Sonntag, 1. Januar 2012 (20:05-21:00 Uhr), KW 1 Deutschlandfunk / Abt. Musik und Information - Wiederholung immer samstags 07:05-08:00 Uhr auf Dradio Wissen - FREISTIL Härte 10 - Vom Diamantenfieber Von Regina Kusch und Andreas Beckmann Redaktion: Klaus Pilger [Produktion DLF 2011] M a n u s k r i p t Urheberrechtlicher Hinweis Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. (c) - ggf. unkorrigiertes Exemplar - Geräusch Diamanten ausschütten Musikmontage "Diamonds are forever/Diamonds are a girls best friend" O-Ton 1 Atmo Sicherheitskontrolle O-Ton 2 Michael Bonke Man muss an der Börse zugelassen sein, sonst kommt man hier ... nicht rein. Es gibt nur zwei Deutsche, die Vollmitglied im Kring sind, also in der größten Börse, die Rohdiamanten handelt. Da gibt es einen Ehrenkodex ... und dann ... braucht man ... einen Bürgen ..., denn wenn ich hier mit Handschlag einen Geschäftsabschluss mache für 3 Millionen ... und kann das nicht bezahlen, dann muss er das machen, das ist ganz knallhart und ... der bürgt sein Leben lang und ... das erfordert Mut. Sprecherin Die Welt der Diamanten umspannt den gesamten Globus und bleibt doch exklusiv. Nicht nur die Börse in Antwerpen ist eine geschlossene Gesellschaft. Die Schleifindustrie wird von wenigen indischen Familienclans beherrscht. Die meisten Minengebiete in Afrika werden von Bewaffneten abgeschottet. O-Ton 3 Anne Jung Es ist kaum möglich dahin zu kommen, es ist sehr schwierig auch für Menschenrechtsorganisationen, ... das ist absolut lebensgefährlich. Musik Programmsprecher: Härte 10 Vom Diamantenfieber Von Regina Kusch und Andreas Beckmann Geschichtenerzähler auf Musik: Sonic Youth "Free City Rhymes" Betörend rein, von strahlend grüner Farbe und 41 Karat schwer - so einen Diamanten, wie ihn Marcus Moses 1722 anbot, hatte zuvor noch niemand gesehen. 400.000 Taler soll der Händler für den Stein aus Indien verlangt haben. Da kam nur ein König als Abnehmer in Frage. Doch selbst August der Starke, der bekanntermaßen edlem Geschmeide nur schwer widerstehen konnte, lehnte ab. Der Preis war selbst ihm zu hoch. Erst 20 Jahre später rang sich sein Sohn August III, Kurfürst von Sachsen, der noch leidenschaftlicher Juwelen sammelte als sein Vater, durch, diese immense Summe zu investieren, um den größten grünen Diamanten der Welt in seinen Besitz zu bringen. Seitdem heißt er der "Dresdner Grüne". August III. ließ den mandelförmigen Stein in Gold fassen und zusammen mit über 400 weißen Diamanten zu einer schillernden Brosche verarbeiten. O-Ton 4 Dirk Syndram Das ist nun das kostbarste Stück unserer gesamten Sammlung, der Grüne Diamant, ... gefasst in einem Hutschmuck, Hutagraffe, was man brauchte, ... um besonders königlich zu erscheinen. Sprecherin Der Kunsthistoriker Dirk Syndram verwaltet als Direktor des Grünen Gewölbes im Dresdener Schloss den größten höfischen Juwelenschatz des 18. Jahrhunderts. O-Ton 5 Dirk Syndram Es ist so, dass der Wunsch so etwas zu besitzen, auch etwas mit Repräsentation zu tun hat, die vom Volke geforderte Repräsentation. Also so wie heute die Herrscher rumlaufen, das hätte man damals nicht zugelassen. Ohne Glanz, kann man sagen. Damals musste der Glanz auch von außen kommen, nicht nur von innen. Sprecherin Also wetteiferten die europäischen Monarchen um die größte Kollektion. Auch wenn Katharina die Große und Marie Antoinette als eifrigte Sammlerinnen in Erinnerung geblieben sind, standen ihnen in Wahrheit die Männer auf den Thronen in nichts nach. O-Ton 6 Dirk Syndram Man muss sagen: Diamonds are the girl's best friend und the queen's best friend, aber the King's as well, eben auch für Könige. Geschichtenerzähler auf Musik: Sonic Youth "Free City Rhymes" Koh-i-noor, das bedeutet "Berg des Lichts". Doch der Stein, der diesen Namen trägt, zählt weder zu den größten, noch zu den schönsten und auch nicht zu den wertvollsten der Welt. Seine Berühmtheit verdankt er der Tatsache, dass wahrscheinlich kein Diamant so oft gestohlen wurde wie er. 1304 wurde er das erste Mal aktenkundig, da hatte ihn der Sultan von Delhi dem Fürsten einer Nachbarprovinz entwendet. Als 1739 der Schah von Persien Delhi eroberte, nahm er den Koh-i-noor als Beute mit. Nur acht Jahre später wurde er ermordet und der Diamant gelangte in den Besitz des Herrschers von Afghanistan. Durch dessen Land führte 1813 ein Feldzug des Maharadschas der Sikhs, der den Stein in seine Schatzkammer im Punjab mitnahm. Dort fielen 1849 die Briten ein und wenig später wanderte der Koh-i-noor nach London. Heute wird er mit den anderen Kronjuwelen im Tower aufbewahrt, aber noch bei ihrem letzten Indien-Besuch musste sich die Queen von ihren Gastgebern anhören, sie solle das Diebesgut endlich zurückgeben. Musik Ravi Shankar O-Ton 8 Horst Schneider Für die Inder ist der Diamant ein wichtiges religiöses Symbol der Reinheit. Im ... Buddhismus gibt es den Weg des Diamantfahrzeugs "Vajrayana", in dem man dann zur Erleuchtung gelangen kann. Sprecherin Horst Schneider sammelt alte Schriften. Am Münchener Institut für Editionswissenschaft hat der Theologe alles zusammengetragen, was seit der Antike an Fabeln und Parabeln über Diamanten zu Papier gebracht wurde. O-Ton 9 Horst Schneider Die ältesten Überlieferungen zu Diamanten gehen auf das 4., 3. Jahrhundert vor Christus zurück, und zwar gibt es ein indisches Buch Ahtashastra, ... übersetzt heißt das "Lehre vom Nutzen". Da haben wir zum ersten Mal detaillierte Informationen über den Diamanten und können daraus schließen, dass es bereits zu dieser Zeit in Indien einen florierenden Diamanthandel gab. Offenbar wurden ... relativ viele Diamanten gefunden und hoch geschätzt. Der hauptsächliche Grund ist vor allem diese besondere Eigenschaft der Härte. Zitator Die Edelsteine und die Metalle, die auf der Erde vorkommen, werden alle durch den Diamanten geritzt; der Diamant aber von keinem von ihnen. Der Diamant ritzt alles und wird selbst durch nichts