DEUTSCHLANDFUNK Sendung: Hörspiel/Hintergrund Kultur Dienstag, 15.05.2012 Redaktion: Hermann Theißen 19.15 - 20.00 Uhr EIN- UND AUSGEMAUERT. Vom täglichen Kampf der Journalisten in Israel und Palästina Von Dominik Bretsch URHEBERRECHTLICHER HINWEIS Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. ? Deutschlandradio - Unkorrigiertes Manuskript - Ansage EIN- UND AUSGEMAUERT. Vom täglichen Kampf der Journalisten in Israel und Palästina Ein Feature von Dominik Bretsch Teil 1, Palästina Musik: Le Trio Jubran - Roubbama Atmo Damaskustor Sprecher: Die Reise beginnt in Ostjerusalem am Damaskustor, vor den mächtigen Mauern der Altstadt. Hinter den Zinnen schimmert golden die Kuppel des Felsendoms. Atmo Bus Sprecher: Mit dem Bus Nummer 21 geht es von hier aus nach Bethlehem. Außerhalb Jerusalems ist die Straße streckenweise links- und rechtsseitig von haushohen Betonbarrieren gesäumt, zum Schutz gegen Beschuss. Den Checkpoint passiert der Bus ohne zu halten, eine Schlange aus Autos, Bussen und LKW bildet sich nur in der Gegenrichtung, wo israelische Soldaten mit Maschinengewehren alle Fahrzeuge kontrollieren, die nach Israel hineinfahren wollen. Bethlehem liegt nur wenige Kilometer von der Stadtgrenze Jerusalems entfernt, doch der Bus braucht eine dreiviertel Stunde, weil seit Jahren alle direkten Zufahrtswege von der israelischen Sperranlage blockiert sind. Was dahinter in den von Israel besetzten Gebieten passiert, ist im Allgemeinen bekannt, soll aber in den Einzelheiten nach dem Willen der israelischen Regierung möglichst verborgen bleiben. O-Ton Ghassan Bannoura: In any occupation you don´t want the information........ 1.Übersetzer Keine Besatzungsmacht will, dass darüber berichtet wird, wie sie mit dem besetzten Volk umgeht. Und die Leute, die darüber berichten, sind die Journalisten, die mit den Kameras. Deswegen werden wir bei jeder Demonstration zum unmittelbaren Ziel. Sprecher: Ghassan Bannoura, dreißig Jahre alt, ist palästinensischer Journalist. Ein kräftig gebauter Mann, braune Augen, Ziegenbart, rasierter Schädel. Er lebt in Beit Sahour, den Hirtenfeldern, einem christlichen Ort am Rand von Bethlehem im Westjordanland. Seit sieben Jahren berichtet Ghassan Bannoura aus Palästina. Nicht für die Menschen, die dort leben, sondern für ein englisch sprechendes Publikum in aller Welt. Ghassan Bannoura ist kein Kriegsreporter, sondern Reporter in einer Region, in der es seit seiner Geburt fünf kriegerische Auseinandersetzungen gab. Demonstrationen gegen die israelische Besatzung mit Verletzten und manchmal sogar Toten gehören für ihn zum Alltag. Atmo: Demonstration, Sprechchöre, Rufe O-Ton Ghassan Bannoura: In the sixth anniversity of Belain weekly protest ............. 1.Übersetzer Im sechsten Jahr der wöchentlichen Proteste im Dorf Bili´in bin ich losgezogen, um eine Geschichte für eine amerikanische Radiostation zu machen. Ich hatte meinen mp3-Recorder dabei, aber ich trug keine schusssichere Weste und keine Gasmaske, weil das deine Bewegungen sehr einschränkt. Sprecherin: Seit 2005 protestieren die Bewohner des Dorfes Bili´in im Westjordanland gegen die israelische Besatzung und den Verlauf der Mauer, der sie von einem Großteil ihres eigenen Landes abschneidet. 2007 entschied der Oberste Gerichtshof in Israel, dass der Verlauf der Mauer illegal sei und geändert werden müsse. Vier Jahre später fügte sich das israelische Verteidigungsministerium und begann mit einem teilweisen Rückbau. O-Ton Ghassan Bannoura: So I assumed that this year they won´t attack people heavily........ 1.Übersetzer Deswegen nahm ich an, dass sie die Demonstranten in diesem Jahr nicht so heftig attackieren würden. Aber damit lag ich ziemlich daneben! Atmo: Schüsse, Rufe O-Ton Ghassan Bannoura: As soon as we arrived they were raining us with tear gas............. 1.Übersetzer Sobald wir ankamen, ließen sie Tränengaskanister auf uns herabregnen; sie hatten eine Kanone auf einem der Jeeps, die 30 Kanister in weniger als einer Minute abfeuern kann. Die Menschen begannen herumzurennen. Auf mich hatte es keinen großen Effekt. Ich bin mit Tränengas beschossen worden seit den Achzigern, als ich ein Kind war, daher wusste ich, wie ich zwischen den Tränengaswolken zu manövrieren hatte. Meine Sorge war eher, dass mich ein Kanister von oben am Kopf trifft. Ich suchte mir einen guten Platz, nahm die Atmosphäre mit meinem Rekorder auf, beobachtete, was passierte und schoss Fotos mit meiner kleinen Kamera. Sprecherin: Die Journalistenvereinigung "Reporter ohne Grenzen" verurteilte zuletzt am 14. Februar 2012 die Gewalt des israelischen Militärs gegen palästinensische, israelische und ausländische Fotojournalisten, die über Demonstrationen gegen den israelischen Grenzwall und die anhaltende Kolonisierung des palästinensischen Territoriums berichten. Die Vereinigung beklagte zudem, dass es keinerlei Strafverfolgung der an den Übergriffen beteiligten Soldaten gebe. O-Ton Ghassan Bannoura: Suddenly they bring the chemical water canon. ............. 1.