Deutschlandfunk GESICHTER EUROPAS Samstag, 3. April 2010, 11.05 ? 12.00 Uhr Teures Vermächtnis auf sieben Hügeln: Rom und das Erbe der Antike mit Reportagen von Nadja Fischer Moderation: Britta Fecke Musikauswahl: Babette Michel ------------------------------------------------------------------- Trailer Mod auf Musik Mod.: Ein Archäologe über paradiesische Zustände : O-Ton: ..."Wer in Rom gräbt, stößt unweigerlich auf Zeugnisse der Antike. Nicht nur im Stadtzentrum, auch außerhalb. Das antike Rom war eine Metropole, vergleichbar mit heutigen 20 Millionen Städten. Deshalb liegen hier mehr antike Überreste als irgendwo sonst auf der Welt!" Mod: Und eine Restauratorin, der das reiche Erbe manchmal zur Last wird: O-Ton: ...."Jeden Tag erhalten wir neue Amphoren, Skulpturen oder Münzen, die restauriert werden müssen. Wir kommen nicht mehr nach. Denn der Staat spart. " Mod.: Gesichter Europas: Teures Vermächtnis auf sieben Hügeln - Rom und das Erbe der Antike Eine Sendung von Nadja Fischer. Am Mikrophon begrüßt sie Britta Fecke. Mod. 1 Die schöne, die mächtige und die älteste Stadt Europas - in Stein gemeißelte Ewigkeit und in Trümmern liegende Kaiserreiche- das ist Rom! Bis heute zieht die Stadt Millionen von Besuchern in ihren Bann, jährlich schieben sich rund 20 Millionen Touristen durch die Gassen der Metropole über antike Foren vorbei an Säulen, Tempeln und Triumphbögen. Die Stadt sah Kaiserreiche, Republiken und Monarchien kommen und untergehen. Viele Relikte aus den unterschiedlichsten Epochen stehen jetzt Stein an Stein neben- und sehr oft auch aufeinander. Atmo: Ein großer Teil des antiken Erbes liegt noch heute im Verborgenen, denn Rom hat seine 3000-jährige Geschichte unter sich begraben. Die heutige Hauptstadt Italiens liegt an einigen Stellen rund 20 Meter über der Stadt der Kaiser und Imperatoren.. Ein ewiger Zyklus aus Zerstörung und Neubau ließen das Niveau der Stadt im Laufe der Jahrtausende steigen. Dabei diente ein altes Gebäude oft als Fundament für ein neues - ein Tempel als Grundlage für eine Kirche. Einige antike Strukturen sind aber bis heute erhalten, sie werden sogar noch genutzt, wie die Cloaca Maxima, aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Das geniale Netz an Abwasserkanälen machte die kaiserlichen Foren erst bewohnbar. Wer Relikte aus den vergangenen Jahrtausenden finden will, der muss eigentlich nur einen Kanaldeckel heben oder unter das Forum Romanum kriechen - in der Cloaca Maxima. Und wen die Leidenschaft packt, den kann auch ein sonniger Frühlingstag nicht daran hindern: REP 1: Die Hobby-Archäologen in der Cloaca Maxima Luca Antognoli steigt in seine Anglerhose, zieht den elastischen Hosenbund bis auf Brusthöhe und streift umständlich die Hosenträger über die Schultern. Seine Finger sind noch etwas steif, am frühen Samstag Morgen. Trotzdem geht's gleich los. Dieser Schacht führt direkt sechs Meter hinunter in die "Cloaca Maxima", erklärt Luca Antognoli. Der große Mann trägt nicht nur eine Anglerhose, sondern auch Handschuhe und einen Helm mit Halogen-Lampe. Beeindruckt? scherzt Luca Antognoli. Aus dem dunklen Schacht vor uns stinkt es entsetzlich. Antognoli, der von Beruf Chirurg ist, zieht sich jetzt auch noch eine Gesichtsmaske über. Der Abwasserkanal der alten Römer sei nämlich bis heute in Betrieb ... Am Wochenende in die Kloake, das ist wahre Leidenschaft. Im Sommer fahre ich manchmal ans Meer, aber im Prinzip steigen wir jede Woche in die Kloake, seit sechs Jahren. Klar war ich auch schon auf Expeditionen in natürlichen Grotten. Mich fasziniert aber der Untergrund einer Stadt mehr, weil der auch archäologisch etwas hergibt. Hier in Rom ist er geradezu spektakulär ... Die Expeditionsgruppe besteht heute trotzdem nur aus zwei Personen. Das Wetter ist Vielen zu sonnig, um in den Untergrund abzutauchen. Aber nicht Elisabetta Bianchi. Sie ist Archäologin und zuständig für das Forum Romanum ... Wir Archäologen können alleine nicht in den Untergrund steigen. Ich profitiere vom Wissen der Höhlenforscher, um die "Cloaca maxima" mit eigenen Augen zu erkunden. Ich mache das freiwillig, bezahlt werde ich dafür nicht. Die 40-jährige Archäologin steigt als erste die Leiter runter und gibt dann aus dem finsteren Loch Anweisungen. Sprosse um Sprosse wird es dunkler, feuchter und enger. Ein letzter großer Schritt ins vermeintlich Leere ? geschafft. Das Abwasser reicht bis auf Kniehöhe. Willkommen in der Cloaca Maxima!, sagt Elisabetta Bianchi, deren Augen über der Gesichtsmaske strahlen. Der berühmte Abwasserkanal ist drei Meter breit und ebenso hoch. Elisabetta Bianchi dreht den Kopf und beleuchtet mit ihrer Helmlampe die Mauern aus groben Steinblöcken: Ein relativ junger Abschnitt, erklärt sie. Jung ? das heisst in diesem Fall: 1900 Jahre alt. Der erste Abschnitt der Cloaca Maxima