DEUTSCHLANDFUNK Redaktion Hintergrund Kultur / Hhörspiel Redaktion: Ulrike Bajohr Tel. (0221) 345 1503 Dossier Versager Männer beim Abbruch einer Schwangerschaft Von Egon Koch Erzähler: Volker Risch Zitator: Rainer Delwenthal Regie und Redaktion: Ulrike Bajohr Ton und Technik: Beate Braun und Michael Morawietz Produktion 27. April H 8/ 1(und 12. Mai) URHEBERRECHTLICHER HINWEIS Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. ? DeutschlandRadio Sendung: 20. Mai 2011 DLF Musik: Darüber: Atmo: mehrmaliges Drehen eines Zündschlüssels, das Auto startet nicht Erzähler: Am Morgen des Tages, der mein Leben verändert, springt in der Nähe des Kleistparks in Berlin-Schöneberg das Auto nicht an. Das rote Schiff der Straße, der wundervoll gerundete und lang gezogene Citroen DS 20 ? Safari, will und will einfach nicht starten. Der Wink des Schicksals, denke ich in diesem Moment, das Geplante absagen, einfach aussteigen, aber ich sage nichts zu der jungen Frau auf dem Beifahrersitz. Ich lasse die letzte Chance vorüber gehen, meinen Wunsch auszusprechen. O-Ton 1: Cornelia Marx 2 Als Hypothese, wenn du es ausgesprochen hättest, hätte ich bestimmt versucht, es dir auszureden oder wegzuwischen, aber es wäre natürlich interessant, interessant, was dann passiert, wenn jemand vehement für das Kind ist. Dieses rote Auto in der grauen Landschaft drin, in der Stadtlandschaft drin ... Also, man hat einen Termin und den nimmt man wahr und da sagt man jetzt nicht ?Nein?. ... Ganz merkwürdig, so eine Mischung aus Obrigkeitsdenken und Gehorsam und ?jetzt hab ich mich doch aber entschieden und jetzt kann ich nicht mehr zurück.? ... Das find ich im Nachhinein auch sehr makaber, weil das dominanter gewesen ist als mein eigentlicher Wunsch, das Kind doch zu behalten, aber der hat sich dagegen nicht durchsetzen können. Ganz einfach. Musik: Darüber: Ansage: Versager Männer beim Abbruch einer Schwangerschaft Von Egon Koch Erzähler: Im Herbst 1981 studieren wir beide an der Freien Universität Berlin. Meine Freundin ist 22 und ich bin 25 Jahre alt. Seit sechs Monaten lieben wir uns. Eigenartig, jenen Tag, an dem wir dann mit einem Taxi in die gynäkologische Praxis nach Kreuzberg fahren, haben wir beide heute als grauen Novembertag in Erinnerung. Aber es ist der 14. Oktober, der Tag an dem Muhammad Husni Mubarak Ägyptens Staatspräsident wird. Ich weiß das so genau, weil ich es wie vieles andere aufgeschrieben habe. O-Ton 2: Cornelia Marx 1 Ich seh dich immer, wie du in dein Tagebuch geschrieben hast. Und dass wir so die Sprache miteinander verloren haben. Ich hatte immer dieses Verlorenheitsgefühl und war gar nicht in der Lage, das ist ja was beidseitiges, also das lag jetzt nicht nur an dir, ich war nicht in der Lage, Kontakt aufzunehmen zu dir oder auch meine Bedürfnisse zu formulieren, überhaupt nicht, ich hab das ja auch nicht formuliert. Nicht, was ich wollte, nicht, was ich denke. Ich hab gar nichts formuliert, diesbezüglich. Erzähler: Vier Wochen vor diesem grauenhaften Tag im Oktober sind wir in den Semesterferien an der Nordküste Kretas. Die Wirklichkeit bricht in unsere kleine Pension in Georgiloupouli ein, die tagelange Ahnung wird zur Gewissheit. Der Schwangerschaftstest ist positiv. O-Ton 3: Cornelia Marx 1 Ich wollte da immer nicht drauf gucken, weil das ja so das endgültige Urteil ist, für das, was ich sowieso schon wusste. ... Obwohl es draußen total schön war, hab ich mich ins Bett verkrochen. Und ich hab das so in Erinnerung, dass du dann rein gekommen bist und ich das gesagt habe. Erzähler (fern): 18. September 1981, Notizen: Mir versagt die Vorstellung, Vater zu werden. ?Ein Kind zu bekommen, ist was gesundes,? sagt sie, ?und doch wird getan, als sei es eine Krankheit.? Die Männer am Strand von Kreta legen sich Handtücher über ihre Scham. Das entstehende Kind, das unbrauchbare Kind. ?Wir sitzen hier als wäre etwas schreckliches geschehen?, sagt sie später, ?das ist doch absurd. Das ist doch absurd.? O-Ton 4: Cornelia Marx 1 Ich glaub schon, dass wir darüber geredet haben und auch Ängste und Möglichkeiten formuliert haben, aber hilflos, hilflos, ohne Anbindung an das Innenleben... Man formuliert nach außen hin etwas, was so mechanisch im Hirn funktioniert, ohne aber jetzt so tiefer in eine Gefühlswelt einsteigen zu können. ... Und natürlich habe ich mir selber Vorwürfe darüber gemacht, dass ich nicht verhütet habe, was auch bescheuert gewesen ist. Entsprach so ein bisschen der damaligen Zeit, nach dem Motto ?lässig, lässig?, das geht schon irgendwie und ich kenn ja meinen Körper und jetzt hab ich einen Eisprung und jetzt hab ich keinen Eisprung. Und das ist mit 22 eine Kamikazeunternehmung, das so zu machen. Erzähler (fern): In der Nacht nach dem positiven Schwangerschaftstest schenkt mir mein Vater im Traum ein riesiges Stück Wald mit wunderbaren Bäumen. Es ist ein gutes Gefühl, der Herr