Übersetzer Plötzlich brachten sie die Chemiewasser-Kanone. Das ist Wasser, das für Stunden einen fürchterlichen Gestank erzeugt. Der erste Strahl galt den Journalisten. Wir standen ganz klar getrennt von den Protestlern und den Soldaten. Das erste worauf sie zielten, waren wir Journalisten. Ich sah eine Anhöhe und sagte mir, ok, von da oben schau ich mir das Ganze an. Als ich loslief, kamen viele Journalisten mit. Die Kanone folgte uns und feuerte auf uns. Wir schwammen praktisch in der Scheiße - und wurden ziemlich wütend. Du riechst schrecklich, deine Ausrüstung ist vollgesogen mit dem Zeug und du hast Angst, die ganze Arbeit an diesem Tag zu verlieren. Wir waren echt angefressen! Sprecherin: Die Sprecherin der israelischen Armee entgegnete Pressebeschwerden mit der Behauptung, die Proteste seien fast immer gewalttätig und machten "eine Antwort der israelischen Sicherheitskräfte nötig." Sie fügte hinzu: "Obwohl den Protesten aufgrund ihres wöchentlichen Charakters jeglicher Neuigkeitswert entzogen ist, kommen Journalisten und Fotografen nach wie vor zu den Demonstrationen. Auch wenn die Israelischen Verteidigungskräfte extrem vorsichtig auf die Bedrohungslage reagieren, gerät das Medienpersonal dabei manchmal ins Auge des Sturms." O-Ton Ghassan Bannoura: We were moving, two ladies from Reuters me and Fadi Laouri from AP.......... 1.Übersetzer Wir bewegten uns vorwärts, zwei Frauen von Reuters, ich und Fadi Laouri von AP. Fadi und die beiden Frauen vor mir, ich war der letzte. Und ich hörte wie der israelische Kommandant "Feuer einstellen" ruft. Ich dachte, ok, jetzt haben wir mindestens eine Minute oder zwei um zu passieren und uns einen sicheren Ort zu suchen. Eine der Frauen fiel hin, weil es matschig war und so furchtbar stank. Sie war nicht mehr ganz bei Sinnen. Ich zog sie am T-Shirt hoch und drängte sie weiterzulaufen. Fadi stützte sie von der anderen Seite. Wir wollten sie zur Ambulanz bringen. Und plötzlich höre ich "wuuf" und dann macht es "bang" an meinem Kopf! Sie haben einen Tränengaskanister auf mich geschossen, während ich einer verletzten Journalistin half! Ich hatte Glück, dass der Kanister zuerst auf dem Boden aufschlug, so dass er mich nicht so hart traf, aber trotzdem verlor ich kurz das Bewusstsein. Ich war verwirrt, konnte nicht richtig hören, nicht richtig sehen und vor Gestank kaum atmen. Ich versuchte mich vorwärtszubewegen und plötzlich fingen sie an, mich mit Tränengas zu beschießen! Ich blieb, wo ich war, versuchte durch die Chemiewasser getränkte Kleidung zu atmen, und wartete auf die Ambulanz. Und jetzt stell dir vor: Der Fahrer des Krankenwagens konnte nicht sehen, wo ich lag und ob er mich gerade überfuhr. Stück für Stück tastete er sich vorwärts und ich rief nach ihm, um ihn zu navigieren. Daran musste er sich orientieren, und dann fanden sie mich und brachten mich zur Rettungsstelle. Sprecherin: Auf der Weltrangliste für Pressefreiheit liegt Palästina derzeit auf Rang 153 von 179 Ländern, hinter Irak, Pakistan und Afghanistan. 82 verletzte, 41 festgenommene, und einen getöteten Journalisten zählte das Palästinensische Zentrum für Medienfreiheit MADA im Jahr 2011. Musik: Le Trio Jubran - Tanasim Atmo: Muezzin Sprecher: Auf einem hohen Hügel stehend hat man das Gefühl, das ganze Land überblicken zu können: Von Bethlehem aus schwingt es in grünen Wellen hinab ins Jordantal, wo es verglüht und versandet. Terrassen mit Olivenbäumen schmiegen sich an die Hügelkuppen, die immer rasanter von Rohbauten und neuen Häusern überwuchert werden, von wildwachsenden palästinensischen Ortschaften und befestigten israelischen Siedlungen. Lawinen aus Plastik, Blech und Hausrat finden den gleichen Weg durch die Wadis wie das Regenwasser im Winter. Die jüdische Siedlung Har Homa thront nur wenige Kilometer von Bethlehem entfernt auf einem Hügel wie eine Wagenburg aus Stein. Zwischen Bethlehem und der Siedlung verläuft die Grenzmauer, grau und düster, zusammengefügt aus acht Meter hohen Betonstelen. Damit will sich Israel vor Terroristen aus dem Westjordanland schützen - so die offizielle Begründung. In einer weiten Schlaufe wird die Mauer in wenigen Jahren um Ostjerusalem liegen, und so viel palästinensisches Gebiet gefangen haben, dass der Hals zwischen dem Norden und dem Süden des Westjordanlands fast ganz zugedrückt ist. Israel und Palästina - das ist eine Region, deren Völker sich nicht mehr direkt begegnen können und deren Medien dabei versagen, Bilder und Vorstellungen jenseits bestehender Stereotype zu liefern. O-Ton Ghassan Bannoura: Most of the people here accuse me of being to internationalized in my way of thinking............. 1.