geritzt. Sprecherin 1822 stellte der Mineraloge Friedrich Mohs in Graz seine berühmte Skala auf, auf der der Diamant an Position 10 als härtester natürlicher Stein der Welt geführt wird. Die Inder hatten auch bereits früh herausgefunden, dass Diamanten nicht nur vielseitige Werkzeuge waren, mit denen man hervorragend bohren oder sägen konnte. Sondern dass sie auch einen einzigartigen Glanz entwickelten, wenn man ihre Oberflächen abrieb. Zitator auf Musik: East greets East - Ravi Shankar in Japan Ein Diamant mit sechs Spitzen, ohne Flecken, mit deutlichen und glatten Kanten, funkelnd in den Farben des Regenbogens, ein Diamant solcher Art wird nicht leicht auf der Erde gefunden. Sprecherin Gelehrte im alten Indien wussten auch bereits, wo sie ihn suchen mussten: in der Nähe von Vulkanschloten, die die Wissenschaft heute Kimberlit Pipes nennt und als primäre Vorkommen bezeichnet. Die gibt es auch in Kanada und Sibirien, in Australien und Afrika, aber anders als der indische Subkontinent waren diese Teile der Welt in der Antike noch nicht erschlossen oder entdeckt. Deshalb blieben die Inder über Jahrhunderte die einzigen, die Diamanten fanden. Doch wie diese entstanden waren, wussten sie nicht. Vor Jahrmillionen 150 Kilometer wurde unter der Erdkruste Kohlenstoff unter großem Druck und hohen Temperaturen zu Diamanten zusammengepresst, die später bei Vulkanausbrüchen nach oben gelangten. Horst Schneider hat Texte gefunden, in denen indische Gelehrte eine Erklärung für den Ursprung der Steine suchten, die sie "Vajra" nannten. O-Ton 10 Horst Schneider "Vajra", das heißt so viel wie hart und kann aber auch den Donnerkeil der Gottheit Indra bezeichnen. Das ist eine sehr mächtige Gottheit, die ihrerseits versucht hat, einen Dämon namens Asura Bala zu besiegen. Das gelang ihr allerdings nicht. ... Asura Bala wurde dann hinters Licht geführt. Indra nämlich pries Asura Bala, nachdem er von ihm besiegt worden war, in den höchsten Tönen und Asura Bala war so begeistert über dieses Lob, dass er Indra fragte, ob er ihm einen Gefallen tun könnte. Indra hat darauf hin geantwortet, er möchte gerne seinen Körper haben. Und Asura Bala hat Wort gehalten und seinen Körper zur Verfügung gestellt. Er wurde also getötet, seine Gliedmaßen über Indien verteilt und überall da, wo die Gliedmaßen dann auf indischen Boden auftrafen, entstanden Diamantminen. Sprecherin Das Werk einer Gottheit, geschaffen aus dem Leib eines Dämonen: Stoff genug, um dem Stein ebenso magische wie diabolische Kräfte zuzuschreiben. Zitator Ein Diamant, von dem ein Teil blutfarben ist, oder der befleckt ist mit roten Tröpfchen, würde dem, der ihn trägt, sicher den Tod bringen, er würde der Herr des Todes sein. O-Ton 12 Anne Jung Ich finde es immer schwierig zu sagen, die Diamanten waren der Fluch. ... Aber die Verwendung oder der politische Umgang mit den Diamanten war tatsächlich ein Fluch. Sprecherin Anne Jung findet Diamanten vollkommen überflüssig. Dennoch sind sie seit Jahren ein wichtiger Teil ihres Lebens. Denn Anne Jung leitet bei der Hilfsorganisation medico international die Kampagne "Fatal Transactions", die sich gegen sogenannte Blutdiamanten richtet. Diese Kampagne begann 1999, als in mehreren afrikanischen Ländern Bürgerkriege tobten, in denen die warlords ihre Waffenkäufe mit Diamanten finanzierten. In Angola etwa kontrollierten die UNITA-Rebellen die Diamantminen des Landes. In Liberia finanzierte sich die Armee des berüchtigten Charles Taylor durch den Schmuggel der Steine. Besonders grauenhaft tobte der Krieg in Sierra Leone, erinnert sich Anne Jung, wo sowohl Regierungstruppen als auch Aufständische Tausende von Zivilisten ermordeten und verstümmelten. O-Ton 13 Anne Jung In Sierra Leone haben beide Bürgerkriegsparteien ... mit den Diamanten Handel getrieben. ... Allerdings war es in dem Fall auch so, dass auch internationale Diamanten-Firmen nicht zurückgeschreckt haben, inmitten dieses sehr blutig geführten Bürgerkrieges mit den Bürgerkriegsparteien Handel zu treiben, um günstig an qualitativ hochwertige Steine zu gelangen. Sprecherin Die Industrie wusste genau, dass sie mit ihren Geschäften die Kriege verlängerte, denn Vertreter der UNO hatten bereits seit 1997 verlangt, den Handel mit Diamanten aus Konfliktregionen Afrikas auszusetzen. Aber niemand kümmerte sich darum. Bis medico international und drei andere europäische Hilfsorganisationen in Zeitungsanzeigen darauf aufmerksam machten, dass an solchen Steinen Blut klebte und zum Boykott aufriefen. O-Ton 14 Anne Jung Es war so, ... dass uns der Kampagnengegner, das war vor allen Dingen der Weltkonzern De Beers, am ersten Tag unserer Kampagne kontaktiert hat, ... dass eine sichtlich aufgelöste Deutschland-Sprecherin bei medico angerufen hat und uns gebeten hat, die Kampagne sofort zu beenden. Die öffentliche Empörung, ... die hat die Diamantenindustrie wirklich in Panik versetzt. ... Weil die Diamanten werden sehr stark assoziiert mit Liebe und Glück und sehr romantischen Attributen und wenn das plötzlich assoziiert wird mit abgeschlagenen Händen im Bürgerkrieg Sierra Leones und massiver Gewalt, kann das völlig existenzbedrohend sein für solche Firmen. Sprecherin Im Juli 2000, ein halbes Jahr nach Beginn der Kampagne "Fatal Transactions", forderte der Weltdiamantenkongress in Antwerpen seine Mitgliedsfirmen auf, keine Steine mehr aus Kriegsregionen zu kaufen. Wenige Monate später verhängte die UNO ein Embargo, das den Handel mit Blutdiamanten verbot. In den folgenden beiden Jahren endeten die Kriege. Geschichtenerzähler auf Musik: Sonic Youth "Free City Rhymes" Als der Geschäftsmann Jean-Baptiste Tavernier 1668 von seiner sechsten und letzten Asienreise zurückkommt, bringt er seinem König Ludwig XIV 25 Diamanten mit. Über einen von ihnen, einen blau-violetten, heißt es, die indische Gottheit Vishnu habe ihn bereits vor Jahrtausenden verflucht und allen künftigen Besitzern Unheil