DEUTSCHLANDFUNK Redaktion Hintergrund Kultur / Hörspiel Redaktion: Ulrike Bajohr Curt-Meyer-Clason. Portugiesische Tagebücher Bearbeitung: Leonhard Koppelmann Regie: Robert Steudtner & Leonhard Koppelmann Produktion: Headroom Infotainment Sprecher: Hartmut Stanke, Walter Gontermann; Ernst August Schepmann, Matthias Haase, Oliver Krietsch-Matzura, Caroline Schreiber, Robert Steudtner, Jochen Kollenda; Luzie Kurth URHEBERRECHTLICHER HINWEIS Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. ? DeutschlandRadio Sendung: 7. Januar 2011 Pretitle 1 MEYER-CLASON liest "Denken und Tun, Tun und Denken, 2 das ist die Summe aller Weisheit, 3 von jeher anerkannt, von jeher geübt, 4 nicht eingesehen von einem jeden. 5 Beides muss wie Aus- und Einatmen 6 sich im Leben ewig fort 7 hin und wider bewegen; 8 wie Frage und Antwort sollte eins 9 ohne das andere nicht stattfinden" 10 (Johann Wolfgang von Goethe) Musik: José Afonso "Grandola vila Morena" Titel 11 ANSAGE Curt Meyer-Classon 12 Portugiesische Tagebücher I 13 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen 1969 Ein Umschlag wird mit einem Brieföffner geöffnet, der Brief entnommen - 14 MEYER-CLASON liest "Wie Ihnen bekannt ist, muss vor Ihrer Entsendung der Personalgutachterausschuß für die Institute im Ausland gehört werden ... 15 STIMME 1 ... der Personalgutachterausschuß für die Institute im Ausland gehört werden, dem neben den leitenden Persönlichkeiten der Zentralverwaltung, Vertreter des Auswärtigen Amtes, des Bayerischen Kultusministeriums, der Universität München und andere Repräsentanten des geistigen und kulturellen Lebens angehören." (Goethe-Institut e.V., München, 16. Juni 1969) 16 MEYER-CLASON erz. Die Sitzung, richtiger: die beiden Sitzungen, mit je sieben Prüfern in zwei verschiedenen Räumen, beginnen: hil?ose Förmlichkeit linkischer Norden, Atmosphäre eines Diplomatenempfangs von der Stange, Gemurmel, Lächeln, Unverbindlichkeiten. 17 STIMME 2 Die Zweigstelle Lissabon war bis jetzt vorwiegend eine Sprachabteilung. Sie sollen den Dialog mit dem Lande beginnen. Wie stellen Sie sich Ihre Kulturarbeit vor? 18 MEYER-CLASON Das kann ich Ihnen sagen, wenn ich drei Monate dort bin. Stille. Räuspern. 19 MEYER-CLASON erz. Da fällt mir die Antwort ein, die ich besser gegeben hätte: Schwierig. Und die Gründe dafür: Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland unterstützt die Diktatur Portugal, mit der sie in der NATO verbündet ist, im Kampf um die Besitzwahrung ihrer als "Überseeprovinzen" getarnten Kolonien. Literatur und Kunst verherrlichen aber nicht das Bestehende, sie stellen es um des Künftigen willen in Frage. Das offizielle Portugal lebt ängstlich rückwärts. Will ich also die fortschrittlichen Kräfte beider Länder in einem Dialog zusammenbringen - und ohne dies gibt es keine schöpferische Kulturarbeit - muss ich eigene, womöglich gefährliche Wege gehen. 20 STIMME 2 Die Prüfung ist beendet. Wir werden von uns hören lassen. O-TON O-TON Deutscher Fernsehton: Portugiesische Verhältnisse 1969 II 21 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen 18. September 1969 - Ich komme an. Musik - 22 MEYER-CLASON erz. Im Grunde weiß ich wenig von Portugal, wenig von seiner Geschichte. Ich kenne einige Schriftsteller, habe einige Bücher übersetzt, das Land einmal besucht. Dafür spreche und schreibe ich die Sprache des Landes, richtiger: die Sprache von Portugals größter Entdeckung, Brasilien, dieses vokalhelle, springende, singende, von Schwarzafrika und Japan bereicherte Idiom, das die herbe rhetorische Syntax des geschlossenen, verschlossenen Portugiesisch aufgelockert hat. 23 Ein brasilianischer Spötter hat einmal gemeint, das Portugiesische, das im sechzehnten Jahrhundert angeblich so geklungen hat wie das Brasilianische noch heute, sei zu einer Geheimsprache von Geschäftsleuten, von Lebensmittelhändlern geschrumpft, seit bald fünfzig Jahren dann zur Klischeesprache von Faschisten geronnen, die von ihrer undurchdringlichen Fassade wegsprechen, damit niemand wage, sie in ein vertrauliches Gespräch zu ziehen. O-TON 24 STIMME 7 Christiane Meyer-Classon erinnert sich an ihre Ankunft in Lissabon vor 40 Jahren. O-TON CMC 1 Ja, dann kam mein Mann ja zu diesem Posten in Lissabon ... II (ff.) 25 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen Avenida da Liberdade, 222 26 MEYER-CLASON erz. Das ist ein dreistöckiges, an der Hauptstraße gelegenes Etagenhaus des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts auf halbem Wege zwischen dem Platz des Marquis von Pombal und dem Rossio. Trotz seiner privilegierten Lage an der Ecke der Rua Santa Marta könnte man jahrelang daran vorübergehen, ohne neben der Tür ein grünspangeflecktes Messingschild zu entdecken: 27 MEYER-CLASON liest "DEUTSCHES INSTITUT - INSTITUTO ALEMÃO" O-TON O-TON JB 5 Ich habe ihn kennengelernt, wie gesagt, als ich frisch aus Hamburg in Lissabon war, an der Uni schon hier und lehrte deutsche Literatur ... 