DEUTSCHLANDFUNK Redaktion Hintergrund Kultur / Hhörspiel Redaktion: Ulrike Bajohr Tel. (0221) 345 1503 Dschingis Khan für ein halbes Jahr Baron Ungern von Sternberg, Herrscher der Großen Steppe von Mario Bandi Prod.: 22.8. bis 25. 8. 2011 Regie: Mario Bandi Ton und Technik: Anne Bartels und Hanns-Martin Renz Sprecher: L. Dammenhayn und Jürgen Albrecht (Hausspr.) Autorentext: Bernd Reheuser Erzähler und Ungern: Markus Hoffmann Kommissar: Mario Bandi Sprecher 1 Matthias Haase Sprecher 2 Simon Roden Sprecher 3 Jochen Langner Sendung: DLF 16. September 2011 Länge DLF: 49`50 Länge SWR: 53`47 URHEBERRECHTLICHER HINWEIS Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. ? DeutschlandRadio Atmo: Soundscape Steppe. Erzähler: Tausende Reiter jagen durch die Steppe, Mongolen, Burjaten, Kirgisen. Mandschuren, Tibeter, Kasachen, Ewenken, Uiguren, Barguten: sie sind alle Brüder, Söhne der mongolischen Völker. Der Schatten des großen Dschingis Khans schwebt über der Reiterarmee und gibt ihr seinen Segen. Atmo: Gerichtssaal, Rufe, Geräusche, Menschenmenge. Löffel auf Karaffe. Autor: Das trübe Licht eines verräucherten, engen Saals vertreibt diese Erscheinung. Im Sommertheater „Sosnówka“ wird Gericht gehalten. In der ersten Reihe vor dem mit rotem Tuch bedeckten Podium sitzt ein Korrespondent der Stadtzeitung von Nowonikolájewsk – heute Novosibirsk. Atmo: Saal Sprecher 1: 15. September 1921, 12.00 Uhr Wettergegerbte Gesichter, Schwielenhände, muskulöse Oberkörper. Grobe Lederjacken, ein langer Schafspelz. So sieht sie aus, die Macht der Gegenwart. Das Außerordentliche Revolutionstribunal. Atmo Saal Kommissar: Genossen! Durch Verfügung des Sibirischen Revolutionskomitees wird der Anführer der Asiatischen Kavalleriedivision, Generalleutnant Baron Ungern von Sternberg dem Gericht des Revolutionstribunals Sibirien übergeben wegen folgender Delikte: Erstens: der versuchten Errichtung eines mittelasiatischen Staates, des Sturzes der Fernostregierung im Transbaikalgebiet, der Verfolgung von Eroberungsplänen in der Mongolei auf Weisung Japans … Sprecher 1: Ungern ist schlank und hochgewachsen. Ein kleines, unbewegtes Gesicht mit rotem Kinnbärtchen und großem Kosakenschnurrbart, kurz geschorene Haare. Ein gelber, abgetragener Mongolenumhang, Generalsschulterstücke, links auf der Brust das Georgskreuz. Kommissar: Zweitens: des versuchten Sturzes der Sowjetmacht in Russland, insbesondere in Sibirien, mit Errichtung einer Monarchie, wobei für den Thron der Zarenbruder Michail Romanow vorgesehen war. Sprecher 1: Selbst jetzt, wenn er manchmal den Blickt hebt, blitzt kaum merklich etwas auf, von dem einem unheimlich wird. Man sieht eine glimmende Feuerstelle vor sich. Kommissar: Drittens: des bestialischen Massenmordes und der Folter an a) Arbeitern und Bauern, b) Kommunisten, c) Mitarbeitern der Sowjets, d) Juden, die ausnahmslos ermordet wurden, e) Kindern, f) revolutionären Chinesen usw. Bürger Ungern, bekennen Sie sich schuldig in allen Anklagepunkten? Ungern: Ja in allen, mit einer Ausnahme: Es gab keinerlei Verbindung zu Japan. Atmo: Saal, Empörung im Publikum Autor: Der 1885 in Graz geborene Spross einer deutschbaltischen Adelsfamilie Nikolai Robert Maximilian von Ungern-Sternberg wächst im russischen Gouvernement Estland auf als Román Fjódorowitsch Ungern von Sternberg. Er ist ein glühender Anhänger des Zaren, ein Militär durch und durch. Mit 35 wird er General. Lutherischer Herkunft, konvertiert er zum orthodoxen Glauben und endet als militanter Buddhist. Den mongolischen Nomaden erscheint er als rächender Kriegsgott. Ansage: Dschingis Khan für ein halbes Jahr Baron Ungern von Sternberg, Herrscher der Großen Steppe Ein Feature von Mario Bandi Sprecher 2 : O-Ton Bjambadorsch Ich halte Baron Ungern für einen treuen Soldaten des Bogdo Gegén. Dieser Mann hat geholfen, die Mongolei von den Chinesen zu befreien und die Herrschaft des Bogdo Gegen, des Lebenden Buddhas, zu errichten... Autor: Der das sagt, heißt Bjambadorsch, Beruf: LKW-Fahrer Sprecher: O-Ton Viehzüchter Das war ein Mensch, der alles dem Staat geweiht hat. Wie es heißt, ist er aus Russland geflohen, dort hat man ihn als Feind betrachtet. Autor: Alungo, ein Viehzüchter Sprecher: Viehzüchter Er floh, um einen eigenen Staat zu gründen, unseren Staat. Sprecher 3: O-Ton: Schullehrer Na, zumindest etwas Gutes hat er getan. Autor: Fügt Gombodorj hinzu, ein pensionierter Lehrer Sprecher 3: Er hat die Bewohner von Urga vor den Chinesen gerettet. Autor: So ähnlich denken mittlerweile immer mehr Mongolen des Jahres 2011 über Ungern von Sternberg. Man kennt den Baron, und an die kommunistischen Propagandaklischees vom blutigen General glaubt kaum noch jemand. Dazu beigetragen hat der mongolische Journalist Dschigdschidsuren Nerguj mit Übersetzungen verschiedener Werke und zeitgenössischer Quellen über Roman Ungern von Sternberg. Sprecher 1: O-Ton: Nerguj Und mit Sympathie begann man sich an Baron Ungern zu erinnern, der vergessen worden war von unserem undankbaren Volk. Heute fragt man mich nur halb im Scherz: Na, wann wirst du ihm ein Denkmal bauen? Sogar ein Hirte fragte mich. Aber dazu fehlt mir das Geld … Atmo: Stadt – Gespräche: russisch, mongolisch. Autor: In Ulaanbaatar anno 2011 herrschen Hektik und Verkehrschaos. Von der alten Stadt sind nur wenige Paläste des regierenden Oberpriesters, des Bogdo Gegén, als Museen geblieben. Die alten Wohnhäuser im russischen oder chinesischen Stil sind fast sämtlich verschwunden oder verfallen. Vorbei die Zeit, als diese Stadt Urga hieß –vom Mongolischen: Örgöö, Residenz – oder Ikh-Khuree: die Stadt der großen Klöster und der tausend Mönche, wie sie die Zeitgenossen Ungerns beschrieben. Atmo: Klosterposaunen / Soundscape Erzähler: Es wird hell. Mitten in der Stadt leuchtet Maidari Khureé in der Morgensonne auf, einer der ältesten lamaistischen Tempel – und der schönsten mit seiner goldenen Kuppel. Aus dem Innern dringt einen klagender gedehnter Ton, der sich auf alle anderen Tempel überträgt. Aus den Wohntrakten der Klöster quellen gelb und rot gewandete Mönche hervor. Gemessen umschreiten sie ihr Kloster und treten in langen Reihen in den Tempel. Sie lassen sich auf langen Bankreihen nieder, und der Vorsteher stimmt eine Hymne auf den siegreichen Buddha an, in die der Chor einfällt. Musik: Gesang der Mönche Autor: 200 Jahre lang war die Mongolei eine chinesische Provinz. Die sogenannte Xinhai-Revolution von 1911 führte zur Gründung der Republik China. Die über das Reich der Mitte herrschende Qing-Dynastie war gestürzt, das Land gespalten. Die mongolischen Fürsten sahen ihre Stunde gekommen. Atmo: Stadt Ulaanbaatar heute Sprecher 2: O-Ton Bjambadorsch Ich stell mir das so vor: Der Bogdo Gegen organisiert eine große Feier und versendet dazu Eilbriefe, mit einer Feder geschmückt. Er richtet solche Briefe an Fürstenfamilien, die die besten Reiter hatten. Das war eine Einladung, eine alte Tradition… Dann kamen die Vertreter der wichtigsten Familien beispielsweise zu einem Naadam, einem Pferderennen. Man aß dabei und sang – und bereitete unter der Hand die Unabhängigkeitserklärung vor. Autor: Am 18. November 1911 verlas der Bogdo Gegén, Haupt der Lamaistischen Religion in der Mongolei, ein Manifest: Sprecher 3: Die Verbindung Chinas mit der Mongolei, die auf dem Willen des vom chinesischen Volk beseitigten Kaisers beruhte, wird aufgelöst und die Mongolei wird frei und unabhängig. Autor: Am 29. Dezember 1911 bestieg der Achte Bogdo-Gegén den Thron des Heiligen Khans der Mongolei. Nach dem Dalai Lama und Panchen Lama in Tibet war der Bogdo Gegen der dritte Heilige in der lamaistischen Welt. Die Hauptstadt bekam einen neuen Namen: Nijslel-Khuree – Hauptkloster. Atmo – Stadt, Markt, Menschen Autor: In den Jahren darauf suchte das Russische Reich seinen Einfluss auf die Mongolei zu stärken. Der Bogdo Gegén erhielt von Zar Nikolaus dem Zweiten einen Kredit von 5 Millionen Goldrubeln für den Aufbau eines selbständigen Staatswesens und einer Armee, zur Förderung des russisch-mongolischen Handels und einer Mongolischen Nationalbank. Leider war der Achte Bogdo Gegén privat kein Heiliger. Er trank so viel, dass er erblindete. Aus dem Zarengeld gab er zwei Millionen für den Tempelbau, um den Himmel zu bitten, ihm das Augenlicht zurückzugeben. Die Unabhängigkeit blieb in Symbolen stecken. Atmo: Droschken, Schritte, Rufe Erzähler: Jetzt erscheinen auf den Straßen Fußgänger und Reiter in den Nationalfarben: in blauen, roten und gelben Gewändern. Die Frauen schmücken sich mit Frisuren in Form von Flügeln, die in filigranes Silber eingeschmiedet sind. Fürstinnen und ihre Töchter erkennt man an den rote Malen auf Stirn, Wangen und Kinn. Immer wieder ziehen Reiterabteilungen in buntem Samt vorüber, mit Pfauenfedern auf den Zobelmützen. Sie überholen geschwind die merkwürdigen Gestalten, die zurücktreten und die Hände erheben, um gleich wieder niederzuknien. Jeden Tag kommen hunderte solcher Pilger zu den Stufen des Tempels, um fromme Gelübde zu erfüllen. Atmo: Glocken eines Tempels Autor: Am 25. Mai 1915 wurde der „Vertrag von Kjachta“ zwischen China, Russland und der Mongolei geschlossen. Danach blieb die Mongolei unter der Oberhoheit von Peking. In Urga erschien Cheng Yi als Gouverneur der autonomen Mongolei, begleitet von 200 Soldaten. China verpflichtete sich, das Land nicht zu kolonisieren, keine weiteren Truppen zu senden und sich nicht in innere Angelegenheiten einzumischen. Gleichzeitig begannen ausländische Unternehmen, die Mongolei zu erschließen: Sie konzentrierten sich auf Bergbau, Pelz- und Viehhandel und Transportwesen. In Urga siedelten sich fünf US-amerikanische und britische Firmen an, zwei dänische, etwa 20 russische – aber auch über 100 chinesische. Das eindrucksvollste Gebäude - es steht noch heute- gehörte der belgisch-russisch-amerikanischen Goldfördergesellschaft „Mongolor“. Atmo: Gerichtssaal. Szene: Kommissar: Angeklagter, berichten Sie uns über die Verbindungen zwischen den deutschen Baronen Ungern-Sternberg und denen im Baltikum. Ungern: Davon weiß ich nichts… Kommissar: Wodurch hat sich Ihr Geschlecht in russischen Diensten ausgezeichnet? Ungern: Durch 72 im Krieg Gefallene. Kommissar: Hatten Sie große Landgüter im Baltikum? Ungern: In Estland gab es welche, jetzt aber sicher nicht mehr. Kommissar: Wie alt