Deutschlandfunk GESICHTER EUROPAS Samstag, 09. Juli 2011 - 11.05 - 12.00 Uhr Der Hafen von Piräus - Chinesische Investoren planen das "Rotterdam des Südens" mit Reportagen von Simone Böcker und Chrissa Wilkens Redakteur am Mikrofon: Norbert Weber Musikauswahl: Babette Michel Urheberrechtlicher Hinweis Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. (c) Opening: (Stimmen) Musik Ein Hafengewerkschafter über die Verpachtung des Hafens von Piräus : Hier in Griechenland verwechselt man Investitionen mit dem Ausverkauf des staatlichen Vermögens. Was hat die Regierung gemacht? Sie hat einen funktionierenden Laden genommen, das Herzstück des Hafens, und hat es den Chinesen für eine lächerliche Pacht von 17 Millionen Euro überlassen. Und eine Wirtschaftsexpertin über das Geschäft mit der chinesischen Reederei Cosco: Es war ein hervorragender Deal. Damit ein Hafen wettbewerbsfähig ist, müssen realistische Löhne gezahlt werden. Der Hafen von Piräus war vorher nicht wettbewerbsfähig. Jetzt wird er es, dank Cosco. Gesichter Europas: Der Hafen von Piräus - Chinesische Investoren planen das "Rotterdam des Südens". Mit Reportagen von Simone Böcker und Chrissa Wilkens. Am Mikrofon begrüßt Sie Norbert Weber. Musik Er ist der größte Hafen Griechenlands und das Tor zu den fast 2000 griechischen Inseln. Seit der Antike ist Piräus der Hafen von Athen. Er verhalf der Hauptstadt, dank seiner günstigen geostrategischen Lage zwischen Europa, Asien und Afrika, zur Rolle einer wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen Weltmacht. Heute ist die 3,5 Millionen Einwohner-Stadt mit Athen fast nahtlos verwachsen und noch immer geht es von hier aus in die weite Welt: Piräus ist der größte Passagierhafen Europas. Fähren und Kreuzfahrtschiffe legen an den Kais an, im Containerhafen und Car-Terminal werden Hunderttausende von Fahrzeugen im Jahr verladen und Waren aus allen Erdteilen umgeschlagen. Piräus ist ein Symbol für die Tradition der griechischen Schifffahrt. 800 griechische Reeder dirigieren von hier aus die größte Handelsflotte der Welt. ATMO Busfahrt, Stimmen Doch der Stolz Griechenlands ist nicht mehr nur unter griechischer Hoheit. In Folge der Schuldenkrise hat die griechische Regierung im Jahr 2009 einen Großteil des Containerhafengeländes für 35 Jahre an die China Ocean Shipping Company, kurz Cosco, verpachtet. Eine Win-Win Situation, so die beiden Vertragspartner. - Und Cosco hat ehrgeizige Ziele: Das chinesische Unternehmen will den Hafen zum "Rotterdam des Südens" ausbauen - ein Dreh- und Angelpunkt für Exporte chinesischer Produkte nach Mittel- und Osteuropa soll entstehen. In Zeiten der finanziellen Katastrophe ist man auf griechischer Seite dankbar für jede Investition. Doch an Pier I, dem noch griechischen Teil des Hafens, ist man anderer Meinung. Reportage 1 7'43" Langsam fährt der Kleinbus über das Hafengelände, vorbei an den haushoch gestapelten Containern, über denen die Kräne leuchtend orange in den Himmel ragen. Männer, die meisten von ihnen in olivgrünen T-Shirts mit der Aufschrift "Piräus Dockworkers", steigen auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle ein und aus; scherzend klopfen sie sich gegenseitig auf die Schultern. Atmo aussteigen, Hafenlärm Ein weinrotes Schiff liegt heute am Pier I, weiße Säcke schweben an Seilen durch die Luft. Die "Alka" wird beladen. Thanassis Kanellopoulos, stämmig, grauer Vollbart, zieht seine Arbeitshandschuhe an. Seit 25 Jahren be- und entlädt er Schiffe in Piräus. Als ich angefangen habe hier zu arbeiten, gab es nur Felsen. //Wir haben den Hafen dann aufgebaut. Alles, was Sie hier sehen, haben wir mit unseren Händen geschaffen. Der Hafen ist für uns wie unser eigenes Haus. Er ist unser Leben. Thanassis Kanellopoulos deutet mit einer Kopfbewegung auf den Schiffsanleger Pier II, wo er bis vor zwei Jahren noch ein und aus gegangen ist. Da drüben sind jetzt die Chinesen, sagt der Hafenarbeiter. Heute bleibt den Griechen mit Pier I nur noch ein kleiner Teil des Geländes. Ein Kollege hat sich zu Thanassis Kanellopoulos gestellt. Giannis Patiniotakis war dabei, als sich die Hafenarbeiter 2009 gegen die Übernahme vom Kernstück des Hafens mit Streiks gewehrt haben. Einen ganzen Sommer lang legten sie immer wieder den Passagierverkehr in Piräus lahm. Es war ein entschlossener und harter Kampf aller Kollegen. Er war schmerzhaft: Für uns, weil wir weniger Geld verdient haben, aber auch für die Leute in Piräus wegen der ständigen Streiks. Sie haben uns gelitten. Denn ein großer Teil von Piräus lebt vom Handel und den Passagierschiffen. Aber wir konnten nicht bewahren, was Generationen vor uns aufgebaut haben. Wir haben viele Kämpfe gewonnen, diesen aber haben wir verloren. Eineinhalb Millionen Container pro Jahr haben die Arbeiter früher verladen. Jetzt ist es nur noch ein Bruchteil dessen. - Noch ein Blick Richtung Pier II, dann wenden sich Thanassis Kanellopoulos und Giannis Patiniotakis den Säcken auf der "Alka" zu. Wir sind von Pier II verjagt worden. Dieser Pier wurde einfach zu einem sehr