geht wahrscheinlich auf das sechste Jahrhundert vor Christus zurück, auf die Zeit der Etruskerkönige. Wir kennen bis heute diesen ältesten Teil aber nicht. Es ist verrückt - Wir haben keine Ahnung, wo die Cloaca Maxima anfängt! Die Kloake von Schutt zu befreien und möglichst weit in die unbekannten Abschnitte vorzudringen - das ist das Ziel der Höhlenforscher. Während Luca Antognoli aus seinem Rucksack eine Lampe hervorkramt, erklärt er, warum es ohne die Cloaca Maxima nie das Forum Romanum gegeben hätte. Diese Ebene war früher ständig überschwemmt. Die ersten Bewohner von Rom konnten sich nur mit Ruderbooten vom Palatin- zum Kapitolshügel bewegen. Sie beschlossen darum, das Gebiet trockenzulegen und legten einen offenen Kanal an ? die Cloaca Maxima. Später deckten sie den Kanal zu und nutzten ihn mehr und mehr auch als Abwasserkanal. Der Boden der Kloake ist glitschig. Nur nicht ausrutschen, weiterwaten und nicht an den Ursprung der zähen Masse denken, die nun bis zu den Oberschenkeln reicht. Ob die Anglerhosen wirklich dicht sind? Elisabetta Bianchi scheint solche Gedanken nicht zu kennen. Sie zeigt auf die kleinen Kanäle, die da und dort in die Kloake münden ... Die Cloaca Maxima ist wie der Stamm eines Baumes mit vielen Ästen. Mit jedem grösseren Haus, das die Römer bauten, kam ein neuer, kleiner Seitenkanal dazu. Die Archäologin setzt einen Fuss in einen dieser niedrigen Seitengänge und stösst auf Luca Antognoli, der dort inzwischen im Wasser kniet und die heutige Mission erfüllt: Er nimmt Wasserproben. Wir wollen herausfinden, ob hier wirklich nur Abwasser fließt, oder ob auch reines Wasser dabei ist. Vielleicht erhalten wir so Anhaltspunkte, woher das Wasser kommt. Die Wasserproben sollen mit den bekannten Quellen Roms verglichen werden, in der Hoffnung, Übereinstimmungen zu finden. Luca Antognoli füllt mehrere Plastikbecher, verschließt und beschriftet sie. Er arbeitet ruhig und konzentriert, ganz der Chirurg. Plötzlich wird seine Aufmerksamkeit abgelenkt. Er bückt sich und fischt einen Gegenstand aus dem Wasser: eine dreieckige Tonscherbe. Ein Fragment eines Tellers, 1.Jahrhundert nach Christus, sagt die Archäologin mit Kennerblick. Eine Scherbe, die eine Römerin vor 2000 Jahren weggeworfen hat und die seither niemand in der Hand hatte! Für die Kloaken-Spezialisten nichts Besonderes. Es geht mir nicht darum, einen großartigen Fund zu machen. Aber: Amphorenscherben und Haarfibeln sind wichtig, weil sie Aufschluss geben über das Alter der verschiedenen Kanalabschnitte. Nach drei Stunden in der Kloake heisst es: Zurück ans Tageslicht. Keine 100 Meter haben die Beiden im Kanal zurückgelegt, doch die wichtigen Wasserproben sind zur Analyse bereit. Auf dem Forum Romanum tummeln sich nun Touristen in T-Shirt und Sommerkleidern. Die Anglerhosen sind von einer schlabbrigen Masse überzogen. Nichts anfassen!, mahnt der Höhlenforscher, Hobby-Archäologe und Chirurg Luca Antognoli und holt aus seinem Rucksack eine kleine Flasche hervor. Wir sind von der Kloake komplett verseucht. Jetzt geht's ans Desinfizieren ... ! Literatur: MOD: Rom zieht nicht erst heute Touristenscharen an. "Mirabilia Romae", "Die Wunder von Rom" - so heißt ein Stadtführer aus dem Mittelalter. Er richtete sich an die Pilger, die damals wochenlange, beschwerliche Reisen auf sich nahmen, um in der Stadt der Päpste den "vollkommenen Ablass" zu erhalten. Auch der große toskanische Dichter Francesco Petrarca kam nach Rom aber nicht weil er um Ablass bitten wollte, sondern um die Schriften der Antike zu studieren, die im Mittelalter in Vergessenheit geraten waren. 1337 sieht Petrarca Rom zum ersten Mal und schreibt an seinen Freund Giovanni Colonna: "Was soll wohl jemand von der Stadt Rom erwarten, der schon so viel über ihre Hügel vernommen hat? Du glaubtest, ich würde etwas Großes schreiben, sobald ich nach Rom gekommen wäre. Vielleicht hat sich mir für die Zukunft ein gewaltiger Stoff zum Schreiben geboten, im Augenblick gibt es nichts, was ich anzufangen wagte, überwältigt von solchen wundern und von der Masse dessen, worüber ich staune. Nur dies Eine möchte ich nicht ungesagt sein lassen: das Gegenteil von dem, was du vermutet hast, ist eingetreten. Du hast mir nämlich, wie ich mich erinnere, ständig von der Reise hierher abgeraten, hauptsächlich mit dem Vorwand, durch den Anblick der in Trümmern liegenden Stadt, der ihrem Ruhm und meiner aus Büchern gewonnenen Vorstellung nicht entspricht, könnte meine glühende Begeisterung nachlassen. Und auch ich habe es, obwohl ich vor Sehnsucht loderte, nicht ungern aufgeschoben , in der Furcht, meine Augen und die berühmten Namen stets feindliche Gegenwart könnten mir verkleinern, was ich mir selbst im Geist vorgestellt hatte. Aber sie hat wunderbarerweise nichts vermindert, sondern alles vergrössert. Rom war