ist Ihr Geschlecht? Ungern: Tausend Jahre. O-Ton: Jürgen von Ungern-Sternberg: Also die Genealogie der Ungerns reicht an sich ungefähr über 750 Jahren zurück, aber sie ist doch einfacher, weil es im Jahre 1714 nur einen gegeben hat, von dem alle heutigen auf der Erde abstammen Autor: Jürgen von Ungern-Sternberg ist Emeritierter Professor für alte Geschichte an der Universität Basel. Er sammelt Veröffentlichungen aller Art über Ungern von Sternberg. Zwei lange Regalbretter in seinem Arbeitszimmer sind voll davon. Ganz vorn: «Tiere, Menschen und Götter», der 1922 erschienene, bis heute erhältliche Weltbestseller des polnischen Schriftstellers und Globetrotters Ferdinand Ossendowski. O-Ton: Jürgen von Ungern-Sternberg: Schon unsere Vorfahren, sagt Roman Ungern bei Ossendowski, waren vor Jerusalem als Kreuzritter und in der Schlacht von Tannenberg dabei, und jedes Jahrhundert kannte seinen gefürchteten Ungern, fahrende Ritter und Seeräuber im indischen Ozean. Roman Ungern von dem Kriegsgericht erzählt genau dieses – nach Ossendowski, natürlich, das ist erweislich Quatsch! Nicht einer dieser Ungerns hat je gelebt! Die Frage ist, wer hat erfunden?... Ich habe lange gedacht, Ossendowski, inzwischen glaube ich - Roman Ungern, dass Roman Ungern hier eine ungernsche Genealogie bastelt und vielleicht sogar mit grimmigen Humor. Atmo: Stadt Autor: Ulaanbataar. Platz der Bauarbeiter – das klingt sozialistisch, doch überall sind Banken und Restaurants, Kinos und Bürohäuser. Dschidschidsuren Nerguj hält vor einem Eisentor in einer Mauer. Nach langem Hin und Her lässt uns der Wachmann in den dahinterliegenden Hof. Da steht eine kleine Blockhütte, Wände und Dach schief, Fenster und Tür zugenagelt. Wird bald abgerissen. Sprecher 1: O-Ton: Nerguj - hoch Das hier ist das letzte erhaltene Haus, das die Gaminen als Gefängnis benutzten. Es steht seit Jahrzehnten leer. Diesen Ort des Bösen haben die sehr abergläubischen Mongolen nie wieder benutzt. Autor: Gaminen nannten die Mongolen die Machthaber des republikanischen China und die Soldaten der Kuomintang, der Chinesischen Nationalpartei. Gaminen - das Wort ist bis heute im Sprachgebrauch. Seit 1919 ist es fast ein Schimpfwort. In jenem Jahr schickte die chinesische Regierung eine Armee in die Mongolei, mit General Hsü Schu Tschen als neuen Befehlshaber und Gouverneur. Atmo: Mönchsgesang Erzähler: Mit List und Gewalt zwang er die Regierung des Bogdo Gegén, in einer Petition an den chinesischen Präsidenten um die Abschaffung der mongolischen Autonomie zu bitten. Am 2.Januar 1920 veranstaltete der General eine Zeremonie, in der der Bogdo Gegen sich dreimal vor dem Portrait des chinesischen Präsidenten verbeugen musste, dann bekam er ein neues persönliches Siegel aus Peking. Autor: Als Vorwand für ihren Einmarsch nannten die Chinesen eine Gefährdung Chinas durch die in der südostsibirischen Stadt Tschita gegründete „Regierung der großen Mongolei“. Diese „Regierung“ war ein politisches Spielzeug des mächtigen Kosakengenerals Ataman Semjonow – und seines Freundes, Roman Ungern von Sternberg. Beide standen im russischen Bürgerkrieg gegen die Sowjets und waren von der fixen Idee besessen, eine Militärmacht aufzubauen, die den Bolschewismus beseitigen würde. Daraus sollte eine Mongolisch-Tibetisch-Burjatische Monarchie für ganz Asien erwachsen. Zur ersten Militäreinheit der panmongolischen Regierung sollte die „Asiatische Kavalleriedivision“ werden, die Roman Ungern seit Anfang 1920 aufbaute. Stützpunkt war die Bahnstation Dauria, 70 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Atmo: Saal. Szene: Kommissar: Bürger Ungern, in Ihrer Einheit dienten Russen, Mongolen, Tataren, Burjaten, Koreaner und Japaner. Was hat sie zusammengeschweißt? Ungern: Disziplin. Kommissar: Sie sagten, dass in Ihrer Division Vertreter von 16 Nationalitäten dienten. Was hat sie bewegt zu kämpfen? Ungern: Tatsache ist: Ich habe keinen Unterschied zwischen ihnen gemacht. Ist einer zu mir gekommen, konnte er dienen, befördert werden und so weiter. Erst neuerdings findet man, dass man für irgendeine Idee kämpfen müsse. Gehorsam sein, und fertig! Dann gibt es keine solchen Debatten. Die Mongolen haben eine ganz andere Mentalität als die Weißen. Treue steht an erster Stelle. Der Krieg, ein Soldat – das schätzt man. Sie mögen die Schlacht. Erzähler: „Djéduschka“ – „Großväterchen“ - nannten seine Untergebenen ihren 35-jährigen Kommandeur. Dort, im fernen Dauria entwickelt sich Baron Ungern zu einer legendären und dämonischen Gestalt, zur Verkörperung von Willkür und Gewalt. Krieg, Blut, Euphorie in Lebensgefahr, der Schatten des Todes im Rücken, mehr brauchte er nicht. Autor: Der Schriftsteller Leonid Jusefowitsch ist auch in Deutschland als Krimiautor bekannt. Ende 2010 erschien in Russland die zweite Auflage seines großen dokumentarischen Romans über Román Ungern mit dem Titel „Der Selbstherrscher der Wüste“. Sprecher 3: O-Ton: Jusefowitsch Ich fühle mich fast verwandt mit ihm… ich weiß nicht…Er hat viele schreckliche Dinge getan. Aber er hatte so ein Verlangen nach Höherem in sich… Und er wäre für mich uninteressant, hätte er nicht diese aufrichtige