über ein Stück Natur zu sein. Zumindest für einige Zeit. Weil ich nämlich nicht weiß, was ich mit dem Wald machen soll, schenke ich ihn ein paar Tage später weiter an eine Frau. Erzähler: Einige Tage fühle ich eine ungeahnte Potenz in der Natur Kretas, nicht so sehr das Bewusstsein, ein Kind gezeugt zu haben, verschafft mir Allmachtsphantasien, sondern die Ahnung einer grenzenlosen Existenz... Erzähler (fern): Kreta ist eine fruchtbare Insel, auf der dicke griechische Frauen schnauzbärtige Männer verführen. Geboren zu befruchten, geboren zu empfangen. Uns beide Berliner aber, die wir nun wissen, dass wir ein Kind bekommen, schüttelt die große Verunsicherung... Erzähler: Ich könnte abheben und über den Strand fliegen, aber die Schwangere kommt nicht mit, sie holt mich wieder auf den profanen Erdboden zurück. Nach einem halben Jahr nehme ich zum ersten Mal eine Getrenntheit zwischen uns wahr. Ja, gut möglich, dass ich auf einem Egotrip bin, gut möglich, dass ich keinen seriösen Partner abgebe. Bin ich jung? Bin ich dumm? Bin ich ahnungslos? Vermutlich von allem etwas. Ich bejahe das Leben in diesen Tagen, jedoch sehe ich in meinen Allmachtsphantasien die konkrete Gefahr des Abbruchs nicht. O-Ton 5: Cornelia Marx 1 Ich glaube, dass ich dich sehr narzisstisch wahrgenommen habe, du warst halt sehr mit dir beschäftigt, in deiner Welt, in deinem Lebensentwurf, und ich glaube, das ist vielleicht auch das Traurige, dass ich dir das nicht zugetraut habe, dass du dich mit der Aufgabe, ein Kind zu bekommen, verändert hättest, ja auch möglicherweise. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Also, das war jenseits meiner Phantasie. (...) Und ansonsten hab ich sehr viel Angst gehabt, also, wie Angst vor Ablehnung, Angst vor Vorwürfen, Angst vor dem ganzen Berg, der da jetzt zu bewältigen ist. Und der Weg, den ich vor mir gesehen habe, war immer der Weg der Abtreibung und nicht der Weg, das Kind zu behalten. Erzähler: Die Phase der Verliebtheit - und plötzlich sind wir als Paar vor eine Aufgabe gestellt, die vermutlich ein stärkeres Fundament braucht. Im Herbst 1981 bin ich nicht in der Lage zu sagen: Schau her, wir machen das und das, dann bekommen wir unser Leben mit einem Kind auch hin. Ich war nie praktisch, ich bin heute noch kein praktisch denkender Mensch. O-Ton 6: Cornelia Marx 2 Vielleicht habe ich ja auch den Eindruck vermittelt, dass ... ich da gar keine andere Lösung zulassen will oder dass eine andere Lösung für mich gar nicht vorstellbar ist oder dass ich das gar nicht unserer Beziehung zutraue. ... Das kann ja auch sein. Also, ich glaub schon, dass ich das sehr stark vermittelt habe, dass es da für mich kein Wenn und Aber gibt. (...) Ich behaupte mal, ... es wäre ganz schwer gewesen, mich da drauf einzulassen, also auf den Wunsch des Mannes, dein Wunsch da einzulassen wirklich, weil ich glaube immer, dass es dieses Vertrauen braucht, dieses Vertrauen, es ist jetzt wirklich ernst gemeint, der Mann will das Kind, der steht zu dem Kind, der steht zu dir und dem Kind, und so läuft das auch. Erzähler (fern): 1. Oktober 1981, im Flugzeug von Heraklion nach Berlin: Eine kurze Szene meines inneren Widerstands gegen die Abtreibung: Vorhin, beim hektischen Aufbruch aus der kleine Pension in Georgiloupouli, habe ich sie gefragt: - Wo gehen wir hin in Berlin? Zu mir oder zu dir? - Zu mir, hat sie erwidert, du kommst natürlich mit. - Ich komme nicht mit, ich lasse mich von dir nicht bestimmen ? merkst du nicht, wie du mich übergehst, wie du mich ungefragt einplanst, kapierst du das nicht?!? Musik, szenischer Bruch: Erzähler: Kahl geschorener Schädel, freundliches Gesicht - Holger S. ist 55 Jahre alt. 1977 kommt er aus Norddeutschland nach Westberlin. Mitte 1985 lernt er eine Frau kennen und lieben. Am Beginn des Jahres 1986, er ist 30, ändert sich alles zwischen ihnen. O-Ton 7: Holger S. (6:55) Meine damalige Freundin sagte also, sie würde sehr gerne mit mir Essen gehen, es gäbe etwas sehr ernstes zu bereden. ... also haben wir uns dann in Kreuzberg in einem sehr netten Lokal getroffen und sie eröffnete mir, dass sie schwanger ist und ich muss wirklich sagen, das hat mir förmlich die Beine unter dem Popo weggerissen, nä, das war, ich weiß noch, wie ich dort saß, umgeben also bestimmt von 30, 40 anderen Leuten und den Kopf auf die Hände gestützt und mir die Tränen also liefen wie verrückt, also die Unterarme lang. Und meine damalige Partnerin war vollkommen überrascht, damit hatte sie nun überhaupt nicht gerechnet, dass mich das so hart erwischt und das Komische war eben diese Mischung aus einerseits Ja und andererseits Nein. Einerseits Ja, weil ich eben Kinder, damals wie heute, also unheimlich toll finde und es also sehr, sehr begrüße, wenn ... Frauen oder Männer eben Mutter oder Papa werden, dann aber auch andererseits dieses Maß an Verantwortung, das ich da plötzlich auf