prophezeit. Der Sonnenkönig kauft ihn trotzdem und die Legende will, dass ihn seitdem das Kriegsglück verließ. Tavernier wird durch den Handel reich, verliert sein Vermögen aber wieder an Betrüger und bricht auf seine alten Tage noch einmal zu einer Geschäftsreise auf, von der er nie zurückkehrt. Später erben Ludwig XVI und seine Frau Marie-Antoinette den blau-violetten Stein und enden in den Wirren der Französischen Revolution auf dem Schafott. Die Spur des Steins verliert sich, bis ihn 1830 der englische Geschäftsmann Thomas Hope erwirbt und ihn "Hope-Diamant" nennt. Nur ein Jahr später stirbt er. Über Generationen wird das Juwel weiter vererbt, bis die Hope-Familie vor dem Bankrott steht und es wieder verkaufen muss. Jahrzehnte später soll der "Hope" an Bord der Titanic gewesen sein, was aber kaum stimmen kann, weil zu jener Zeit bereits das Ehepaar McLean in New York mit ihm herumprotzt. Die beiden werden bald geschieden, der Mann verfällt dem Wahnsinn. Schließlich kauft der bekannte Diamantenhändler Harry Winston den Brillanten. Er wird nicht vom Pech verfolgt. Seine Geschäfte boomen, bis er mit 83 sanft entschläft. Den Stein hat er der Smithonian Institution in Washington vermacht, deren Naturkundemuseum große Besucherströme anzieht. O-Ton 16 Atmo: Hoveniersstraat Antwerpen mit Möwen Atmo Sicherheitsschleusen Sprecherin Schmuckloser könnte ein Stadtviertel kaum aussehen als die Gassen rund um die Hoveniersstraat im Bahnhofsviertel von Antwerpen. Zweckbauten aus Beton, die schon lange keinen Anstrich mehr erlebt haben. Wären da nicht die Sicherheitsschleusen an den Eingängen, müsste sich nicht jeder in jedem Gebäude wieder neu ausweisen, würden die Warenanlieferungen nicht von bewaffneten Sicherheitsdiensten begleitet, es ließe sich kaum erahnen, dass hier die großen Diamantbörsen der Welt beheimatet sind, an denen 80% aller Rohdiamanten gehandelt und jährlich etwa 25 Milliarden Euro umgesetzt werden. Michael Bonke kommt einmal im Monat hierher. O-Ton 17 Atmo Börsensaal O-Ton 18 Michael Bonke Der Börsensaal war früher der zentrale Punkt, wo sich der Handel abgespielt hat, da war ... das Schwarze Brett. Wenn jemand einen bestimmten Stein oder eine Anzahl von Steinen gesucht hat, hat er da einen Zettel angeheftet, dann kamen die Leute auf einen zu und dann hat man sich da getroffen und hat rum geschachert, ... was hast denn du und was hast denn du, aber das hört mehr und mehr auf. ... Jetzt setzt eine Schleiferei, wenn sie was hat, das ins Internet ... und dann muss niemand mehr in den Börsensaal gehen, ... aber in den Börsengebäuden ..., wo die akkreditierten Händler ihr Büro haben, und dort spielt sich das eigentliche Geschäft ab O-Ton 19 Atmo Gang Schritte Aufzug O-Ton 20 Michael Bonke Schritte, Türen, halliger Gang Sprecherin Noch immer gelten die Regeln, die vor 500 Jahren festgelegt wurden, als die ersten Schleifer und Händler in Antwerpen anfingen. Es waren orthodoxe Juden. Wer nicht zu ihrer Gemeinde gehörte, hatte kaum Aussichten auf eine Zulassung. Ihre Kinder heirateten untereinander, so blieben die Geschäfte in der Familie - bis die Inder den Markt aufrollten. Zuerst brachten sie die Schleifindustrie unter ihre Kontrolle, weil die Werkstätten in ihrer Heimat viel billiger arbeiten. Inzwischen dominieren sie auch den Handel, aber trotzdem passen sie sich den Traditionen Antwerpens an, so weit, dass auch sie heute einen Geschäftsabschluss mit einem Händedruck besiegeln und dem Geschäftspartner auf Jiddisch "Massal" wünschen, also Glück. O-Ton 21 Michael Bonke im Gespräch mit indischem Händler Tea, coffee, something for you? ... For me ... not. Yesterday I rang up ... (Gespräch geht auf Englisch weiter, darauf:) Sprecherin Michael Bonke bespricht mit einem indischen Händler eine Strategie für eine Auktion, die für diesen Tag angekündigt ist. Ein Lot Rohdiamanten, eine Mischung unterschiedlicher Größe und Qualität, steht zu Gebote, aber weder der Inder noch Bonke könnten alle Steine verwerten, die das Paket enthält. Doch wenn sie es gemeinsam ersteigerten und sich teilten, wären für beide interessante Stücke dabei. O-Ton 22 Michael Bonke Das ist oft so, dass verschiedene Firmen sich zusammen tun und auf ein Lot bieten, weil ... wenn man sich koordiniert, ... dann bleibt der Preis niedriger, weil wir uns nicht gegenseitig hochsteigern und wir haben mehr Kapital, um auf ein großes Lot zu bieten, was dann auch billiger ist. ... Schriftlich macht man hier gar nichts, alles geht mit Handschlag ... kürzung - um sich dann noch mal abzusprechen, gehen wir so hoch oder wo steigen wir aus, und da ist gerade was am Laufen und schauen wir mal, ob wir was kriegen oder nicht. O-Ton 23 Michael Bonke So I leave you a blank check here ... (Gespräch geht auf Englisch weiter, darauf:) Sprecherin Michael Bonke überlässt seinem indischen Geschäftspartner einen Blankoscheck und besucht dann seinen alten Freund und Kollegen Sammy Spiegel. Der gehört zu einer der alteingessenen flämisch-jüdischen Familien an der Börse. O-Ton 24 Sammy Spiegel/Michael Bonke Atmo Tür-Summer Hi Sammy, Hi Michael. ... Hoher Besuch. Sprecherin Auf einem Tisch in Spiegels Zehn-Quadratmeter-Büro liegen Millionenwerte, in schwarzen Koffern voller kleiner Briefchen. In einer Ecke steht ein verstaubter Plastikbaum. Die Händler von Antwerpen legen wenig Wert auf Äußerlichkeiten. Schon gar nicht in Zeiten wie diesen, in denen sich der Markt gerade erst von seinem tiefen Einbruch 2009 erholt, erklärt Sammy Spiegel. O-Ton 25 Sammy Spiegel Meine Familie ist schon fast 100 Jahre in Diamant, aber ich kann Ihnen sagen, wie das Geschäft sich in den letzten 10 Jahren geändert hat, so hat es sich nicht geändert in den anderen 90 Jahren. ... Die Produktion hat sich nach Asien verschoben, wo das billiger ist, aber auch der Endverkauf, wenn Sie ans Internet denken. ... Sie drücken einen Knopf und ... die Information ist so offen und erreichbar