen Mustern bedecken seine Arme. Er ist in dieser Region aufgewachsen und bekannt wie ein bunter Hund. Er kann seine Leute mitreißen. Er ist hier der Chef und erlaubt, wer das Dorf betreten darf. Ohne ihn würde es dieses Dorf nicht geben. ATMO DORF: Bumpy begrüßt Erzählerin Wir gehen an kleinen weißen und hellblauen Holzhäusern vorbei. Es ist Mittag und drückend heiß: Die meisten Bewohner arbeiten in der Stadt, andere haben sich in ihr Haus zurückgezogen. Eine Brise bringt ein Windspiel zum Erklingen. ATMO DORF Erzählerin Im Süden des Dorfes Pu`uhonua O Waimanalo ragen hohe mit Dschungel bewachsene Berge steil auf, im Osten schimmert das Meer türkisblau in der Ferne. ATMO DORF O-Ton Bumpy Wir sind vollkommen autonom, gewinnen Energie aus Sonne und Wasser, betreiben alternative Landwirtschaft und entwickeln Natur-Heilmethoden. Und Aquakultur spielt für uns eine wichtige Rolle. Wir leben jetzt seit 15 Jahren hier und werden inzwischen von der Regierung und den Nachbar- Gemeinden respektiert. Am Anfang erklärten sie uns für verrückt, heute sind wir für sie so was wie Helden. Hier lässt sich`s gut leben. Wir haben hier nicht nur hawaiianische Ureinwohner, sondern auch Haole, also Weiße, und Japaner. Das Dorf ist für alle offen, die unsere Autonomie unterstützen. Erzählerin (auf die Atmo) John aus Alaska ist einer von ihnen. Er kommt eben vorbei, einen Hammer in der Hand. Seit der Gründung des Dorfes lebt er hier. Bumpy kann auf ihn bauen. O-Ton John Als ich von der Souveränitätsbewegung hörte, hatte ich ein Grundstück auf der Insel Maui, acht Acker groß. Ich fand heraus, dass mit dem Besitztitel etwas nicht stimmte. Anscheinend war das Land den Hawaiianern einfach weggenommen worden. Der Landtitel war also illegal. Ich war einer der Ersten, die so einen Fall vor Gericht brachten. Ich fand keinen Anwalt. Am Ende wurde auch mir das Grundstück weggenommen, und mein ganzes Geld war auch weg. Was ich auch machte, es war aussichtslos. Dann bin ich hier gelandet. MUSIK Sprecher 1848 verfügt König Kamehameha III. die so genannte Große Mahele: Ein System der Landverteilung nach westlichen Rechtsbegriffen. Doch den Hawaiianern ist Besitzdenken fremd. Sie sehen sich vielmehr als Teil dieses Landes und haben großen Respekt vor der Natur. Und so lassen die meisten ihre Ansprüche an Grund und Boden nicht registrieren. Seit 1850 dürfen auch Weiße auf Hawaii Land besitzen, und mehr und mehr Ausländer lassen sich dort nieder. Heute sind mehr als 8700 Quadratkilometer in privater Hand, fast die Hälfte der Gesamtfläche des Archipels. ATMO DORF Erzählerin: Bumpy hat es geschafft, Land vom Hawaiianischen Staat zu bekommen und sich mit Pu`uhonua O Waimanalo einen Namen im Kampf um die Unabhängigkeit zu machen. Angefangen hat es Ende der siebziger Jahre: O-Ton Bumpy Du fragst dich, warum dir irgendetwas fehlt und eines Tages, ich war so 21, 22, da war mir plötzlich klar, dass uns etwas Schlimmes angetan wurde. Hundert Jahre lang wurde das verschwiegen. Aber wir haben die Wahrheit herausgefunden und müssen jetzt handeln, jetzt, bevor es zu spät ist. Die Generationen nach uns sind bestimmt nicht mehr so mit unserem Land, verbunden, der technische Fortschritt entfernt sie immer mehr von unserer Kultur. 1978 wurde das "Office for Hawaiian Affairs" gegründet, zwei Jahre später stellte ich mich zur Wahl. ATMO HONOLULU / Straßenatmosphäre, Busse Erzählerin Kekuni Blaisdell ist Arzt, 84 Jahre alt. Ich besuche ihn am Stadtrand von Honolulu. Er ist in dieser Stadt geboren und aufgewachsen. Sein Haus steht auf einer Anhöhe, in einem schönen Garten voller Banyan-Feigenbäume und weiß blühenden Frangipani-Sträuchern. Von hier aus geht der Blick auf die Nachbarhügel mit ihren Palmen und Bungalows und hinüber zu den Hochhäuser ins Zentrum. Kekuni ist ein Kanaka Maoli, ein indigener Hawaiianer. O-Ton Kekuni Kanaka bedeutet Mensch, Individuum - und Kanaka Maoli heißt - ein wahrer Mensch, der von der Erde kommt, zur Erde gehört und wieder zur Erde zurückkehrt. Erde ist für uns kein Schmutz, nein das ist der Kosmos, der für uns ein Geheimnis in sich birgt. Das Lied KUMULIPO erzählt die Schöpfungsgeschichte des ersten Kanaka. Da heißt es, aus der Vereinigung des Himmelsvaters Wakea mit der Mutter Erde Papa ist alles auf diesem Planeten entstanden: vom kleinsten bis zum größten Lebewesen. Jede Etappe ist in diesem mythischen Gesang KUMULIPO genau beschrieben. Die Tochter