mich zurollen ... sah, weil ich kannte hier damals in Berlin eigentlich kaum Leute, die Kinder hatten. Erzähler: In der Kreuzberg-Schöneberger Szene, in der er lebt, gibt es Mitte der 80er Jahre kaum Platz für Kinder. O-Ton 9: Holger S. Damals ging?s sehr stark um Selbstverwirklichung. ... Jeder hatte seine eigenen Ziele. Der eine wollte eben halt Fotograf werden, die andere wollte eben halt Schauspielerin werden oder Schauspieler, die einen wollten in die Politik gehen, andere wollten eben das System stürzen, da kam eben vieles zusammen. ... (20:22) Das ist, in der Szene auch die Austauschbarkeit, längerfristige Beziehungen gab es wirklich ganz wenige, also in meinem damaligen Freundeskreis, mit zwei Ausnahmen, die auch heute noch zusammen sind, aber ansonsten war das ein nettes Bäumchen-wechsle-dich ... Spiel, was dort vonstatten ging und da passte auch kein Kind rein. ... Erzähler: Ja oder Nein, so oder so, eine Entscheidung muss bald her. - In die Praxis des Bielefelder Psychologen Wolfgang Neumann kommen Männer mit verdeckten Depressionen ? häufig sind die Ursachen unverarbeitete Schwangerschaftsabbrüche. O-Ton 10: Wolfgang Neumann Männer ... neigen dazu, in solchen Konfliktsituationen Lösungen zu suchen, die sie ... rational treffen können, also für oder gegen spricht die momentane wirtschaftliche Situation. Oder dass sie sich vielleicht noch nicht selbst in der Lage fühlen, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Oder dass sie das Gefühl haben, sie würden dann in ihrer Freiheit eingeschränkt, zu viel eingebunden, vielleicht auch in eine Partnerschaft gedrängt, wo sie noch nicht wissen, ob das wirklich eine lebenslange oder lang dauernde Partnerschaft sein kann, so dass sie in der Regel eher warten, was sagt die Frau. Also, sie überantworten ihre Entscheidung im wesentlichen der Partnerin. O-Ton 11: Holger S. Die Entscheidung kam dann nach nicht einmal einer Woche, als sie dann auch meiner Hilflosigkeit dann Rechnung trug. ... Ich hab dann ab einem bestimmten Punkt reagiert wie viele Männer reagieren, also so nach dem Motto ... : Egal welche Entscheidung du triffst, ich trage sie mit. Und hab mir dabei blöderweise auch noch so ein bisschen auf die Schulter geklopft. Weil ich unfähig war, eine Entscheidung für mich zu treffen, also hab ich die Entscheidung sozusagen an sie delegiert. Und sie hat sich dann natürlich, nä, mit so einem unsicheren Kantonisten an ihrer Seite, klar, ... sie sagte dann, sie kann auch später noch ein Kind kriegen und dann würde sie dann eben abtreiben lassen. Und im ersten Moment hab ich dann gedacht, also ?ok, Gott, jetzt ist ne Entscheidung gefallen? und hab mich vielleicht auch ne kurze Zeit relativ gut damit gefühlt, also dass nun ne Entscheidung gefällt wurde, zu der ich aber im Grunde genommen nur durch mein Nicht-Verhalten beigetragen habe. O-Ton 12: Wolfgang Neumann Die Männer gehen, wie sie immer mit solchen Ohnmachtsituationen umgehen, ganz passiv damit um, sie stellen sich also nicht dieser Auseinandersetzung, sondern sie gehen in ihre übliche Strategie: Wenn sie sich ohnmächtig fühlen, verleugnen sie, sie ziehen sich zurück, sie kapseln sich ab, ... schlimmsten Falls würden sie auch zu Depressionen neigen oder sich einfach selbst aus diesem Prozess heraus kegeln. Also, mir ist im Moment kein Fall präsent, wo sich das starke Engagement eines Mannes für die Vaterschaft ... hat realisieren lassen. Musik, szenischer Bruch: Erzähler: Zurück im damals noch geteilten Berlin bekomme ich durch das ungeborene Kind Kontakt zu meinem eigenen Kindsein am Oberrhein. Erzähler (fern): Der helle Lichtstrahl meines Blicks fällt durch das Dach meines Elternhauses und beleuchtet die Geborgenheit meiner Kindheit. Ich schaue auf den abends im Bett liegenden Jungen, der ich gewesen bin. Vor dem Einschlafen betet er mit gefalteten Händen, dass alle geliebten Menschen am Leben bleiben, seine Mutter, sein Vater und seine Schwester. Jahre später aber, als der Junge zum Mann wird und seinen eigenen Willen entwickelt, bekommt er Probleme mit dem autoritären Vater. Die Furcht beschleicht mich, auch so ein herrischer Vater zu werden. .... Erzähler: In West-Berlin hat meine Lebensgefährtin nur noch Angst, sich mir zu nähern, als sei ich mit einer anderen Frau auf Kreta zusammen gewesen. Ich wiederum habe Angst, sie zu verlieren. Sie drängt die Zeit, ab der 10. Woche ist legal kein Schwangerschaftsabbruch mehr möglich. Die Maschinerie der Abtreibung ist längst wie ein massives Schiff in Bewegung versetzt. Es gibt kein Halten mehr. 1981 ist ein Abbruch noch illegal, aber es gibt gesetzlich die Möglichkeit der sozialen Indikation, das heißt, Pro Familia bescheinigt meiner Freundin eine soziale Notlage und gibt ihr ein paar Adressen von Ärzten. O-Ton 13: Cornelia Marx 1 Ich war nur noch damit beschäftigt, den Abbruch zu organisieren eigentlich. Und es