niedrigen Preis abgegeben. In den nächsten 35 Jahren, die Cosco den Hafen nutzt, wird es sehr wenige Gewinne für uns geben. Ein paar hundert Meter entfernt befindet sich das Gewerkschaftsbüro der Hafenarbeiter. Stamatis Koulouras, Vizepräsident der Gewerkschaft, sitzt auch am Samstag hinter seinem über 30 Jahre alten Schreibtisch und teilt Schichten ein. Auch er versteht bis heute nicht, warum die Regierung sich auf den Handel mit Cosco eingelassen hat. Hier in Griechenland verwechselt man Investitionen mit dem Ausverkauf des staatlichen Vermögens. // Was hat die Regierung gemacht? Sie hat einen funktionierenden Laden genommen, das Herzstück des Hafens, und hat es den Chinesen für eine lächerliche Pacht von 17 Millionen Euro überlassen. Der Hafen hat früher einen Umsatz von 170-200 Millionen Euro jährlich gemacht. Wir hatten Gewinne von 30-40 Millionen Euro im Jahr. Die griechische Regierung habe den Chinesen den Hafen auf dem Silbertablett präsentiert, klagt Stamatis Koulouras. Zwar hat sich Cosco zu 16 Millionen Euro Pacht plus Investitionen im Wert von mehreren hundert Millionen Euro verpflichtet, doch musste die Hafengesellschaft OLP dafür in den Aufbau von Pier I investieren, um überhaupt noch über ein eigenes Hafengebiet zu verfügen. Mit den gerade mal sieben Kränen werden jetzt lediglich nur noch 50-100 000 Container im Jahr verladen. Die meiste Arbeit wird nun von Cosco erledigt. So eine Investition hat Griechenland gemacht, brummt Stamatis ironisch. Absurd sei das. Von Anfang an hatte die griechische Regierung die Absicht, den Hafen an Cosco abzugeben, ist er überzeugt. Seit 2005 hat die Regierung von Nea Demokratia Schlechtes über die Hafenarbeiter verbreitet. Sie sagte, Hafenarbeitern würden immense Gehälter einstreichen, es sei besser, den Hafen abzugeben. Wir waren im Ministerium und haben angeboten, auf die Hälfte unseres Gehalts zu verzichten, wenn unsere Löhne das Problem sind. Dafür sollte der Hafen in unserer Hand bleiben. Das haben sie nicht akzeptiert. Sie haben eine bestimmte Linie verfolgt. Die Gehaltskürzungen sind trotzdem gekommen. Und es herrscht Angst vor Entlassungen. Der rundliche Mann mit den raspelkurzen grauen Haaren setzt sich zu seinem Kollegen Giorgos Gogos an den Besprechungstisch. Mit dem Generalsekretär teilt er sich ein Büro. Gogos nimmt ein Päckchen Tabak, dreht eine Zigarette, schiebt sie seinem Kollegen über den Tisch. Dann dreht er sich selbst eine. Am Schlimmsten ist, dass Cosco dabei ist, den Standard der Arbeitsbedingungen insgesamt nach unten zu verschieben, seufzt er. Das Abkommen, das die damalige Regierung mit Cosco abgeschlossen hat, hat viele Grauzonen und erlaubt Cosco, Dinge zu fordern, die nirgendwo schriftlich stehen. Es gibt bei ihnen keinen Arbeitnehmerschutz. Das betrifft alle Bereiche, angefangen bei sehr flexiblen Arbeitszeiten bis zu fehlender Ausbildung, fehlender Unfallversicherung, fehlender Hygiene und Sicherheitsbestimmungen - Dinge, die überall sonst selbstverständlich sind. Und Cosco hat das hier zum ersten Mal durchgesetzt. China - so sehen es die beiden Gewerkschaftler - wolle einen Zugang zu Europa durch die Hintertür, um chinesische Produkte einzuführen, und das zu ihren eigenen Bedingungen. Und noch etwas fürchten sie: Dass der Hafen komplett privatisiert wird. Deshalb beteiligt sich die Gewerkschaft an den Protestversammlungen vor dem Parlament, sagt Giorgos Gogos, und beabsichtigt auch an den Docks zu streiken. Dennoch, Gogos hat wenig Hoffnung: Es ist offensichtlich, dass die Regierung nicht die Absicht hat, die Arbeiterklasse und die Rentner zu unterstützen. Wir sehen den Sozialstaat ständig schrumpfen. Wir sehen, dass das Land erneut Geld leiht und gleichzeitig ein unglaublicher Ausverkauf des staatlichen Vermögens stattfindet. Wie kann man optimistisch sein bei diesen immensen Schulden, die nicht wir Arbeiter gemacht haben, sondern bestimmte Politiker zusammen mit bestimmten bekannten Firmen. Wir alle wissen, wohin das Geld gegangen ist. Atmo Hafen Zurück am Pier I. Giannis Patiniotakis hat gerade Pause. Er sitzt auf einem Pflock und trinkt aus seiner Wasserflasche. Früher war die Arbeit härter, sagt er, aber man hat auch mehr gelacht. Der Hafen ist für ihn seit 2009 nicht mehr derselbe. Der Hafen bedeutet für mich Liebe und gleichzeitig auch Schmerz. Ich hätte auch freiwillig in Rente gehen können, als Cosco gekommen ist, aber ich wollte nicht. Wir sind mit dem Hafen verbunden und auch mit der Idee, dass wir für den Staat und die Besucher von Piräus etwas leisten. Diese gemischten Gefühle bringen Frustration, schlecht Laune und viel Traurigkeit und einen Unmut gegen die Regierung, gegen jede Regierung. Musik Der Roman "To 10", auf Deutsch, "Die Zehn", spielt in einem traditionellen Mietshaus in Piräus und beschreibt die neugriechische Gesellschaft in den 1950er Jahren. Im Fokus sind vor allem die verschiedenen Charaktere des Hafenviertels, die Hafenarbeiter, Huren und Durchschnittsgriechen. Der Schriftsteller Manolis Karagatsis stattete dem Hafen jeden Morgen einen