Liebe zu einer fremde Kultur gehabt. Der Held trifft eine Wahl zwischen seiner Kultur und einer fremden Kultur, einer ursprünglichen Reinheit. In den Verhörprotokollen sagt der Baron Ungern aus, dass er geplant hatte, sibirische Bauern zum Buddhismus zu bekehren. Verrückt? So war die Zeit. Wir können in jedem Land Menschen finden, die vom Orient schwärmten, sich zum Buddhismus, zu Tibet und der Mongolei hingezogen fühlten. Roman Ungern … aber war der einzige, der all das Theoretische und Philosophische über das Licht vom Orient, über Buddhismus als die Rettung für das alte Europa versucht hat, in die Praxis umzusetzen Atmo: Militärübungen auf dem Platz Ungern: Der Unterricht für mongolische Sprache wird von den Herren Offizieren nicht ordnungsgemäß besucht. Ich ordne hiermit an, die Namen der Fehlenden zu notieren. Eine Missachtung des Unterrichtes wird als Dienstverweigerung bestraft. In einem Monat werde ich eine Prüfung der Kenntnisse der mongolischen Sprache durchführen. Der Divisionskommandeur, Baron Ungern von Sternberg Atmo: Klosterposaunen Erzähler: Es kam der harte, schneelose mongolische Winter. Selten nur noch wehte der eisige Wind die düsteren Klänge der riesigen Klosterposaunen aus dem Tempeln herüber. Bald verstummten die Posaunen. Die Militärverwaltung hatte den Lamas verboten, Gottesdienste zu halten. Man meinte, diese laut stöhnenden Klänge versetzten die chinesische Soldaten in Angst, und die Lamas würden durch ihre Gebete allerlei Unheil auf die Garnison herab beschwören. Urga war voll von Soldaten, die Unruhe stifteten und marodierten. Die Lebensmittel verteuerten sich, weil die Mongolen mit ihrem Vieh die Stadt mieden. Sprecher 3: O-Ton: Jusefowitsch Die Mongolei war für Roman Ungern überhaupt der Ursprung der Kultur. Er sah sich als Befreier der Mongolen und Schutzpatron des Buddhismus und der Monarchie. Für ihn waren das Mittelalter, die ritterlichen Sitten der Höhepunkt der westlichen Zivilisation. Danach, mit der Renaissance, beginnt die Zeit der Krämerseelen, und Europa sinkt immer tiefer. Und die russische Revolution ist der Anfang vom Ende Europas. Er sah in der Mongolei die Tugenden des Rittertums lebendig wie vor 500 Jahren. Autor: Am 1. Oktober 1920 überquert Ungerns Asiatische Kavalleriedivision die Grenze zur Mongolei beim Dorf Ust-Bukukun, unweit des Baikalsees. Seine Offiziere rätseln: Sollen die Bolschewiken aus der Tiefe der Mongolei angegriffen werden? Oder folgt Roman Ungern einem Hilferuf des Bogdo-Gegen aus Urga? Sprecher 1 : O-Ton : Tschimeddorsch Alle wussten, dass in Zarenreich die Revolution siegte, und viele Burjaten flohen in die Mongolei. In unserer Gegend lebten auch Russen. Sie hatten mit Ungerns Division nichts zu tun. Matwejew, Skorlow, Landa, Burlakow - das waren alles Händler. Autor: Bis heute leben auf beiden Seiten der Grenze viele Burjaten. Sie sind keine Nomaden wie die Mongolen, sie haben feste Siedlungen aus Blockhäusern. Nach der russischen Revolution bot die Mongolei vielen Bujaten und Russen Schutz. In der Grenzregion sind Überlieferungen aus dieser Zeit noch lebendig: Sprecher 2: O-Ton: alter Mongole Meine Mutter erzählte, die Russen kamen oft zu Fuß, selten mit dem Pferdewagen, sie hatten kaum etwas am Leib. Sie hausten dann in Hütten in den Bergen. Die Grenze ist gar nicht so weit – von Dadal 70 Kilometer, also sind es von hier bis Russland etwa Hundert. Sprecher 3: O-Ton: Lehrer Die Soldaten des Barons haben hier ein Kloster ausgeraubt. Dann, am Ort Har-Hoschuu, wo Händler lebten, Chinesen, Tataren, Russen, suchten sie zwei Bruder Solomonow, um sie festzunehmen. Man wusste, dass die beiden den Bolschewiken Pferde lieferten, doch der Baron konnte sie nicht finden. Danach hat er alle Männer unter Morddrohungen für seine Armee rekrutiert. Egal wen – Russen, Burjaten, Ewenken. Alle. Autor: Als die Division vor Urga stand, forderte Ungern die chinesischen Statthalter auf, seinen Leuten den Weg durch die Stadt gen Westen frei zu machen. Die dachten nicht daran; sie verlangten von Ungern, die Mongolei sofort zu verlassen. Atmo: Kanonade Am 1.November 1920 befahl Ungern den ersten Angriff auf Urga – erfolglos. Auch der zweite Versuch wurde zurückgeschlagen. Die chinesischen Generäle verhängten das Kriegsrecht über die Stadt. Es stand schlecht um die asiatische Division des wilden Reiters Ungern von Sternberg. Erzähler: Die eisige Kälte, Hunger und Durst, die zu lang gewordene Front haben die Asiatische Division entkräftet. Beim Rückzug schoss ein Fähnrich Kosyrew mit seinen Leuten in Rage aus zwei noch nicht zugefrorenen MGs. Da schrie ihn der Baron wütend an: „Weg hier! Wenn du auch verwundet wirst, erhänge ich Dich!“ Autor: Am 5.November 1920 kehrte die Division zum Fluss Baruun-Tereldsch, zum alten Lager zurück. 