Übersetzer Die meisten Leute hier beschuldigen mich, zu international zu denken. Sie sagen, ich sei nicht mehr palästinensisch, weil ich mich weigere, Teil der Propagandamaschine zu sein. Ich bin kein Aktivist, ich bin Journalist! Wenn ich berichte, dann rede ich von der "Mauer". Es ist eine Betonmauer, acht Meter hoch. Meine palästinensischen Interviewpartner nennen sie die Separations-Mauer oder die Apartheids-Mauer und die Israelis nennen sie einen Sicherheitszaun. Ich werde das nicht aus dem Interview herausschneiden. Aber wenn Du mich fragst, ob ich dafür oder dagegen bin, dann bin ich dagegen, einfach schon deswegen, weil die Mauer nicht der Sicherheit dient, sondern Land stiehlt, mein Land. Das ist klar! Sprecherin: In Palästina gibt es drei große Tageszeitungen: Al-Quds, Al-Ayyam und Al-Hayat al-Jadida, die alle der palästinensischen Autonomiebehörde nahe stehen. Nachrichtenagenturen wie Ma'an News und das Palestine News Network versuchen, sich als unabhängige Informationsquellen zu profilieren. Doch die wirtschaftliche Abhängigkeit von internationalen Geldern und der Mangel an gut qualifiziertem Personal verhindern, dass daraus professionell arbeitende Medienunternehmen entstehen. Sprecher: Kann es Wahrheit in einem Konflikt wie dem israelisch-palästinensischen geben? Oder: Wie viele Wahrheiten kann es hier geben? Wer sich für eine Wahrheit entscheidet, löscht eine andere aus. O-Ton Ghassan Bannoura: If I see, if I got eyewitnesses about settlers beating up a Palestinian............. 1.Übersetzer Wenn ich sehe, oder wenn ich Augenzeugen dafür habe, wie Siedler einen palästinensischen Jungen zusammenschlagen - macht mich das pro-palästinensisch, wenn ich darüber berichte? Wenn die Armee einfällt und ein Haus zerstört und ich Augenzeugen habe und Leute, die mir auf ihren Handys zeigen was passiert oder ich dort bin - wenn ich darüber berichte, macht mich das pro palästinensisch? Wenn Israel eine UN Schule in Gaza bombadiert und ich Bilder davon habe und darüber schreibe - macht mich das pro-palästinensisch und anti-israelisch? Teil 2, Israel Atmo: Yuval Ben-Ami spielt einen Song auf der Gitarre O-Ton Yuval Ben Ami: It is originally an irish song by John Maguire. ................. 2. Übersetzer Ursprünglich ist das ein irischer Song von John Maguire. "Hey Ronnie Reagen ich bin schwarz und Heide...". Ich habe einige seiner Songs übersetzt, wir haben zu wenig Protestsongs. Er beginnt mit den Worten "in anderen Tagen zwei Jahrzehnte zuvor haben wir freudig über Gleichheit gesprochen. Doch Drohungen haben gefruchtet und jetzt bleibt nur noch ein einzelnes blutendes Herz in Kfar Saba. Leck mich am Arsch Lieberman, ich bin ein Deserteur, ich bin schwul und links, und ich bin frei, ich helfe sudanesischen Asylanten und ich recycle. Lass mich in Ruhe!" Ich bin zwar nicht schwul und auch nicht wirklich ein Deserteur, aber ja, so fühle ich mich. Ich und meine Freunde, wir sind in den Neunzigern aufgewachsen, wir haben gesehen, dass ein anderes Denken möglich ist. Die Neunziger waren extrem wichtig für unsere Weltsicht! Sprecher: Yuval Ben Ami, 36 Jahre alt, ist israelischer Journalist, Buchautor, Poet und ein Singer-Songwriter. Er lebt in Tel Aviv in einer großzügigen Zwei-Zimmer-Wohnung mit Balkon, zusammen mit seiner Freundin, fünf Gitarren und einer Katze. Eher bürgerlich als revolutionär. Weiße Couch, Einbauküche, eine Regalwand voller Bücher. Der Kaffee ist schwarz und kommt aus Ramallah. O-Ton Yuval Ben Ami: I want to make pragmatic change! ............... 2. Übersetzer Ich möchte einen pragmatischen Wandel herbeiführen! Ich will nicht in Slogans reden oder in Idealen oder in Träumen, dafür habe ich keine Zeit. Wir brauchen einen realistischen Wandel, weil die ganze Zeit Menschen leiden. Wenn ich anfange, rosa Wolken zu malen, oder schwarze Wolken, dann verschwende ich nur meine Zeit - und ich habe keine Zeit zu verlieren, ich muss an einem wirklichen Wandel arbeiten. Sprecher: Yuval Ben-Ami ist Gründungsmitglied des Internetmagazins +972 - Das ist die internationale Vorwahl von Israel. Unabhängig von Geldgebern und politischer Einflussnahme will das Magazin sein und unverfälscht über die Ereignisse in Palästina und Israel berichten. Dafür arbeiten die meisten Journalisten dort unentgeltlich, die notwendigen Kosten für den Betrieb der Seite werden durch Spenden von Lesern gedeckt. "Wir sind für Menschenrechte, für Meinungsfreiheit und gegen die Besatzung" heißt es auf der Internetseite von +972. Besonders populär ist diese Haltung in Israel derzeit nicht. O-Ton Yuval Ben-Ami: We can still express ourselves freely............. 2. Übersetzer Wir können uns immer noch frei ausdrücken, es ist nur so, dass keiner mehr zuhört. Und in gewisser Hinsicht wird auf uns mehr und mehr herabgeschaut. Es ist schön, einen Dorftrottel zu haben, der Dinge sagt, die nicht allgemein akzeptiert sind. Behalte ihn als den Dorftrottel, das ist besser als einen offenen Diskurs in den Medien zu haben, einen intellektuellen Diskurs, einen moralischen Diskurs. Sprecher: In Israel gibt es vier große Tageszeitungen: Israel Hayom, Maariv, Yediot Ahronot und Haaretz. Davon sind die ersten drei politisch rechtsgerichtet, Haaretz adressiert ein liberales mitte-links Publikum. Sie ist mit Abstand die kleinste der großen Tageszeitungen. Wie die Politik in Israel ist auch die politische Berichterstattung in den vergangenen Jahren insgesamt nach rechts gerutscht, hin zu stärker zionistischen und nationalistischen Positionen. Yuval Ben-Ami schreibt Reisereportagen und Theaterkritiken, für Zeitungen wie Haaretz oder das Onlineportal Mako. Gerade ist sein neues Buch erschienen: Über sein Leben in einer Tel Aviver Künstlerkolonie. In Folie verpackt liegt es auf dem Tisch. Erinnerungen an bessere Zeiten. O-Ton Yuval Ben Ami: So far it was the Palestinians who were not treated as people............. 