Besuch ab, um Material für seinen Roman zu sammeln. Musik Lit 1 LIT 1 Die zwei Ampeln am Hafeneingang blinkten rhythmisch rot und grün. Ein bisschen weiter draußen auf dem offenen Meer warteten vier voll beladene Schiffe auf den Lotsen, der sie frühmorgens in den Hafen bringen würde. Die Menschen liefen schweigsam durch die Hafenstraßen und versuchten ihren Schritt zu beschleunigen, soweit die Mühen der Arbeit und der übermannende Schlaf es erlaubten. Es waren die Arbeiter der Nachtschicht, die ihren Dienst beendet hatten und nach Hause gingen und ihre Kollegen, die kamen, um sie abzulösen. Die zwei entgegen gesetzten Menschenströme begegneten sich in den armen Wohnvierteln des Hafens. Sie stießen still und gleichgültig aufeinander, ohne einen Blick oder ein Wort zu wechseln. Die Worte "Guten Morgen" auszusprechen, schien überflüssig, denn es erwartete alle ein schlechter Tag nach einer Nacht voller Mühe und Schlaflosigkeit. Das Leben auf dieser Welt ist nicht für alle schön... Musik Bislang nutzten Europa und die Welt China als Billiglohnland, um Produkte extrem kostengünstig auf den Markt zu bringen. Doch nun macht auch China von dieser Methode Gebrauch. In einem Europa, das immer mehr von Krisen geschüttelt und von deregulierten Arbeitsverhältnissen beherrscht ist, finden die Chinesen zunehmend offene Türen. Und so werden die Beziehungen zwischen europäischen Ländern und China immer enger - auch mit dem vom Staatsbankrott bedrohten Griechenland. Etliche bilaterale Abkommen über Schifffahrt, Handel und Tourismus wurden in den letzten Monaten abgeschlossen. In den momentanen Krisenzeiten kauft China griechische Staatsanleihen und verspricht, das auch in Zukunft zu tun - ein "Freundschaftsdienst", für den China im Gegenzug auf günstige Bedingungen für Investitionen hofft. Denn China hat großes Interesse daran, Griechenland als Drehscheibe für seine Exportgüter nach Europa auszubauen. Verhandlungen laufen bereits über eine Freihandelszone für den Hafen, ebenso über ein Logistikzentrum in Hafennähe, in dem importierte chinesische Produkte veredelt und dann mit dem Siegel "made in Europe" ausgestattet werden könnten - das brächte bessere Vertriebschancen für Chinas Waren in Europa. ATMO 2 Café Für die griechischen Hafenarbeiter ist das bislang durch den Abbau ihrer Rechte zu spüren, denn Gewerkschaften sind bei der chinesischen Reederei Cosco nicht zugelassen. Das Unternehmen geht bislang jeder Form von Mitbestimmung aus dem Weg. Bei Cosco hüllt man sich indes in Schweigen: Interviewanfragen werden abgelehnt, generell dringen kaum Informationen über das Unternehmen an die Öffentlichkeit. Wie es an Pier II wirklich aussieht, wissen deshalb nur diejenigen, die dort arbeiten. Doch von ihnen ist kaum jemand bereit, offen darüber zu reden. Zu groß ist die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Reportage 2 5'03" Treffpunkt ist ein Café im Zentrum von Athen. Nennen wir ihn Nikos, seinen wirklichen Namen will er nicht verraten. Er sitzt vor einer Tasse Espresso, seine Augen schweifen unruhig umher. Wir sollen nichts über ihn wissen, was nichts zur Sache tut. Dann ist er bereit, darüber zu reden, was sein Leben derzeit nahezu unerträglich macht. Seit er sich auf eine Anzeige des Unternehmens Cosco gemeldet hat und einer der Hafenarbeiter von Pier II geworden ist. Ich dachte, es wäre eine internationale Firma mit einer guten Basis hier in Griechenland. Aber der Arbeitstag beginnt in einem Minibus mit 50 Personen, in den eigentlich nicht mehr als 30 Personen reinpassen und dann wirst du auf die verschiedenen Arbeitsplätze verteilt. Um 6:45 Uhr bist du schon zerquetscht wie in einer Sardinendose. Dann arbeitest du acht Stunden in einer Höhe von 15 Metern. Und bei Arbeitsende interessiert sich keiner dafür, ob du noch lebst. Das Wichtige ist, das die nächste Schicht kommt. Schnell hat Nikos seine Illusionen über die neue Arbeitsstelle verloren. Stutzig wurde er bereits bei der Ausbildung. Die meisten Leute, die diese Maschinen bedienen, sind ungelernte Arbeiter. Es gibt ein Basistraining, das meistens jemand macht, der selbst erst seit einem Monat da arbeitet. Der soll dir dann seine Erfahrung weitergeben. Ein Mensch, der nur einen Monat in der Firma arbeitet - welche Erfahrung kann er vermitteln? Seine Arbeit ist hart und anstrengend. Von einem der Kräne aus muss er die Container millimetergenau an ihren Platz manövrieren. Sicherheitskontrollen finden so gut wie nicht statt, sagt Nikos, genauso wenig wie Wartungsarbeiten an den Maschinen, die fast pausenlos im Einsatz sind. Deswegen kommt es auch zu Arbeitsunfällen. Beim letzten Unfall haben sie einen Kollegen, der daran beteiligt war, gezwungen, ein Schuldeingeständnis zu unterschreiben, weil die beiden anderen, die den Unfall verursacht haben, keine Erlaubnis zum Bedienen der Maschine hatten. Der Verletzte wird behindert bleiben, wie ich erfahren habe. Nikos hat Angst, dass ihm selbst etwas zustoßen könnte. Denn auch die vorgeschriebenen Ruhezeiten für das Personal werden so gut wie nie