für jeden. ... Das drückt die Preise, ... das ist gut für die Konsumenten, aber für die Fabrikanten wird das nur schwieriger. Sprecherin Als Sammy Spiegel anfing, waren die Juden in Antwerpen noch unter sich. Da brachte er seine Steine noch in eine jüdische Schleiferei an der nächsten Ecke. Heute kann er sich das nur noch bei ganz großen Exemplaren leisten. Die werden dann in den wenigen verbliebenen Werkstätten von hochmodernen, computergesteuerten Lasern zersägt. Wenn es um mehrere Dutzend Karat geht, wenn der Stein am Ende einen sechsstelligen Betrag verspricht, dann kommt es nicht darauf an, ob der Schliff 5000 oder 1000 Euro kostet. O-Ton 26 Sammy Spiegel Ich habe ein Auge für schöne Sachen und es gab manches Mal einen Diamanten, den habe ich eingekauft und gesagt, nein, den verkaufe ich nicht, der bleibt hier, aber am Ende vom Tage musste er doch gehen. Aber ... heute die neue Generation, meine ich nicht, dass sie so denkt, wie ich denke. Alles ist Geld, Geld, Geld. Ich meine, Michael kann sagen, was er kauft von mir, das sind schöne Steine, mit Liebe und mit Herz, ... mit Anziehung. Diese Schönheit wird nie vergehen. O-Ton 27 De Beers-Werbespot (Musik: Palladio) Darauf: Sprecherin "A diamond is forever". Diesen Slogan hat die Minengesellschaft De Beers bereits in den 40er Jahren erfunden und nutzt ihn bis heute in ihrer Werbung. O-Ton 28 De Beers-Werbesprecher The Diamond Engagement Ring. How else could two Months' Salary last forever? Sprecherin Der Diamantring gilt in den USA als unverzichtbares Verlobungs- und Hochzeitsgeschenk, mit der ein Mann seiner Auserwählten die ewige Liebe verspricht. Der Stein, der bis dahin den Reichen und Mächtigen vorbehalten war, wurde für eine breite Mittelschicht erschwinglich, als Marktführer De Beers nach dem Zweiten Weltkrieg die Förderung hochfuhr und in Nordamerika ein weitverzweigtes Vertriebsnetz aufbaute. O-Ton 29 Atmo: Steine ausschütten, sortieren O-Ton 30 Wolfgang Malzahn Das hier sind alles Steine, die sehen eigentlich alle weiß aus, aber wenn man genauer hinguckt, sieht man, dass der doch weißer aussieht als der, ... das ist sogenanntes hochfeines Weiß, ... oder D, E. E ist eine Farbe weniger weiß, ... alles verschiedene Weißtöne, wobei ein Stein mit der Farbe D leicht mal das Dreifache kosten kann wie ein Stein mit der Farbe J. Sprecherin Wolfgang Malzahn beliefert Juweliere und Goldschmiede in Deutschland. In einem unscheinbaren Einfamilienhaus vor den Toren Berlins haben er und seine Frau Lena ihre Firma eingerichtet. Die Adresse soll geheim bleiben, Kunden erwarten sie ohnehin nicht. Es reicht, wenn der Kurier weiß, wo er die Lots aus Antwerpen abgeben soll, die kleinen Päckchen mit Diamanten, die die beiden dann unter die Lupe nehmen. O-Ton 31 Lena Malzahn Man muss den Stein immer bewegen mit der Pinzette, weil nur in Bewegung sieht man dann eine Stelle, wo einfach Licht fehlt, und dann guckt man, ob das ein Einschluss ist oder oberflächlich Dreck, ... also Verunreinigung ist. ... Besser wenn das draußen ist, das kann man abwaschen, innen drin leider nicht. O-Ton 32 Wolfgang Malzahn Das Teuerste ist eben das Lupenreine, und D lupenrein und wenn man den kaufen würde beim Juwelier, was zahlt man? Ich denke mal 30.000 oder so. Einkaräter. O-Ton 33 Lena Malzahn Und vor allem muss man auch auf den Schliff achten. Wenn der Stein sozusagen zerschliffen ist und zu flach ist, dann ist er tot. Man nennt das Fischauge, der bringt kein Leben raus. Der ist weiß, aber hat kein Funkeln. Der ist zu flach, um Licht in sich reinzulassen, zu spiegeln und rauszubringen. Geschichtenerzähler auf Musik: Sonic Youth "Free City Rhymes" Mit 3106 Karat ist der Cullinan bis heute der größte Rohdiamant der Geschichte. Er stammt aus der Cullinan-Mine in Transvaal gefunden. 1907 beschloss das Parlament dieser britischen Kolonie, ihn zu kaufen und Edward VII zu dessen 66. Geburtstag zu schenken. Der König nahm ihn mit der Bemerkung an, er sehe aus wie ein gewöhnliches Stück Glas. Den Schleifer, den er beauftragte, etwas Ansehnliches aus ihm zu machen, trieb der Stein zur Verzweiflung. Beim ersten Versuch, ihn zu spalten, zerbrachen seine Werkzeuge. Als ein zweiter Versuch endlich glückte, soll der Mann in Ohnmacht gefallen sein. Nachdem er wieder zu sich gekommen war, fand er auf seinem Tisch 105 Einzelteile vor. Glücklicherweise ließ sich aber noch aus dem kleinsten ein funkelndes Schmuckstück schleifen. Die neun größten gehören bis heute zu den britischen Kronjuwelen, der Verbleib der anderen ist unbekannt. O-Ton 36 Michael Bonke Wir nehmen nur Schleifer, die wir anlernen, die mindestens 10 Jahre Schulbildung haben, ... und auch da ist es so, dass von zehn Leuten, die wir einstellen, in der Probephase neun wieder raus fallen. Es ist schon ein Job, der sehr viel Konzentration erfordert, da muss jemand richtig dabei sein, man muss richtig mit dem Material kämpfen, der Diamant ist ja das härteste Material, und ohne Willen und Durchsetzungsvermögen schafft man es nicht, so einen Stein zu bezwingen. Sprecherin Die Rohdiamanten, die Michael Bonke in Antwerpen kauft, lässt er seit 30 Jahren in seiner eigenen Schleiferei in Indien bearbeiten. 