wirklich grösser, als ich glaubte, und grösser sind seine Trümmer! Schon wundert mich nicht mehr, dass der Erdkreis von dieser Stadt unterworfen wurde, vielmehr dass er so spät erst unterworfen wurde." Mod 2: Rom trägt schwer an seinem antiken Erbe, denn auch wenn die Kunstschätze der Kaiser, Päpste und Imperatoren; die Kirchen, Brunnen und Paläste von Michelangelo oder Bernini das Kapital der Stadt sind, müssen sie aufwendig erhalten und unterhalten werden. Doch für Monumente und Museen fehlt Italien das Geld. Die Staatsverschuldung lag im letzten Jahr bei 115 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Auch deshalb hat die Regierung Berlusconi das Kulturbudget hart zusammengestrichen. Nur noch knappe 0,3 Prozent des Staatshaushalte werden für die Konservierung und Pflege des kulturellen Erbes aufgebracht. Renommierte Kunsthistoriker schlagen Alarm und sprechen von der Liquidation der Denkmalpflege, Berlusconi habe nicht begriffen, dass das Kulturerbe kein Luxus, sondern Italiens wichtigste Ressource sei. Atmo: Im zentralen Laboratorium für Restaurierung versucht man diese Ressource zu erhalten, unter Hochdruck. Und dieser Druck steigt mit jedem weiteren Fund, den Archäologen in die Magazine tragen, und während sich die Regale mit Vasenfragmenten, Keramikköpfen und Bronzen bis unter die Decke füllen, werden die Kassen immer leerer: REP 2: Eine Restauratorin mit vollen Archiven und leeren Kassen Das Telefon klingelt bereits zum zweiten Mal in fünf Minuten. Giovanna Bandini scheint es nicht anders zu kennen. Das Handy am Ohr, eilt sie die Treppe hoch, wirft einen Blick auf ihre Uhr und greift sich immer wieder in die wilde Mähne. Die Frau wirkt nicht, als ob sie stundenlang über antiken Keramikscherben sitzen könnte. Genau das tut sie aber. Wenn sie, die Direktorin des Restaurationslabors, nicht gerade am Telefon verlangt wird. Heute ist ein Tag wie jeder andere - stressig. Mich hat gerade ein Anwalt angerufen. Eine Statue ist beschädigt worden ? auf dem Weg zu einer Ausstellung. Ein Riss im Arm. Stellen Sie sich vor: Es besteht die Gefahr, dass der Arm abbricht ... Da müssen wir natürlich eingreifen. Zumal es sich um eine wertvolle Statue handelt, die für sage und schreibe 31 Millionen Euro versichert ist ... .! Wer sich das zentrale Restaurationslabor von Rom riesig vorstellt, irrt. Es besteht lediglich aus sechs Räumen, von denen einer in den Nächsten führt. Pro Raum eine Spezialabteilung: Stein, Keramik, Glas, Metall, Mosaik, Bronze. Der Platz ist knapp: Büchergestelle bis an die Decke, darauf Plastikkisten mit Fundstücken. Auf den Arbeitstischen kreatives Chaos. Es herrscht konzentrierte Ruhe. Fast überall. Im Stein-Labor bearbeitet eine Restauratorin einen faustgroßen Steinklumpen mit einem Zahnarzt-Bohrer. Der Klumpen ist in Wirklichkeit der Kopf einer Skulptur, der durch dicke Kalk- und Erdschichten bedeckt ist. Die Restauratorin arbeitet sich mit dem Ultraschallbohrer Schicht für Schicht zum Stein vor. Eine Geduldsprobe, die höchste Konzentration erfordert: Der Bohrer könnte die Skulptur beschädigen. Und doch, betont die Restauratorin, sei die Reinigung unumgänglich - weil sonst die saure Erde den Stein angreife. Nebenan wird es hektisch. Ein Mann karrt eine Holzkiste ins Labor, die mit dicken Riemen zusammengehalten wird. Ein neues Fundstück. In der Holzkiste ist ein Altar, den Archäologen eben auf einer Grabungsstelle gefunden haben. Übrigens: Morgen bringt man uns zwei offenbar wunderschöne Sarkophage, die noch verschlossen sind. Das heisst: sie werden wohl noch voller antiker Schmuckstücke sein ... wir sind gespannt! Ein Traum für Restauratoren. Doch die Freude von Giovanna Bandini ist getrübt. Jeden Tag, wirklich jeden Tag kommt ein neues Fundstück hinzu. Und wenn es nicht eines ist, dann sind es zwei, oder drei. Wir freuen uns über diese Lieferungen, klar, aber gleichzeitig ist es auch eine riesige Last. Wir sind nur noch 20 Restauratoren hier im Labor. In den letzten Jahren gingen 6 Leute in Pension, und niemand wurde ersetzt. Das Ministerium spart und hat seit Jahren keine jungen Restauratoren mehr angestellt. Wir stecken wirklich in großen Schwierigkeiten. Giovanna Bandini, die seit 30 Jahren im Labor arbeitet, könnte trotzdem kaum engagierter sein. Sie wirbelt durch die Räume, gibt ihren Mitarbeitern freundlich aber bestimmt Anweisungen und erklärt trotzdem möglichst alle Fassetten ihres Berufs: Da eine Computer-Rekonstruktion eines Mosaiks, dort eine mikroskopische Untersuchung einer Münze. Dann greift Giovanna Bandini zu einer Karteikarte, Grösse A4. Ein Foto, viel Text. Jeder Gegenstand hat bei uns gewissermassen seine Patientenakte mit wichtigen Angaben: Inventarnummer, Namen, Fundort und vor allem: Art der Behandlung. Wir stellen so sicher, dass spätere Restauratoren wissen, was am Objekt bereits unternommen wurde ... für den Fall, dass der Patient in Zukunft wieder einmal behandelt werden müsste ... . Auf Giovanna Bandinis Arbeitstisch steht ein bauchiges Gefäss aus brauner Keramik, das höchst kunstvoll mit schwarzen Figuren verziert ist: Auf der einen Seite eine Festszene, auf der Anderen zwei Krieger und ein Pferd. 