28 STIMME 5 darin João Barrento, ein berühmter Übersetzer deutscher Literatur in Portugal, emeritierter Professor der Germanistik und der Komparatistik an der neuen Universität Lissabon, war Wegbegleiter Meyer-Clasons vom ersten Moment an. V 29 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen Wo bin ich? 30 MEYER-CLASON liest Portugal, Republik im Westen der Iberischen Halbinsel; 91.641 Quadratkilometer, 9,5 Millionen Einwohner, katholisch, Hauptstadt Lissabon ... 31 STIMME 5 Ziegen- und Schafzucht; Weizen-, Mais-, Kartoffelanbau, Korkeichen-, Kastanienhaine; Macchien, an der Küste und in den Flußtälern Weinbau, Oliven- und Eukalyptushaine, teilweise Reisanbau. 32 STIMME 6 1953 erste staatliche Entwicklungsmaßnahmen für die Industrialisierung des Landes - 33 MEYER-CLASON int. - im Grunde ein institutionell garantiertes Netzwerk für das Wohlergehen einflußreicher Sippen. 34 STIMME 4 Pro-Kopf-Einkommen 1967: 1.440 DM (Spanien 2.050 DM, Griechenland 2.080 DM, Italien 3.400 DM). Alle Arbeiter sind automatisch Mitglieder der staatlichen Korporationen - 35 MEYER-CLASON int. - Gewerkschaften und Streikrecht gibt es nicht. 36 STIMME 5 3 Prozent aller Grundbesitzer verfügen über 61,3 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche; von 800.000 Landarbeitern besitzen 700.000 weniger als fünf Hektar Land. 37 MEYER-CLASON int. Analphabetenquote dort: 75 Prozent. 38 STIMME 4 Nur 0,8 Prozent der Landbevölkerung haben die mittlere oder höhere Schulbildung. 39 MEYER-CLASON liest weiter Landarbeiter, die in der Hoffnung auf höhere Löhne nach Lissabon ziehen, enden häufig in Elendsquartieren. 40 In einem Jahrzehnt sind 10 Prozent der Landesbevölkerung ausgewandert; ihre Jahressparüberweisungen von etwa 1,2 Milliarden DM tragen maßgeblich zum Ausgleich der Zahlungsbilanz bei; 1964 betrugen sie 20 Prozent, 1968 waren es bereits 67 Prozent des Exportwerts ... klappt das Buch zu ... O-TON O-TON JB 1 Und man hat das Gefühl, das wir, wie allerdings auch andere in Deutschland gesagt haben, in bleiernen Zeiten lebten ... 41 STIMME 7 darüber João Barrento VI 42 MEYER-CLASON liest "Paragraph 2: Der Mitarbeiter wird sich während der Vertragsdauer jeder, auch politischer Tätigkeit enthalten, die den wohlverstandenen deutschen Interessen, auch im Sinne des Goethe-Instituts, zuwiderlaufen könnte. Desgleichen wird er dafür Sorge tragen, dass seine Familienangehörigen sich entsprechend verhalten." 43 MEYER-CLASON erz. So lese ich heute in meinem am 11. August ungelesen unterschriebenen Dienstvertrag. 44 MEYER-CLASON int. Sibyllinische Klausel! Was sind die "wohlverstandenen deutschen Interessen"? Die wirtschaftlichen Interessen der Bundesregierung in Portugal, und somit die Interessen des Goethe-Instituts, das sich dem politischen Vetorecht der diplomatischen Vertretung unterzuordnen hat? O-TON O-TON NT7 Scheindemonstration + Kampflied 45 STIMME 5 darüber Um der wachsenden ausländischen Kritik an der portugiesischen Kolonialpolitik zu begegnen, organisiert das Regime Scheindemonstrationen vor den Botschaften. 46 Die Rede eines schwarzen Studenten aus der Kolonie Guinea-Bissau. 47 STIMME 7 darüber Und immer wieder ertönt der Kampfgesang: Angola é nossa! Angola gehört uns! VI (ff.) 48 MEYER-CLASON erz. Castro Soromenho schrieb in seinem Roman DIE WUNDE: 49 STIMME 6 Das Wunder der Zivilisation beruht in der großen Lehre der Jesuiten, den drei 'P': Pau, Pão e Pano, zu deutsch: den drei 'St': Stock, Stulle, Stoff 50 MEYER-CLASON erz. Bonifácio Pereira, Imperialist sagt: 51 STIMME 1 Angola ist Portugal: Das Vaterland ist ein einziges! 52 MEYER-CLASON erz. Gabriel Araújo, Antifaschist hält dagegen: 53 STIMME 7 Das ist ein Propagandamärchen. Hier ist das Land der Neger. Dort, in Europa, ist das Vaterland, Portugal. Der Kolonialismus hat den Neger entwürdigt. Der Faschismus tut das gleiche mit Portugal. Der faschistische Kolonialismus hat den Abgrund zwischen dem Weißen und dem Schwarzen nur vertieft. 