Ho'ohokukalani ist auch aus der Vereinigung von Wakea und Papa hervorgegangen. Und mit seiner eigenen Tochter Ho'ohokukalani zeugte Wakea den ersten Kanaka. Erzählerin Kenkuni Blaisdell hat es sich in einem großen Sessel bequem gemacht. Er trägt ein helles Hemd und eine sandfarbene Hose. Überall in seinem Haus stapeln sich Bücher und Zeitschriften. Er strahlt Ruhe aus, Weisheit. O-Ton Kekuni Blaisdell ... dass der Name Kekuni ein er meiner Familiennamen war, fand ich spät heraus. Niemand in meiner Familie hat mir das erklärt. Denn ich bin 1925 geboren und zu einer Zeit aufgewachsen, in der wir alle Amerikaner sein und Englisch sprechen sollten. Es waren ausschließlich moderne westliche Werte von Bedeutung. Es war überhaupt nicht daran zu denken, nach unserer Herkunft zu fragen, geschweige denn nach unseren hawaiianischen Vorfahren. Wenn ich trotzdem fragte - ich wuchs in der Familie meiner Großmutter auf - stieß ich auf Schweigen. "Sprich nicht darüber, red keinen Unsinn", entgegneten sie mir. MUSIK O-Ton Kekuni Blaisdell Die Familie meines Vaters machte es so: Wenn ich mehr über meine Herkunft wissen wollte, hielt meine Großmutter einen Moment inne und antwortete: "Entschuldige, das habe ich vergessen." So zog sie sich aus der Affäre. Die Antwort meiner Eltern, Tanten und Onkel war dagegen klar und deutlich: Das ist Vergangenheit, du musst in der Gegenwart leben und an die Zukunft denken. Meine Großeltern sprachen hawaiianisch über Dinge, die wir Kinder nicht verstehen sollten. So blieb mir also nichts anderes übrig, als viel später nach dem Ursprung meines Namens zu suchen. MUSIK O-Ton Kekuni Der Name kommt von einer sehr alte Zeremonie, die der so genannte Kekuni, ein Priester, ausübte. Er entzündete ein Feuer, betrachtete lange die Flammen und suchte darin Lösungen für schwierige Probleme. Und er fand immer Antworten, wenn er das Feuer lange genug beobachtete. MUSIK ZITATORIN Kiana Davenport Es war ein düsteres Bild, das sich ihnen bot: Vergiftungen der Korallengärten, der Plan für eine Güterzugstrecke auf Oahu, die die brüchigen Vulkanfundamente der kleinen Insel zerstören würde und das, während Schulen verfielen, Tagesstätten verrotteten, College - Stipendien für Einheimische rar wurden, unter Hawaiianern Arbeitslosigkeit, Trunksucht, Kriminalität und Selbstmord grassierten. "Schluss mit der Ausbeutung", sagte einer. Hundert Jahre waren wir unterdrückt. Unserer Königin haben sie den Thron gestohlen. ATMO DORF Erzählerin Bumpy, Gründer und Chef des unabhängigen Dorfes Pu`uhonua O Waimanalo, macht Halt vor einem dieser hellblauen Holzhäuser. Hier ist sein Büro. Mit einer Handbewegung bittet er mich hinein. O-Ton Bumpy Wie wir das Land hier bekommen haben. Es begann damit, dass wir 1993 mit der Hawaiianischen Bundesbehörde für Land und Naturschutz einen Vertrag geschlossen haben. Das heißt, zuvor hatten wir den Strand von Makapuu 15 Monate lang besetzt, 300 Leute haben damals mitgemacht. Wir gaben nicht auf, verhandelten und bekamen vom Staat Hawaii dieses Stück Land, 45 Acker, auf dem wir uns gerade befinden. 2001 haben wir schließlich einen Pachtvertrag unterschrieben. Darin ist eine Klausel: Sollte innerhalb von 55 Jahren eine unabhängige hawaiianische Regierung an der Macht sein, geht dieses Land direkt in deren Besitz über. Wir haben in diesem Fall auch die Option, das Land zu behalten. Das ist, ganz kurz gefasst, die lange Dorfgeschichte. Zum Glück kam niemand ums Leben. Wir haben auf jegliche Gewalt verzichtet und auf friedliche Weise unser Ziel erreicht: dieses Dorf aufzubauen. HISTORIE Sprecher 17. Januar 1993. Hawaii erlebt die größte Demonstration seiner Geschichte. Vor dem Palast der letzten Königin Lili'uokalani im Zentrum von Honolulu fordern 15.000 Menschen das Selbstbestimmungsrecht und die Unabhängigkeit von den USA. Genau 100 Jahre zuvor hatten Plantagenbesitzer mit Hilfe der USA die Königin gestürzt, als die sich anschickte, den amerikanischen Einfluss auf Hawaii zurückzudrängen. Erzählerin Der deutsche Politologe Lorenz Gonschor lebt seit einigen Jahren auf Hawaii, um an der Universität von Honolulu die hiesigen Autonomiebestrebungen zu untersuchen: O-Ton Lorenz Gonschor Durch diese Massendemonstrationen von 1993 ist diese so genannte Unabhängigkeitsbewegung wirklich Teil der politischen Kultur Hawaiis geworden. Ich würde auch sagen, jeder in den USA, der sich mit Hawaii ein bisschen tiefer beschäftigen