eingehalten. Arbeitsschichten werden ganz spontan eingeteilt, per SMS aufs Handy. Vielleicht bist du noch auf der Arbeit und die schicken dir dann eine SMS, dass du gleich dableiben sollst. So läuft das... Das ist einfach unmöglich. Es kommt vor, dass meine Schicht zu Ende ist und wenn ich zur nächsten wieder komme, arbeiten da immer noch dieselben Leute! Man kann nie einen freien Tag planen oder sich ausruhen. Man kann nur frei nehmen, wenn es keine Arbeit gibt. Das heißt, ich muss warten, bis mal kein Schiff da ist, damit ich meine Sachen erledigen oder mich ausruhen kann. Das ist schrecklich. Nikos wippt nervös mit den Beinen. Sein Gesicht, eigentlich voller tiefer Lachfalten, ist von Kummer gezeichnet. Er schämt sich, über all das zu sprechen. Über die Würde, die ihm jeden Tag ein bisschen mehr genommen wird. Mit kaum jemandem kann er über seine Erfahrungen reden. Selbst seiner Frau hat er nicht alles erzählt. Zum Beispiel, dass die Arbeiter nicht einmal eine Pause bekommen, um auf die Toilette zu gehen. Und das alles für 1600 Euro im Monat. Ich will schon lange weggehen, aber ich schaffe es nicht. Wo soll ich denn hin? Zu meiner alten Arbeit? Das ist nicht möglich. Eine andere Arbeit kann ich auch nicht finden. Also vegetiere ich vor mich hin in der Hoffnung, dass sich etwas ändert. Dass vielleicht die griechische Regierung endlich bereits ist Stellung zu beziehen. Sie sollen nicht nur über die Investitionen von Cosco reden, sondern auch über die Situation der Angestellten. Doch die Inspekteure schaffen es nur bis zur Personalabteilung. Angeblich schauen sie sich um und schreiben Berichte ans Ministerium, aber keiner kontrolliert genau, wer, wo an welcher Maschine sitzt und ob er die nötigen Papiere dazu hat. Die bleiben einfach vor verschlossenen Türen! Auf kritische Anfragen einiger Abgeordneter reagierte die Regierung abwehrend: Es käme bei Cosco zu keinerlei Rechtsverstößen. Darüber kann Nikos nur den Kopf schütteln. Er nimmt den letzten Schluck aus seiner Tasse, bevor er sich wieder auf den Weg zur Arbeit machen muss. Über die Absichten von Cosco in Griechenland hat er keine Ahnung. Was er dagegen jeden Tag zu spüren bekommt, das ist der immense Druck, der auf ihm und seinen Kollegen lastet. Ich glaube, die Chinesen wollen aus Nichts Geld machen. Sie wollen Gewinne machen, ohne dafür Geld auszugeben. Sie möchten investieren, aber ohne Kapital. Und sie zählen dabei auf die Arbeitslosigkeit hier im Land, sie nutzen unsere Misere aus, unsere Duldsamkeit. Das ist das einzige, worin sie investieren. Musik Musik Lit 2 Lit 2 Nur eine Ecke des Hafens war belebt, dort gab es Trubel, Verkehr, Stimmen und mehr Lichter: der Fischmarkt. Die Fischerboote kamen vom offenen Meer und verkrochen sich schnell im Hafen. Sie füllten ihn mit dem rhythmischen Klappern ihrer Motoren und dem Gestank ihres kurzen Auspuffs. Als sie am Fischmarkt ankamen, wendeten sie, warfen Anker, ließen die Schiffsschraube ein bisschen rückwärts laufen und banden das Boot am Heck an die Mole an. Dann luden sie die Kisten mit den Fischen aus, auf die sich die Fischhändler sogleich stürzten. Mit erfahrenem Blick prüften sie die Ware und begannen um den Preis zu feilschen. Immer wenn ein Verkauf zustande kam, lud der Händler die Ware auf sein Dreiradmofa und fuhr los zu seinem Geschäft, irgendwo im endlosen Gewühl der Hauptstadt, die umgeben war von Egáleo, Parnítha, Pentéli, Hymitós und dem Saronischen Golf, so dass Leviathan bereits seine Nahrung hatte, wenn er aufwachte. Die Morgenstille auf den Straßen wurde immer wieder erfüllt von dem Lärm der schnell vorbeifahrenden Dreiradmofas, die den durch die Hitze unruhigen Schlaf der Menschen störten. Es gab auch einen Schlepper am Hafen, der beharrlich und verzweifelt vor sich hin pfiff. Dieser ganze Lärm leitete das allgemeine Aufwachen der Stadt in die Wege, das mit dem Aufgehen der Sonne über der Bergspitze vollendet werden würde. Musik Lit 2 Während der Hafen von Piräus wachsen soll und in den Ausbau von Container- und Kreuzschifffahrt investiert wird, haben alt gediente Handwerkszünfte das Nachsehen. Direkt neben dem heutigen Containerhafen, anschließend an Pier II, liegt Pérama, ein Vorort von Piräus. Die kleine Gemeinde mit ihren rund 25.000 Einwohnern liegt am westlichen Ende des Hafengebiets. Der Ort entstand Anfang des letzten Jahrhunderts wegen des sich ausdehnenden Hafens und zog vor allem Fischer und Bootsbauer an. Bald wurde Pérama das Herz des Schiffsbaus in Griechenland. ATMO 3 Begrüßung Doch die griechischen Schiffsbauer können schon lang nicht mehr mit den günstigeren Angeboten aus Asien und Osteuropa konkurrieren. Viele Werften mussten bereits schließen, viele stehen kurz davor. Die Arbeitslosenrate liegt in Pérama zwischen 60- und 70 Prozent, bei einem Landesdurchschnitt von etwas mehr als 16 Prozent. Entstanden einst in den Werften des kleinen Küstenorts die meisten der Holz-Segelboote, die das Mittelmeer bereisten, ist diese Handwerkstradition heute nahezu ausgestorben. Reportage 3 Es ist ein unscheinbares Haus an der