54 MEYER-CLASON erz. Und schließlich schreibt Alvaro Lins, brasilianischer Schriftsteller und ehemaliger Botschafter in Lissabon in seinem MISSION IN PORTUGAL: 55 STIMME 2 Rassenabsonderung, -trennung und -diskriminierung - das ist die portugiesische Wirklichkeit in Angola und Moçambique. In gewisser Hinsicht ist die Lage der Neger dort noch schlimmer als die der Neger in der Südafrikanischen Union, welche die denkbar schlechteste ist. Merkantilistische Politik mit maßlosen Gewinnspannen, unmenschlich in der Ausbeutung der großen schwarzen Bevölkerung durch eine weiße Minderheit, veralteter Regierungsstil des brutalsten, grausamsten Polizeistaats. Dazu zahllose Schmutzgeschäfte, Diebstahl, Raubbau der Bodenschätze wie im Fall der Diamantengesellschaft von Angola oder bei den Operationen der Überseebank. O-TON O-TON NT3 Marcello Caetano über die Überseeprovinzen ... 56 STIMME 4 darüber Marcello Caetano, der Ministerpräsident: 57 STIMME 7 Wir sind ein plurikontinentales und polirassisches Land mit einem einzigen Geist, einer einzigen Regierung, einer einzigen Fahne. 58 STIMME 5 Im staatlichen Rundfunk hatte Portugals greiser Präsident Américo Tomás 1968 die Staatsmacht offiziell von Salazar auf Marcello Caetano übertragen. O-TON NT 1 Américo Tomás 59 STIMME 2 darüber Zu unser aller großem Bedauern macht Dr. Oliviera Salazars schwere Erkrankung alle Hoffnung vergebens, dass unser Ministerpräsident jemals wieder sein Amt ausfüllen kann. (VII) VIII 60 STIMME 5 Dr. Oliveira Salazar, Ministerpräsident vom 5. Juli 1932 bis 27. September 1968, 36 Jahre und 84 Tage, zur Zensur in seinem Land: 61 STIMME 1 Die Lügen und Fiktionen und wiewohl ungerechtfertigten Ängste schaffen schließlich Geisteszustände, die politische Wirklichkeit sind. 62 MEYER-CLASON erz. ... und ... 63 STIMME 1 Was in der Politik scheint, ist. 64 MEYER-CLASON erz. ... und ... 65 STIMME 1 Politisch gesehen existiert nur das, von dem das Publikum weiß, dass es existiert. 66 MEYER-CLASON erz. Professor Marcello Caetano, im Juli 1969: 67 STIMME 7 Es ist kein Gesetz zur Abschaffung der Zensur geplant. Nach dreiundvierzig Jahren haben die portugiesische Bevölkerung und die seither geborenen Generationen von Journalisten sich an das Regime der Zensur gewöhnt. Die plötzliche Abschaffung der Zensur würde das Publikum und die Presseleute nur verwirren. 68 MEYER-CLASON erz. Manuel Alegre im Pariser Exil, 1969: 69 STIMME 6 SEHNSUCHT VATERLAND ZU SEIN 70 Ich weiß nicht ob die Steine gehen. 71 Aber mein Land ist Stein und 72 geht. Bewegt sich fort. Flieht. 73 Überspringt Bäche mit den Beinen 74 des Volkes. Überwindet Grenzen 75 mit seinen Beinen. Kriecht. 76 Schwimmt. Versteckt sich. 77 Übersteigt Berge. Verschwindet. 78 Verstellt sich. Mein Land hat aufgehört 79 Land zu sein. Es 80 ist etwas das wandert. 81 Das sich sucht. Sehnsucht 82 Vaterland zu sein. Land 83 in Bewegung. Land ohne 84 Erdboden. An der Wurzel 85 abgehackt. Mein Land 86 besteht aus zwei Ländern: 87 Eines ist Herr und das andere nicht. (XI) XII 88 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen 11. Januar 1970 89 MEYER-CLASON erz. Meine Tage gehen dahin mit Aufbauarbeit - soweit das hier möglich ist, bei der zähen Zurückhaltung. 90 MEYER-CLASON int. Taucher muss man sein und Holzwurm, der sich durch tiefe Schichten archaischen Moders frißt, sanft wie die Taube und klug wie die Schlange. Dann stößt man auf den Humus derer, die sich ein freies Auge bewahrt haben oder erwerben wollen ... O-TON O-TON JL 3 João Lourenço über die Zensur 91 STIMME 7 Für João Lourenço litt das Theater am stärksten unter der allgegenwärtigen Zensur. Hatten die Schriftsteller doch einige Möglichkeiten und Strategien, um das rigide Regime zu unterlaufen, während das Theater sehr argwöhnisch beobachtet wurde. XIII 92 STIMME 6 Wir wählen ein Stück aus, erwerben die Rechte, übersetzen das Stück, mieten ein Theater, beginnen mit den Proben, entwerfen das Bühnenbild - alles auf eigene Rechnung und vieles mit eigenen Händen, denn wir sind auch Beleuchter, Kulissenschieber, Dramaturgen, Übersetzer, Platzanweiser, und noch manches mehr - und hoffen, dass die Zensur das Stück genehmigt. 93 MEYER-CLASON erz. Auf der Bühne des Cine-Teatro Tivoli; Probenpause Grupo 4; der Regisseur und Schauspieler Fernando Gusmão und seine vier Schauspieler erzählen mir von ihren Schwierigkeiten: 94 STIMME 6 Endgültig genehmigt ist es erst, wenn die Haupt- und zugleich Zensurprobe vorüber und bestanden ist. Schmuggeln wir von der Zensur gestrichene Stellen später wieder in den Text ein und werden wir vom Zensor, der während der Spielzeit Stichproben macht, erwischt, müssen wir eine Buße zahlen, die uns endgültig ruiniert. 