90 Prozent aller Diamanten werden mittlerweile auf dem Subkontinent geschliffen. Die meisten in Gujarat an der Westküste, wo 300 Familienclans dieses Geschäft aufgebaut haben und bis heute kontrollieren. Sie beschäftigen auch gern Kinder, weil die so gute Augen haben. In Gujarat werden vor allem die Steine für die günstigen Armbänder der Kaufhausketten angefertigt. Michael Bonke hält sich von dieser Region fern, er ist ganz in den Südosten des Landes gegangen, nach Pondicherry. Kinderarbeit käme für ihn niemals in Frage. Wie alle produziert auch er wegen der niedrigen Lohnkosten in Indien, aber für ihn ist Qualitätsarbeit mindestens so wichtig. O-Ton 37 Michael Bonke Den Schweizer Großhändlern, die wir beliefern, müssen wir garantieren, dass die Winkel des Oberteils weniger als ein Viertel Grad voneinander abweichen und das ist wichtig, wenn man große Flächen mit kleinen Brillanten ausfüllt, zum Beispiel für die Uhrenindustrie. Wenn die das Zifferblatt mit 500 winzig kleinen Steinen ausfassen, wenn die Winkel da nicht genau gleich sind, dann schaut das Zifferblatt nachher aus wie Kraut und Rüben. Nur wenn die Winkel nachher exakt gleich sind, dann gibt es ein gutes Bild. Und auf diese perfekt geschnittenen Winkel sind wir hier spezialisiert. Sprecherin Der Kampf mit dem Stein wird hoch arbeitsteilig geführt, fast wie in einer Fließbandproduktion, erläutert Mister Rammurti, der die Arbeiten in Bonkes Schleiferei koordiniert. O-Ton 38 Atmo: Tür öffnen Sägerei Sound Halle O-Ton 39 Mister Rammurti Sawing means one stone will come into two pieces ... two pieces. Übersetzer Hier in der Sägerei wird der Rohdiamant in zwei Hälften zerteilt. Das machen wir mit einem Kupferblatt, das ist eigentlich viel zu weich, aber der Diamantstaub, der durch das Sägen anfällt, vom Diamant selber, dieser Diamantstaub sägt den Stein in zwei Teile. Sprecherin Der Diamant ist in sich an seiner härtesten Stelle noch zehnmal härter als an seiner weichsten. An dieser Stelle muss der Säger ansetzen. Bis zu 30.000mal in der Minute dreht sich das hauchdünne Kupferblatt. Trotzdem käme es keinen Millimeter weit in den Stein hinein, haftete nicht der Diamantstaub an der Trennscheibe. Selbst bei mittelgroßen Diamanten kann es bis zu 10 Stunden dauern, ehe sie gespalten sind. Erst danach beginnt das eigentliche Schleifen. Dabei wird zunächst auf der Oberseite eine große flache Facette angefertigt, die sogenannte Tafel, durch die das meiste Licht einfällt. O-Ton 40 Mister Rammurti After table smoothening the table then they will fix in... the stone will be reduced. Übersetzer Nachdem die Tafel auf den Stein geschliffen wurde, kommt die Rundiste. Da werden mit einem anderen Diamanten die vier Ecken von dem Stein abgescheuert und der Stein kriegt eine Gürtellinie, der wird rund gemacht. Es ist ganz wichtig, dass man bei der Operation nicht zu viel wegschleift, sonst verliert man Geld, weil der Stein zu viel Gewicht verliert. Sprecherin Im letzten Arbeitsgang erfolgt der Schliff der Unterseite. Er ist besonders komplex, weil hier, egal wie klein der Stein ist, 56 Facetten aufgetragen, das heißt 56 kleinste Winkel geschliffen werden. Jedenfalls beim Brillanten, der gängigsten Schliff-Form. Sogenannte fancy diamonds können unter Umständen noch viel mehr Facetten aufweisen. Diese vielen kleinen Winkel lassen den Diamant funkeln. O-Ton 41 Michael Bonke Jeder Schleifer hat ja nur einen ganz bestimmten Arbeitsvorgang, den er macht, und da werden die Steine, die er kriegt, die also schon vorbereitet sind bis zu dem Arbeitsgang, die werden genau gewogen und wenn er mit seiner Operation fertig ist, ... dann wird das wieder abgewogen und es wird eine Statistik geführt, was ist der Gewichtsverlust von jedem Schleifer in dieser bestimmten Operation. Und da, wenn einer dann rausfällt auf einmal, dass man sieht, der hat einen viel höheren Gewichtsverlust, da muss man schauen, was ist los? Hat der Liebeskummer, oder hat er sonstige Probleme, ist er nicht ausgeschlafen oder was weiß ich, jedenfalls muss man da schon schauen. Sprecherin Michael Bonke bezahlt Stücklohn, aber wer auf Dauer zu viel Gewichtsverlust produziert, muss mit Abzügen rechnen. Gemurrt haben die Beschäftigten über dieses System noch nie. Arbeitskämpfe gab es aus ganz anderen Gründen. O-Ton 42 Michael Bonke Als das erste Mal eine Frau bei uns mehr verdient hat als die Männer, haben die sofort gestreikt. ... Als wir dann eine Frau zum Junior Supervisor gemacht haben, die also Männern sagen musste, was zu tun ist, da haben die Manager von uns sogar Morddrohungen gekriegt aus der Belegschaft, weil das war alles für die völlig undenkbar, dass man jetzt eine Frau in so eine Position hebt. Inzwischen haben die sich daran gewöhnt, aber wir haben da schon einige Widerstände brechen müssen. Geschichtenerzähler mit Musik: Sonic Youth "Free City Rhymes" Als der Excelsior 1893 in Jagersfontein gefunden wurde, verbreitete sich die Nachricht in Windeseile um die Welt. Nicht nur wegen seines immensen Gewichts von fast 1000 Karat. Sondern weil er eine sehr seltene und sehr begehrte bläuliche Färbung besaß. Der Schriftsteller Mark Twain, der ihn auf einer Südafrika-Reise noch in rohem Zustand sah, erfuhr, dass die Mine ihn für sagenhafte 2 Millionen Dollar feilbot. Weil niemand diese Summe zahlen konnte, suchte sie zehn Jahre lang vergeblich einen Käufer. Dann schickte sie den Stein nach Amsterdam, um ihn zu zerteilen. - kürzung - Über den Finder des Steins ist wenig bekannt. Er war Hilfsarbeiter der Mine und soll ihn entdeckt haben, als er Abraum auf einen Anhänger schaufelte. Entgegen den Vorschriften übergab er ihn nicht seinem direkten Vorgesetzten, sondern lieferte ihn direkt beim Geschäftsführer der Mine ab. So erhielt er den vollen Finderlohn von 500 Dollar. Seinen Namen hielt man nicht in den Büchern fest. Es wurde lediglich notiert, er sei "ein Nigger". O-Ton 44 Michael Bonke Das Thema Blutdiamant ... gehört ... der Vergangenheit an, weil die großen Auseinandersetzungen in Afrika ... vorbei sind. Sprecherin Für Händler wie Michael Bonke ist der Streit um die Herkunft ihrer Ware erledigt, seit sich Regierungen, Industrie und Hilfsorganisationen wie medico international auf den Kimberley-Prozess geeinigt haben. Danach dürfen Händler nur noch solche Diamanten kaufen, die ein Kimberley-Zertifikat haben. Mit diesem Dokument, erklärt Anne Jung, soll sich der Weg vom Fundort bis zum Händler lückenlos nachverfolgen lassen. O-Ton 45 Anne Jung Idealerweise wird der Stein begleitet, damit er auch auf dem Weg nicht noch vermischt werden kann mit Steinen, die aus ganz anderen Ländern kommen oder aus ganz anderen Regionen. In der Hauptstadt