100 Tote, 200 Verwundete, noch mehr hatten Erfrierungen. Keiner glaubte mehr an einen Erfolg. In diesem äußerst kritischen Moment begannen die umherwandernden Mongolen freundschaftliche Beziehungen zum Baron zu knüpfen. Sie boten Vieh, Pferde, Jurten und Kleidung. Und endlich kam ein Bote vom Bogdo-Gegén selbst. Er überbrachte den heiligen Segen des Oberpriesters von Urga und dessen Prophezeiung des Sieges über die Chinesen im Februar nächsten Jahres. Ungern umgab sich fortan mit buddhistischen Wahrsagern und Astrologen. Keine wichtige Entscheidung traf er mehr ohne ihren Rat. Umso mehr unterstützten die Mongolen Ungerns Asiatische Division. Sprecher 3: O-Ton Jusefowitsch Eines Tages kam ein Mongole und sagte, er kenne den Weg in das geheimnisvolle Land Schambala. Ungern gab ihm zwei Kosaken als Begleitung, aber dieser Mongole meinte, er könne nicht ohne reiche Geschenke zum Khan der Schambala kommen und er bekam welche mit. Natürlich fand er Schambala nicht. Ich glaube, er wurde dann einfach durchgeprügelt, damit war die Sache erledigt… Autor: Ende Dezember 1920 kamen die ersten von den örtlichen Fürsten mobilisierte Nomaden zu Ungern: zu Pferd, warm angezogen, einige mit Sturmgewehren. Sprecher 2: O-Ton: Bjambadorsch In meiner Familie wahren wir das Andenken an einem Verwandten väterlicherseits, den Arzt Dschamz-Máramb. Autor: ... erzählt Bjambadorsch, der LKW-Fahrer. Sprecher 2: O-Ton: Bjambadorsch Er wurde aus seinem Kloster in der Wüste Gobi nach Urga gerufen, dem erblindenden Bogdo Gegen zu helfen. Er war ein berühmter Kenner der tibetischen Medizin. Und er wurde Leibarzt des Bogdo Gegén. Mit Beginn des Krieges kam er zur Division Ungerns und arbeitete dort als Feldscher. Autor: Als erster „Meren“, das ist ein hoher Offiziersgrad, kam Meren Dugaar zu Ungern. Er wurde Kommandeur der mongolischen Hundertschaft. Sprecher 3: O-Ton: Lehrer Als er mit Ungerns Armee fortzog, ließ er seine junge Frau zurück, mein Großvater kümmerte sich um sie. Autor: Der alte Lehrer Gombodorj aus einem Burjaten-Dorf nahe der russischen Grenze ist mit Meren Dugaar so gut wie verwandt... Sprecher 3: O-Ton: Lehrer Er kam nach zwei Jahren zurück und sagte meinem Großvater: Ich ... habe unserem Bogdo auf den Thron verholfen und so meine Pflicht getan. Wie kann ich dich belohnen? Nimm alles was du willst – Gold, Silber, Seide … Mein Großvater war arm. Er wollte etwas nehmen, doch seine Frau war strikt dagegen. Sie meinte, all diese Dinge sind Kriegsbeute, daran klebt Blut, die dürfen nicht ins Haus. Also bedankte sich mein Großvater und nahm sich nur drei Jantschaan - Silberbarren. Autor: Über den Meren Dugaar wurden Beziehungen zu den mongolischen Fürsten im Nordosten des Landes geknüpft. Im Kloster Breven, 250 Kilometer von Urga entfernt, nimmt Roman Ungern an einer Versammlung von Feudalherren und höheren Priester teil. Sie bitten ihn, die Unabhängigkeit der Mongolei zurückzuerobern. Sein Traum von einem panmongolischen Staat schien sich zu erfüllen. O-Ton: Jürgen von Ungern-Sternberg: Wenn Sie Oswald Spengler kennen, den Untergang des Abendlandes, vom Titel her, für den ist Roman Ungern ein gefundenes Fressen, und in seinen späteren Schriften, erwähnt Spengler Roman Ungern mehrfach, . und für ihn ist so eine Figur sozusagen ein Prophet– ein Anzeichen der neuen Zeit. Sprecher: O.Spengler In der Bauernschaft der russischen und asiatischen Erde regt sich die religiöse Inbrunst, … und aus ihr kann eines Tages die große Erscheinung hervorgehen, die in einem ungeheuren Ansturm das Bild Asiens von Grund auf verändert. Vielleicht wird eines Tages die heilige Revolution ebenso blutig losbrechen wie einst die rote. Das Beispiel des Barons von Ungern-Sternberg zeigt, mit wie geringen Mitteln Asien in einer Form mobil zu machen ist, gegen die es keinen Widerstand gibt. Autor Am späten Nachmittag des 31. Januar kam eine Befehl zur Heerschau und zur Revision der Kampfbereitschaft. Den Kavalleristen, besonders den Mongolen, verbot der Baron streng, westliche Ausländer in Urga auf irgendeine Weise zu verletzen. Dabei wurden ihnen die Fahnen verschiedener Staaten gezeigt. Atmo und Musik: Gesänge Die Heerschau endete mit einem Appell und einem gemeinsamen Gebet. Jede ethnische Einheit sang in ihrer Sprache ihren Ritus. Es klangen Gebete der Burjaten, Russen, Tataren, Japaner, Tibetaner und Mongolen in einem erhabenen und mächtigen Durcheinander. Atmo-Musik: Gesänge und Gebete Erzähler: Im Süden von Urga erhebt sich ein großer Gebirgszug, der Bogdo-Uul, ein heiliger Ort für Mongolen. Hier waren seit Jahrhunderten kein Schuss und keine Axt zu hören. Hier entzündeten die Kosaken jetzt nachts gigantische Feuer. Der rote, schauerliche Abglanz auf den verschneiten Hängen versprach den chinesischen Soldaten Unheil und Elend, die Rache mongolischer Dämonen und böser Geister. Plötzlich wurde der Nachthimmel von Kanonenschüssen zerrissen, danach donnerten die Granaten irgendwo in der tief unten liegenden unsichtbaren Stadt, das Echo vervielfachte die Schüsse in eine Kanonade … Autor: Ungerns Asiatische Kosakendivision begann am 1. Februar einen neuerlichen Angriff auf Urga. Er warf seine Hundertschaften ins Zentrum der chinesischen Defensive, dann fiel er dem Feind in die Flanken. Allerdings: Ungern verfügte über 1460 Mann, dagegen hatte die Armee der Kuomintang in Urga über 10 000 Soldaten und genügend Munition. Um so energischer wurden die Attacken des Barons. Sehr bedrückend für die chinesische Generalität war der Umstand, dass die hohe Geisel, Seine