Hauptstraße, die entlang der Küste durch Perama führt. Hier wohnt Alekos Papadopoulous. Mit seinen 77 Jahren ist er einer der ältesten Bewohner des Ortes. - Seine Tochter Fofi öffnet das Gartentor und führt ins Wohnzimmer, einem Raum mit hellgrün gestrichenen Wänden und Blumengardinen, und einem Interieur im mediterranen Landhausstil. Nur eine Fotowand am Eingang erinnert an vergangene Zeiten. Schwarz-Weiss-Bilder von Segelbooten hängen dicht übereinander, Gruppenaufnahmen von Hafenarbeitern, alte Familienbilder. Sie erzählen von einer Zeit, als Perama noch ein kleines malerisches Dörfchen war. Wir haben früher das Meer von hier aus gesehen. Heute haben sie uns diesen Blick genommen. Wir müssen schon auf den Berg steigen, um einen freien Blick auf das Meer zu haben. Meine Frau möchte hin und wieder, dass wir uns ein bisschen auf den Balkon setzen. Aber ich will nicht. Damit ich nicht sehen muss, wie es heute aussieht. Früher - das war die Zeit, als in Perama noch die großen Handwerksmeister ihre Kunst ausübten: den Holzbootsbau. Alekos Papadopoulous Vater war einer von ihnen. In den 1920er Jahren kam er von der Insel Samos nach Perama. Er kaufte sich ein Stückchen Land und machte seine eigene Werft auf, um Segelboote zu bauen. Wir wurden quasi in der Werft geboren. Denn das Haus, das mein Vater damals gebaut hat, lag mitten auf der Werft. Du bist aus dem Haus gegangen und in 10 Meter Entfernung war das Meer. Da sind wir geboren, da sind wir aufgewachsen, da haben wir das Leben gelernt. Der schlanke, drahtige Mann, maritim gekleidet in blauweiß gestreiftem Polohemd, interessierte sich wenig für die Schule. Früh stieg er in das Geschäft seines Vaters ein. Man verbindet sich mit dieser Arbeit. Es ist eine vielfältige Arbeit, bei der zuerst das Gehirn arbeiten muss und dann die Hände. Und es ist eine traditionelle Arbeit, die es seit der Antike gibt. Unser Land hat von dieser Arbeit gelebt. Griechenland hat nie aufgehört Holzschiffe zu bauen. So wie die Griechen in der Antike ihre Häuser gebaut haben, so haben sie auch die Schiffe gebaut, es musste alles perfekt sein. Aleko Papadopoulous bittet seine Tochter, den großen Plastiksack aus dem Nebenzimmer zu holen. Darin bewahrt er die Modelle all der Bootstypen auf, die er gebaut hat. Vorsichtig und liebevoll stellt er die kleinen Holzschiffe vor sich auf den Tisch. Manche mit dicken ausladenden Bäuchen, manche schmal und schnittig, der Bug mal steiler mal kürzer, manche mit einem andere mit mehreren Masten. Dies ist das páron das briki wie wir es nennen. Das war ein Schiff, das auf den griechischen Meeren sehr präsent war, seit Jahrhunderten. Jedes Modell hat seinen eigenen Namen. Alekos Finger streichen über das Holz. Die Arbeit war sehr schwer. Manchmal hat sie mich erschöpft. Wir haben gearbeitet von Sonnen auf- bis Sonnenuntergang. Aber wenn die Arbeit zu Ende war, hat man das Ergebnis gesehen. Man hat das Holzschiff angeschaut und war stolz darauf. Mann sagte sich, ja das habe ich gebaut. Und das hat mir gefallen. Ein Schiff ist etwas, das man baut und dann bewundert. So wie ein Maler mit seinem Bild, so ist es auch mit einem Holzschiff. Es dauert lange bis es fertig ist, aber wenn es dann fertig ist, dann bewundert man es. Die dunklen Augen des alten Mannes werden traurig. Gedankenverloren betrachtet er ein Werkzeug aus drei aneinander geschraubten Latten, das schon sein Vater benutzt hat. Mit ihm kann man die Rundung von Bug oder Heck berechnen. Weißt du, wie alt dieses Gerät ist? Über 50 Jahre! Dieses kleine Stück Holz. Ich habe es aufbewahrt, damit es ins Museum kommt. Aber keiner interessiert sich dafür. Mich erfüllen diese Erinnerungen mit Sehnsucht. Weil diese Arbeit jetzt immer seltener wird. Hier in Perama kann man sagen, dass sie schon fast verschwunden ist. Es gibt nur noch sehr wenige Werften. Und auch die letzten werden nun geschlossen. Das macht mich sehr traurig. Weil ich Perama früher erlebt habe, als es noch sehr viel Arbeit gab und alles lebendig war. Die Werft hat Alekos Papadopoulous vor 12 Jahren verkauft. Sein Sohn wollte das Handwerk nicht fortführen, die Mieten und Arbeitskosten stiegen in die Höhe, Plastik hat das Holz ersetzt. Der Bootsbauer hätte modernisieren müssen, dazu fehlte ihm das Kapital. Alekos Papadopoulous zeigt aus dem Fenster. Die Werftanlage liegt noch immer gegenüber auf der anderen Straßenseite. Nun werden dort Metallschiffe gebaut. Doch auf der Meeresseite bilden die nebeneinander stehenden Hallen heute eine hohe Mauer entlang der Hafenstraße. Überall sind diese Kräne, diese großen Werfthallen. Das macht mich sehr traurig. Ich will nicht mehr in Perama leben. Ich möchte mich an Perama so erinnern wie es war, als ich jung war. Ich will weggehen und nicht mehr zurückkommen. Aber wenn ich weg gehe, dann zieht mich wieder etwas hierher und ich komme zurück. Es sind die Erinnerungen, die Erlebnisse, ein ganzes Leben. Was soll ich machen? Das alles aufgeben? Das geht nicht. Alekos Papadopoulous räumt die Modellschiffe wieder zurück in die Tüte. Er ist einer