3.Jahrhundert vor Christus, sagt Giovanna Bandini und streicht mit ihren Fingern über die Vase, an der sie mehrere Wochen gearbeitet hat. Diese Vase ist grundsätzlich gut erhalten. Das Problem war aber, dass sie Ende des 19.Jahrhunderts bereits einmal restauriert worden ist ? und zwar in einer Art und Weise, die heute Kopfschütteln auslöst. Der Restaurator hat nämlich diese figurativen Darstellungen übermalt ? er hat die Vase quasi auf Neu getrimmt. Das verstand man damals unter "Restaurieren"! Für mich bedeutete das: Ich musste in mühsamer Arbeit seine Farbe entfernen, um die ursprünglichen Figuren wieder sichtbar zu machen. Was der Kollege vor 100 Jahren gemacht hat, ist heute tabu. Wir eifern heute nicht mehr dem antiken Künstler nach: Unsere Eingriffe sollen sofort erkennbar sein. Diese moderne Auffassung der Restaurationskunst gehe auf den Italiener Cesare Brandi zurück: Er habe die Arbeit der Restauratoren weltweit geprägt, betont Bandini nicht ohne Stolz. Wenigstens in diesem Bereich ist Italien führend, murmelt die Kollegin neben ihr. Sie sitzt an einem Tischchen vor einem Haufen brauner Keramikscherben Es ist wie ein dreidimensionales Puzzle. Ein sehr anspruchsvolles Puzzle, da die Vase nicht dekoriert war ... lauter braune Keramikstücke, die in meinen Fingern fast zerbröckeln ... . Aber mir gefällt diese Arbeit. Mitzuerleben, wie die Vase Stück für Stück Form annimmt - das ist einfach toll. Leider fehlen viele Scherben. Ich werde die Vase also nie ganz rekonstruieren können. Aber auch so wird sie wunderschön sein ... Aber - ist tatsächlich jeder Gegenstand diese Mühe wert? Für Giovanna Bandini ein ketzerischer Gedanke. Es muss es uns immer wert sein! Es ist es immer wert! Klar, wir wenden nicht für alle Gegenstände gleich viel Zeit auf. Wenn von einer Vase bereits ähnliche Exemplare erhalten sind, verzichten wir vielleicht darauf, sie sofort zu rekonstruieren und lagern sie erst einmal im Depot ein. Aber ganz ohne Behandlung kommt kein Fundstück ins Depot. Jeder Gegenstand hat Anrecht auf erste Hilfe! Allerdings, sagt Giovanna Bandini seufzend, stosse das Labor immer mehr an seine Grenzen. Das Budget wird von Jahr zu Jahr kleiner, die Lager werden immer voller und die Statuen, Sarkophage und Vasen warten immer länger auf ihre Restaurierung. Es ist leider so, dass sich der Zustand vieler Objekte von Woche zu Woche verschlechtert. Auch die Statuen da draussen, unter freiem Himmel - wir müssten sie längst konservieren, denn die Abgase und der saure Regen setzen ihnen zu. Wir tun, was wir können, aber es genügt nicht ... . Wir kommen einfach nicht mehr nach. Das tut weh ? Denn wir lieben sie, diese antiken Schätze ... . ! Sagts, und verabschiedet sich. Die Arbeit ruft. An der Tür, die hinter Giovanna Bandini zuschlägt, hängt eine Karikatur: Zwei Personen unterhalten sich. "Die Hälfte des weltweiten Kulturerbes befindet sich in Italien", sagt die Eine. Antwortet die Andere: "Dann ist die andere Hälfte also in Sicherheit". Mod 3: 100 Tage im Jahr kämpften die Gladiatoren in der Arena des Kolosseums um Leben und Tod, wurden wilde Tiere auf Menschen gehetzt und Sklaven vor Publikum hingerichtet - grausame Volksunterhaltung der Kaiserzeit. 2000 Jahre später ziehen Risse durch die Mauern des antiken Amphitheaters, auch hier fehlt das Geld für die dringenden Restaurationsarbeiten. Doch auch wenn die Steine bröckeln, tut das der Beliebtheit der Stätte keinen Abbruch. Und zur Kulisse reicht das Kolosseum noch allemal, was unzählige Antikenfilme seit "Ben Hur" beweisen. Atmo: Der letzte Kassenschlager in dieser Reihe war der Oscarprämierte Monumentalfilm: "The Gladiator", seitdem erfährt eine Schule in Rom enormen Zuspruch: Die "Scuola dei Gladiatori." Hier werden Männerträume war, vor allem amerikanische. Doch so mal husch, husch auf die schnelle zwischen Piazza Navona und Petersdom wird man nicht zum Gladiator, mahnt der Präsident der Schule, der sich am Telefon nur mit Nero meldet. Ein Gladiator - so der Namensvetter des unglücksseligen Kaisers - ein Gladiator, muss eine mehrjährige Ausbildung durchlaufen, da reicht es nicht im Urlaub kurz ein Schwert zu schwingen. Deshalb treffen sich die Anwärter jeden Montag und Mittwoch an der legendären Via Appia -wo sonst - zum Gladiatorentraining, nur bei Regen sind die Jungs dann plötzlich nicht mehr ganz so hart: REP 3: Die Gladiatorenschule- oder wie aus jungen Römern harte Kerlen werden Vier Männer in Trainingsanzügen stehen in einer