war keiner da, der ?Stopp? hätte sagen können, ?warte mal, setz dich mal hin, entspann dich mal, Kind? ? ich war ja noch ein bisschen Kind, nä, ?und jetzt gucken wir mal, was für Möglichkeiten gibt?s denn?? Das Positive aufzuzeigen, da war niemand, leider. ... (leichtes Lachen) Makabererweise war auch in dem ganzen Beratungs- und Arztsystemtunnel, durch den wir da durch mussten, war ja kein einziger, das war ja das blanke Horrorkabinett, was wir da durcharbeitet haben. Erzähler: Im Westberlin Anfang der 80er Jahre ist die Frauenbewegung an der FU immer noch ein großes Thema. Der Kampf der Frauen für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und auf Selbstverwirklichung hat auf uns Studenten großen Einfluss. Ihr Slogan ?mein Bauch gehört mir? dröhnt in meinen Ohren. O-Ton 14: Cornelia Marx 1 In Berlin war das bestimmt total gegenwärtig, dass es uncool war ein Kind zu kriegen und eine Familie zu gründen. Im Gegensatz zu jetzt, wo ja auf dem Prenzlberg die jungen Familien pilzartig aus dem Boden sprießen, war das damals genau das Gegenteil. Ja zu einem Kind zu sagen zu dem Zeitpunkt, das war relativ schwierig, gesellschaftlich gesehen. Und wenn dann der familiäre Hintergrund noch so ist, dass die Haltung so ist, also wirklich der Klassiker: ?Komm mir bloß nicht mit einem Kind nach Hause?, dann bleibt nicht mehr viel Rückhalt übrig. Entweder man findet den aus sich heraus, oder aus der Partnerschaft heraus. .... Und wenn dann da nix ist, dann überwiegt doch die Ablehnung, die Angst, eher aus Unwissenheit, aus Dummheit fast, weil man sich auf das andere Lebensmodell ja gar nicht richtig eingelassen hat. Erzähler: Heute erst gestehe ich mir ein, dass ich mit meinem Wunsch nach einem Kind 1981 Schiss vor all den emanzipierten Frauen hatte und mich hinter der Entscheidung meiner Partnerin versteckt habe. Entscheidung ist wohl das falsche Wort. Wir beide ? sie auf ihre, ich auf meine Art - kommen am 14. Oktober nicht freiwillig mit dem Taxi bei der Arztpraxis an. O-Ton 15: Cornelia Marx 2 Ach Gott, ach Gott, also diese ganzen Moralinstanzen von meinem Vater, bis zu den ?Jetzt doch nicht?, bis zu den politischen 1981 oder meinen Freundinnen, die sagen: ?Och, spinnst du, das ist doch ein bescheuerter Zeitpunkt?, dem Vertrauen in unsere Beziehung nicht richtig nachfühlen zu können, die das überhaupt nicht usw., aus all dem setzt sich der Zwang ja dann zusammen, mehrschichtig. Musikakzent: Erzähler: Ich begleite meine Lebensgefährtin beim Schwangerschaftsabbruch. Ich will das, unbedingt. O-Ton 16: Cornelia Marx 2 Ich kann mich ... noch daran erinnern, wie die Praxis aussah, dass man da ein paar Stufen hochgehen und dass das dann im Erdgeschoss so ein paar Räume waren. Das weiß ich noch, so ein moderneres Gebäude, so ein 60er Jahre Bau. ... Nichts dolles eigentlich, aber ganz gepflegte Praxis. Erzähler: Irgendwann liegt sie auf dem gynäkologischen Stuhl und ich sitze wie ein Statist ohne eigenen Text neben ihr auf dem Hocker. Erzähler (fern): Meine Hand legt sich auf die Brust der Liegenden, sie faltet ihre Hände über der meinigen, ich atme ihren Atem mit und nicht den meinigen, ich zucke mit ihren Schmerzen mit und nicht mit den meinigen. O-Ton 17: Cornelia Marx 2 Ich fand das sehr unangenehm, ich glaub, ich war wahnsinnig angespannt. Und fand das insgesamt sehr quälend und unangenehm, den ganzen Prozess. Ich weiß noch, dass ich den Arzt unsympathisch fand, blöd, komisch, unangenehm, insofern war ich auch froh, dass du dabei warst. (...) Dann weiß ich, dass ich mich entschieden hatte, das mit örtlicher Betäubung zu machen, auch leicht bescheuert, ... wenn man das mit einer Kurznarkose macht, ... bekommt man auch viel weniger mit, das ist psychisch viel besser zu verkraften, weil man ein Stück weit was ausblenden kann, das kann man so natürlich gar nicht. (...) Dann hab ich diese ... Betäubungsspritze bekommen, ... an den Ablauf kann ich mich auch noch erinnern, und dass er gesagt hat, was er als nächstes macht, und was im Prinzip auch gut war, und dass es insgesamt sehr lange gedauert hat, der Abbruch, das Absaugen, ist es ja eigentlich. O-Ton 18: Cornelia Marx 2 Als er fertig war, hat er gefragt, ob wir das sehen wollten. Und ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob wir gesagt haben Ja oder Nein, auf jeden Fall hat er dann diesen Glaskolben hoch gehoben und da waren so rote, also wie so aus einem Science Fiction Horror Film irgendwie, da war so ne rote Pampe drin. Erzähler (fern): Der Arzt hält den Glaskolben hoch gegen das Licht der Neonröhre, wie ein Pfarrer den Kelch zur Heiligen Wandlung. Im Vakuumglas hinter den Messziffern blicke ich auf die rötliche Flüssigkeit, dunkelrote Tropfen und zerfetztes Gallertgewebe schwimmen darin... - auf all das Zerfetzte starre ich und meine Hände baumeln an mir herab, ich begreife das Geschehen nicht, kreidebleich erstarrt