gibt es dann ... von der Regierung betriebene Institutionen, ... wo die Steine noch mal untersucht werden nach ihrer Herkunft. Es ist schon so, dass man an Hand von Farben und Formen und Schattierungen die Diamanten relativ exakt ihrer Herkunft zuordnen kann ... und dann werden die verpackt in Metallboxen, ich habe das mal gesehen, dann wurden die so verplombt wie Spendenbüchsen vom Roten Kreuz, so sehen die aus, und da drin liegt ein Zertifikat, ... und so werden dann diese Steine ... an die Börsen gebracht. Und dort sollte es auch noch mal Experten geben, die da einen Blick drauf werfen. Sprecherin Trotzdem lassen sich Diamanten natürlich immer noch schmuggeln. Weil sie so klein sind, kann man sie leicht verstecken und kein Zollhund wird sie je erschnüffeln. Aber seit niemand mehr Steine ohne Zertifikat besitzen darf, lässt sich Schmuggelware nur noch schwer verkaufen. O-Ton 46 Anne Jung Die Händler in Antwerpen sind sehr nervös geworden, da ist es sicherlich schwieriger. Aber es gibt natürlich auch jenseits der offiziellen Börsen Abnehmer und auch Möglichkeiten, diese Diamanten schleifen zu lassen und dann zu verkaufen. ... Wenn ein Diamant geschliffen wurde, kann man seine Herkunft nicht mehr bestimmen. Sprecherin Es sind also immer noch illegale Steine im Umlauf, aber das ist nicht der Grund, weswegen Anne Jung mit dem Kimberley-Prozess unzufrieden ist. Ihrer Ansicht nach werden immer noch viel zu viele Steine legal gehandelt, an denen zwar kein Blut mehr klebt, aber immer noch viel zu viel Schweiß. O-Ton 47 Anne Jung Viele der Minenarbeiter berichten, dass sie nur eine Schale Reis pro Tag bekommen für ihre harte Arbeit, die man sich so vorstellen muss, dass die Arbeiter sechs Tage die Woche unter sengender Sonne bis zu den Hüften im Wasser stehen und mit ganz groben Sieben die Steine aussieben. Das ist sehr gesundheitsschädlich, ein Malariagebiet, wo viele Menschen eben krank werden von ihrer Arbeit, aber wo sie natürlich auch von einer Schale Reis weder sich selbst noch ihre Familie ernähren können. Sprecherin Solche Arbeitsbedingungen herrschen überall dort, wo es sekundäre Vorkommen gibt. Im Unterschied zu den primären befinden sich die Steine hier nicht im Schacht eines erloschenen Vulkans. Sie liegen weit verstreut im Bett eines Flusses, der sich zu Urzeiten seinen Weg durch einen solchen Vulkan gebahnt und dabei Diamanten mitgenommen hat. Weil man sie heute an der Oberfläche schürfen kann, brauchen die Minenbesitzer nicht in teures Bohrgerät und schwere Fahrzeuge zu investieren, sondern heuern billige Arbeitskräfte an, um riesige Flächen mit einfachen Sieben absuchen zu lassen. Die meisten sekundären Vorkommen gibt es in Schwarzafrika und es werden immer wieder neue entdeckt, vor kurzem erst in Zimbabwe. Dort hat sofort das Militär die Kontrolle über die Minengebiete übernommen. O-Ton 48 Anne Jung In dieser Region, Marange, ist es so, dass Tausende Menschen vertrieben wurden, dort hatte landwirtschaftlicher Anbau stattgefunden, das ist jetzt nicht mehr möglich. ... Es wurden keine Entschädigungen gezahlt und es sind mehrere hundert Menschen bei diesen Vertreibungsaktionen ums Leben gekommen. Sprecherin Dennoch bekam die Regierung von Diktator Robert Mugabe auf einer Sitzung des Kimberley-Prozesses im November 2011 die Erlaubnis, Diamanten aus Marange auf den Markt zu bringen. Die Vertreter von Menschenrechtsorganisationen verließen daraufhin unter Protest den Saal. Sie nennen Steine, bei deren Abbau Menschen so schamlos ausgebeutet werden, Konfliktdiamanten und wollen den Handel mit ihnen verbieten. Bei der Industrie und den Regierungen stoßen sie damit auf taube Ohren. Selbst ein politisch sensibler Händler wie Michael Bonke kauft zwar keine Diamanten aus Zimbabwe. Aber trotzdem unterstützt auch er nicht die Position der Hilfsorganisationen. O-Ton 49 Michael Bonke In Zimbabwe ist das Problem schon so, dass der Mugabe sich an der Macht hält, indem er seine Armee finanziert ... durch Abbau von Bodenschätzen, nicht nur Diamanten, auch Gold und was weiß ich, insofern könnte man jetzt sagen, okay, die Diamanten spielen eine gewisse Rolle, aber das ist ein innenpolitisches Problem in Zimbabwe, das mit Diamanten nichts zu tun hat. O-Ton 50 Atmo Hydraulik-Presse Vollstädt AG O-Ton 51 Prof. Heiner Vollstädt (im Maschinenraum) Jeder Wachstumsprozess ist immer wieder ein Wunder und ist immer wieder ein nicht zu kontrollierender Vorgang. Das muss man wissen und akzeptieren. (Geräusch Presse) Sprecherin Seit 40 Jahren versucht Heiner Vollstädt Diamanten zu züchten. Das gelingt ihm bisweilen auch ziemlich gut, aber trotzdem hat die Entstehung eines Steins für ihn immer noch rätselhafte Züge. Als er anfing zu forschen, an der Akademie der Wissenschaften der DDR, ging es um kleinste Körnchen für Schleifmaschinen oder Bohrer der volkseigenen Maschinenbauindustrie. Nach der Wende wurde sein Institut abgewickelt. Heiner Vollstädt nahm die alten, ölverschmierten Maschinen mit und baute seine eigene Firma auf, in einer Halle auf einem ehemaligen Militärgelände vor den Toren Potsdams. O-Ton 52 Prof. Heiner Vollstädt (im Maschinenraum) Sie sehen hier drin eine Vielzahl von Hochdruckpressen, die eine Presskraft jeweils von zweieinhalbtausend Tonnen haben. ... Die Pressen sind dazu da, ... ein Druck-Temperatur-Feld zu erzeugen, in dem der Diamant sich zu Hause fühlt, also stabil ist. Sprecherin So ein Diamant ist sehr sensibel. Jede der sechs Hochdruckpressen Heiner Vollstädts ist zwar groß wie ein Kleiderschrank, aber der Diamant fühlt sich darin nur in kleinem Raum von wenigen Kubikzentimetern zu Hause, in der Druckkammer. Und die muss ihm Heiner Vollstädt ganz akkurat einrichten - mit einem sogenannten Impfkristall, einem winzigen Diamantkorn. O-Ton 53 Prof. Heiner Vollstädt (im Maschinenraum) Der Trick ... liegt darin, dass ... man einen Impfkristall in eine Druckkammer legt, dort eine Mischung aus