95 MEYER-CLASON Und wenn die Zensur das Stück verbietet? 96 STIMME 6 Ist alle Arbeit umsonst. O-TON O-Ton JB 3 Es gab Anfangs der 70er einen Zyklus zum Dokumentartheater ... 97 STIMME 7 darüber João Barrento (XIV) XV 98 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen April 1970 99 STIMME 1 Da war doch was, was war da nur? 100 MEYER-CLASON erz. Das möchte der Botschafter am Telefon wissen. Er meint Walter Jens' Vortrag vom Vortag über die deutsche Nachkriegsliteratur. 101 STIMME 1 Da soll Kritik an Deutschland geübt worden sein - so jedenfalls ist mir berichtet worden ... Man hat sich bei mir über den "neuen" Ton im Institut beschwert. 102 MEYER-CLASON erz. Ich verspreche ihm, den Vortrag "nach der politisch fragwürdigen Stelle" wie überhaupt nach politisch Fragwürdigem durchzukämmen. Ich schicke ihm, was ich finde: 103 STIMME 3 ... Entscheidend bleibt: In der DDR ist Literatur per se ein Politikum, ihre Grenzen sind eng und die Autoren gehalten, in der Sklavensprache zu sprechen. (Wo man Trotzki und Ulbricht nicht nennen will, ist immer noch ein Philoktet oder Odysseus zur Stelle.) In der Bundesrepublik hingegen ist Literatur ein Phänomen der Ästhetik, ihre Grenzen sind weit ... so weit, dass es kaum noch Provokationen in den Bezirken des Überbaus gibt. 104 MEYER-CLASON Ich füge hinzu, der Vortragstext stehe ihm oder seinem Gewährsmann in toto zur Verfügung. Da ich keine Antwort bekomme, erkundige ich mich beim Botschafter bei nächster Gelegenheit nach seinem Befund. 105 STIMME 1 Mein Gewährsmann hat etwas von 'Provokationen' gesagt, ja ja, aber was das für Provokationen waren, weiß er nicht mehr. Ist ja auch nicht so wichtig, oder? O-TON O-TON JB 4a/b Ich weiß das es auch, und das war für uns etwas ganz ganz neues, auch im früheren Goethe-Institut: es kamen sehr viel Schriftsteller, die bedeutendsten Namen ... O-TON JL 4 Unser Haus der Freiheit 106 STIMME 7 Das Goethe-Institut war unser Kulturhaus. Ein Ort wo Freiheit herrschte. XVI 107 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen Lissabonner Graffiti, am 4. Juli gelesen auf Mauern und Häuserwänden des Rato-Platzes und Umgebung: 108 STIMME 6 Der portugiesische Soldat ist so gut wie die besten. 109 STIMME 4 Das Heer ist der Spiegel der Nation. 110 STIMME 2 Das Heer ist nicht nur eine Kriegsmaschine, sondern auch Bestandteil der Zivilisation und des Fortschritts. 111 STIMME 4 Unsere militärische Intervention in Afrika ist die Antwort auf eine uns entgegen geschleuderte Herausforderung sowie auf Beleidigungen, die wir nicht vergessen können. 112 MEYER-CLASON erz. Was die Tageszeitungen verschweigen: eine neue militärische Schlappe in Übersee: Guinea-Bissau, Angola, Moçambique; neuer Druck der Ultrarechten auf den lavierenden Caetano; eine neue Welle der Fahnenflucht über Spaniens Grenzen nach Frankreich oder Deutschland; neue nächtliche Einschiffungen von Truppenkontingenten in die afrikanischen "Überseeprovinzen"; neue Hexenjagd auf den politischen Untergrund. O-TON O-TON JMBdC 1 Du hattest zwei Möglichkeiten, entweder machst du mit oder ... 113 STIMME 5 darüber João Manuel Bouza da Costa 114 STIMME 1 27. Juli 1970. Mitteilung des staatlichen Rundfunks: O-TON NT 5 Mitteilung über den Tod von Salazar 115 STIMME 1 darüber Dr. António de Oliveira Salazar, 36 Jahre Staatsführer des Estado Novo ist tot. O-TON CMC 1 Und dann, ziemlich bald, waren wir eingeladen auch bei einer Dichterin, Schriftstellerin, Sängerin ... 116 STIMME 6 darüber Christiane Meyer-Clason (XVII) XVIII 117 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen 1971 118 MEYER-CLASON erz. Ist Angst eine Frage des Nervensystems? 119 MEYER-CLASON int. Manche Schriftsteller - und die Schreibenden scheinen in der portugiesischen Diktatur die gefährdetsten zu sein - geben sich am Telefon meist kurz, leise, ausweichend, sie benützen den Fernsprecher nur für Verabredungen; Gespräche führen sie zwischen verläßlichen Wänden. O-TON O-TON JB 9 Die Opposition oder auch überhaupt der normale Mensch auf der Straße, war sehr vorsichtig, und das spiegelte sich dann direkt in der Sprache ... O-TON JL 2 Über die Unmöglichkeit offen zu reden 120 STIMME 7 Nach João Lourenço hat Curt Meyer-Clason sofort das Problem der Menschen unter dem Salazar-Regime verstanden: die Unmöglichkeit offen zu reden. Und dann hat er einen Raum geschaffen, wo eben dies möglich wurde. (XX, XXI) XII 121 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen Lissabon, 11. Dezember 1972. Klage eines Botschafters. 