Heiligkeit der Bogdo Gegén, aus ihrem von 300 Soldaten bewachten Palast am helllichten Tage entführt wurde. Erzähler: Für diese Aktion wurden die in Urga lebenden Tibeter gewonnen. Ihren Landsmann zu befreien – der Bogdo Gegen war Tibeter - galt ihnen als Ehrensache. Eine als Lama-Mönche verkleidete bewaffnete Gruppe von Entführern griff die Palastwache von außen an. Die echte Lamas aus dem Gefolge des Bogdo-Gegen waren ebenfalls bewaffnet worden und ebneten ihrem Oberhaupt den Weg aus dem Palast. Autor: Am 1.Februar 1921 wurden alle wichtige Anhöhen um Urga von Kosaken der Asiatischen Division eingenommen. Am Abend darauf warfen Ungern und sein zweiter Kommandeur Resuchin ihre besten fünf Hundertschaften in den Kampf und es gelang ihnen, die chinesischen Einheiten zu verdrängen. Das war am 2. Februar. Am 3.Februar hielt die Division Waffenruhe. Nur seltene Feuerwechsel störten die Stille. Ungern setzte auf den vierten Tag des Februar 1921. Atmo: Wahrsager Sprecher 3: O-Ton Jusefowitsch Es gab so eine Form der mongolischen Wahrsagerei. Man nimmt einen Ziegenbock, ihm werden die Beine gebunden und über ihn lesen Mönche Beschwörungen, blasen in ihre Trompeten, schlagen die Rasseln. Der Bock hält das irgendwann nicht mehr aus und sein Herz bleibt stehen. Dieser Ritus wurde auch vor dem Sturm auf Urga durchgeführt. Am vierten Tag der Gebete starb der arme Bock. Ungern bekam die Weissagung, die Stadt würde am vierten Tag fallen, er war derart davon überzeugt, dass er den Kosaken befahl, nur Vorrat für drei Tage mitzunehmen. Sprecher 2: O-Ton Bjambadorsch Außerdem hatten die Soldaten des Barons Amulette von dem sehr berühmten burjatischen Lamamönch Itgelt Hambo. Alle Burjaten in der Division hatten sie, die roten Schnürriemen am Hals. Keiner wurde verwundet, der das Amulett trug! Autor: Wie prophezeit, fiel Urga Ungern am vierten Tag zu Füßen. Es liefen noch letzte kleine Scharmützel, als am 5.Februar ein Reporter der britischen „Morning Post"- ein Telegramm absetzte, wonach die Einwohner der Stadt den Baron einen triumphalen Empfang bereiteten. Atmo: Saal Szene: Kommissar: Bürger Ungern. Gab es Mord und Raub, als Sie Urga besetzt hatten? Ungern: Ja.... zuerst haben die Militäreinheiten gekämpft, dann die Mongolen mit den Chinesen Kommissar: Haben Sie befohlen, eigenmächtige Durchsuchungen und Plünderungen bei allen mit Ausnahme der Juden zu stoppen? Was wollten Sie damit erreichen, wollten Sie alle Juden vernichten? Ungern: Ja, ich habe alle Juden als außergesetzlich erklärt. Kommissar: Sie haben geschrieben, die Kommunistische Internationale sei schon vor dreitausend Jahren entstanden und zwar in Babylon. Stimmt das? Ungern: Ja, das zeigt die ganze Geschichte der Menschheit. Wesen und Aufgaben der Roten Partei kennen nur wenige wirklich. Diese Rote Partei ist eine geheime Partei der Juden, die vor 3000 Jahre entstand, um die Macht in allen Ländern zu erobern. Nun werden ihre Pläne verwirklicht. Autor : Schon am Abend des 4.Februar begannen die Morde. An Juden – das waren vor allem vor den Bolschewisten aus Russland geflohene - und an jenen, die bolschewistischer Gesinnung verdächtig waren. Überwiegend erledigten das die Orenburger- und die Baikal-Kosaken. Einen schlimmen Ruf erlangte dabei ein gewisser Doktor Klingenberg, ein Deutschrusse, und vor allem der sadistische Geheimdienstchef der Division, Oberst Sipailo. Für die friedliebenden Mongolen blieb der Sinn dieser Geschehnisse völlig unverständlich. Wieso morden die weißen Russen - zagaan oros, die schwarzen Russen – har oros? Roman Ungern erstellte einen Ukas, der seltsamerweise keinen Paragraphen §1 hatte: Ungern: §2. Ich verbiete, ohne Erlaubnis des Stadtkommendanten Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Requirierungen zu vorzunehmen. §3. Juden, die von mir persönlich Schutzbriefe haben, sind nicht festzunehmen. Erzähler: Nur wenige Juden haben einen Schutzbrief von Roman Ungern erhalten. Gerettet wurde zum Beispiel ein Zahnarzt seines Berufes wegen. Oder ein kleines Mädchen aus der Familie Sadowski. Ihre russische Kinderfrau hat es mit ihrem eigenem Leib vor dem Zerhacken bewahrt. Doch etwa 50 Juden - also fast alle, die es in der Mongolei gab - wurden ermordet. Drei Tage lang herrschten Ungerns Leute in Urga mit großer Willkür. Autor: Dann beendete Ungern die Anarchie ebenso schnell und erbarmungslos. Jeder, der sich auf Raubzug durch den halb verbrannten Basar oder die verlassenen chinesischen Geschäfte begab, wurde ohne zu zögern erhängt. Chinesische Kriegsgefangene brachten die Stadt in kurzer Zeit in eine solche Ordnung, die sie seit ihrer Gründung 800 Jahre zuvor nicht erlebt hatte. Atmo: Mönchsgesang Erzähler: Aber außerhalb der Stadt begann das monströse Fest der Leichenfresser. Es ist lamaistische Sitte, die Toten nicht zu begraben, um die Jungfräulichkeit der Erde nicht zu verletzen. Der Tote soll von Tieren gefressen werden, besonders wenn seine Seele den Göttern gefällt. Um Urga leben tausende wilder Hunde, ihr Bellen ähnelt dem Windgeheul am Meer und wehe dem Wanderer, der sich dort im Dunklen verläuft.. Atmo- Übergang in: Stadt Autor: Ungern entwickelte grenzenlose