2. Übersetzer Bisher waren es die Palästinenser, die nicht als Menschen behandelt wurden, aber derzeit gibt es eine Verschlimmerung der Haltung gegenüber linken Israelis. Das Wort "Linker" ist dabei missverständlich. In Europa und anderswo meint es meistens eine politisch-ökonomische Orientierung. Hier meint es einfach jeden, der mit den Verbrechen, die begangen werden, nicht einverstanden ist, und der deswegen marginalisiert und entmenschlicht wird. Ich kann wirklich sehen, dass das passiert, zum Beispiel wenn ich etwas Kritisches auf der website mako veröffentliche. In den Antworten bekomme ich Todesdrohungen, man fordert dazu auf, mich aus dem Land zu werfen. Auf die gleiche Weise, in der die Leute in der Vergangenheit keine Skrupel hatten, Rassismus und Aggressionen gegenüber Palästinensern zu äußern, zeigen sie offen ihre Ablehnung gegenüber kritischen Meinungen. Teil 3, Palästina Musik: Le Trio Joubran - Majâz Atmo: Straßenverkehr, arabische Stimmen, Rufe, Schritte Sprecher: Am Al Suhriah-Platz in Hebron, südliches Westjordanland. Der Geruch von Kardamon und Frittierfett mischt sich mit den Autoabgasen. Auf einem Hausdach ein Coca-Cola-Werbeplakat, so hoch wie das Haus selbst. Darunter drängen sich arabische Werbeplakate an den Fassaden. Zwischen den geschwungenen Linien der arabischen Wörter stechen westlichen Markennamen hervor. In Schuhgeschäften werden die neuesten Modelle von Converse, Adidas und Nike angeboten, fliegende Händler stellen Handys von Nokia und Samsung in zusammengeschusterten Vitrinen auf der Straße aus. Ein Pferdefuhrwerk beladen mit Kohlköpfen sucht sich seinen Weg durch den Verkehr, der zähflüssig um den Springbrunnen in der Mitte des Platzes fließt. Die gelben Fahnen der Fatah flackern hoch oben im Wind. Vom Kreisel aus sind es wenige hundert Meter bis zum Studio des Fernsehsenders Al Kuds TV. Der Eingang liegt seitlich in einer Schlucht zwischen zwei Hauswänden, nur ein Din A4 großes verwaschenes Schild "Alquds Satellite Channel" weist die richtige Adresse aus. Die Redaktion im dritten Stock besteht aus einem kleinen Fernsehstudio, in dessen Hintergrund durch Plexiglas das Stadtzentrum von Hebron zu sehen ist, einem winzigem Schneideraum und zwei Büros. Atmo: Al Quds TV Jingle aus dem Fernseher Sprecher: Mamdouh Hamamreh, 27 Jahre alt, sitzt aufrecht hinter dem wuchtigen Schreibtisch aus dunklem Holz. Er trägt das kurze schwarze Haar seitlich exakt gescheitelt, modische Brille, beiges Jackett, blassgelbes Hemd. Im Drucker steckt eine Palästinenserfahne, oben in der Ecke läuft ein Flachbild-Fernseher, auf dem Schreibtisch herrscht Ordnung: Laptop, Telefon, Ablagestapel. O-Ton Mamdouh Hamamreh: In my life I was never pro Fatah or Hamas......... 3. Übersetzer In meinem Leben war ich niemals pro Fatah oder pro Hamas, aber der Sender, für den ich im Moment arbeite, wird von der palästinensischen Autonomiebehörde als pro Hamas angesehen. Wegen des Bruchs zwischen Hamas und Fatah werde ich schikaniert, weil die Fatah davon ausgeht, dass der Sender gegen die Autonomiebehörde ist. Vergangenes Jahr hielt mich der Geheimdienst davon ab, über offizielle Ereignisse in Bethlehem zu berichten. Mehr als einmal bin ich zu Verhören geholt worden. Sie wollten mich dazu drängen, den Sender zu verlassen oder als Informant für sie zu arbeiten. Natürlich habe ich das zurückgewiesen. Daraufhin drohten sie mir - wir werden dich überall kriegen, wir werden dir nicht erlauben, zu arbeiten! Sprecherin: 2006 gewann die islamistische Hamas die Wahlen im Gazastreifen. Kurz darauf kam es zum gewaltsamen Machtkampf mit der säkularen Fatah. Die Fatah zog sich aus dem Gazastreifen zurück, die Hamas übernahm dort die Regierung. Seitdem gibt es keine einheitliche Palästinenserführung mehr. In den USA und der Europäischen Union gilt die Hamas als Terrororganisation, die Fatah wird vom Westen unterstützt. Sprecher: Mehrmals schon seien die Redaktionsräume von Al Quds TV vom Fatah-Geheimdienst durchsucht worden. Computer, Telefone, Festplatten, alles wurde konfisziert, erzählt Mamdouh Hamamreh. Ein andermal seien er und seine Mitarbeiter im Anschluss an ein TV-Interview von Geheimdienstmitarbeitern der Fatah gefesselt und für einen Tag an einen unbekannten Ort verschleppt worden. Al Quds TV ist ein privater Fernsehsender, von denen es eine Handvoll in den Palästinensergebieten gibt. Der einzige öffentliche Fernsehsender wurde von der israelischen Armee vor zehn Jahren in Trümmer geschossen. Den kleinen palästinensischen Privatsendern fällt es schwer, sich gegen die übermächtige Konkurrenz aus den arabischen Nachbarländern zu behaupten. Politisch unabhängig berichten können die Journalisten bei den Sendern nicht. Sie sind ein Spielball der machtpolitischen Interessen von Hamas und Fatah. Im September 2010 wurde Mamdouh Hamamreh wieder einmal vom Fatah-Geheimdienst festgenommen und im Hauptquartier in Bethlehem verhört. O-Ton Mamdouh Hamamreh: At the interview they asked me about my Facebook............. 