Reihe. In der einen Hand ein Holzschwert, in der anderen einen rechteckigen Schild. Einer nach dem Anderen grüsst den Lehrer. Man spricht Latein. Das Training beginnt immer mit denselben Exerzitien. Schritt nach vorne, Schwert runter. Schritt zurück, Schwert zur Seite. Alles unter freiem Himmel, auf einem Areal, das an einen Abenteuer-Spielplatz erinnert: ein Sandplatz, umgeben von Bretterverschlägen und einer Tribüne. Nur heute ist es selbst für hartgesottene Gladiatoren zu kalt. Ein Clubhaus ersetzt die Arena. Auf die Hiebtechniken folgt der Zweikampf, den die zwei Fortgeschrittenen mit Stahlklingen ausfechten. Sie schenken sich nichts, werfen sich aufeinander und wälzen sich am Boden. Filmreif sieht das aus. Dass jede Bewegung abgesprochen ist, kann der Laie nicht erkennen. Wir haben drei Jahre Ausbildung hinter uns, aber bis zum Abschluss sind es wohl noch mals drei Jahre, sagt Fiore. Fiore ? das heisst Blume. Ein eigenartiger Name ? wohl kaum sein Gladiatorenname ... Nein, nein, "Blume" ist mein echter Name ? merkwürdig, ja, aber schon mein Opa hiess so. Als Gladiator habe ich mir den Namen Kratos ausgewählt, der Starke ... . Das passt doch besser zu mir! Kratos alias Fiore Mirarchi trinkt einen Schluck Wasser aus einer Plastikflasche. Er wirkt erschöpft. Der leicht untersetzte Mann mit den freundlichen braunen Augen ist Hausmeister in einem Luxushotel. Sein Arbeitstag war lang. Doch wenn der Mittvierziger von seiner Leidenschaft für die Antike spricht, strahlt er über das Ganze Gesicht. Ich war schon als Schüler einer der wenigen, der immer der Lehrerin an den Lippen hing und alles über die Römer wissen wollte ? über ihre Kämpfe, ihre Architektur, ihren Alltag. Ich weiss nicht, woher das kommt. Ich bin Römer, klar. Aber meine Freunde auch, und die interessieren sich keine Spur für die Antike. Mich berührt es, wenn ich mich an das Kolosseum lehne und mir vergegenwärtige, dass sich an genau diese Mauer vielleicht schon Nero gelehnt hat. Heute lehnen an der Mauer des Kolosseum Gladiatoren in voller Rüstung und lassen sich ? gegen Entgelt - mit Touristen ablichten. Fiore bleibt freundlich, doch seinem Blick ist abzulesen, dass er von diesen Römern nicht viel hält. Das sind keine Gladiatoren, wir nennen sie "Plasticoni" ... . weil ihre Rüstung aus billigem Plastik ist. Das sind Leute, die auf diese Weise Geld verdienen wollen. Wirklich interessiert sind sie nicht. Nein, mit uns haben die nichts zu tun. Der Gladiator hält seine Faust in die Höhe, die in einem ledernen Handschutz steckt. Alles Handarbeit, den alten Modellen nachempfunden, betont er. Alles, was wir machen, basiert auf historischen Quellen. Wir lesen alte Texte, schauen uns Dokumentarfilme an .... und stellen dann die Kleidung her, die Schilde, die Waffen ... Wir erfinden nichts. Das wäre ja absurd. Dann wäre es ja nicht unsere Geschichte! Genau, stimmt ihm sein Gladiatoren-Kollege Arceste zu, und ergänzt mit ernster Miene: Bei uns bleibt nichts dem Zufall überlassen: Wir fluchen sogar korrekt ? auf Lateinisch. Es ist belegt, dass sich die Gladiatoren viel beschimpften ? auch, um den Kampf fürs Publikum spannender zu machen. Gut, uns passiert in der Hitze des Gefechts vielleicht mal ein Deklinationsfehler ... aber das kam früher wohl auch vor. Literatur: MOD: Goethe, Herder, Humboldt. Keats, Petrarca - alle waren sie im Bann der ewigen Stadt. Und auch im letzten Jahrhundert waren viele Bildungsreisende und Kunstschaffende ihrem Charme erlegen. Federico Fellini kam als 18-Jähriger nach Rom, wo er bis zu seinem Tod lebte und drehte. Dabei faszinierte ihn nicht nur die Antike, sondern, mit welcher Grandezza sich Rom über Jahrhunderte immer wieder neu erfand. "Die Intellektuellen, die Künstler, die immer in Reibung leben zwischen zwei Dimensionen ? zwischen Wirklichkeit und Vorstellung - , finden hier den richtigen und befreienden Anstoss für ihre geistige Arbeit, abgesichert durch eine Nabelschnur, die sie in der Realität verankert. Rom ist also eine Mutter, sogar die ideale Mutter, denn Rom ist gleichgültig: eine Mutter, die zu viele Kinder hat, als dass sie sich mit dir abgeben könnte. Sie verlangt also nichts von dir und erwartet sich nichts. Die Stadt nimmt dich auf, wenn du kommst, und wenn du gehst, lässt sie dich ziehen wie das Gericht bei Kafka. Darin liegt eine uralte Weisheit, die beinahe afrikanisch, prähistorisch ist. Wir wissen, dass Rom eine geschichtsträchtige Stadt ist, aber ihre Anziehungskraft liegt gerade in diesem prähistorischen, urhaften Zug, der in gewissen grenzenlosen und trostlosen Aspekten deutlich zum Vorschein kommt: in Ruinen, die aussehen wie beinerne Fossilien, wie gebleichte Mammutskelette." Mod 4: Als hätte Rom nicht genug zu bieten, plant Bürgermeister Gianni Alemanno jetzt auch noch einen Antikenpark im Stil der