will, stolpert irgendwann über den Begriff "Hawaiian Sovereignty Movement" ....Aber das Problem war, dass damals noch ziemlich unklar war, was sie wollen. Klar war, was sie nicht wollen, sie wollten nicht , dass es so weitergeht, wie es bisher weiterging. ATMO DORF /WELLEN O-Ton Bumpy Ich wollte einheimische Hawaiianer vom Strand wegholen. Diese Leute waren wirklich in existentiellen Nöten, sie hatten keine Arbeit und kein Obdach. Ich wollte für sie eine Unterkunft und eine Umgebung finden, in der sie sich selbst etwas aufbauen und unabhängig sein konnten. Das war für mich von Anfang an die treibende Kraft, diese schwierige Zeit durchzustehen, die vielen Auseinandersetzungen mit den Behörden und der Polizei. Wir konnten das nur durchhalten, indem wir uns gegenseitig motivierten. Natürlich landeten einige im Gefängnis, ich übrigens auch. Erzählerin Bumpy hatte genau diesen 17. Januar 1993 gewählt, um mit Ureinwohnern den Strand von Makpuu zu besetzen. Das Fernsehen zeigte später Bilder: Bumpy, wie er eine Kopie der "Apology Resolution" in der Hand hält. MUSIK: HISTORIE Sprecher: Mit seiner Unterschrift unter die "Apology Resolution" des Kongresses entschuldigt sich US- Präsident Bill Clinton 1993 offiziell für den Putsch gegen die Hawaiianische Monarchie. Die Resolution erkennt zwar die Unabhängigkeit Hawaiis nicht an, bezeichnet aber die Annektierung von Hawaii durch die USA als unrecht. ATMO : HAUS VON KEKUNI O-Ton und ATMO: Rascheln Kekuni: Did you see that picture? Ich lese und frage gleichzeitig: Dick Blaisdell? And why that? Kekuni: Why that? (Ab hier unter Erzählerin) Because I was ashamed of the name Kekuni. I thought it´s a very strange name. And I wanted to be an American. And this is an American Name. So you don´t think that looks like me? Erzählerin Auf dem Foto, das er mir zeigt, unterscheidet sich Kekuni Blaisdell überhaupt nicht von seinen Kommilitonen. Er steht inmitten einer Schar von Studenten, alle in grauem Anzug mit weißem Hemd. Er hat eine andere Identität angenommen: Dick Blaisdell. Anfang der vierziger Jahre stellte Kekuni sich keine Fragen mehr. Er wollte nichts mehr über seine Herkunft erfahren. Ganz im Gegenteil. Er hatte die westlichen Werte verinnerlicht. Sein Lebensstil, sein Denken waren amerikanisch. O-Ton Kekuni Als ich 1942 die Schule abschloss, war gerade ein Jahr zuvor im Dezember der Zweite Weltkrieg hier bei uns in Pearl Harbor ausgebrochen. Es war mir gelungen, einen Studienplatz der Humanmedizin an der Universität von Chicago zu bekommen. Ich wurde vom Militärdienst befreit, unter der Bedingung, nach Abschluss meines Studiums als Arzt in der Armee zu arbeiten, sollte der Krieg noch nicht beendet sein. 1948 schloss ich mein Medizinstudium ab. Musik: Historie Sprecher Am 7. Dezember 1941 bombardieren die Japaner Pearl Harbor, den Hafen von Honolulu. Darauf stellt die US-Regierung Hawaii acht Jahre unter Kriegsrecht: Alle bürgerlichen Grundrechte werden außer Kraft gesetzt. Die zivile Regierung wird durch amerikanische Militärs ersetzt. Sie beschlagnahmen Tausende Hektar Land, um darauf weitere Militäreinrichtungen zu bauen. Sie kontrollieren alle Straßen und dürfen ohne Angabe von Gründen jeden verhaften. Eine halbe Million US-Soldaten sind zu dieser Zeit in Hawaii stationiert, mit ihren Schiffen und Flugzeugen. Musik Erzählerin Kekuni steht auf und kommt mit mehreren vergilbten Alben zurück: Japan, er fährt sich über den Kopf, Japan sei auch eine wichtige Etappe in seinem Leben gewesen. Eine sehr wichtige. Dort war er als Arzt. O-Ton Kekuni Als ich in Japan lebte, adoptierte ich ein einjähriges japanisches Waisenkind. Zu dieser Zeit arbeitete ich in Hiroshima und Nagasaki und kümmerte mich um Opfer, die den Atombombenangriff überlebt hatten. Ich war damals noch nicht verheiratet und hatte schon einen Sohn. 1959 kehrte ich mit ihm nach Chicago zurück und verliebte mich in eine Krankenschwester. Es stellte sich heraus, dass sie auch aus Hawaii kam und auf einer Plantage in Waimanalo aufgewachsen war. 1963 heirateten wir in Chicago, mein Sohn war wirklich großartig auf unserer Hochzeit, und ein Jahr später kam unsere Tochter in Chicago zur Welt. ATMO BLÄTTERN ... O-Ton Kekuni 24 Jahre lang war ich fern von Hawaii. Ich wollte Humanmedizin an der Universität lehren, und in Honolulu gab es keine Hochschule. Mitte der sechziger Jahre entstand in Honolulu eine Fakultät für Medizin, der Direktor lud