mein Gesicht. O-Ton 19: Cornelia Marx 2 Ich weiß noch, dass ich mit anderen ... über diesen Arzt gesprochen habe, der ja seine Approbation entzogen bekommen hat, der nicht mehr praktizieren durfte, weil ihm u.a. nachgesagt wurde, dass er bei diesen Abtreibungen, er hat wohl sehr viele gemacht, war wohl der Abtreibungsarzt von Berlin ne zeitlang, dass er das mit sadistischer Länge durchgeführt hat. Da sind noch andere Vorfälle gewesen, ... die das zur Folge hatten, dass er es nicht mehr durfte. Auch sehr makaber. Und das war bei uns auch so, das ich fand, dass der ganze Eingriff unheimlich lange gedauert hat. Erzähler: ?Mach langsam! Halt an!?, hat vor dem Abbruch alles in mir gerufen, aber ich konnte das in die Schleuse der Arztpraxis fahrende Schiff nicht stoppen, mit dem Abbruch bricht es durch das Schleusentor hindurch, wir stürzen und stürzen in eine bodenlose Tiefe... Musikakzent: O-Ton 20: Cornelia Marx 2 Dann sind wir, glaube ich, mit dem Taxi nach Hause gefahren. Da hab ich ganz viel geheult, also ich hab da ganz viel geheult, weil ... erst Mal ging?s mir nicht gut, zweiten Mal hab ich, glaube ich, auch Schmerzen gehabt, dann hatte ich dieses Loch-im-Bauch-Gefühl... also, ich find, du hast dann als Frau schon das Gefühl, dass dir da was rausgerissen wurde. Und mir dann erst dieser Einbruch erst kam, also durch diese Endgültigkeit, jetzt hast du dieses Kind abtreiben lassen und dieses Loch-im-Bauch-Gefühl und dass ich dann heulend im Bett lag, das weiß ich noch. Also, ich war unendlich traurig, überhaupt traurig, dann beginnt ja auch diese hormonelle Umstellung, aber erst einmal war ich entsetzt über den Vorgang der Abtreibung, wahnsinnig unglücklich über die Endgültigkeit des abgetriebenen Kindes, da war ich völlig am Ende. Erzähler: Sie ist traurig, aber sie erlebt das Mitgefühl ihrer Freundinnen. So fühle ich mich auch, mit einem Loch im Bauch. Wenn ich aber versuche, mit meinen Freunden darüber zu sprechen, geht das nicht. Sie wissen nicht, was dazu sagen, wechseln peinlich berührt das Thema oder müssen plötzlich weg. Vielleicht weil sie sich, wie so viele junge Männer damals, entschlossen haben, auf keinen Fall Vater zu werden. Ich ahne in diesen Tagen nur, dass das Kind in mir in stürmischer See weit, weit abgetrieben wurde und ich alles tun muss, was in meiner Macht steht, es eines Tages wieder zu sehen. O-Ton 21: Cornelia Marx 2 Das ist ja eher immer so das Bild gewesen: Ich hab mich abgetrieben. Ich hab mich immer selber als Baby gesehen, so, das ich abgetrieben hab. Was vermutlich, bei mir gibt es ja das Phänomen des ungewollten Kindes. Und ich glaube, das war ja für mich ja auch so ein Moment: Also kein gewolltes, sondern ein 150% gewolltes Kind auf die Welt zu bringen, wenn denn jemals, dann überhaupt nur so. Meine Mutter hätte mich bestimmt abgetrieben, wenn sie denn hätte abtreiben können, also damit hat es ja auch was zu tun, dass sich so ein merkwürdiger Zusammenhang daraus ergeben hat. Erzähler (fern): 6. November 1981: ?Was ist das für eine Art?!?, sagt sie, ?ich erzähle dir von mir und du hältst dir dein Tagebuch vors Gesicht.? ?Du wirfst mir vor, dass ich mir das Tagebuch vors Gesicht halte?, erwidere ich, ?aber wer kümmert sich um mich?? Musik, szenischer Bruch: Erzähler: Holger S. kehrt im Berliner Wedding in die Abtreibungsklinik zu seiner Partnerin zurück und ist von der Folge des Schwangerschaftsabbruchs völlig überrascht. O-Ton 22: Holger S. Da war plötzlich ein Faden gerissen. ... Es hat unsere Beziehung sehr, sehr gravierend verändert. Also, diese Schwangerschaft, damit habe ich eigentlich gar nicht gerechnet, diese Schwangerschaft hat bei ihr als auch bei mir etwas ausgelöst, womit ich nicht gerechnet hab, womit sie vielleicht auch nicht gerechnet hat, jedenfalls war nach einem knappen halben Jahr, also unsere Beziehung dann eben halt beendet. Weil so richtig über die Trauer haben wir nicht reden können, also, ich konnte es nicht, sie konnte es vielleicht auch nicht, dazu hätte es ja bedurft, dass ich sage, also ich hab mich falsch entschieden, also, was ich halt damals nicht konnte, ich hätte mich besser verhalten können, offener verhalten können, ich hätte mich nicht so ... egoistisch verhalten sollen. O-Ton 23: Wolfgang Neumann Ich glaube, dass es eine Extremsituation ist, vielleicht ähnlich vergleichbar einem Kindstod, auf die wir, ich wollte erst einmal sagen ?Gott sei Dank? nicht vorbereitet sind, weil das ja auch nicht unser Alltag ist, wo sich so was täglich abspielt. (...) Es stellt sich wirklich in diesem Moment für den Betroffenen die Frage seiner Entwicklung in seinem Leben, also steht alles in dem Moment auf dem Prüfstand. (...) Diese Leere, diesen Verlust, den die Frau hat, kann sie oft auch mit dem Mann nicht teilen, weil er eben in einer ganz anderen Position war. Und meine Erfahrung ist auch dann, dass viele Beziehungen daran scheitern, auseinander gehen, also so ?gemeinsames Leid ist geteiltes Leid? ist offensichtlich dann nicht möglich, wenn eine Seite, also in diesem Fall die Seite der Frau das richtig erleidet und der Mann erst im Nachklapp, also viel später manchmal anfängt darüber nachzudenken, ob das nun richtig war und ob er noch etwas hätte tun können und sich nicht doch positionieren müssen und zu sagen: Ich will das Kind aber, weil, es ist etwas von mir und wir schaffen das. O-Ton 24: Holger S. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich mich eben falsch verhalten hab, aber das war schon der Niedergang unserer Beziehung. ... Das war auch so richtig schleichend, das war nicht irgendwie, dass sich das also mit lautem Knall oder mit allem drum und dran, also dass Tassen durch die Gegend flogen, was weiß ich, oder mit Vorwürfen, du hast dich falsch verhalten, dem war nicht so, also da stand etwas zwischen uns, was sich so gar nicht fassen ließ, also, was dann eben dazu führte, dass sie auf dem Balkon sagte: .. ?Ich muss dir sagen, ich hab mich von dir so distanziert, dass, also ich trenne mich von dir.? Musik, szenischer Bruch: Erzähler: Der Schmerz um das abgetriebene Kind bleibt selbst für mich ein Phantom. Mir wurde es zwar nicht aus dem Körper gerissen, aber in Berlin bricht mir der Boden unter den Füßen weg. Mit nichts als Trauer und Schuld im Gemüt überkommt mich die große Sinnlosigkeit und ich vollziehe den zweiten Abbruch: Ich breche das Studium ab und ziehe mich in mich zurück. O-Ton 25: Cornelia Marx 2 Ich hab mich dann einfach ein Stück weit mit der Situation abgefunden und hab dann, glaube ich, auch manches verdrängt einfach, es versucht wegzupacken und auch mit so einem gewissen Aktionismus darüber wegzugehen. (...) Der Impuls kommt dann irgendwann, entweder du verstrickst dich dann in diese Depression und das war dann für mich irgendwann durch, ich wollte dann einfach ins Leben rein. Und hab das dann auch gemacht, in unterschiedlichster Form. Also mit der Hausbesetzer-Geschichte, dann Uni, also, ich kann mich erinnern, dass es eigentlich die Zeit gewesen ist, ... wo wir in vielen Projekten unterwegs waren, Straßentheater oder irgendwelche politischen Aktionen, ... ich immer mit einem Haufen von Leuten zu tun hatte. Dieses Sich-Lebendig-Fühlen und mit anderen sein, mit anderen was tun, das war mir wahnsinnig wichtig, sowieso immer und ich glaub, dass ich das so verstärkt hab, um aus diesem Loch wieder raus zu kommen. Erzähler: Jeder von uns geht damals auf seine Weise mit dem schrecklichen Erlebnis um. Erstaunlich ist, dass wir uns, wie es viele andere Paare nach einem Abbruch tun, nicht trennen. O-Ton 26: Cornelia Marx 2 Ich glaub letztendlich schon, dass die Liebe zwischen uns so ne Verbindung war, das offensichtlich so ein Trauma ausgehalten hat. Ich glaub, wir waren einfach noch nicht am Ende unserer Liebe oder unserer Beziehung angekommen. Ich glaube, wie haben doch wieder eine neue Idee für was Gemeinsames gefunden oder eine Perspektive gefunden oder waren neugierig auf ähnliche Dinge, weshalb wir das das dann doch gemeinsam weiter gemacht haben, gemeinsam weiter gegangen sind und nicht nur Unterschiedlichkeiten festgestellt haben. Musikakzent: Erzähler: Nach dem Schwangerschaftsabbruch verharre ich Monate lang in einer Schockstarre. Erst im März 1982 regen sich in den Niederungen meiner Existenz die ersten Lebensgeister. Ein Freund provoziert mich, um mich aus meiner Ohnmacht zu wecken. Er kennt mein schwieriges Verhältnis zu meinem Vater und verlangt dennoch genervt von mir: Erzähler (fern): ?Dann sag deinem Vater doch: Ich bin ein Mensch ohne Mut, ohne Wille!? Erzähler: Das sitzt. Niemals gestehe ich meinem Vater meine Schwäche ein. In Berlin fasse ich nicht mehr Fuß , also mache ich mich auf die Suche nach einem neuen Platz in der Welt. Über die italienische Riviera, wo ich für einige Monate in einer Ferienwohnung von Freunden unterkomme, reise ich im Sommer 1982 nach Paris. Dort treffe ich meine Lebensgefährtin wieder, sie besucht jetzt eine Schauspielschule. Und ich, auf einem Rheinschiff aufgewachsen, finde auf der Seine den Ort meiner Kindheit wieder, ein Hausboot, der Boden für mein zukünftiges Leben. Unsere Liebe lebt wieder auf, aber die Angst, abermals ein Kind zu zeugen, schwebt fast permanent als Demokloschwert über unserer Sexualität. O-Ton 28: Cornelia Marx 2 Ich hab ja auch zwei Fehlgeburten gehabt. (...)Das heißt, da ist ja das gewollte Leben und das hab ich nicht gekriegt, was ja auch total traurig ist. Also, insofern ist das manchmal so makaber, dass ich denke, ich hab ja auch was hergeben müssen, es ist halt so. Ich find es schon viel, viel Auseinandersetzung mit Kinderwunsch und verhindertem Kinderwunsch und toten Kind, so in unserer Beziehung, wobei ich jetzt weiß, dass das nicht ungewöhnlich ist, aber ein Aspekt der Beziehung