Disneyparks vor den Toren der Stadt. Mit diesem neuen Vermarktungskonzept der Regierung Berlusconi soll das Kulturgut aufgewertet werden, die wertvollen Kulturschätze werden jedoch weiter ihrem Schicksal überlassen. Atmo: Vor einem Jahr hat Silvio Berlusconi die "Generaldirektion zur Aufwertung des kulturellen Guts" gegründet und an ihre Spitze hat der italienische Ministerpräsident Mario Resca gesetzt, einen Manager der Fastfoodkette McDonalds. Vom Cheeseburger zum Kolosseum - Archäologen und Kunsthistoriker sind über die Besetzung des Postens nach wie vor entsetzt. Allerdings müssen auch sie zugeben, dass ihre Stadt ein neues Konzept braucht, eine bessere Vermarktung ihres kulturellen Erbes. Das weiß auch die Direktorin der Diokletianstherme. In der größten Therme des alten Roms ist ein Teil des Nationalmuseums untergebracht. In die hochkarätige Sammlung von Sarkophagen und Grabstätten kamen im letzten Jahr gerade einmal 50 000 Besucher, ja nicht einmal die Römer wissen von einem ihrer wichtigsten Museen REP 4: Kunstschätze allein zu Haus - das Menschenleere Museum Termini Neun Uhr vormittags an der Piazza del Cinquecento, dem Bahnhofsplatz von Rom. Dichter Verkehr, übellaunige Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Kaum jemand ist ansprechbar. In den meisten Ohren stecken Kopfhörer. Entschuldigung ? wo sind die Diokletians-Thermen? Keine Ahnung, sagt dieser junge Mann und zieht hastigen Schrittes weiter. Der nächste Passant kennt das Museum, doch besucht hat er es noch nie. Begleitet von einem Achselzucken sagt er: Man kann in Rom sowieso nie alles sehen. Dazu bräuchte man viel mehr Freizeit! Wer sich die Zeit nimmt, gelangt durch einen barocken Garten in den Hauptraum des Museums: in die antike Thermen-Halle. Die Halle ist so hoch wie eine Basilika, ihre geschwungene Decke atemberaubend schön. Wo sich früher die Badegäste räkelten, stehen heute Statuen, Sarkophage und Schaukästen. Nur eine Handvoll Touristen schlendert durch die Halle. Eine kleine, etwas rundliche Frau mit schwarzen, toupierten Haaren lässt ihren Blick ratlos durch den Raum schweifen. Sie trägt ein schwarzes Deux-Pièce und könnte in einem italienischen Film der 50er-Jahre die Rolle der Mamma verkörpern. Doch sie ist Archäologin, Spezialistin für Inschriften und ? seit einem Jahr - die Direktorin dieses Museums: Rosanna Friggeri. Es ist ziemlich frustrierend. Wir müssen alles daran setzen, bekannter zu werden. Denn das ist meiner Meinung nach das Hauptproblem: Man kennt das Museum zu wenig! Diese Thermenhalle ist von aussen kaum sichtbar, weil sie von einer Baumreihe verdeckt wird. Ich bin überzeugt: Wer es bis in die Halle geschafft hat, der kann gar nicht anders, als begeistert sein. Rosanna Friggeri strahlt, als hätte sie die Thermen-Halle zum ersten Mal betreten. Die Halle sei nur eine von ursprünglich 12 Aulen, betont sie. Das mache die Dimensionen dieser grössten Thermen-Anlage des antiken Rom erst deutlich. Rosanna Friggeri geht ein paar Schritte durch die leere Halle und bleibt vor einem großen, kubischen Steinblock stehen. Unser Prunkstück, sagt die Museumsdirektorin, bückt sich und verschwindet durch eine enge, niedrige Öffnung ins Innere des Steinblocks. Wir stehen mitten in einem wundervollen antiken Familiengrab. In diesen Nischen standen früher die Urnen. Und hier, an der Wand rechts vom Eingang, sehen sie ein wunderbares römisches Fresco: Es ist eine Darstellung des Paradieses: Ballspielende Kinder, plaudernde Erwachsene. Der eine Junge da ist eigenartig groß ausgefallen - der Künstler war etwas ungelenk. Typische Volkskunst war das. Diese Abbildung zählt heute weltweit zu den berühmtesten antiken Fresken dieser Art! Zurück in der Halle blickt Rosanna Friggeri suchend um sich. Sie erwartet wichtigen Besuch: Professor Francesco Antinucci, eine Koryphäe in Sachen Museumskommunikation. Denn bei aller Begeisterung für ihr Museum, gibt sich Rosanna Friggeri auch selbstkritisch. Vielleicht müssen wir unsere Sammlung anders präsentieren, meint sie ? und fügt an: Wahrscheinlich können wir Archäologen vom ehemaligen McDonalds-Vermarkter Mario Resca tatsächlich etwas lernen. Doch Friggeri wartet nicht auf allfällige Tipps aus dem Ministerium. Sie hat kurz nach ihrem Amtsantritt den Museumsspezialisten Antinucci zur Hilfe geholt. Auftrag: Beobachten und befragen Sie die Museumsbesucher und finden Sie heraus, was wir besser machen müssen. Heute ist der Tag der Wahrheit: Der berühmte Professor präsentiert an einer Konferenz im Museum seine Studienergebnisse. Und die sind vernichtend. Eine seiner Thesen: Die Hälfte der Objekte im Museum sind überflüssig; der zweite Stock wird praktisch gar nicht besucht. Rosanna Friggeri sitzt in der ersten Reihe und hört tapfer zu. Francesco Antinucci projiziert Kurven und Kuchendiagramme an die Wand