Aktivität. Die Stadt kam in Bewegung: Unter den russischen Einwohnern und Flüchtlingen fanden sich Ingenieure. Sie reparierten das Kraftwerk - und die Lederfabrik, die eben noch in jüdischem Besitz war. Offiziere der Division kümmerten sich um die Getreideernte, eine Mühle wurde errichtet, es gab frisches Brot für die Armee. Eine Militärschule wurde organisiert und ein Blasorchester. Doch die Mongolei befand sich in einer Wirtschaftsblockade. Aus Russland und China kamen keine Waren mehr. Der Baron musste neue Wege finden. Sprecher 1 : O-Ton: Nerguj: Eine eigene Währung hatten die Mongolen das letzte Mal zu Zeiten Khubilai Khans gehabt. Danach hatten sie nur chinesisches Geld. Nun hat Roman Ungern befohlen, mongolisches Papiergeld zu drucken. Das mit dem in den Goldminen künftig zu gewinnende Gold gedeckt sein sollte. „Bag Boldsot“ hieß es, kleine Leihgabe. Leider war es nur zwei Monate im Umlauf. Dann kamen die Kommunisten. Autor: Für das Dutzend Autos in Urga fehlte es an Treibstoff. Roman Ungern richtete die Produktion von Terpentin ein. Die Chinesen haben der Stadt eine gut eingerichtete Artilleriewerkstatt hinterlassen, jetzt experimentieren Ungerns Leute dort an der Aufbereitung zerschossener Patronen. Atmo: Saal Szene: Kommissar: Angeklagter, ist ihre Losung „Asien den Asiaten“ nur eine politische oder diplomatische Parole, oder eine konkrete Verpflichtung gegenüber einer ausländischen Gruppierung? Ungern: Der Bolschewismus kann sich unter Nomaden nicht entwickeln. Alle Nomaden müssen in einer Gruppe vereinigt werden, alle Nomadenvölker, meine ich. Die Union aller Nomaden - einschließlich der Kirgisen – müsste das Mongolischen Reich der Mitte bilden, nordwestlich begrenzt durch das Kaspische Meer. Kommissar: Inwieweit ging Ihr Bestreben zur Unabhängigkeit der Mongolei mit Ihren Verbindungen zu monarchistischen Elementen in China einher? Ungern: An eine Unabhängigkeit der Mongolei habe ich nie gedacht. Das war nur eine Losung. Ich habe das Schicksal der Mongolei unter der Herrschaft des Khans der Mandschurei gesehen, auf Grundlage des mandschurischen Gewohnheitsrechts mit scheinbarer Unabhängigkeit. Das hätte die mongolische Oberschicht zufriedengestellt. Autor: Am 21.Februar 1921 wurde der Achte Bogdo-Gegén erneut auf den Thron des mongolischen Khans gehoben. Atmo: auf Soundscape Erzähler: Musiker saßen auf weißen Pferden, ihre gellenden Trompetentöne sollten böse Geister vom Weg Seiner Heiligkeit verjagen. Ihnen folgten einige hunderte Lama-Mönche in Reihen, Gebete murmelnd. Die Asiatische Kavalleriedivision stand Spalier bis zum goldenen Maidari-Tempel. Ein Triumphwagen erschien, gezogen von zwölf Paaren weißer Pferden. Darauf an einer Stange eine großen Seidenfahne mit dem alten Wappen „Sojombo. Dahinter, in einer goldenen Karosse Moskauer Herstellung, mit sechs Pferdepaaren und Vorreitern, saß der Oberpriester selbst mit seiner Gemahlin Dondogdulam. Die Kutsche war von etwa 70 Fürsten auf prächtigen Pferden umgeben. Edelsteine, Perlen, Gold glitzerten auf ihren Trachten und den mit Pfauenfedern drapierten Mützen. Als die Kutsche am Tempel stand.... .....präsentierten die Kosaken das Gewehr, Mongolen und Burjaten knieten neben ihren Pferden. Nachdem der Bogdo Gegen, seine Suite, der Baron und sein Stab sich im Tempel des Buddhas Maitreya eingeschlossen hatten, begann ein großer Gottesdienst. Atmo: Gottesdienst Erzähler: Dort im Tempel wurde der Baron Ungern von dem dankbaren Bogdo Gegen in den höchsten erblichen Rang des Tsin-Wan, des Khans, erhoben. Er erhielt damit eine rot-gelbe Tracht, gelbe Zügel und das Recht, in der grünen Sänfte getragen zu werden. Sein Titel lautete ab jetzt „Der große Recke, der dem Staat die Entwicklung brachte, General-Heerführer Dschan-Dschin“ Aus dem Tempel kam Baron Ungern auf einem neuen Pferd herausgeritten, im gelben mongolischen Fürstenmantel, auf dem Kopf eine Mütze mit einer roten Kugel, dem Symbol des höchsten Khans. Bis zu seinem Tod hat Roman Ungern diesen mongolischen Mantel getragen. Musik: Orchester – Militärmarsch, Klosterposaunen. Mix. Autor: Nach dem Rausch der Feierlichkeiten zeigten sich die Folgen völliger Isolierung der Mongolei. Nach zwei Jahrhunderten chinesischer Herrschaft wussten die ehrwürdigen Lamas als Beamte in den neuen Ministerien nicht so recht, wie man einen Staat regiert und was man mit so vielen Soldaten macht. Insgesamt standen 5720 Weißgardisten in der Mongolei unter Ungerns Kommando. Zwar schenkte ihnen der Bogdo Gegen großzügig Land entlang der russischen Grenze, doch der Baron konnte nicht zulassen, dass seine Soldaten wieder Bauern werden. Autor: Ungerns fixe Idee, ein panmongolisches Imperium unter der Herrschaft des Khans der Mandschurei zu gründen, war den Mongolen völlig fremd. Ihnen war die eigene Freiheit wichtig, egal wer sie ihnen schenkte, ein weißer Ritter oder ein roter Kommissar. Atmo: Gerichtssaal Szene: Kommissar: Warum haben Sie Ihre Autorität in Urga verloren? Können Sie uns die Ursachen nennen? Ungern: Wenn ich die Division nur hätte ernähren können.... Schwer zu sagen… Ich hatte den Eindruck, dass die Mongolen sich verändert haben. Dass ich meine