122 STIMME 1 ... und Ihre Avantgardisten, wissen Sie, die mögen Ihr Institut füllen, aber tragen tun sie es nicht. Die Spitzenpersönlichkeiten des Ministeriums, die tragen es, und denen sind Sie verpflichtet, denen verdanken Sie Ihre Existenz. 123 Nehmen wir Ihre neudeutschen Filme ... Offengestanden, mein Bester, die sind gar nicht mein Fall. Ich weiß, ich weiß, volle Häuser, schön, wenn es unbedingt sein muss. Aber solch befremdliche Sachen wie Ihre "Jagdszenen" - da wird man zu Hause angerufen, was sind das für Peinlichkeiten, wird einem da vorgeworfen, den braven sauberen niederbayrischen Bauern dergestalt zu schmähen ... 124 Und warum denn nur immer die eine Richtung, warum so gar nichts aus Klassik und Tradition, muss es denn immer dieses öde Progressive sein? Wenn ich an Ihren Handke denke und dann das Dokumentar-Theater, den Portugiesen mir nichts dir nichts aufgetischt, als Überrumpelung. Und für so etwas muss ich mich vom Ministerium von Vorzimmer zu Vorzimmer zitieren lassen wie ein Lakai und mir sagen lassen, dass die radikale Linke des Landes ausländische Institute mit Vorliebe als Hetzforum gegen die Regierung mißbraucht, und zwar mit Ihrem offensichtlichem Einverständnis. 125 Warum so gar nichts Verbindendes, warum nichts für die deutsche Kolonie? Ich möchte, dass die deutsche Kultur hier alle vereint, Portugiesen und Deutsche und Deutschportugiesen. Ich meine, Sie sind doch ein Mensch mit Gemüt, Sie können doch auch mal etwas an Weihnachten machen, etwas Festliches, Fröhliches. Muss denn alles Alte über den Haufen geworfen werden? Man will doch auch etwas für die Sensibilität, etwas Unbeschwertes. Nolde beispielsweise, die herrlichen See- und Blumenstücke, kennen Sie die denn nicht, ich schätze ihn sehr, habe mich immer für ihn eingesetzt. Kulturpolitik - das ist doch Takt, das ist doch ... Nein, nein, ich glaube, Sie müssen das ganz anders sehen, müssen umdenken, in sich gehen ... (XXIII, XXIV) XXV 126 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen Der 22. März 1974. 127 MEYER-CLASON erz. Die Feier beginnt um 18.30 Uhr, der Botschafter wird die Goethe-Medaille in Gold an Dr. Quintela überreichen. Durch die Presseankündigungen angelockt, strömen weit mehr Menschen in den Saal, als namentlich eingeladen sind, darunter Parteigänger und Gegner, Dozenten, Studenten, Schriftsteller, bildende Künstler, Kritiker, Theaterleute, denn Professor Dr. Paulo Quintela hat jahrzehntelang das von der Zensur geschundene "Studententheater der Universität Coimbra" geleitet. 128 Der Botschafter übermittelt dem Gewürdigten die Grüße des Präsidenten des Goethe-Instituts aus München, heftet ihm die Medaille an den Rockaufschlag und überreicht ihm das Diplom. Schließlich tritt Paulo Quintela ans Rednerpult und dankt allen, denen er Dank schuldet, dann nach einem kurzen Räuspern, seine Stimme beginnt kaum merklich zitternder Stimme an zu einem Exkurs über die freie Kultur - 129 STIMME 2 Da ich hier und heute sicher bin ohne vorherige Genehmigung in der Öffentlichkeit über einen Stoff meiner Spezialität sprechen zu dürfen, möchte ich zum Schluss meiner Rede kurz zur freien Kultur, zur Freiheit der Kultur oder einfach: zur Freiheit folgenden Satz aus Faust, der Tragödie zweiter Teil zitieren - "Das ist der Weisheit letzter Schluss: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben / Der täglich sie erobern muss!" 130 MEYER-CLASON erz. Nach drei Sekunden atemloser Stille erheben sich zweihundertundfünfzig Menschen wortlos von ihren Plätzen und bringen dem Redner eine Ovation dar, ein rhythmisches Klatschen, rauschend wie die Brandung von Caparica, das fünf Minuten anhält. Und setzen sich ebenso wortlos und warten, bis die Regierungsvertreter der ersten zwei Reihen mit säuerlichem Lächeln, um sich vor der deutschen Seite keine Blöße zu geben, ihre Glückwünsche abgeliefert haben. Erst dann treten die Zuhörer nach vorn und umringen den Ausgezeichneten, umarmen und küssen ihn, schütteln ihm beide Hände und umarmen ihn wieder. (XXVI, XXVII) XXVIII 131 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen 24. April - Abschiedscocktail für den scheidenden Botschafter. 