der letzten in Perama, die das Bootsbauhandwerk noch verstehen. Das Leben war nicht leicht früher, sagt er. Aber jeder hatte seinen Stolz, seine Arbeit. Und man sah das Meer, an dessen Ufer man geboren war. Musik Musik Lit 3 Lit 3 Die Sonne tauchte plötzlich über dem Hymitós Berg auf und vergoss schon am frühen Morgen heißes Blei. Der heutige Tag würde viel heißer werden als der gestrige. Die Glocken der nahe gelegenen Kirche des Heiligen Jonannes Riganas läuteten. Despina bekreuzigte sich. "Danke mein Gott", sagte sie. "Was du mir gegeben hast, ist schon zu viel für mich, ich Unwürdige. Ich bereue meine Sünden nicht, aber du bist Gott, du verstehst viel mehr als die Menschen, du wirst mir vergeben". Unten an der Straße erhob sich Elenara mit Mühe aus ihrem Stuhl. Das kranke Fett ihres Alters machten ihre Bewegungen schwierig. Vielleicht war es nicht nur das Fett sondern auch ihre Herzprobleme. Ihre Syphiliserkrankung hatte Schäden angerichtet, obwohl sie diese behandeln ließ. -Ich muss gehen, sagte sie. Mit schwerem Schritt lief Sie die Bevis-Straße hinunter, den Sack auf dem Rücken tragend, Richtung Hafen. Musik Streichen, kürzen, sparen - so lautet das Diktat der Stunde für Griechenland. Dennoch ist umstritten, ob das Land seine Finanzkrise dadurch in den Griff bekommen wird. Insbesondere die weitere Privatisierung von Staatsbetrieben oder Staatsanteilen ist eine der Bedingungen der EU, um weitere Hilfsgelder auszuzahlen. 50 Milliarden Euro soll das schätzungsweise in die Kassen bringen. ATMO 4 Vortrag Zum Verkauf steht dabei die Post, Energieversorger, Eisenbahn, Wasserwerke, Flughäfen, Häfen... selbst Inseln und die Akropolis scheinen vor dem Zugriff ausländischer Investoren nicht mehr sicher. Zwar werfen die Pläne der Regierung auch bei Experten Fragen nach der Machbarkeit auf, denn in der aktuellen Krise bringt der Verkauf der Staatsgüter nicht so viel Geld ein, wie der eigentlich Wert taxiert ist, trotzdem ist dies der einzige und richtige Weg, sind neben der Regierung auch einige griechische Ökonomen überzeugt. Reportage 4 Die kleine Frau mit den braunen kinnlangen, streng hinters Ohr gesteckten Haaren steht auf dem Podium und spricht mit ernstem Blick zum Publikum. Ihr Thema: die Rolle der Rating-Agenturen bei der griechischen Finanzkrise. Eingeladen hat sie die griechisch-amerikanische Handelskammer. Der Raum ist voll besetzt. Miranda Xafa, bis vor zwei Jahren noch Direktoriumsmitglied beim internationalen Währungsfonds und ehemalige Regierungsberaterin, ist eine bekannte Größe in Griechenland. Im Moment erleben wir eine tiefe Krise, weil der Staat seit Jahrzehnten alle Reformen aufgeschoben hat, und die Wirtschaft so nicht effektiv bei niedrigen Kosten funktionieren konnte. Miranda Xafa gehört zum neoliberalen Flügel der griechischen Wirtschaftswelt. Bei einer Schweizer Investitionsfirma mit Sitz in Genf berät sie private Investoren. Der Weg für Griechenland aus der drohenden Pleite ist für sie klar: es gibt nur einen: Privatisierungen. Die staatlichen Unternehmen, so wie sie in Griechenland bislang arbeiten, werden von den Gewerkschaften bestimmt. Sie bekommen von den Regierungen Privilegien und erpressen die Gesellschaft. Diese Unternehmen könnten größere Gewinne erwirtschaften und höhere Qualität produzieren, wenn sie in der Hand von Privaten wären. Dass der Zeitpunkt zum Verkaufen gerade nicht besonders günstig ist - das sei nun einmal so, wenn ein Land kurz vor der Pleite steht, bemerkt die Wirtschaftsexpertin lakonisch. - Ihr Vortag ist zu Ende. Einige in Anzüge gekleidete Geschäftsmänner stellen Fragen. Dann folgt der lockere Ausklang am Buffet im Foyer. Es ist längst überfällig, dass vor allem im öffentlichen Sektor abgespeckt wird, sagt Miranda Xafa auf dem Weg dorthin. In manchen Teilen des öffentlichen Dienstes gibt es - wie sich nun immer mehr herausstellt - unglaubliche Boni. Zum Beispiel gibt es einen Bonus für das pünktliche Erscheinen am Arbeitsplatz. Das wurde bislang von den Politikern unterstützt. Es ist quasi eine Löhnerhöhung durch die Hintertür. In manchen Fällen sind die Boni sogar höher als die Basislöhne. Miranda Xafa macht sich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, schaltet sie den Fernseher ein. Im Nachrichtenkanal laufen Interviews. Es geht um die Kabinettsumbildung von Ministerpräsident Georgios Papandreou. In ihrer Zeit beim Internationalen Währungsfonds hat Xafa anderen Krisenländern wie Argentinien oder Ecuador Wirtschaftssparprogramme verordnet. Dass es jetzt ihr eigenes Land getroffen hat, sieht sie nüchtern. Es darf jetzt keine Kompromisse geben, findet sie. Ich glaube, dass es keine rote Linie geben darf. Wenn ein ausländisches Unternehmen eine Insel kaufen und da Ferienwohnungen bauen will, dann soll es das machen! Wir sprechen über Inseln, auf denen keiner wohnt, nicht über Inseln, die bewohnt sind. Was haben wir im Moment für einen Nutzen von diesen Inselchen? Gar keinen. Wenn wir sie verkaufen, dann werden wir das Geld haben und auch die Inselchen. Miranda Xafa setzt sich an ihren