mich ein und bot mir eine Stelle als Professor an. So kam ich wieder nach Honolulu zurück. ATMO hawaiianische Schüler singen ein Begrüßungslied Erzählerin Schüler singen spontan ein Lied auf Hawaiianisch für die Besucher einer Ukulele-Werkstatt in Honolulu. Selbst das wäre vor 30 Jahren, als Kekuni zurück nach Hause kam, unvorstellbar gewesen, und auch die Pohai, die Hula-Lehrerin, hat die Sprache ihrer Eltern als Kind nicht gelernt. O-Ton Pohai Als Amerika Hawaii annektierte, gab es ein Gesetz, das die hawaiianische Sprache in öffentlichen Schulen verbot. Die Generationen unserer Großeltern und Eltern beherrschten damals die hawaiianische Sprache, aber all diese Verbote schüchterten diese Generationen so ein, dass sie alles taten, damit ihre Kinder diese Sprache nicht lernten. Mein Vater sprach fließend hawaiianisch, aber er weigerte sich, er wollte nicht mit uns diese Sprache sprechen. Er wollte, dass wir eine westliche Schule besuchen und amerikanisch sprachen. Musik: Historie Sprecher Nach dem Sturz der Königin wird 1894 die Republik Hawaii ausgerufen. Doch die hat nicht lange Bestand. Am 12. August 1898, während des Spanisch-Amerikanischen Krieges, annektieren die USA Hawaii und verbieten die einheimische Sprache, Gesang und Tanz. Mehr und mehr Einwanderer aus den USA und Asien drängen die Ureinwohner in die Minderheit. Der amerikanische Lebensstil setzt sich durch auf Hawaii. In einem Volksentscheid 1959 stimmt die Mehrheit für Hawaii als 50. Bundesstaat der USA. Am 21. August 1959 wird Aloha State geboren. O-Ton Lorenz Gonschor Selbst in den fünfziger Jahren, als der Höhepunkt der Amerikanisierung war, als auch ein Großteil der Bevölkerung inklusive der Einheimischen, der native Hawaiians, diesen 50. Bundesstaat wirklich auch haben wollte, damals, selbst da gab es immer wieder Gruppen, die gesagt haben, wir wollen kein Staat der USA sein, unser Königreich wurde illegal annektiert. Diese Stimmen waren nie tot, die waren Mitte des 20. Jahrhunderts extrem marginalisiert. Und ich würde sagen, wo sie dann mehr ins öffentliche Bewusstsein gekommen sind, das fängt dann in den siebziger Jahren an mit der so genannten hawaiischen Renaissance, wo eben erst mal kulturell die ganzen hawaiischen Bräuche und Traditionen teilweise von bestimmten Gruppen wiederbelebt wurden. ATMO: AUSSCHNITT AUS DEM HULA-WETTBEWERB, KLATSCHEN, STIMMENGEWIRR, ANSAGE UND KURZER MUSIKAUSSCHNITT Erzählerin Hula, der erzählende Tanz, überliefert Legenden und Mythen. Durch den Hula, glauben die Hawaiianer, Kontakt zu ihren Göttern aufnehmen zu können - schließlich wird Hawaii auch das Land der 40 000 Götter genannt. Eine gute Ernte, Jagderfolg, Fruchtbarkeit oder die Verbindung zu den Vorfahren sind beliebte Hula-Themen. ATMO: AUSSCHNITT AUS DEM HULA-WETTBEWERB O-Ton Pohai Dank Hula erfahren wir sehr viel über die Kultur und Geschichte Hawaiis. In der Generation meiner Eltern war das anders. Die hawaiianische Sprache und auch Hula waren verboten. Missionaren war der sinnliche Tanz von Anfang an ein Dorn im Auge. Doch heute haben mit dem Wiederaufleben unserer Kultur Hula wie auch die hawaiianische Sprache ein großes Comeback. Viele verstehen jetzt einfach den Hula viel besser. Erzählerin Und für die, die ihn nicht verstehen, sind heute die diversen Hulawettbewerbe - wie beispielsweise der "Queen Lili`Uokalani" - Wettbewerb in der Blaisdell Arena in Honolulu - auf alle Fälle ein jährliches Ereignis. Die in New York lebende Schriftstellerin Kiana Davenport reist regelmäßig in ihre Heimat Hawaii und beobachtete, wie die Inselbewohner in den siebziger Jahren erwachten: O-Ton Kiana Davenport Es war eine richtige Revolution, die auf der Straße anfing, zunächst auf die Kultur übergriff und schließlich auf die Politik. Mich hat das enorm beeindruckt. Nun kann die ganze Welt Bücher und Geschichten über Hawaii lesen, ging es mir durch den Kopf, auch hawaiianische Musik ist überall zu hören. Als ich meinen Roman "Haifischfrauen" schrieb, wurde ich immer mehr von der hawaiianischen Renaissance beeinflusst. ZITAT Kiana Davenport Doch leisen Schritten gleich ging hörbar im Dunkeln etwas neben ihnen her - den Arbeitslosen, den Obdachlosen, den Familien, die in Pappkartons lebten, in den blauen, jurteähnlichen Zelten im neuen Armenviertel von A´ala Park. Und was sie leise in der Luft erklingen hörten, das war ein einziges schlichtes Wort, ein Laut. Und was durch die