132 STIMME 1 Ich möchte, dass Sie da dabei sind. Es ist wichtig für Sie, die richtigen Leute zu kennen. Sie wissen dann immer, an wen er sich wenden kann, wenn etwas schiefgeht. Sie verstehen ... 133 MEYER-CLASON erz. Der Abschiedscocktail wird in der Residenz eingenommen. 134 Insgesamt 750 Personen, kein Fest, eher Fegefeuer, eine Luft zum Schneiden, Gedränge wie bei einem Aufruhr, Botschafter und Botschafterin als empfindliche Mitte des Wirbels, niemand versteht mehr als den summenden Widerhall der eigenen Worte im Trommelfell. 135 Als wir gegen acht Uhr die Halle verließen, trat der Außenminister Rui Patrício mit Gefolge ein. Wir dachten: bis morgen. 136 STIMME 1 Der 24. April ging für die meisten Einwohner Lissabons wie jeder andere normale Arbeitstag zu Ende. Nichts deutete darauf hin, dass der folgende Tag zum längsten und dramatischsten in der jüngeren Geschichte werden sollte. Auch war kaum einem Einwohner Lissabons, keinem der passioniert zeitunglesenden Passanten der Cafes auf dem Praza Rossio eine kleine, etwas ungewöhnliche Notiz in der Abendzeitung "A República" aufgefallen, in der auf ein besonders interessantes Abendprogramm im Rundfunk hingewiesen wurde. 137 STIMME 5 In zahlreichen Kasernen des Landes saß man derweil gespannt am Radio. Gegen 0 Uhr 30 strahlte der vom portugiesischen Episkopat betriebene Sender "Radio Renescanca" das verbotene volkstümliche Lied des Sängers José Afonso "Grandola vila Morena..." aus: für ein Land, in dem seit Jahrzehnten eine unerbittliche reaktionäre Zensur herrschte, ein unglaubliches Phänomen. Es war die Erkennungsmelodie, das Signal für die "Bewegung der Streitkräfte", mit ihren militärischen Operationen zum Sturz des Caetano-Regimes zu beginnen. 138 STIMME 3 Um 0 Uhr 40 rücken mehrere Kolonnen des 2. in Santarem (30 km nördlich von Lissabon) stationierten Panzerregiments aus mit dem Ziel auf die Hauptstadt. In den folgenden Stunden schließen sich weitere rebellische Einheiten in der Umgebung Lissabons an. Sie treffen bei ihrem schnellen Vormarsch auf Lissabon auf keinen nennenswerten Widerstand. 139 STIMME 6 3 Uhr. Alle wichtigen strategischen Punkte der Hauptstadt, die zentralen Plätze, "Radio Clube Portugues" und die Gebäude des staatlichen Fernsehens RTP werden nahezu gleichzeitig von den von Hauptmann Maia befehligten Truppen besetzt. Nur vereinzelt treffen sie dabei auf Widerstand von Mitgliedern der Politischen Polizei. O-TON O-TON NT 2 Radiodurchsage zum Putsch ... 140 STIMME 4 darüber 4 Uhr 26 Minuten. Die "Bewegung der Streitkräfte" - Movimento das Forcas Armadas - verliest über "Radio Clube Portugues" ein erstes Kommunique, in dem die Bevölkerung aufgefordert wird, Ruhe zu bewahren, um Blutvergießen zu verhindern. Gleichzeitig ergeht über Funk ein Appell an die noch immer regierungstreuen Einheiten der Polizei, der Republikanischen Nationalgarde (GNR) sowie an die faschistischen Milizen "Legiäo Portuguesa" und "Guarda Fiscal", in ihren Kasernen zu bleiben und sich den laufenden militärischen Operationen nicht zu widersetzen. XXIX/O-TON 141 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen 25. April O-TON CMC 4 Am Morgen standen wir wie üblich auf: "Kinder, Frühstück!" ... 142 MEYER-CLASON erz. Seit ich Nerudas ICH BEKENNE, ICH HABE GELEBT übertrage, stehe ich mit den Kindern auf; bewältige, wenn der Text mir kein Bein stellt, vier bis fünf Seiten zwischen sieben und knapp zehn Uhr; dann geht's ins Institut. O-TON CMC 4 ff. Plötzlich klingelt's und die Kinder kommen zurück ... 143 MEYER-CLASON erz. Philine steht im Zimmer - ich hatte mit halbem Ohr schon ungewohntes Türeschlagen gehört. 144 PHILINE Revolution! Keine Schule, der Bus hat umkehren müssen; unser Schulfest mit dem Kultusminister ist abgeblasen; alle Leute müssen zu Hause bleiben ... 145 MEYER-CLASON Du spinnst wohl, Phine, erzähl das der Mama, ich habe Wichtigeres zu tun ... O-TON CMC 4 ff. Er drehte sich um und sagte: "Du bitte verlass den Raum ... " 146 MEYER-CLASON erz. Draußen höre ich Christiane Juliane ausfragen, dann dröhnt ein Marschlied aus dem Wohnzimmerradio. Ich will mich wieder an die Arbeit machen. O-TON CMC 4 ff. Ich habe das Radio angedreht, und da wurde immerzu das berühmte Revolutionslied gespielt ... 147 STIMME 5 Curt ... 148 MEYER-CLASON erz. Diesmal steht Christiane im Zimmer. 