und schliesst mit der Erkenntnis: Das Museum gefällt zwar. Aber es ist viel zu anstrengend. Und das, so Antinucci, hat auch mit dem Thema zu tun. Die Antike ist schwierig zu verstehen, weil sie sehr weit zurückliegt. Nehmen wir das Beispiel der Inschriften, auf die dieses Museum spezialisiert ist. Viele Inschriften sind Gesetzestexte und betreffen die Wirtschaft. Wer nicht weiss, wie die Wirtschaft der alten Römer funktioniert hat, der kann diese Inschriften beim besten Willen nicht verstehen. Hier braucht es also dringend eine Erklärung, wobei dazu natürlich nicht drei Sätze auf einer Tafel reichen. Angebrachter wäre ein Film. Wie die Vermittlung der Antike in der Gegenwart aussehen könnte, lässt sich in einem abgedunkelten Raum des Museums bereits heute erahnen: Dort können die Museumsbesucher virtuell auf der antiken Via Flaminia spazieren. Die Computeranimation führt zurück ins 1.Jahrhundert nach Christus. Ob das reicht, um das Interesse der Touristen und Römerinnen für die Antike zu wecken, wird sich zeigen. Rosanna Friggeri jedenfalls ist voller Tatendrang. Sie wolle alles daran setzen, in ihrem Museum die Vermittlung zu verbessern. Wenn es mir gelingen würde, mehr Menschen in diese Halle zu locken, das würde mich sehr glücklich machen. Mod 5: Rom stand aus Trümmern, Feuerbrünsten und Fluten immer wieder auf, erfand sich neu aus den Trümmern seiner Vergangenheit. Die jetzige Stadt hat ganze Epochen unter sich begraben, aber auch viele Relikte der Antike an der Oberfläche bewahrt, auch deshalb weht ein Hauch von Ewigkeit durch alle Gassen und Straßen. Atmo: Doch bei aller Ewigkeit wollen die Römer auch in der Gegenwart leben, und das ist im Angesicht der Antike nicht immer leicht, wenn schon das Verlegen eines Kabels zur Staataufgabe werden kann. Wo immer in Rom ein Loch gegraben wird, stoßen die Archäologen auf neue Sensationen: Thermalanlagen, Tempelfragmente oder Wohnhäuser aus der Kaiserzeit. Dringend bräuchte die Stadt mehrere U-Bahnlinien, um der Luftverschmutzung Herr zu werden, aber schon nach wenigen Spatenstichen stößt man auf neue Relikte des alten Roms ? und schon rücken die Archäologen zur nächsten Grabung an. Sie haben verhindert, dass die Stadt ein U-Bahnnetz bekommt, nach nur zwei kümmerlichen Linien warf man die Schippe im wahrsten Sinne des Wortes hin. So viel steht fest: ein Archäologe kommt in Rom besser voran als ein Architekt. Denn nach wie vor muss jeder, der in der ewigen Stadt bauen will an der mächtigen Denkmalbehörde vorbei. Und dort steht dann neues Bauen gegen altes Erbe: REP 5: Zwischen Bauen und Bewahren- ein Denkmalschützer und ein Architekt zusammen in der ewigen Stadt Besichtigung einer Baustelle in Casal Bertone, einem Quartier im Norden von Rom. Mietshäuser aus der Nachkriegszeit, wenig Grün. Zwei Männer stehen vor einer Baugrube ? und vor einem Problem. Wir rechneten schon damit, auf etwas zu stossen. Aber wir gingen von einem römischen Mauerfragment aus. Jetzt aber haben wir da eine antike Zisterne gefunden. Das war absolut unvorhersehbar! Stefano Musco ist nicht zu beneiden. Der Archäologe - Schnurrbart, Manchesterkittel und Jeans ? muss eine schwierige Entscheidung treffen. Was tun, wenn dort, wo ein Parkhaus entstehen soll, eine Zisterne aus dem 2.Jahrhundert vor Christus ans Tageslicht kommt? Ein antiker Wassertank, so groß wie ein Schwimmbad, mit einem komplett intakten Mauerwerk ... . Neben Stefano Musco steht ein Mann im Anzug: Claudio Ciani ist Ingenieur und für das Bauprojekt verantwortlich. Wenn diese riesige Zisterne, die immerhin 1000 Quadratmeter umfasst, erhalten werden muss, dann können wir das Parkhaus und das Einkaufszentrum und die Piazza, die drüber geplant sind, nicht bauen. Denn diese römischen Mauern stehen wirklich mittendrin. Die beiden Männer haben bereits mehrmals über Auswege aus dem Schlamassel diskutiert. Dabei hat der Denkmalpfleger Musco Glück: Ingenieur Ciani arbeitet seit 30 Jahren in Rom und hat in diesen Jahren ein gewisses Verständnis für die Denkmalpflege entwickelt. Dem Archäologen Stefano Musco steht die Last der Verantwortung trotzdem ins Gesicht geschrieben. Es ist schwierig, in solchen Fällen zu entscheiden. Im Grunde gibt es drei Möglichkeiten. Erste Variante: Die Zisterne wird wieder zugedeckt und im Untergrund erhalten, was bedeuten würde, dass wir dieses Bauprojekt radikal stoppen. Zweite Möglichkeit: Das Parkhaus kann gebaut werden, aber nur, wenn die Zisterne in den Bau integriert wird. Das würde bedeuten: weniger Parkplätze, dafür eine Art Museums-Ecke. Dritte Möglichkeit: Wir beschliessen, die Zisterne aufwendig zu dokumentieren, zu zerlegen ? und woanders wieder aufzubauen. So oder so: Beide Seiten müssen Kompromisse eingehen. Ich will nicht schönreden: Zwischen Archäologen und Bauherren herrscht ein andauernder