3. Übersetzer Bei dem Verhör stellten sie Fragen zu meiner Facebook-Seite und warum ich Facebook nutze, was ich da mache. Ich sagte ihnen, ich nutze es für private Zwecke und manchmal down- oder uploade ich meine Arbeit auf Facebook. Einer sagte mir: In den letzten Tagen hast du etwas auf Facebook gepostet, du hast ein Bild runtergeladen, dass den Präsidenten beleidigt. Das stimmt nicht, sagte ich. Er zeigte mir eine Fotokopie meiner Seite und da ist dieses Bild: Mahmoud Abbas neben einem Schauspieler, der syrischen Serie Bab al Hara. Ich sagte, das war ich nicht, es ist klar, dass jemand anderes das Foto hochgeladen hat. Sein Name war Nadeem al Qaisi. Ich erklärte, das jeder ein Bild auf deiner Seite teilen kann, so dass es dort erscheint, das ist eine normale Sache. Aber davon waren sie natürlich nicht überzeugt. Ich musste im Büro des Geheimdienstes bleiben und schlief dort auf dem Boden. Am nächsten Tag wurde ich vor ein Gericht gebracht wo die Anklage des Geheimdienstes bestätigt wurde. Sprecher: Das Foto zeigt Abbas an der Seite des Schauspielers Maamoun Bek, der in einer syrischen TV Serie einen Verräter spielt. Mamdouh Hamamreh wird wegen Beleidigung und Verunglimpfung des Palästinenserpräsidenten Mahmoud Abbas angeklagt, nach dem Jordanischen Strafgesetzbuch von 1960, das im Westjordanland gilt. O-Ton Mamdouh Hamamreh: The next day I was transferred to the house of correction with the robbers or the thieves 3. Übersetzer Ich kam in ein Gefängnis mit Räubern, Dieben und Drogenabhängigen. Dort wurde ich mehr als 50 Tage festgehalten. Ich durfte meine Familie nicht anrufen und meine Familie durfte mich nicht besuchen. Die einzige Person, die mich besuchte, war mein Anwalt. Und mit ihm durfte ich nur in Anwesenheit eines Polizisten sprechen. Ich wusste nicht, wie lange sie mich festhalten würden. Alle fünfzehn Tage musste ich vor Gericht. Der Geheimdienst sagte, dass er mehr Zeit für die Untersuchungen bräuchte, und das Gericht gab dem statt. Vier mal ging das so. Sprecher: Schließlich kam Hamamreh auf freien Fuß, auf das endgültige Gerichtsurteil wartet er noch immer. Doch selbst ein Freispruch würde sein Vertrauen in die palästinensischen Autoritäten nicht wieder herstellen. O-Ton Mamdouh Hamamreh: Yes, I feel afraid when covering some stories.............. 3. Übersetzer Ja, ich habe Angst bei manchen Geschichten, die ich mache. Besonders wenn es sich um offizielle Ereignisse handelt und palästinensische Sicherheitsleute anwesend sind. Vergangenes Weihnachten zum Beispiel wollte ich über die Weihnachtsfeier in Bethlehem berichten und ich wurde von Sicherheitskräften gezwungen, zu verschwinden und mich von Anlässen mit dem Präsidenten fernzuhalten. An der Angst wird sich nichts ändern, solange ich in diesem Beruf arbeite. Ich versuche bestimmte Dinge zu vermeiden wie etwa den Lehrerstreik - sonst heißt es wieder, Mamdouh berichtet gegen die Autonomiebehörde. Ich will über nichts mehr berichten, das die Palästinensische Autonomiebehörde angreift. Teil 4, Israel Atmo Tel Aviv Sprecher: Es liegen nur rund 60 Kilometer zwischen Hebron im Westjordanland und Tel Aviv an der Mittelmeerküste. Gefühlt ist es der Abstand zwischen zwei Welten: Tel Aviv ist eine Stadt, die westlicher kaum sein könnte. Die Glasfassaden der Büro-Hochhäuser spiegeln Himmel und Meer, an den Stränden spielen braungebrannte Menschen Beachvolleyball und Strandtennis, joggen mit Kopfhörern im Ohr, surfen in der Brandung. Am Rothschildboulevard im Zentrum der Stadt ist das Leben mondän, weiße Villen in Bauhausarchitektur reihen sich aneinander, unter den Ficus-Bäumen flanieren verliebte Pärchen und auf den Terrassen der Bistros sitzen nach Feierabend die Geschäftsleute beim Wein. Der Konflikt ist irgendwo, weit weg in einem anderen Land, so scheint es. Grenzen und Mauern, Checkpoints und Militärzonen liegen tief im Hinterland, der Blick geht hinaus aufs Meer. Tel Aviv ist ein Zufluchtsort für alle, die vom Konflikt und den Palästinensern nichts mehr wissen wollen - oder nach einem liberalen öffentlichen Raum suchen, der dem des westlichen Demokratiemodells am nächsten kommt. Dieser Raum aber wird in Israel immer enger - selbst hier, in Tel Aviv. Atmo: Jazz-Musik im Hintergrund, Geräuschkulisse Café O-Ton Yossi Gurvitz: You always have to think wait a minute. ............. 4. Übersetzer Du musst immer kurz überlegen: Was ich hier schreibe, was noch vor fünf oder zehn Jahren völlig ok war, bringt es mich jetzt auf eine Polizeistation, muss ich mir einen Anwalt besorgen? Sprecher: Yossi Gurvitz ist ein kleiner Mann mit breitem Gesicht und rundem Bauch, auf dem Kopf sitzt ein altmodischer, karrierter Herrenhut, randlose Brille, dahinter zwei blassblaue Augen, leicht zur Mitte schielend. O-Ton Yossi Gurvitz: People know me as a hebrew blogger........... 