149 STIMME 5 Die Bewegung der Streitkräfte hat die Regierung gestürzt, den Staatssender besetzt, die Polizei verhaftet. Mit dem Lied GRÂNDOLA VILA MORENA hat es angefangen, heute früh um eins. ATMO: GRÂNDOLA VILA MORENA im Radio O-TON JMBdC 3a/b Ja, es gibt ein Lied, das eine zentrale Rolle in der portugiesischen Revolution gespielt hat: "Grândola Vila Morena" ... 150 MEYER-CLASON erz. Meine Übersetzungsarbeit breche ich für heute entgültig ab. ATMO: Nationalhymne + Marschmusik über Äther 151 MEYER-CLASON erz. Ich höre eine Weile die zwischen Marschmusik schubweise gesendeten Nachrichten über den Gang der militärischen Operation und General Spínolas "Junta da Salvação Nacional". 152 STIMME 7 Radiodurchsage Die Streitkräfte begannen heute in den frühen Morgenstunden mit einer Reihe von Aktionen, die die Befreiung des Landes von dem alten, längst überfälligen Regime zum Ziel hat. Im Bewußtsein, die wirklichen Gefühle der Nation zu kennen und zu vertreten, wird die "Bewegung der Streitkräfte" ihre Befreiungsaktion fortsetzen. Es lebe Portugal! O-TON O-TON Deutscher Fernsehton: Die Revolutionsereignisse ... XXX (ff.) 153 SPRECHER 6 Im Regierungsviertel Terreiro do Paco ist die Lage unübersichtlich und gespannt. In der "Carmo"-Kaserne im Zentrum Lissabons haben sich die höchsten Repräsentanten des faschistischen Regimes verschanzt. Ministerpräsident Caetano und Staatspräsident Américo Tomás weigern sich zunächst, freiwillig abzutreten und vor der "Bewegung der Streitkräfte" zu kapitulieren. Es beginnen langwierige Verhandlungen zwischen Kapitän Maia, dem Kommandierenden der Kavallerieschule von Santarem, der an der Spitze der Erhebung steht, und den noch zur Verteidung der "Carmo"-Kaserne entschlossenen regierungsloyalen Truppen unter Führung des Brigadiers Reis. Die Forderung der "Bewegung der Streitkräfte" ist kurz und unumstößlich: sie lautet auf sofortige Ergebung und Kapitulation. O-TON O-TON NT 6 Die Erstürmung der PIDE Zentrale 154 STIMME 7 darüber Der Umsturz geht weitestgehend ohne Blutvergießen vonstatten, einzig vor dem Hauptquartier der Geheimpolizei PIDE kommt es zu einem kurzen Feuergefecht. ATMO: Funkverkehr der Soldaten 155 SPRECHER 7 Die Nelkenrevolution ... O-TON JB 10 Das kam aus diesem Bild, das damals dann sehr verbreitet wurde, auch in der Presse und in Plakaten und so weiter, von einem Soldaten mit seinem Gewehr, einer Nelke im Gewehr und einem Kind daneben ... O-TON CMC 5 Es wirkte auch so grotesk, ich kann es immer nur lachend erzählen ... 156 STIMME 4 darüber 18 Uhr 39 Minuten, Caetano und seine Regierung ergeben sich den Putchisten. 157 Der Live-Reporter berichtet ergriffen von der Einmaligkeit dieses historischen Moments. 158 Am Ende fehlen ihm die Worte und er lässt die Atmosphäre die er mit dem Mikrofon einfängt für sich sprechen. O-TON JB 7 Es gab da natürlich mit der Zeit auch andere Aspekte, die eine sehr wichtige Rolle gespielt haben, und auch vielleicht dazu geführt haben, dass die sogenannte "Nelkenrevolution" genau gesehen keine Revolution war ... (XXXII) XXXIII 159 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen 27. April, José Cardoso Pires am Telefon. 160 STIMME 3 Kommen Sie morgen um neun Uhr in die 'Brasileira', wir wollen die Pide besichtigen. 161 MEYER-CLASON erz. Wir besuchen die nach kurzem, blutigem Schußwechsel hastig geräumten Kanzleien, Kasematten, Einzelzellen, Folterwerkzeuge, die vergitterten Gänge und Innenhöfe, aus denen es kein Entkommen gibt, die Karteikästen mit Hunderttausenden von Dossiers, die Fotoalben mit Hunderten von politischen Verdächtigen. 162 Außer José Gomes Ferreira, Jahrgang 1900, hat keiner in dieser Runde seit Kindesbeinen etwas anderes gekannt als des Diktators "Neuen Staat", seinen Estado Novo. 163 STIMME 3 Der Alptraum ist zu Ende, aber der Traum geht weiter. 164 MEYER-CLASON erz. Hinter José Cardoso Pires beherrschten Miene kribbelt Zorn, Ungeduld; am 25. April war er genauso alt wie der portugiesische Faschismus, achtundvierzig Jahre. 165 Nachmittags fahren wir in die Festung Caxias, auf halbem Weg zwischen der Stadt und Estoril über dem Fluß gelegen; ein vorgestern freigelassener politischer Häftling übernimmt die Führung. Er läßt uns durch die Spione in die Einzelzellen spähen, die von den nunmehr inhaftierten Pide Polizisten besetzt sind. Er führt uns durch lange, verwahrloste Gänge, massives modriges Gemäuer, aus dem kein Schrei nach außen dringt. 166 MEYER-CLASON int. In die Wände sind Daten und Botschaften von Gefangenen geritzt. 