schmutzigen Straßen zu schweben schien, das war dieses eine Wort: Huli, Revolution. Atmo Honolulu Erzählerin Puakea Nogelmeier, Professor für die polynesische Sprache an der Universität von Honolulu, war in der hawaiianischen Renaissance von Anfang an aktiv - auch wenn sein Name auf eine deutsche Herkunft deutet. O-Ton Puakea Nogelmeier In den siebziger Jahren war klar, dass die hawaiianische Sprache in zwanzig Jahren aussterben würde. Nur Personen, die über 70 waren, beherrschten noch diese Sprache. Die junge Generation hatte die einheimische Sprache nie gelernt. Das Interesse an hawaiianischen Traditionen wie Hula und Surfen erwachte. Die Wiederbelebung der hawaiianischen Sprache war ein großes Vorhaben: In den achtziger Jahren wurde Hawaiianisch zunächst an Vorschulen unterrichtet und kurz danach als offizielle Lehrsprache wieder eingeführt. MUSIK: HISTORIE Sprecher Die Renaissance-Bewegung hat erreicht, dass Hawaiianisch neben Englisch zur Amtssprache von Hawaii erklärt wurde. Von den 1,2 Millionen Bewohnern des Archipels sprechen etwa 15 000 Personen fließend Hawaiianisch. Etwas mehr als 1%. Erzählerin Auch Kekuni Blasidell riss die kulturelle Renaissance mit. Seine Augen leuchten, wenn er von der Geschichte des pazifischen Archipels spricht. Er lernte Hawaiianisch, wälzte Bücher - nach und nach holte er sich auch ein Stück seiner eigenen Geschichte zurück, bekannte sich schließlich zu seiner wahren Identität: Aus Dick wurde Kekuni, damit hatte er seinen Platz auf den pazifischen Inseln endgültig gefunden. Und je länger er da war, desto deutlicher wurde ihm, dass man ihn, den Arzt , hier brauchte. Er sah das Elend der Ureinwohner und begann, Gesundheitszentren für die Einheimischen aufzubauen. O-Ton Kekuni Im Vergleich zu anderen ethnischen Gruppen hat die indigene Bevölkerung Hawaiis den schlechtesten Gesundheitszustand: Fettsucht, Bluthochdruck, Herzkrankheiten und Krebs sind sehr verbreitet. In anderen Bereichen ist die Lage nicht besser: Der Anteil der Einheimischen an Schulabbrechern und Sträflingen ist enorm hoch. Viele sind schlecht gebildet und arbeitslos, trinken, nehmen Drogen. Unsere Urbevölkerung wurde systematisch dezimiert. Heute sind nur noch 10 Prozent der Gesamtbevölkerung indigene Hawaiianer. Wir sind eine Minorität im eigenen Land. Hawaii wurde systematisch ausgebeutet. O-Ton Lorenz Es gibt diejenigen, die wollen nach wie vor diesen Indianerstatus haben. Da gibt es jetzt auch ein Gesetz im US-Kongress, was schon seit mehreren Jahren verhandelt wird und immer noch keine Mehrheit gekriegt hat, die so genannte Akaka Bill, nach einem der Senatoren von Hawaii genannt. Die Hawaiier genauso wie einen Indianerstamm anzuerkennen, als einen dem Innenministerium direkt unterstehende interne Souveränität innerhalb der USA, so wie das über 500 indianische Völker in Gesamt-USA haben. Die ganzen Politiker inklusive der Gouverneurin Linda Lingle, die wollen alle diesen Akaka-Bill haben, diesen Indianerstamm-Status ATMO DORF O-Ton Bumpy Keinem Dorf auf Hawaii ist es bisher gelungen, Land vom Staat zu bekommen. Das ist einmalig und wird es, glaube ich, auch bleiben. Denn wir sind der amerikanischen Regierung ein Dorn im Auge, genau so etwas darf eben nicht noch mal passieren. Seit der "Apology Resolution" ist doch aktenkundig, dass das Vorgehen der USA auf Hawaii und die Aneignung unseres Landes sowie der natürlichen Ressourcen unrechtmäßig und unzulässig sind. Für Außenstehende ist das eine schöne Fassade. Doch was sich dahinter verbirgt, ist eine einzige Lüge, eine Illusion: Die einheimischen Hawaiianer können die Wiederherstellung ihrer Unabhängigkeit nicht ausrufen. ATMO DORF Erzählerin Die Pioniere von Pu`uhonua O Waimanalo verwalten ihr Dorf selbst, erteilen Baugenehmigungen, stellen Angel- und Jagdscheine aus. Sie geben das Wissen der Vorfahren an ihre Kinder weiter, zeigen ihnen, wie man Wildtiere jagt oder mit dem Wurfnetz Fische fängt, lehren sie Sprache und Geschichte. Die Dorfbewohner kultivieren die Knollenpflanze Taro. Sie ist für die Hawaiianer traditionell Grundlage der Ernährung und spielt eine wichtige Rolle in ihrer mythischen Beziehung zur Natur. Einst zerstörten die christlichen Missionare aus den USA die Taro-Felder und pflanzten darauf Zuckerrohr an. ATMO DORF O-Ton Bumpy Dieses Dorf ein Beispiel? Für die Regierung wohl eher ein abschreckendes. Deshalb glaube ich, wird dieses Dorf auch das einzige Beispiel