4. Übersetzer Die Leute kennen mich als einen hebräischen Blogger, mein Blog "Freunde von George" - gemeint ist George Orwell - das ist wofür ich bekannt bin. Worüber ich schreibe ist so weit vom israelischen mainstream entfernt, dass es niemals in einer israelischen Zeitung veröffentlicht werden würde - nicht einmal in Haaretz. Sprecher: Yossi Gurvitz trägt einen schwarzen Trenchcoat und seitlich, groß wie ein Beiboot, eine Kameratasche. "Man weiß nie, was unterwegs passiert", sagt er ernst. In seinem Blog schreibt Yossi Gurvitz politische Kommentare, analysiert und demontiert propagandistische Medienberichte von nationalistischen Think-Tanks wie Im Tirzu, provoziert mit scharfen Thesen. O-Ton Yossi Gurvitz: In July I wrote a piece about B´tselems new report............... 4. Übersetzer Im Juli habe ich einen Beitrag über den Bericht einer Menschenrechtsorganisation geschrieben. In den Kommentaren fragte mich jemand, was ich über Siedler denke und über Palästinenser, die Siedler angreifen. Ich antwortete, was mich betrifft, angesichts der Tatsache, dass Siedler eine Miliz sind, halte ich sie für ein legitimes militärisches Ziel - sofern sie bewaffnet sind. Du kannst nicht beides haben: einerseits behaupten, dass du eine Sicherheitskraft bist, ohne die der israelische Staat nicht überleben könnte, anderer Leute Land stehlen und dann, wenn du angegriffen wirst, auf einmal behaupten du seiest Zivilist. Eine Siedler Organisation namens Traditionelles Forum für Eretz Israel hat sich daraufhin bei der Polizei über mich beschwert und gesagt, ich würde zum Mord an Siedlern aufrufen. Vor einigen Wochen saß ich dann einem Vernehmungsbeamten gegenüber. Ich kann über den Inhalt des Verhörs nichts sagen, das ist eine Auflage. Wenn ich mich nicht daran halte, können sie mich einsperren. Sprecher: Schon oft hätten nationalistische Hacker seine Homepage angegriffen, erzählt Yossi Gurvitz, sein Telefon werde vermutlich abgehört, elektronische Drohbriefe füllen sein Mail-Konto. Doch dass die Behörden wegen eines Kommentars mit einem Strafverfahren drohen, sei für ihn eine neue Erfahrung gewesen. O-Ton Yossi Gurvitz: I was very scared. I was talking to a lawyer................. 4. Übersetzer Ich hatte große Angst. Ich habe mit einem Anwalt gesprochen, er sagte, schau, sie haben nichts in der Hand. Was du gesagt hast, ist absolut im Rahmen des Gesetzes. Sag ihnen das, und es wird alles gut. Es war demütigend. Sie nahmen meine Fingerabdrücke wie bei einem gewöhnlichen Kriminellen. Sie fragten mich: Was hast du geschrieben und dies und das. Ich sagte, passen Sie auf, ich bestreite nicht, dass ich das geschrieben habe. Ich stehe dahinter. Zeigen Sie es mir und ich unterschreibe, dass ich das geschrieben habe. Das Verhör dauerte zweieinhalb Stunden. Eine dreiviertel Stunde davon verbrachten wir damit, ein DNA Kit zu finden um eine DNA Probe zu nehmen. Heutzutage ist das eine Standard-Maßnahme: Wenn du verhört wirst, bist du verdächtig, und wenn du verdächtig bist, nehmen sie deine DNA. Sprecher: Einschüchterungsversuche wie diese sind an der Tagesordnung in Israel. Juristisch gestützt von Gesetzen, mit denen die Regierung in den vergangenen Jahren die Meinungsfreiheit eingeschränkt hat. Eines davon ist das sogenannte Boykott Gesetz. Es soll verhindern, dass öffentlich zum Boykott von Produkten aus israelischen Siedlungen aufgerufen wird. Wer es doch tut, muss damit rechnen, von Siedlern verklagt zu werden und Tausende Euro Schmerzensgeld zu zahlen - auch wenn kein nachweisbarer Schaden entstanden ist. O-Ton Yossi Gurvitz: It means that if you say to people don´t buy the product............ 4. Übersetzer Das bedeutet, wenn du Leuten zum Beispiel sagts, kauft nicht die Produkte aus der Siedlung Tkoar, die sehr verbreitet sind, weil es dort Ingwer und exzellente Pilze gibt, dann kann dich jeder in Tkoar auf 6000 Euro verklagen - und es leben rund dreitausend Leute da. Die Klage wird automatisch Erfolg haben, weil die andere Seite nichts beweisen muss. Ich kann darüber nicht auf meinem blog schreiben. Es gibt eine große Debatte rund um den Boykott von Siedlerprodukten, an der ich nicht teilnehmen kann. Soweit ich weiß ist zwar bis jetzt noch niemand verklagt worden, aber es ist eine Peitsche. Sie hängt an der Wand, und sie kann benutzt werden. Sprecher: Der Effekt der juristischen Peitschen ist spürbar in Israel. Auch wenn in den Zeitungen noch so mancher scharfe Kommentar gegen Politiker und Wirtschaftsbosse geschrieben wird - ab einem bestimmten Punkt der Recherche wird es sehr still: Interviewanfragen laufen ins Leere, Journalisten werden einsilbig, die Fragen versanden. Das Schweigen breitet sich aus. Wie im Falle der Anat Kam Affäre. Sprecherin: Anat Kam, eine israelische Journalistin, kopierte während ihres Militärdienstes über 2000 geheime Dokumente und ließ sie dem Haaretz Reporter Uri Blau zukommen, der daraus eine Reihe kritischer Artikel machte. In einem beschreibt er, wie israelische Soldaten gezielt Mitglieder des Islamischen Jihads töteten, statt sie gefangen zu nehmen - und damit klar eine Anweisung des Obersten Gerichtshofs in Israel missachteten. 