ist, über den ja auch wenig geredet wird: wie viel ?tote Kinder? gibt?s denn in eurer Beziehung? Ich mein, darüber unterhält man sich ja nicht, aber das ist ne Tatsache. Erzähler: Ende März 1997, an einem Gründonnerstag, bringt meine Lebensgefährtin unsere gemeinsame Tochter zur Welt. Zehn Jahre später trennen wir uns als Paar und werden nach einigen heftigen Auseinandersetzungen zu Freunden. Musik, szenischer Bruch: O-Ton 29: Holger S. Hätt ich jetzt ein Kind ... , selbst wenn ich mit der Mutter keine Beziehung mehr hätte, könnt ich damit wahrscheinlich ganz hervorragend umgehen, also sozusagen, die Wunde wäre vernäht, wäre alles in trockenen Tücher. Und das ist, denke ich, für mich halt der Unterschied. Ich hab zwar auch ne tolle Partnerin, jetzt wieder, aber wir haben eben kein Kind. ... wir sind geschätzte Tante, Onkel, wir kommen mit den jüngeren Leuten, auch wenn?s ganz junge Leute sind, ganz wunderbar klar, aber es sind eben nicht die eigenen Kinder, das ist, denke ich, ein ganz, ganz großer Unterschied. Erzähler: Immer mal wieder schmerzen Holger S. heute seine eigene Kinderlosigkeit und sein falsches Verhalten vor 25 Jahren. Er ist kein Einzelfall. O-Ton 30: Holger S. Ich seh?s ja auch in unserem Freundeskreis. Ich würde sagen, 80% haben keine Kinder und das ist, wenn so die alten Leute ... mit Mitte 50 zum Geburtstag aufeinander treffen und da ist also weit und breit kein Kind, also, nä, schöne Wohnung, keine Kinder, das ist doch manchmal auch schon ein bisschen trübe. Erzähler: Im Jahr 2010 stehen in Deutschland 680.000 Lebendgeburten etwa 110.000 Abbrüche gegenüber. Bei vielen Männern, die im Laufe der Zeit zu Wolfgang Neumann in die Praxis kommen, trifft der Psychologe auf das unverarbeitete Erlebnis eines Schwangerschaftsabbruchs. Aus Schuld und Scham haben sie bislang nicht gesprochen. O-Ton 31: Wolfgang Neumann Selten kommen die Männer mit diesem Thema in die Therapie oder in die Beratung, sondern das Thema entwickelt sich aus einem anderen Zusammenhang oft. Wenn ich frage: Haben Sie Kinder? Oder es geht darum, dass sie in ihrem Beruf irgendwo stecken geblieben sind und sich fragen, was ist der Sinn meines Lebens. (....) In aller Regel muss man ihnen sagen, dass sie sich an die Trauerarbeit begeben müssen, d.h., sie müssen dieses Kind in gewisser Weise beweinen und sich eingestehen, dass sie, ja, man könnte ja sagen, etwas versäumt haben, was ihnen nachträglich jetzt leid tut. Und dazu gehört manchmal auch das Schreiben eines Briefes an dieses nicht bekommene Kind. Zitator: Liebes Kind, du wärst jetzt 18 Jahre alt ... O-Ton 32: Wolfgang Neumann Es handelt sich um einen 46-jährigen Lehrer, der innerhalb seiner Schule mit den Kindern und Jugendlichen überhaupt nicht mehr zurecht kam, kein rechtes Verständnis für diese Jugendlichen aufbringen konnte, damit kam er in die Beratung. Und ich hab ihn dann gefragt, ob er Kinder habe, da hat er erst abgewehrt und gesagt ?Das sei Psychokram?, aber dann hab ich doch darauf bestanden zu sagen, vielleicht hat es etwas zu tun mit ihrer Geschichte und dann sagt er mir den Satz: ... ?Mein Kind wäre jetzt 18 Jahre alt.? Zitator: Liebes Kind, du wärst jetzt 18 Jahre alt, also erwachsen und ich vermisse dich sehr, würdest du mir doch helfen, die Sicherheit zu finden, wie ich in meiner Arbeit in der Schule mit Schülern deines Alters umzugehen hätte, vor allem, was sie, so wie du, so denken und fühlen. Aber das ist lange nicht alles, ich vermisse es, dich aufwachsen gesehen zu haben und letztlich fehlt es mir, was von mir in den nächsten Generationen weiterleben würde, welche Eigenarten, welche Fähigkeiten ... ich wäre stolz auf dich gewesen, auch das Gefühl fehlt mir. So bleibt mir mein Bedauern, nicht für dein Leben gekämpft zu haben und im Grunde zu wissen, wofür sich mein Leben gelohnt hätte. Ein wenig helfen mir meine Nichten und Neffen, kann ich doch an ihnen sehen, wie sich Kinder entwickeln, aus abhängigen Wesen eigenständige Personen werden können. Ich denke erst seit Kurzem an dich, das tut mir leid, dazu musste ich erst selbst erfahren, wie schwierig das Leben manchmal zu meistern ist, davon hätte ich dir doch erzählen können und du hättest gesagt: Papa, das schaffst du schon. In Liebe dein Vater O-Ton 33: Wolfgang Neumann Der Hauptgedanke ist, es handelt sich nicht um Schuld. Das ist oft das Wichtigste, was ich oder auch meine Kollegen den Männern sagen: Hört auf mit dem Schuldthema, das verdeckt nur etwas, was dahinter steht, nämlich die Trauer. Also, wenn man vom Unglück die Schuld abzieht, dann bleibt genug Unglück zurück, keine Angst. Erzähler: Den Schwangerschaftsabbruch hat Holger S. nicht verdrängt. Die Abtreibung hat keine entscheidenden Folgen für seinen beruflichen Werdegang gehabt. Sein Kummer hat auch zu keiner Beziehungsunfähigkeit geführt. Aber ... O-Ton 34: Holger S. Wäre ich noch mal in die Situation