bleiben, bis die Hawaiianer entschieden haben, was für eine Regierungsform sie haben wollen. Es ist unrecht-mäßig, dass die USA Hawaii besetzen. Wir sehen nicht tatenlos zu, müssen aber auch Geduld haben. Müssen darüber debattieren, was genau wir uns vorstellen, sozial, wirtschaftlich und kulturell. Wir wollen vor allen Dingen Demokratie und einen fairen Prozess. Ob es der Akaka-Bill, also die die indianische Lösung, oder die Unabhängigkeit sein soll, darüber muss auch noch entschieden werden. O-Ton Lorenz Gonschor Die zweite Richtung ist eben die, nach wie vor Hawaii unabhängig zu machen, aber eben unabhängig im Sinne einer Dekolonisierung. Amerika hat Hawaii hundert Jahre beherrscht. Von dem was vorher war, ist nichts mehr, wie es war. Wir müssen jetzt eine neue Nation schaffen, also "nationbuilding" praktisch postkolonial. Das wäre die zweite Gruppierung. Und dann die dritte: Hawaii ist erst mal nicht Teil der USA, hat mit Indianern nichts zu tun, also scheidet diese Akaka-Bill-Geschichte schon mal aus. Und das ist dann klar, Gesetze müssen überarbeitet werden, grundsätzlich eine Deokkupation statt einer Dekolonisation. ATMO KEKUNI HOLT BILDER: "Where did the picutres go? Oh yes...." O-Ton Kekuni Mein Vater ist Kanaka und Chinese. Er war Basketballspieler. Das ist seine Mutter, sie ist Chinesin und Hawaiianerin ATMO: "I WILL BE RIGHT WITH YOU I´M JUST FINDING SOMETHING Erzählerin Schwarzweißfotos in Hülle und Fülle. Stolz und schön präsentieren sich Kekunis Angehörige. Seine Großmutter in weißem Kleid, mit einer Blume im Haar. Sein Vater in amerikanischer Militäruniform. Erst jetzt wird mir bewusst, woher Kekuni seine asiatischen Gesichtszüge hat. Es gab in seiner Verwandtschaft immer wieder chinesisches Blut. ATMO KEKUNI SUCHT NACH SACHEN, HUSTET IM HINTERGRUND O-Ton Kekuni Meine Tochter, meine Frau, sie starb 1989. Und meine Tochter als kleines Mädchen, sie besuchte die Kamehameha Schule und machte Abitur, 1980. ATMO NOCH MEHR FOTOS O-Ton Kekuni Meine Tochter war an der Harvard Universität und hatte ein Stipendium in Neuseeland. Sie studierte an der Universität von Oakland maorische Ethnologie. Danach kam sie zurück nach Hawaii und arbeitete beim Radio und Fernsehen als Reporterin. Dort lernte sie ihren Mann kennen. Er ist Nachrichtenjournalist. ATMO Honolulu Erzählerin Um mehr darüber zu erfahren, warum sich die Hawaiianer trotz der Möglichkeiten, die die USA einigen von ihnen boten, mehr und mehr für die Autonomie einsetzen, habe ich mich mit Keanu Sai, Professor für Politologie verabredet. Keanu Sai, Mitte 40. Er ist indigener Ureinwohner mit rundem Gesicht, braunen Mandelaugen, dunklem Teint und schwarzem Haar. Keanu Sai betreibt den Kampf um die politische Unabhängigkeit mit fundierten Nachforschungen. Sein Ziel: volle Souveränität, wieder einen eigenen Staat, wie vor 1893. O-Ton Keanu Sai Ich habe herausgefunden, dass die Okkupation erst einmal beginnen, das heißt offiziell anerkannt, werden muss. Das mag vielleicht befremdlich klingen, aber wir haben seit über 100 Jahren auf Hawaii eine Okkupation. Eine Okkupation ist immer zeitlich begrenzt und hat also auch ein Ende. Es ist eine Lüge, dass Hawaii ein Teil der USA ist. Das US-Militär muss das endlich eingestehen. Dann können wir über die Konsequenzen einer Okkupation nachdenken, als Nächstes darüber verhandeln, wie wir nach den Gesetzen der hawaiianischen Monarchie und mit dem US-Militär als Besatzungsmacht leben und als Letztes dann unsere Regierung wiederherstellen. MUSIK: HISTORIE Sprecher 1893. Amerikanische Plantagenbesitzer haben gemeinsam mit dem US-Diplomaten John L. Stevens ein Komplott gegen die hawaiianische Krone geschmiedet. Sie fürchten, dass die äußerst populäre Königin Lili' Uokalani ihren Interessen schaden könnte. Die Monarchin hat ihrem Volk eine neue Verfassung versprochen, die die Rechte der immer mächtiger werdenden ausländischen Gutsherren auf Hawaii beschneiden soll. Am 17. Januar 1893 marschieren Stevens und eine Abordnung von Plantagenbesitzern mit 160 US-Soldaten im Schlepptau zum Iolani-Palast in Honolulu und teilen der Königin mit, dass sie abgesetzt sei. Um ein Blutvergießen zu verhindern, willigt Lili' Uokalani "unter Protest" ein. O-Ton Keanu Sai Viele Hawaiianer wissen bis heute nicht, dass Königin Lili' Uokalani nach dem Putsch 1893 den amtierenden US-Präsidenten, Grover Cleveland, bat, den Vorfall zu untersuchen und die