167 MEYER-CLASON erz. Wir sehen die mit Tonbandgeräten ausgestatteten lärmdichten Verhörräume, das Tonstudio neben den Folterkammern, die ins Fenster der Besuchszimmer eingebauten winzigen Mikrophone. Wir blicken in einen klaftertiefen, muffigen Kellerraum, in dessen hüfthohem Wasser der Gefangene stundenlang für das Verhör vorbehandelt wird - 168 MEYER-CLASON int. - durch eine Luke kann er überwacht werden, damit er sich nicht durch Ertrinken der Vollstreckung entzieht. 169 MEYER-CLASON erz. Meine Freunde eilen fieberhaft von Raum zu Raum, von Hof zu Hof; sie wollen alles besichtigen, stellen Fragen, diskutieren, sind entrüstet. 170 MEYER-CLASON int. Die Menschen der Latinität sind unmittelbar, reizbar, aufbrausend, grausam, auch rachsüchtig, aber eines kennen sie nicht: das absolute, das kalte, endgültige Wort, das unwiderrufliche Urteil jenseits von Revision und Berufung. Sie mögen persönlich noch so determiniert sein und sich auch so fühlen, aber ihr Sinnen und Trachten, ihr Empfinden vor allem anderen, ist indeterminiert. Sie wollen die Welt erhalten, nicht endgültig vernichten. 171 MEYER-CLASON erz. Für unser "nachtragend" besitzen die Portugiesen keine sprachliche Entsprechung. Sie werden die Hauptverantwortlichen ihrer jahrzehntelangen Qual, den Staatschef und Salazars Nachfolger, den Ministerpräsidenten, aus ihrem Zwischenexil Funchal auf Madeira in die freie Verbannung nach Brasilien entlassen. 172 Salazars Standbild im Innenhof des Staatssekretariats für Information und Tourismus, in dem auch die Zensur wie eine Spinne das Land vor Aufklärung geschützt hat, haben diejenigen, die am meisten unter ihm gelitten haben, die Schriftsteller, schwarz verhängt, stilvoll, taktvoll; später soll es entfernt werden. O-TON O-TON JL 5 Eine Zeit der Brüderlichkeit 173 STIMME 7 Zwischen dem 26. April und dem 1. Mai 1974 ist etwas passiert, was João Lourenço die intensivste Erfahrung in seinem Leben nennt: es war ein Glück, eine Freude, eine Verbrüderung unter den Menschen, die einmalig gewesen ist und die, so denkt er, auch zu spüren war, als 1989 in Deutschland die Mauer fiel. Dann, am 1. Mai, kam die Politik, die Entzweiung. XXXIV 174 MEYER-CLASON tippt in harten Anschlägen Gestern, am Vorabend des 1. Mai, Geschichte einer Nelke - Lob einer Nelke. Auf der Avenida Fontes Pereira de Melo, kurz vor dem Kino Monumental. 175 MEYER-CLASON erz. Eine Nelke wanderte aus einer Frauenhand in mein Knopfloch. Sie war rot wie alle Nelken ihrer Art und Jahreszeit; sie war irgendwo in Portugal erblüht und auserwählt, aus ihrer Namenlosigkeit in einen historischen Augenblick einzutreten, drei Gesichter zu erhellen, die junge Spenderin, ihren jungen Mann und mich, und eine historische Nelke zu werden. 176 Sie ist eine Nelke geworden, die zwei Zeiten trennt, eine Zeit vor ihr, ohne Nelken, eine Zeit nach ihr, mit Nelken. 177 MEYER-CLASON int. Diese Nelke - sofern die Beteiligten es wünschen - wird nicht verblühen, denn sie ist die Nelke der Utopie und wärmt wie ein Kaminfeuer. Sie ist ein ungeöffneter Brief in der linken Brusttasche. Stimme, die an die Zukunft erinnert, Gedächtnis, dass unser Werden verwahrt. Sie ist der Enthusiasmus im Wortsinn. Ein Gefühl, das die Brust füllt wie der Wind das Segel. Sie duldet weder Mittelmaß noch Kleinmut. Sie ist ein Ja, Hämmern und Flüstern, Pochen und Liebkosung. Sie ist verschwiegen und beredt, gegenwärtig und vorauseilend. Sie ist Duft und Hauch, Verheißung, Verpflichtung, Ruf und Aufruf, stete Mahnung. Sie ist Gefährtin und verscheucht Furcht und Zittern, Schall und Rauch, die Gespenster der Vergangenheit und treibt zum Tun des Ungetanen. O-TON O-TON JL 1 João Lourenço über Curt Meyer-Clason 178 STIMME 7 Für den Theatermann und heutigen Staatssekretär für Kultur João Lourenço war Curt Meyer-Clason eine einzigartige Erscheinung. 179 Er war ein Mann der Tat. Dabei mit einer guten Kenntnis der Portugiesen und der portugiesischen Verhältnisse ausgestattet. Curt Meyer-Clason hat versucht aus dem Goethe-Institut eine Tür zur Freiheit zu machen. ENDTITEL ABSAGE Curt Meyer Clason - Portugiesische Tagebücher Sie hörten ein Feature von Leonhard Koppelmann Es sprachen: Walter Gontermann Matthias Haase Jochen Kollenda Oliver Krietsch-Matzura Luzie Kurth Ernst August Schepmann Caroline Schreiber Robert Steudtner und Hartmut Stanke Technische Realisation: Peter Harrsch Regie: Robert Steudtner und Leonhard Koppelmann Produktion: Headroom Infotainment für den DLF 2010 1 Curt Meyer-Clason "Portugiesische Tagebücher" 30