Graphit und einem Katalysator, also einem Hilfsmittel, was ein Metall ist, hineinbringt und dem Graphit unter hohem Druck und hoher Temperatur sagt, jetzt hast du dich in Diamant umzuwandeln. Und dieser umgewandelte Graphit wandert durch den Katalysator in dieser Druckzelle zu diesem Impfkristall und sieht diesen Impfkristall und sagt sich, hier fühl ich mich wohl, hier ist mein Stabilitätsgebiet und hier wachse ich auf dem Impfkristall immer weiter. Sprecherin Damit aus dem kleinen Körnchen ein veritabler Stein wächst, werden Graphit und Katalysator mit tellergroßen metallenen Dichtringen ummantelt und dann in eine der Pressen geschoben. Die baut nun genau jene Mischung aus Hochdruck und hohen Temperaturen auf, die vor Jahrmillionen auch im Erdinneren in einer Tiefe von etwa 150 Kilometern herrschte, als dort Diamanten entstanden. O-Ton 54 Prof. Heiner Vollstädt (im Maschinenraum) Das Rauschen sind entweder die Transformatoren, die die hohen Temperaturen erzeugen oder wenn Sie hin und wieder diese etwas lauten Geräusche hören, sind das die Pumpen der Hydraulik, die immer wieder darauf bedacht sind, dass die Kräfte, die den Druck erzeugen, relativ stabil bleiben. Jede kleine Änderung in dieser Druckkammer, und seien es nur 2, 3 Grad, erzeugt Unreinheit, erzeugt Veränderungen in dem wachsenden Kristall und wenn Sie Pech haben, haben Sie am Ende einen, der Fachmann würde sagen Piquet, also einen sehr schlechten Diamanten. Sprecherin Das passiert immer noch bei mehr als jedem dritten Versuch und Heiner Vollstädt weiß bis heute nicht genau, warum. Deshalb ist die Spannung jedes Mal wieder groß, wenn nach einer Woche die Presse heruntergefahren wird und einer der beiden Techniker der kleinen Firma die Druckzelle herausholt. Der Techniker öffnet sie und bringt Heiner Vollstädt den Inhalt zur Begutachtung ins Labor. O-Ton 55 Atmo Schritte, leiser werdende Maschinen O-Ton 56 Prof. Heiner Vollstädt Diese Form, das ist das, was am Ende übrig bleibt. Da ... sieht man schon ein bisschen dort, wo der Impfkristall gelegen hat oder noch liegt, ist etwas zu sehen. Sprecherin Heiner Vollstädt löst mit einer Pinzette drei bläuliche Klumpen aus dem Metall heraus. Immerhin mit einem ist er zufrieden. O-Ton 57 Prof. Heiner Vollstädt Ein wunderschöner, in dem Falle 1,2 Karat schwerer hellblauer Diamant. Aus dem kann man dann einen Halbkaräter schleifen, wenn er schön sauber ist, und dann hat man schon einen für einen Ohrring. Den zweiten müsste man dann noch wachsen lassen. Sprecherin Viel Geld verdienen könnte Heiner Vollstädt mit ihm nicht. Juweliere und ihre Kunden akzeptieren keine synthetischen Steine. Interessiert sind allein wissenschaftliche Institute, die neue Bohr- oder Schleiftechniken entwickeln wollen oder die an Verfahren arbeiten, um mit Diamantstaub Computerchips zu kühlen. Selbst auf dem Markt für Industriediamanten erzielen gezüchtete aber allenfalls halb so hohe Preise wie natürliche. Ohne Forschungsförderung ließen sich die immensen Energiekosten für die Pressen nicht wieder hereinholen. Deshalb gibt es weltweit auch nur etwa ein halbes Dutzend Firmen, die sich mit der Zucht von Diamanten beschäftigen. Allerdings: Selbst Großkonzerne wie De Beers forschen auf diesem Gebiet. Heiner Vollstädt glaubt nach wie vor daran, dass sich seine Arbeit irgendwann auszahlen wird. Argumente dafür fallen ihm viele ein. Das beste ist ihm gekommen, als er vor ein paar Jahren an den Rändern der kilometergroßen Krater der Diamantminen in Jakutien gestanden hat. Geschichtenerzähler auf Musik: Sonic Youth "Free City Rhymes" Der Orlov: Einst hatte er die Spitze des Zepters von Katharina der Großen geziert. Doch anders als viele ihrer Diamanten stammte dieser nicht aus einer russischen Mine, sondern war Hehlerware. Ein französischer Söldner hatte sich Mitte des 18. Jahrhunderts den Zugang zu einem der heiligsten Hindu-Tempel erschlichen. Dort brach er aus der Statue der Gottheit Brahma eines ihrer diamantenen Augen heraus und schmuggelte es nach Madras, um es an einen britischen Seefahrer zu verkaufen. Der wiederum brachte den Stein nach Europa und fand im russischen Fürsten Grigori Orlov einen Abnehmer. Orlov hoffte, mit dem Diamanten die Gunst der Zarin zu erlangen. Katharina nahm das Geschenk an, den Verehrer wies sie ab. Seither galt der Orlov als Prachtstück der Moskauer Kronjuwelen, die allerdings nach der Oktober-Revolution erst einmal von der Bildfläche verschwanden. Als die Sowjetmacht später beschloss, sie im Kreml auszustellen, machte der Gemmologe Alexander Fersmann eine überraschende Entdeckung: Größe, Form und Farbe des Orlov ähneln verblüffend einem anderen Diamanten, den der französische Handlungsreisende Jean-Baptiste Tavernier schon im 17. Jahrhundert beschrieben hatte - dem Großmogul, dem größten Stein aus dem alten Indien, der einst die Herrscher von Agra schmückte und seit Jahrhunderten als verschollen gilt. Möglicherweise ist der Orlov also gar nicht der Orlov, sondern der Großmogul. O-Ton 59 Dirk Syndram Der Grüne Diamant, der ... für den Preis von 400.000 Talern nach Dresden gekommen ist, 100.000 Taler kann man rechnen, eine Tonne Gold, 400.000 Taler ist ein unvorstellbar hoher Wert. Jetzt könnte man ... sagen, das ist doch alles Verschwendung. Ist es natürlich absolut nicht. Sprecherin Dirk Syndram, der Leiter des Grünen Gewölbes in Dresden, ist nicht nur deshalb so stolz auf den Grünen Diamanten, weil der so groß und so schön ist. Vielmehr zeigt für ihn die Tatsache, dass die Sachsenkönige solche Steine erworben haben, welch kluge und vorausschauende Herrscher sie in wirtschaftlichen Fragen waren, gerade auch im Vergleich mit ihren preußischen Widerparts. O-Ton 60 Dirk Syndram Wir haben ... einen Brief von Friedrich II von Preußen, der schreibt an einen seiner Generäle, ... August III, der hätte nicht genug Geld gehabt, um eine Artillerie, also Kanonen sich leisten zu können. Das war gerade in