Schuldigkeit für sie getan habe und gehen kann. Ich fühlte mich nicht mehr sicher. Politisch war mir Urga nicht mehr wichtig. Wenn ich Erfolg in Russland gehabt hätte, dann ja, ich hätte meine Macht verstärken können. Außerdem hatte ich das Gefühl, sie wollten auf die andere Seite überlaufen… Kommissar: Was meinen Sie damit? Ungern: Auf die Seite der Sowjetrepublik. Autor: Wie ein Ritter, mit offenen Visier, will Ungern den „roten Drachen“ zum Kampf auf Leben und Tod herausfordern. Alle Warnungen missachtend, entschließt sich Roman Ungern zu einem Feldzug gegen Sowjetrussland. Atmo: Gerichtssaal Szene: Kommissar: Sie haben doch einen Plan gehabt, bevor sie sich entschieden haben gegen Russland zu gehen? Ungern: Ich hatte ein Bild vor mir, dass die Bevölkerung sich uns anschließen würde, dass Russland einem Pulverfass ähnelt. Man müsste nur anfangen. Ich war mir sehr sicher. Atmo: Mönchsgesang Autor: Geschickt und punktuell erfolgreich begann Ungern im Gebiet um den Baikalsee einen Partisanenkrieg gegen die Rote Armee. Doch der führte nicht zu einem gesamtrussischen Volksaufstand. ... Dann kam die Nachricht, dass die Rotarmisten und die mongolischen Kommunisten mit Sukhee-Baatar an der Spitze das ungeschützt gebliebene Urga eingenommen hatten. Roman Ungern zog sich zurück, schwieg und schmiedete neue Pläne. Seine Offiziere dagegen strebten nach Harbin, in die Mandschurei, sie hatten begriffen, dass sie nur Kanonenfutter für ihren Anführer waren, der mit der Zeit alles Menschliche verloren zu haben schien. Das Gerücht, dass der Baron nun nach Tibet gehen wolle, um seine Armee dem Dalai-Lama zur Verfügung zu stellen und von dort den asiatischen Staat aufzubauen, löste einen Aufstand unter seinen Leuten aus. Ungern floh zu seinen geliebten treuen Mongolen, in das Regiment des Fürsten Sunduj-Gun- und besiegelte damit am 21. August 1921 sein Schicksal. Erzähler: Fürst Sunduj-Gun kam zum Baron und fragte nach Streichhölzern. Der Baron ließ die Zügel los und suchte in den Taschen seines Mantels. Der Mongole riss geschickt den Baron vom Pferd, es kamen andere angerannt und nahmen ihn fest, seine Hände und Beine waren mit Lederriemen gebunden. Dann stellten sie ein Zelt auf, brachten ihren Oberbefehlshaber hinein, vor dem sie immer noch unbändige Angst hatten, ließen ihn dort liegen und verschwanden. Morgens stieß eine russische Partisanenstreife auf das einsame Zelt. Vorsichtig sahen sie hinein: „Wer sind Sie, Genosse?“ Autor: Sie konnten erst nicht glauben, dass vor ihnen hilflos der Baron, der große Recke, der General-Heerführer Dschan-Dschin Roman Ungern von Sternberg liegt. Der gefürchtete Kriegsgott, eine Mischung aus Don Quichotte und Iwan dem Schrecklichen. Ein Offizier, dem es gelungen ist, in die Geschichte der Mongolen einzugehen, wenn auch mit einer Verspätung von über 70 Jahren. Sprecher 2: O-Ton: Tserensambuu Meine Verwandten wurden verfolgt und verhaftet, ermordet. Mein Vater wurde in Kharkhorin verhaftet, weil er ein Lama war. Zuerst war er im Gefängnis, dann erschossen sie ihn. Zerensambuu ist mein Name. Sprecherin : O-Ton: Fuerstin Ja, sie wurden Repressalien ausgesetzt, die Verwandten meines Vaters. Einige von ihnen haben die Kommunisten sofort hingerichtet, manche sind verschwunden geblieben. Sprecher 3: O-Ton: Schullehrer Alle die aus unserer Gegend mit dem Baron gegangen sind, wurden 1937-1938 verhaftet und erschossen. Von den Burjaten, Russen, Ewenken ist keiner am Leben geblieben, keiner. Hier in Ondorkhaan wurden sie hingerichtet. Weil sie in der Weißen Armee gedient hatten. Sprecher 1: O-Ton: Nerguj Nur dank dem Baron Ungern ist die Mongolei zu einem europäisch gesinnten Land geworden. Wenn er uns nicht befreit hätte, wären wir China unterlegen und dessen Bestandteil geblieben, wie die Innere Mongolei. Atmo: Saal Kommissar: Am 15. September 1921, im Namen der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik, spricht hiermit das Außerordentliche Revolutionstribunal. Die Anklage gegen den ehemaligen Generalleutnant Baron Roman Fjodorowitsch Ungern von Sternberg, 36 Jahre alt, Parteizugehörigkeit: Monarchist, ist als bewiesen zu erachten und die Höchststrafe durch Erschießung ist zu vollziehen. Das Urteil ist endgültig, jegliche Revision ist ausgeschlossen. auf Atmo /Musik Absage: Dschingis Khan für ein halbes Jahr Baron Ungern von Sternberg, Herrscher der Großen Steppe Sie hörten ein Feature von Mario Bandi Es sprachen: Liane Dammenhayn. Matthias Haase, Markus Hoffmann, Jochen Langner, Bernd Reheuser, Simon Roden, Lars Schmidtke und der Autor. Ton und Technik: Anne Bartels und Hanns-Martin Renz Regie: Mario Bandi Die Zitate entstammen dem Roman „Selbstherrscher der Wüste“ von Leonid Jusefowitsch sowie den Memoiren von russischen Zeitgenossen Ungern-Sternbergs Die Recherchen zu dieser Sendung wurden durch das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung ermöglicht. Wir danken für weitere Unterstützung: dem Goethe-Institut sowie dem Moskauer Historiker Sergei Kuzmin, der sämtliche Archivdokumente zur Geschichte Ungern-Sternbergs veröffentlicht hat. Eine Produktion des Deutschlandfunks mit dem Südwestrundfunk 2011 2