Interessenkonflikt. Die Zisterne zu zerstören, nein, diese Variante stehe nicht zur Diskussion, sagt Stefano Musco, der sich über die Frage zu amüsieren scheint. Das hätte man zur Zeit der Renaissance so gemacht, meint er, als Päpste und Noble auf dem Forum Romanum ungehemmt Marmorsäulen niederrissen und damit Kirchen und Paläste bauten. Von der Baustelle geht's im Auto ins Büro von Stefano Musco, von der Peripherie ins Zentrum von Rom. Stefano Musco breitet eine große Karte aus: weisser Untergrund, darauf rote, gelbe und blaue Flecken. Die archäologische Karte von Rom, erklärt Musco fast schon feierlich. Und präzisiert: Eines von 35 Blättern der archäologischen Karte von Rom ? für Stefano Musco eine wichtige Arbeitshilfe. Rot dominiert eindeutig auf dieser Karte. Rot steht für die Antike, gelb steht fürs Mittelalter, blau für die Zeit ab der Renaissance. An den meisten Orten, wo solche bunten Punkte kleben, wurde noch nie gegraben. Wir wissen aber aus alten Texten, dass dort archäologische Relikte lagern müssen. Leider ist diese Karte schon über 20 Jahre alt und somit veraltet - sie muss dringend ergänzt werden mit all jenen Relikten, die inzwischen überraschend aufgetaucht sind. Auch die antike Zisterne, die auf der Baustelle im Norden von Rom zum Vorschein kam, wird auf der neuen Karte eingezeichnet. Jeder, der in Rom den Boden aufbricht, könnte auf antike Schätze stossen und diese zerstören. Darum sind wir sehr strikt. Auch wer nur eine Gas-, Wasser- oder Telefonleitung verlegen will, braucht dazu von uns eine Bewilligung. Auf Stefano Muscos Bürotisch stapeln sich die Akten. Die Denkmalschutzbehörde von Rom begutachtet jedes Jahr Tausende Baugesuche. Stefano Musco wirkt nicht, als ob er sich die Entscheidungen leicht machen würde. Gewissenhaft nimmt er jeden Anruf entgegen, obwohl es schon spät ist. Wir prüfen also, wo genau gebaut werden soll und suchen diesen Ort auf der archäologischen Karte. Ist der Ort weiss, also nicht mit einem roten, gelben oder blauen Symbol gekennzeichnet, bewilligen wir das Baugesuch sofort. Komplizierter wird es, wenn der Ort mit einem farbigen Symbol übereinstimmt ? wenn zum Beispiel jemand ein Schwimmbad in der Nähe einer Stelle bauen will, wo wir im Untergrund eine römische Strasse vermuten. Dann verordnen wir eine archäologische Testgrabung, die der Antragsteller selber bezahlen muss. Kommt bei dieser Grabung nichts zum Vorschein, darf er sein Schwimmbad bauen. Stossen wir aber tatsächlich auf eine römische Strasse, müssen wir das Baugesuch ablehnen. Der Antragsteller hätte in diesem Fall doppeltes Pech. Er müsste nicht nur auf das Schwimmbad verzichten, sondern auch noch für die Testgrabung circa 10'000 Euro ausgeben. Auch deshalb gibt es Stimmen, die diesen Aufwand für übertrieben halten. Stefano Musco ist entwaffnend offen. Ehrlich gesagt - auch mir kommen manchmal Zweifel. Natürlich ist der Schutz des archäologischen Erbes überaus wichtig; aber er darf nicht jede Entwicklung hemmen. Unsere Arbeit setzt viel Augenmass voraus. Es gibt bis jetzt keinen Kriterienkatalog, der uns bei diesen heiklen Entscheidungen helfen würde. Wir Archäologen müssen uns in Zukunft vermehrt mit der schwierigen Frage auseinandersetzen: Was ist wirklich erhaltenswert? Was wollen wir schützen? Und wie wollen wir es schützen? Stefano Musco zündet sich eine Zigarette an und denkt kurz nach. Nehmen wir an, in einem Gebiet mit schlechter medizinischer Versorgung soll ein Krankenhaus gebaut werden. Und nehmen wir an, wir fänden an genau dieser Stelle eine römische Villa. Wie würde ich entscheiden? Ich würde sicher als Erstes abklären, ob man das Krankenhaus um 100 Meter verschieben kann. Aber wenn das nicht möglich wäre ... . Ich denke, ich würde wohl die Bagger auffahren und die römische Villa zerstören lassen - im Interesse der Öffentlichkeit. Denn was nützt eine römische Villa jemandem, der einen Herzinfarkt hat! Und schliesslich, würde ich mir sagen: die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass 2 Kilometer weiter eine ähnliche römische Villa im Untergrund liegt ... Auch im Fall der Zisterne, die auf der Baustelle im Norden von Rom aufgetaucht ist, sieht Stefano Musco das öffentliche Interesse im Spiel. Was ist wichtiger: Eine römische Zisterne ? oder ein Parkhaus, über dem ein neuer Platz mit Bäumen entstehen soll? Stefano Musco wird sich in den nächsten Wochen entscheiden müssen ? für das Erbe der Vergangenheit oder das Leben in der Gegenwart. Abmod auf Musik: Gesichter Europas: Teures Vermächtnis auf sieben Hügeln ? Rom und das Erbe der Antike. Eine Sendung von Nadja Fischer. Die Musikauswahl traf Babette Michel. Durch die Sendung begleitete Sie Britta Fecke. Urheberrechtlicher Hinweis Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. 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