den Schlesischen Kriegen, wo man zusammen kämpfte, die Sachsen und die Preußen, ... weil er sich eben gerade mal einen großen grünen Diamanten für 400.000 Taler gekauft hat. ... Deswegen hat Friedrich das wahrscheinlich mit leichter Verachtung da rein gesetzt, für ihn waren Kanonen für 400.000 Taler mehr wert als ein Stein für 400.000 Taler. Dass die Investition gut war, kann man sehen, der Schlesische Krieg ist zwar siegreich geführt worden, aber die Städte sind jetzt alle polnisch und der Stein ist noch da. Sprecherin Am Dresdener Hof wusste man offenbar das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Das galt nicht erst für August III, sondern bereits für dessen Vater August den Starken. Schon der hatte sich nicht nur mit Diamanten geschmückt, sondern auch ihr Potenzial als Anlageobjekt erkannt. O-Ton 61 Dirk Syndram Das ... hat mehrfach Sachsen die Existenz gerettet. ... Da wurde so etwas manchmal verpfändet, um Geld zu bekommen, wenn hier eine Hungersnot sich andeutete, um damit dann Getreide weit entfernt zu kaufen und hierhin zu bringen. ... Es gab spezielle Banken in Rotterdam, es gab eine große Verpfändung auch zum Nordischen Krieg, ... wo er dann 1705 einen Teil seiner damals schon erstandenen Diamanten-Garnitur dahin gegeben hat, und die ist 1712-14 dann wieder ausgelöst worden. ... Also es ist schon so, dass das ... eine sehr effiziente Finanzpolitik des 18. Jahrhunderts gewesen ist. ... Es ist wirklich so, dass wenn Sie sich das mal zusammenrechnen, was an Soll und Haben übrig blieb nach dem Tode August des Starken, dann sieht das ein bisschen so aus, als hätte er Schulden hinterlassen, aber er hat auch einen ganz reichen Juwelenschatz hinterlassen, den Sie da mitrechnen müssen, und dann ist er ganz gut im Plus. Sprecherin Trotzdem hat Finanzpolitik mit Diamanten keine Nachahmer gefunden. Im 19. Jahrhundert begannen die wirtschaftlich führenden Länder dagegen, den Wert ihrer Währung mit Goldreserven zu sichern. Bis heute gilt dieses Edelmetall öffentlichen wie privaten Anlegern gerade in Krisenzeiten als sicherer Hafen. Der Diamant ist in dieser Hinsicht bedeutungslos geworden und das wird er nach Meinung vieler Händler wie Wolfgang Malzahn auch bleiben. O-Ton 62 Wolfgang Malzahn Wenn man ihn dagegen als Schmuck getragen hat und hatte 20 Jahre tolle Ohrringe und dann erben die Kinder und die können es dann verkaufen, ... das ist dann eine gute Anlage. Also Tragen als Schmuck, ja, ist eine gute Sache, weil alles andere geht schneller kaputt, und Diamant ist dann doch schon sehr stabil, ... aber ansonsten ist er zu schade, um ihn nur in den Tresor zu legen. Sprecherin Konzerne wie de Beers haben dagegen in den letzten Jahren immer wieder einmal versucht, reichen Scheichs oder Fondsgesellschaften Diamanten als Anlageobjekt anzudienen - bisher ohne Erfolg. Michael Bonke ist aber überzeugt, dass sie gerade jetzt, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten, für Investoren interessanter werden. O-Ton 63 Michael Bonke Die Preise von Diamanten, schätze ich mal, werden sich in den nächsten drei Jahren mindestens verdoppeln. Wir haben weit zu wenig Rohvorkommen, die Diamantenminen, die großen, sind ziemlich erschöpft, werden teilweise still gelegt und neue Minen sind nicht in Sicht und der Bedarf weltweit ist stark am Steigen. Also da tut sich eine Lücke auf und da muss eine Preiserhöhung kommen, sie sind in den letzten Jahren auch gestiegen, aber die Preiserhöhung wird noch sehr viel stärker werden. Sprecherin Der Trend kann aber auch schnell kippen. Als 2008 die Finanzkrise ausbrach, ging die Nachfrage erst einmal rasant in den Keller und mit ihr die Preise. Anschließend haben sie sich zwar wieder erholt, aber Klaus Malzahn beobachtet, dass zumindest in Europa immer mehr Erben ihren Familienschmuck verkaufen wollen und damit das Angebot erhöhen. Hinzu kommt, das bestätigt auch Michael Bonke, dass die Preise sich auf Grund von Moden schlagartig ändern können. O-Ton 64 Michael Bonke Als ich angefangen habe in den späten 80er Jahren, haben wir rosafarbene Steine verkauft als Weißersatz, zu einem Drittel vom Preis von weißen Steinen. ... Und heute sind die gleichen rosanen Steine ... mindestens zehnmal so teuer wie die weißen. In dem Moment, wo Elisabeth Taylor sich ihren berühmten Pink-Einkaräter gekauft hat für eine Million Dollar, da sind die Preise dann vom Rosanen ins Endlose galoppiert. Sprecherin Dass die Launen einer Diva den Preis bestimmen können, zeigt, wie sehr sich der Wert von Diamanten nach subjektiven Kriterien bemisst. Für die Menschenrechtlerin Anne Jung sind fair gehandelte Steine die wertvollsten. O-Ton 65 Anne Jung Es gibt ja diese positiven Bespiele wie in Botswana, wo die Regierung ... den politischen Willen hatte, dass möglichst viele Menschen von dem Reichtum etwas haben, ... und dadurch halt aus dem Erlös der Diamanten ... Krankenhäuser gebaut wurden und Schulen. Das war nämlich so, dass nach der Unabhängigkeit Botswanas sofort de Beers vor der Tür stand und sagte, wir wollen eure Diamanten haben und wir zahlen 2% an Exportzöllen. Dann hat die botswanische Regierung gesagt, nee, für so wenig Geld verhökern wir nicht den Reichtum unseres Landes und hat einen Exportzoll festgelegt von10%. Zitator - Musik Ravi Shankar Selbst wenn er abgestumpfte Ecken hat, wenn er einen Flecken hat, einen Kratzer, einen Riss, der Diamant, der die Farben des Regenbogens zeigt, verschafft Reichtum, Korn und Söhne. Wenn sich irgendwo auf der Welt ein Diamant bildet - habe er auch nur die Größe eines Atoms - dann ist er in Wahrheit ein Geschenk Gottes. Musik Pink Panther Programmsprecher Das war: Härte 10 - Vom Diamantenfieber Von Regina Kusch und Andreas Beckmann Es sprachen: Jean Paul Baeck Daniel Berger Anja Herden und Gregor Höppner Ton und Technik: Christoph Rieseberg und Petra Pellot Regie: Rolf Mayer Redaktion: Klaus Pilger Produktion: Deutschlandfunk 2011. ENDE 24