2009 wurde Anat Kam verhaftet und für zwei Jahre unter Hausarrest gestellt. Im vergangenen Oktober verurteilte ein Gericht Anat Kam zu viereinhalb Jahren Haft. Die zwei Jahre Hausarrest wurden nicht auf die Haftzeit angerechnet. Anat Kam war zu diesem Zeitpunkt vierundzwanzig Jahre alt. Ob auch gegen Haaretz-Reporter Uri Blau ein Verfahren eröffnet wird, ist noch offen. Im schlimmsten Fall drohen ihm sieben Jahre Haft. Sprecher Uri Blau arbeitet noch immer für Haaretz, doch gibt er zu den Vorkommnissen keine Interviews mehr. Freunde von Anat Kam, die sie im Gefängnis besuchen, schweigen, Kollegen, die mit ihr zu tun hatten, wollen sich öffentlich nicht äußern. Die Affäre ist zum blinden Fleck geworden - wie vieles, was in Israel und den Palästinensergebieten passiert. O-Ton Yossi Gurvitz: Nowadays with every major investigation, .................. 4. Übersetzer Heutzutage, bei jeder großen Untersuchung - das erste, was die Polizei macht, ist zu den Gerichten zu gehen und eine Nachrichtensperre zu beantragen. Du weißt dann irgendwas ist passiert, aber du kannst nicht darüber berichten. Und wenn du es doch tust, ist das eine Verletzung des Gerichtsbeschlusses. Manchmal tun sie etwas, das ungewöhnlich ist, aber immer beliebter wird: Sie verhängen eine doppelte Nachrichtensperre. Du darfst nicht über das, was passiert ist, berichten und du darfst nicht berichten, dass du nicht berichten darfst. Das passierte zum Beispiel im Fall von Anat Kam. Du konntest nicht schreiben, dass sie verhaftet wurde und du durftest nicht berichten, dass du darüber nicht berichten durftest. Sprecher: Dabei bedürfe es nicht einmal einer offiziell angeordneten Nachrichtensperre, um die Informationen zu filtern, sagt Yuval Ben-Ami, der für das unabhängige Nachrichtenmagazin +972 schreibt. Die meisten großen Medien in Israel würden sich selbst zensieren. O-Ton Yuval Ben-Ami: I can really see when big stories happen ........................ 2. Übersetzer Ich kann das wirklich sehen, wenn große Geschichten passieren, die mit der Regierungsmeinung im Konflikt stehen, werden sie einfach nicht in einer Zeitung wie Israel HaYom auftauchen - eine Zeitung, die Netanjahu unterstützt. Zum Beispiel als die Palästinenser den Unesco Sitz bekommen haben, bestraften die Israelis sie indem sie die Steuergelder für die Autonomiebehörde zurückhielten. Israel stahl einen riesigen Geldbetrag von den Palästinensern, das tauchte in Israel HaYom einfach nicht auf. Es war in der Haaretz, die von einer sehr kleinen Gruppe aufgeschlossener Leute gelesen wird, die sich um Menschenrechte kümmert und um den Diebstahl von ein paar Millionen Euro. Aber die Mainstream-Medien - und Israel HaYom ist derzeit die meistgelesene Zeitung in Israel - haben nicht darüber berichtet. Deswegen weiß der Israeli auf der Straße einfach nicht Bescheid, er weiß nicht, von dem vielen Leid, das in seinem Namen und mit seinen Steuergeldern begangen wird. Viele Leute aus dem Ausland kommen her, sehr kritisch gegenüber den Israelis, und verstehen nicht, dass Israelis viele der Informationen die es im Ausland gibt, nicht - oder immer weniger haben. Sprecherin: Israel Hayom ist mit einer Auflage von rund 300 000 Exemplaren mittlerweile die auflagenstärkste Tageszeitung in Israel. 2007 erschien die erste Ausgabe. Israel Hayom, was übersetzt "Israel heute" heißt, ist eine Gratiszeitung, finanziert vom jüdisch-amerikanischen Multimilliardär Sheldon Adelson, einem Förderer rechter Politik in Israel und Amerika. Adelson ist ein guter Freund von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, entsprechend einseitig ist die Berichterstattung. Böse Zungen sprechen von der "Bibiton" - zusammengesetzt aus den Wörtern Bibi und Iton: Bibis Zeitung. Der Beliebtheit der Zeitung tut das keinen Abbruch. Sprecher: Israel Hayom ist das krasseste Beispiel für gelenkte Presse und die Verquickung von Wirtschaft, Medien und Politik in Israel - doch bei Weitem nicht das einzige. Mächtige Tycoone wie Nochi Dankner, Eliezer Fishman, Yossi Maiman oder Ronald Lauder haben weite Teile der israelischen Medienlandschaft aufgekauft und pflegen enge Kontakte zu einflussreichen Politikern. O-Ton Yossi Gurvitz: Everybody knows the rules..................... 4. Übersetzer Jeder kennt die Regeln. Du kannst über diese Leute nicht berichten. Ich habe einen Freund, der bei Maariv gearbeitet hat. Einer der Aktionäre, ein russischer Oligarch, war in eine ziemlich zwielichtige Sache verwickelt. Ein Redakteur, der entweder nicht wusste, was er tat, oder der sich nicht um die Regeln kümmerte, schrieb einen Bericht darüber. Als der Chefredakteur den sah, stürmte er in die Redaktion und begann den Verfasser anzuschreien und zu verfluchen. Der Bericht verschwand und ein paar Tage später kündigte der Redakteur. Teil 5, Schluss Musik: Le Trio Jubran - Tanasim Sprecher: Israel, ein Land so groß wie Hessen, hat sich fast komplett mit Stacheldraht und Beton umgeben. Im Süden des Landes wird derzeit die letzte offene Flanke abgedichtet - mit einem 300 Millionen Euro teuren und 240 Kilometer langen Zaun entlang der Grenze zu Ägypten. Junge Israelis reisen nach dem Militärdienst tausende Kilometer nach Südamerika und Indien, doch auf dem Landweg können sie ihr Land kaum mehr verlassen. Bei Strafe ist es Israelis untersagt, sich außerhalb der Siedlungen im Westjordanland aufzuhalten, vom Hamas regierten Gazastreifen ganz zu schweigen. Das Land hinter der Mauer ist Feindes- und Niemandsland. Yossi Gurvitz, der Blogger, gehört zu den wenigen