Mahagonitisch, auf dem schwere Silberleuchter stehen. An den Wänden des Wohnzimmers hängen goldene Bilderrahmen, auf der Kommode stehen Kristallgläser. Ein Aufschwung, ist sie überzeugt, kann nur durch ausländische Investitionen geschehen. Die Verpachtung des Hafengebiets an Cosco ist für sie ein Musterbeispiel. Es war ein hervorragender Deal. Erstens hat es dem Hafen neuen Aufschwung gegeben, denn Cosco nimmt Investitionen vor. Zweitens haben die Hafenarbeiter früher zu hohe Löhne bekommen. Jetzt mit Cosco wurde das in Ordnung gebracht, vor allem die Extrazahlungen und Renten. Damit ein Hafen wettbewerbsfähig ist, müssen realistische Löhne gezahlt werden. Der Hafen von Piräus war vorher nicht wettbewerbsfähig. Jetzt wird er es dank Cosco. Zwar hat die Ökonomin auch Verständnis für die vielen empörten Griechen, die gegen den Sparkurs der Regierung auf die Straße gehen, doch eine Rezession ist unvermeidbar, ist sie überzeugt - und sie würde länger anhalten ohne einen flexibleren Arbeitsmarkt und die Bekämpfung der Bürokratie. Das würde sie den protestierende Menschen auf dem Syntagma-Platz gerne sagen. Ein Problem ist, dass viele Menschen die Zeit vor dem Sparkurs mit der danach vergleichen und sagen, ohne dieses Sparpaket wäre alles wieder wie vorher. Das ist aber falsch. Das geliehene Geld ist aufgebraucht und es gibt kein Zurück zur Vergangenheit. Es gibt nur eine Wahl: Entweder wir erfüllen das Sparpaket oder wir erfüllen es nicht. Tun wir es nicht, dann werden wir Bankrott gehen. Musik Musik Lit 4 Lit 4 Der Arbeitstag hatte begonnen. Dieser Ort hier war ein Zwischenstopp für Schiffe ohne Ladung und für Schiffe, die einer Reparatur bedurften. Auf der anderen Straßenseite lagen die kleinen Fabriken und Werkstätten. Meist waren es Metallwerkstätten, die die kleineren Reparaturen erledigten. Von allen Seiten kamen Arbeiter mit schweren Schritten und verschlafenem Blick, um ihren Dienst anzutreten. Die Müdigkeit war ihnen noch ins Gesicht geschrieben. Manche liefen direkt zu den reparaturbedürftigen Schiffen andere verschwanden in den Werkstätten. Der erste Arbeitslärm vermischte sich mit dem Rauschen des Meeres: Hämmern, Schleifen, Pressen, Schweißen. Jedes Werkzeug hatte seinen besonderen Klang auf dem Eisen. Es roch nach Asphalt, Erdöl und Pferdeäpfeln. Dazu stieg der Gestank des still stehenden Wassers hoch. Der leichte Nebel verlor unter den Sonnenstrahlen seine Baumwollfarbe und verdünnte sich. Doch wollte er nicht gänzlich verschwinden. Er blieb reglos unter dem Wasserfall der Hitze stehen. Es war windstill. Der Rauch der Fabrikkamine stieg senkrecht in den Himmel. Das Wasser im Hafen war wie schmutziges Glas. Es wehte kein Hauch eines Windes, um den Schweiß der Körper zu trocknen. Musik Die Streiks und die Wut der Bürger in Griechenland gegen den radikalen Sparkurs der sozialistischen Regierung nehmen kein Ende. Seit dem 25. Mai protestieren Hunderttausende Griechen, die sich als "empörte Bürger" bezeichnen, jeden Tag auf dem Syntagma Platz im Zentrum Athens vor dem Parlamentsgebäude. Die geplanten Privatisierungen empfinden sie als unzumutbaren Ausverkauf ihres Landes. Während Europa mit Sorge die Entwicklung der griechischen Schuldenkrise verfolgt, sehen sich die Menschen als Opfer von Politikern und Banken. ATMO 5 Platz Doch es bleibt nicht nur beim Protest. Mitten auf dem Syntagma Platz hat sich ein Zeltdorf etabliert, ein Politcamp könnte man sagen, ein Anlaufpunkt für aktive Bürger, die sich dort in Arbeitsgruppen organisieren und über verschiedene politische und wirtschaftliche Themen diskutieren. Sie suchen nach Alternativen auf dem Weg aus der Krise. So ist der Syntagma-Platz zu einem Symbol geworden für den Versuch einer neuen Demokratiebewegung. Reportage 5 Es ist später Nachmittag auf dem Syntagma-Platz. Wie jeden Tag steht vor dem Parlamentsgebäude eine Menge aufgebrachter Bürger und beschimpft in Sprechchören die Regierung als Räuber und Verräter. Ein paar Treppenstufen abwärts haben seit einigen Wochen Protestierende ein permanentes Zeltlager eingerichtet. Unter gespannten Planen werden an Infoständen Materialien ausgegeben, über 20 Arbeitsgruppen treffen sich hier regelmäßig, um die aktuellen Probleme zu diskutieren: die Schuldenlast, die Wirtschaftskrise, Bildungsprobleme, die Mediensituation. Atmo Diskussion Im Schatten einer Akazie hat sich die Jura-Arbeitsgruppe versammelt: Vier junge Menschen sitzen um einen Tisch und diskutieren. Es ist in dieser Zeit sehr wichtig, eine klare Position zu beziehen, weil wir gesellschaftlich und auch politisch an unsere Grenzen gekommen sind. Als ich von dieser Gruppe erfahren habe, dachte ich mir, dass ich ein paar Dinge weiß, die auch für andere interessant sein könnten und es wäre gut, diese Informationen auszutauschen. Denn ich glaube, dass die Rolle der Juristen sehr wichtig ist für diese Bewegung. Katerina Kanellopoulou, eine 27 Jahre alte Anwältin, kommt fast jeden Tag zu den Gruppentreffen. Sie hat den Lissabon-Vertrag in der Tasche, er ist das Thema des heutigen Treffens. Unsere