gekommen, also dass ich noch mal Vater hätte werden können, da hätte ich mit 99,9-prozentiger Wahrscheinlichkeit gesagt: ok, also werden wir schwanger, ich möchte gerne Papa werden. Ich hab mir nicht versagt, also Vater zu werden ..., sondern ich habe einfach versagt in der Situation ?Ja? zu sagen zu dem Kind. Also, den Fehler macht bitte nicht. ... Schaut euch die Frau schon an und wenn ihr einigermaßen das Gefühl habt, mit der lässt sich eine gerade Furche pflügen (leichtes Lachen), dann sagt Ja zum Kind. Erzähler: Zwar ist die Atmosphäre in Berlin gegenüber den 80er Jahren kinderfreundlicher geworden, dennoch bleibt der Wunsch nach einem Kind in Deutschland so gering wie in keinem anderen europäischen Land. Laut Statistik bekommt hier jede Frau - wie 1981 so auch 2010 - im Schnitt 1,4 Kinder. Zwar geben sich vor allem Politikerinnen Mühe, Männern Kinder schmackhaft zu machen, dennoch wollen heute viele Männer nicht Vater werden. O-Ton 35: Wolfgang Neumann Ich glaube, dass diese Männer wirklich die Wertigkeit, die Kreativität, die Kinder in ihr Leben bringen würden völlig unterschätzen. Natürlich ist es auch Verantwortung, man muss sich auseinandersetzen mit Institutionen unserer Erziehung, natürlich, andererseits sind wir auch voll im Leben drin und machen nicht schon so ein Rentnerdasein mit 40, nur weil wir sagen, wir wollen keine Kinder haben. Also, ich denke, ... ich finde, dass es sich einfach lohnt. (...) Ich glaube, (...) dass sie über das eigene Kind ihre eigene Kindheit nochmals teilweise zurück zu erinnern, auch Stücke auszuleben, die man normalerweise nicht mehr erlebt, weil man gestanden ist, sich ordentlich verhält, nicht laut schreit usw. Ich würde sagen, wir können als Profis oder Väter ... den jüngeren Leuten Mut machen, zu sagen, ne, guckt doch mal hin, dass ist euer Leben, und ihr könnt eurem Leben einen Sinn geben und euer Leben auch weiter an eine nächste Generation. Und euer Erbe wird sich lohnen. Musik, szenischer Bruch: Erzähler: Noch heute sind meine frühere Lebensgefährtin und ich untröstlich darüber, dass wir das erste Kind nicht bekommen haben. Immerhin können wir nun das tun, worin wir damals versagt haben: offen miteinander über den versagten Kinderwunsch sprechen. O-Ton 36: Cornelia Marx 2 Wenn man mir jetzt diese merkwürdige Frage stellen würde, was würden sie anders machen in ihrem Leben, wenn sie es noch einmal anders machen könnten, dann wäre das sicherlich ein Punkt, wo ich sagen würde: Ich würde dieses Kind nicht mehr abtreiben. Erzähler: Ja, stellen wir uns vor, wir hätten das Kind bekommen. Es wäre ein Junge gewesen, darin sind wir uns beide einig. Stellen wir uns ein anderes Leben jenseits des gelebten Lebens der letzten Jahrzehnte vor. Ich hätte bereits im Alter von 25 Jahren in die Verantwortung für eine kleine Familie hinein wachsen müssen. Nehmen wir an, ich hätte es geschafft. Meine damalige Partnerin und ich wären womöglich in Berlin sesshaft geworden und hätten geheiratet. Ich hätte mein Studium beendet und wäre heute Lektor eines Verlages oder Dramaturg eines Theaters. Wir hätten ein zweites Kind bekommen und würden ein Bilderbuchleben führen. Was aber, wenn mich die kleine Familie von Anfang an überfordert hätte? O-Ton 37: Cornelia Marx 2 (leichtes Lachen) Na ja, was natürlich toll wäre, dass ich ein 30jähriges Kind hab. Was ich toll find, die Vorstellung, so jung Mutter zu sein, ist ja auch was Faszinierendes daran im Alter. Also, ich glaub, dass das sehr, sehr schwer gewesen wäre für mich. Und es wäre sehr, sehr schwer auch für das Kind gewesen, (...) war ja mein größtes Problem, dass die Entscheidung für ein Kind Verzicht auf vieles andere bedeutet hätte, ... damit habe ich ja am meisten gehadert, ich kann aber nicht verzichten, ich will nicht verzichten. Und das Kind hätte sicherlich viel von diesem ?Das konnte ich wegen dir nicht machen? abgekriegt. Was jetzt heute, ... wo wir eine 14jährige Tochter haben, einfach nicht mehr stattfindet, manchmal schon auch, ich aber weiß, dass das Blödsinn ist und ich das Wesentliche eben alles erlebt und gelebt habe, bevor ich mit ihr schwanger geworden bin. O-Ton 38: Holger S. Es wär wahrscheinlich anders verlaufen, mein Leben, es wäre bestimmt gut verlaufen. Wär schon toll, wenn da heute so ne 25-jährige Frau reinkommen würde und mich älteren Herrn ab und zu noch mal herausfordern würde, so nach dem Motto: Komm runter vom Sofa, an der Stelle musst du dich noch ein bisschen anders verhalten und an der Stelle musst du dich noch mal anders verhalten. Und das hat man eben nicht, wenn man keine Kinder hat. Musik: Absage: Versager Männer beim Abbruch einer Schwangerschaft Sie hörten ein Feature von Egon Koch Es sprachen Volker Risch und Rainer Delventhal Regie und Redaktion: Ulrike Bajohr Ton und Technik: Beate Braun und Michael Morawietz Eine Produktion des Deutschlandfunks 2011 19 19