israelischen Journalisten, die sich noch ernsthaft für die Palästinenser interessieren. O-Ton Yossi Gurvitz: You don´t see them anymore, people don´t see palestinians more.................. 4. Übersetzer Die Leute sehen keine Palästinenser mehr. Sie existieren nicht mehr. In den 70er, 80er und 90er Jahren hat jeder Israeli Palästinenser getroffen. Heutzutage, wenn du kein Aktivist bist, siehst du sie nicht mehr. Du weißt objektiv, dass sie da draußen sind, aber sie existieren nur noch als Statistik. Die Medien sind dabei einer der größten Bösewichter, denn sie haben seit den Terrorattacken der letzten Intifada einfach aufgehört, zu berichten. Davor hatten die großen Zeitungen jede Woche, wenn nicht jeden Tag Berichte über die Palästinensergebiete. Sprecher: Kann ein demokratischer Staat Besatzungsmacht sein, ohne seine demokratischen Werte zu verraten? Israel versucht dieses Experiment seit über sechzig Jahren. In vielen Augen ist es gescheitert. Seit sich Israel eingemauert hat, ist es für die Gesellschaft leichter geworden, das, was in den Palästinensergebieten passiert, als die Angelegenheit fremder Leute zu sehen. Auf den ersten Blick ist die Medienlandschaft in Israel frei und vielfältig, die Meinungsfreiheit schrumpft von den Rändern her: dort wo ein Militärzensor entscheidet, ob Berichte aus den besetzten Gebieten veröffentlicht werden dürfen, dort wo kritische linke Journalisten mit Klagen eingeschüchtert, überwacht und in Polizeistationen verhört werden. O-Ton Yuval Ben-Ami: The rule is that very subtly not in a totalitarian north corean way ..................... 2. Übersetzer Ganz subtil passiert es, nicht auf eine totalitäre nordkoreanische Weise, wo jeder das Gleiche denken muss, weil freie Meinungsäußerung illegal ist. Aber subtil in einer viel kälteren, angsteinflößenderen Weise hat sich die Massenmeinung abgewandt von Empathie und Gemeinschaftssinn, abgewandt von pragmatischem Denken, abgewandt von der Akzeptanz des Anderen hin zu etwas Dunklem. Bei der Zukunft Israels denke ich an das heutige Russland. Manchmal passiert es, ups da ist ein Journalist in einem Auto in die Luft geflogen. Aber es gibt freie Medien in Anführungsstrichen, eine Demokratie in Anführungsstrichen, es gibt Wahlen in Anführungsstrichen und ich denke, das ist das Modell, auf das sich Israel zubewegt. Und ja, zu einem bestimmten Zeitpunkt gehen 100 000 Menschen gegen Putin demonstrieren, und Putin sitzt das einfach aus - genauso, wie Netanjahu die Sommer-Proteste ausgesessen hat. Sprecher: Für die Ausgemauerten, die palästinensischen Journalisten, gibt es keine freie Meinungsäußerung im westlichen Sinne, sie haben keinen Staat und keine Regierung, die Rechtstaatlichkeit garantieren könnten. Sie leben und arbeiten unter der israelischen Militärgerichtsbarkeit und der Willkür der Geheimdienste von Fatah und Hamas. Für Journalisten wie Mamdouh Hamamreh in Hebron ist es eine bittere Erfahrung, dass es nicht Israelis sind, sondern die eigenen Leute, die ihn zur Selbstzensur zwingen. O-Ton Mamdouh Hamamreh: The Palestinian journalist is faced............ 3. Übersetzer Palästinensische Journalisten werden unter Druck gesetzt und schikaniert, vor allem von der Sicherheitspolizei die eigentlich für ihren Schutz zuständig sein sollte. Das führt zu einem ständigen Gefühl der Überwachung, einer Überwachung von innen. Jedesmal wenn du etwas tust, fragst du dich, wie kommt das an, wie wird das der Geheimdienst auffassen, und was werden sie mit mir machen, wenn sie es nicht mögen? Sprecher: So leben die Journalisten in Palästina von der Besatzung, vom Konflikt mit den Israelis, der auch nach Jahrzehnten die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich zieht. Sie schreiben gegen den ewigen Feind an, gegen das Unrecht, das immer größer und offensichtlicher ist, als die Korruption der eigenen Eliten. Für Ghassan Bannoura in Bethlehem aber, der Journalismus nicht mit aktivistischem Eifer verwechselt, endet der Idealismus in einem Widerspruch. O-Ton Ghassan Bannoura: Journalists are not part of the solution............... 1.Übersetzer Journalisten sind nicht Teil der Lösung. Das müssen die Leute verstehen. Die meisten unserer Jobs sind auf Grund des Konflikts entstanden. Unser Job ist nicht, den Konflikt zu lösen, unser Job ist es, den Leuten die Wahrheit über das zu erzählen, was passiert. Ein paar Journalisten in Deutschland haben mir einmal gesagt: "Du hast Glück, du arbeitest in einem Brennpunkt!" Um ehrlich zu sein, ich wünschte mir, dass alle Konflikte enden und meine einzige Sorge ist, Geschichten über Welpen und Hunde zu finden, über Straßensperrungen oder Sport. Es ist keine schlechte Vorstellung, dass es keine Konflikte mehr in der Welt gibt! Musik: Le Trio Joubran - Roubbama Absage: Ein- und ausgemauert Vom täglichen Kampf der Journalisten in Israel und Palästina Ein Feature von Dominik Bretsch Sie hörten eine Produktion des Deutschlandfunks 2012. Es sprachen: Jean Paul Baeck Daniel Berger Nicole Boguth Jochen Langner Volker Niederfahrenhorst und Hartmut Stanke Ton und Technik: Gunther Rose und Kiwi Hornung Regie: Anna Panknin Redaktion: Hermann Theißen 2