Regierung wiederherzustellen. US-Präsident Cleveland kam auch zu dem Schluss, dass der Vorgang illegal war. Er begann mit der Königin zu verhandeln. Zuerst, im November 1893, trafen sich der amerikanische Botschafter und die Königin in Honolulu. Der Botschafter entschuldigte sich im Namen des amerikanischen Präsidenten für diesen Putsch. Es sei Aufgabe der USA, die Regierung so wiederherzustellen, wie sie vor Ankunft der US-Truppen im Januar war. Doch weil sich die amerikanischen Putschisten des Hochverrats schuldig gemacht hatten, erwartete sie nach Wiederherstellung der hawaiianischen Regierung die Todesstrafe. Das wusste Präsident Cleveland, und deshalb verlangte er eine Amnestie für die Putschisten. Lili' Uokalani willigte schließlich ein. Bis heute ist dieses Abkommen zwischen Grover Cleveland und Liliuokalani, völkerrechtlich gesehen ein Vertrag, der noch nicht in erfüllt wurde. ZITAT Kiana Davenport Der Iolani-Palast war in Schwarz gehüllt und während der Gedächtniswoche sollte die Flagge der Vereinigten Staaten vom Kapitolsgebäude und allen Regierungsgebäuden des Staates Hawaii entfernt werden. Allein die hawaiische Fahne sollte flattern. Auf allen Inseln marschierten Tausende in den Städten und verlangten die Rückgabe ihres Landes, Reparationszahlungen für die vergangenen hundert Jahre und die Souveränität als eigenständiger hawaiischer Staat. Erzählerin Keanu Sai reiste 2001 mit einem hawaiianischen Rechtsanwalt nach Den Haag, der vor dem Internationalen Gerichtshof einen Hawaiianer namens Larsen vertrat. Die US-Polizei hatte Larsen auf der Insel Big Island verhaftet, weil er keinen Führerschein bei sich trug und sein Auto kein amerikanisches Nummernschild hatte. Larsen entgegnete, er sei hawaiianischer Staatsbürger und kein US-amerikanischer, deshalb habe die Polizei kein Recht, etwas von ihm zu verlangen. Durch mehrere Instanzen landete die Sache schließlich beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Zum ersten Mal in der Geschichte trat dort das hawaiianische Königreich als Partei auf. Der Internationale Gerichtshof kam zum Ergebnis, dass bei diesem Disput die USA, gehört werden müssten. Die USA aber weigern sich grundsätzlich, in Den Haag aufzutreten. Der Prozess wurde folglich abgebrochen. O-Ton Keanu Sai Zunächst geht es darum, Hawaii als unabhängigen, souveränen Staat anzuerkennen. Wenn das erfüllt ist, muss diese Information auf allen Ebenen bekannt gemacht und in die Öffentlichkeit getragen werden. Darauf folgt dann als letzte Phase die Wiederherstellung der Regierung. Die erste Phase ist realisiert: Der Internationalen Gerichtshof in Den Haag hat Hawaii als unabhängigen Staat anerkannt. An der zweiten Phase arbeite ich, seitdem ich an der Universität von Hawaii bin. Ich unterrichte und veröffentliche kontinuierlich diverse Artikel und habe eine Doktorarbeit über das hawaiianische Königreich geschrieben. Ich habe mit wirklich versierten Professoren zu tun, die Spezialisten im internationalen Recht sind. Meine Dissertation wird nächsten Sommer erscheinen. ATMO COQUI FRÖSCHE Erzählerin Ich komme in Hilo an - das Foto von Kekunis Tochter Sarah mit ihrem amerikanischen Mann vor Augen, und im Ohr, was Bumpy Kanahele aus Pu`uhonua O Waimanalo mir sagt: "Jetzt muss gehandelt werden, bevor es zu spät ist, Technologie und Fortschritt entfernen die nachfolgenden Generationen immer mehr von unseren Werten und unserer Kultur." Hilo ist die Hauptstadt von Big Island. Hier ist es ruhiger als im quirligen Honolulu. Es ist abends, und die Coqui-Frösche stimmen ihr Konzert an. ATMO MEER/ATMO COQUI FRÖSCHE Erzählerin Big Island ist die einzige Insel des Archipels, auf der sich noch vulkanische Aktivität findet, weil, so heißt es, sich hier die Vulkangöttin Pele, dauerhaft niedergelassen habe. MUSIK KAUMAKAIWA In Hilo begegne ich im Café Pesto Lito und Kaumakaiwa. Beide sind Ende 20, Lito ist Physiotherapeut und will Musiker werden. Kaumakaiwa hat bereits den musikalischen Durchbruch geschafft und sich als Sänger auf Hawaii einen Namen gemacht. Beide fühlen sich als echte Hawaiianer - obwohl Litos Aufzählung mich ein wenig verwirrt.. O-Ton Lito Meine Mutter ist eine rothaarige Irin mit Indianer-Blut. Sie lebt hier seit 1973, da lernte sie meinen Vater kennen. Mein Vater ist philippinischer, hawaiianischer und spanischer Abstammung. Die Mutter meiner Frau ist Portugiesin, der Vater meiner Frau hat