Themen kommen entweder von der Vollversammlung oder von einzelnen Leuten, die uns bestimmte Fragen stellen. Sehr oft fragen Leute z.B., wie man die Immunität der Abgeordneten aufheben kann, was sie machen können, um Politiker zu verklagen. Die Menschen haben ein großes Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Sie empfinden das Verhalten der Politiker als ungerecht. Überall rund um den Platz sind Transparente und Plakate aufgehängt: "Griechenland ist unverkäuflich" steht da zum Beispiel, und: "Wir haben keine Schulden gemacht, wir zahlen nicht." Ein paar Meter weiter sitzen cirka 40 Menschen in einem Kreis. Abwechselnd greifen sie zum Mikrofon. Sie reden über die Frage, ob die griechischen Staatsschulden überhaupt legal sind. Den Menschen geht es nicht um Partikularinteressen - es geht ihnen ums große Ganze, sagt Stavros Tsipras, ebenfalls Anwalt, Mitte 30. Zum ersten Mal sind hier Menschen aus allen politischen Schichten zusammen gekommen, um zu diskutieren. Dies ist zuvor noch nie passiert. Wir haben nicht gelernt, kritisch zu denken. Wir haben bislang immer erwartet, dass uns ein Politiker, ein anderer, die Richtung weist. Wir müssen aber lernen, selbst Informationen zu sammeln, sie zu diskutieren, und dann selbst eine Entscheidung zu treffen. In solchen Zeiten darf keiner eine Richtung vorgeben. Suche dir Informationen und entscheide selbst. Deshalb stellen Stavros und Katarina mit ihrer Gruppe Informationsbroschüren zusammen und geben sie an Interessierte weiter. Jeden Abend bei der so genannten Vollversammlung auf dem Platz stellen Gruppen ihre Ergebnisse vor, unterschiedliche Themen werden diskutiert, Vorträge angehört. Es wird über das weitere Vorgehen gesprochen und über Vorschläge abgestimmt. Unsere Politiker sagen: Entweder ihr akzeptiert das Sparpaket oder wir gehen Pleite. Es ist aber nicht so. Wir müssen lernen, selbstständig zu denken und zu beurteilen. Wir haben nicht nur Rechte, wir haben auch Pflichten, und dazu gehört, mehr Verantwortung zu übernehmen. Stavros schaut auf den Papierstapel vor sich. Für ihn ist es das erste Mal, dass er sich politisch engagiert. Es ist die Ungerechtigkeit, die ihn auf die Straße getrieben hat. Das Sparpaket, über das die Regierung abgestimmt hat, die Forderungen der EU nach weiteren Privatisierungen - keiner auf dem Platz hält die Reformen, die die griechische Regierung umsetzen will, für richtig und gerecht, sagt Stavros. Wenn du eine Gesellschaft von Reformen überzeugen willst, dann musst du erstmal selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Man kann z.B. generell dafür sein, Steuerhinterziehung zu bekämpfen, das ist richtig. Aber wenn herauskommt, dass Mitglieder der Regierung Schwarzgeld in Parteikassen gezahlt haben - sollte man das nicht zuerst untersuchen? Nur so können Politiker glaubhaft sein. Sonst ist es so, als ob ich rauche und gleichzeitig das Rauchen verbiete, weil es nicht gesund ist. Katarina nickt zustimmend. Besonders die harten Auflagen der EU machen sie wütend. Die Finanzmärkte müssten besser reguliert werden, findet sie. Griechenland ist Abnehmer für all die Exportüberschüssen aus dem Norden Europas und ist jetzt auch noch dabei, seine Souveränität aufzugeben mit all diesen Privatisierungen. Das geschieht aber nicht zu Gunsten der Bürger. Es wird nicht die Lebensbedingungen verbessern. Es wird nur die Märkte für multinationale Firmen öffnen, so wie es die EU-Politik fordert. Es ist mittlerweile Abend geworden, die Vollversammlung beginnt. Über 200 Menschen hocken mit gespannter Mine mitten auf dem Platz im Kreis, etliche stehen drum herum. Alle verfolgen aufmerksam die Redner, die über Lautsprecher das Diskussionsprogramm ankündigen. Stavros und Katerina räumen schnell ihre Notizen zusammen, auf keinen Fall wollen sie die Diskussion verpassen. Für Stavros ist es ein historischer Moment, den der Syntagma-Platz gerade erlebt, sagt er. Dann sucht er sich einen Platz in der Menge. Vielleicht wird aus dieser Bewegung etwas entstehen. Vielleicht auch nicht. Viel ist schon geschehen: Menschen beschäftigen sich mit Politik, die noch vor sechs Monaten gar nicht über Politik sprechen wollten. Dies ist ein Gewinn. Wenn wir die Sache optimistisch betrachten, dann kann man sagen, dass hier eine neue Form von Demokratie entsteht. Vielleicht ist es unsere Chance, der Demokratie eine neue Bedeutung zu geben. Aber die neue Bedeutung wird nicht die sein, die wir in den letzten Jahrzehnten von den Großmächten erlebt haben: Das Gesetz des Mächtigen. Musik Das waren Gesichter Europas an diesem Samstag: Der Hafen von Piräus - Chinesische Investoren planen das "Rotterdam des Südens". Mit Reportagen stammten von Simone Böcker und Chrissa Wilkens, Babette Michel suchte die Musik aus und führte Regie. Die Literatur entnahmen wir dem Roman "To 10" von Manolis Karagatsis, schienen im Estia Verlag, Athen 2007. Sprecher war Hendrik Stickan. Für Ihr Interesse dankt, auch im Namen von Ton und Technik Norbert Weber. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag! Musik