philippinische, hawaiianische, puertorikanische, chinesische und hawaiianische Wurzeln. Wenn ich nach Kalifornien reise, bin ich Mexikaner, in Florida bin ich Kubaner, in New York Puertorikaner, Ich find das klasse, ich pass mich eben an. "I go with the flow." O-Ton Kaumakaiwa Ich bin Hawaiianer und meine Stimme ist einzigartig auf dieser Welt, eben weil ich hier aufgewachsen bin. Wir können immer noch mit der Erde um uns herum Kontakt aufnehmen wie unsere Vorfahren. Ich trage in mir ihre Kraft und werde sie auch an meine Nachkommen weitergeben wie meine Mutter, meine Großmutter und die vielen Generationen vor mir. Das ist ein wunderbares Geschenk. O-Ton Lito Für uns ist die Familie, wir sagen Ohana, enorm wichtig. Rücksicht auf die anderen nehmen, sich um die Angehörigen kümmern, das hat bei uns einen großen Stellenwert. Darauf basiert unser Zusammenleben. Natürlich könnte ich in die USA gehen und dort Karriere machen. Dann wäre das aber nur für mich, für meine Karriere. Aber ich habe keine Lust. Ich will hier bleiben. Ich will hier leben, hier fühle ich mich wohl, hier bin ich zu Hause. Ich will für meine Kinder und meine Nachkommen auf dieser Insel bleiben, sie unterstützen, aber auch für alle hawaiianischen Kinder ein Vorbild sein. Ich bin viel herumgekommen, habe viel von der Welt gesehen, aber hier bin ich aufgewachsen, nur hier spüre ich diese Kraft von Hawaii und das ist das wirklich Besondere. MUSIK Erzählerin Manche Unabhängigkeitsaktivisten verlieren sich gern in Debatten darüber, wer eigentlich ein indigener Hawaiianer ist. Die Mehrheit derer, die für die Autonomie kämpfen, haben gewisse Anteile hawaiianischen Blutes in den Adern. Man schätzt deren Gesamtbevölkerung auf rund 300 000. Es gibt aber nur noch knapp 1000 reine Hawaiianer, und man geht davon aus, dass sie bis zum Jahr 2044 ganz ausgestorben sein werden. Heute ist Hawaii ein buntes Völkergemisch Historie Sprecher 36 Prozent der Bewohner Hawaiis sind Asiaten, vor allem Japaner, 24 Prozent Weiße und 18 Prozent Polynesier, nämlich Abkömmlinge der Ureinwohner. Auch Philippiner, Chinesen und Koreaner haben ihre Spuren auf den pazifischen Inseln hinterlassen. ZITAT Kiana Davenport Ihr Hawaiianer seid eine so kleine Gruppe. In zehn, zwanzig Jahren seid ihr alle assimiliert. Und die meisten von euch begrüßen den Fortschritt. Schnelle Autos, Schnellimbiss, Videorekorder. Sag wofür kämpft ihr also? O-Ton Kiana Davenport Wenn ich zu Hause auf Hawaii bin, informiere ich mich, höre Nachrichten, spreche mit Freunden und frage: Was ist eigentlich heute mit unserer Kultur los, was wird aus Hawaii? Wenn ich zurückdenke, die Renaissance und die Autonomiebewegung waren damals so stark, Anfang der Neunziger hatten sie wohl ihren Höhepunkt erreicht. Überall wurde darüber berichtet. Doch heute ist Bewegung irgendwie abgeebbt. Es haben sich viele kleine Gruppen von Aktivisten gebildet, die sich oft untereinander bekriegen und unterschiedliche Ziele verfolgen: vom indianischen Modell oder bis zur vollkommenen Unabhängigkeit Hawaiis ist. Das verwirrt mich, es gibt keine klare Linie. Erzählerin Was die Schriftstellerin Kiana Davenport irritiert, wenn sie - ab und an - aus New York nach Hause kommt, macht Kekuni Blaisdell, dem alten Arzt, ganz konkrete Sorgen: Ja, seine Tochter hat einen Amerikaner geheiratet, der Enkel wird in Amerika studieren, und seine Enkeltochter. Kenkuni fragt sich manchmal, ob seine Suche nach der haiwaiianische Identität fruchtbar war. O-Ton Kekuni Ich glaube, sie führen unsere hawaiianische Tradition nicht unbedingt weiter. Wollten sie es wirklich tun, dann verhielten sie sich anders. ATMO DORF O-Ton Bumpy Dieses Dorf will die vollkommene Unabhängigkeit Hawaiis, das war von Anfang an so, auch unsere Kinder wachsen mit diesem Bewusstsein auf. Dieses Dorf ist Vorbild für unser zukünftiges Land. Erzählerin In Pu`uhonua O Waimanalo, INDEPENDENT, SOVEREIGN leben Bumpy und seine 80 Mitstreiter - schon mal den Alltag, dem sich der Aktivist Keanu Sai geduldig und ausdauernd, Schritt für Schritt, in der Theorie nähert. Musik Absage Pu`uhonua O Waimanalo. Kann ein Dorf Geschichte machen? Sie hörten ein Feature von Marlene Küster Es sprachen: Nadja Schulz-Berlinghoff, Daniel Minetti, Axel Wandtke, Marian Funk, Martin Seiffert, Gabriele Blum, Susanne Sachße Ton und Technik: Bernd Friebel Regie: Wolfgang Rindfleisch Redaktion: Ulrike Bajohr Eine Produktion des Deutschlandfunks 2009 23 10