Deutschlandfunk GESICHTER EUROPAS Samstag, 26. Mai 2012 - 11.05-12.00 Uhr Ganz nah und doch so fern - Leben an der litauisch-weißrussischen Grenze Eine Sendung von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster Redaktion: Norbert Weber Urheberrechtlicher Hinweis Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. (c) - unkorrigiertes Exemplar - Design: Deutschlandfunk - Gesichter Europas. Les visages.... Musik Eine Litauerin über ihre Verwandten, die auf der anderen Seite des Grenzzauns in Weißrussland leben. Das tut einfach weh. Wir sind doch alle gemeinsam hier aufgewachsen. Manchmal sehe ich meine Cousinen an einem Feiertag. Dann kommen sie an den Grenzzaun. Und dann können wir uns unterhalten. Aber so etwas ist doch nicht normal, das darf doch nicht sein. Und eine weißrussische Journalistin über ihre Flucht ins litauische Vilnius Hier in Vilnius spürt man etwas von der weißrussischen Seele. Hier fühlen wir uns heimisch. Diese Stadt gibt uns Kraft. Im Laufe der Geschichte sind immer wieder Weißrussen hierher geflüchtet. Und deswegen ist es symbolisch, dass Vilnius uns heute auch wieder Zuflucht gewährt. Gesichter Europas: Ganz nah und doch so fern - Leben an der litauisch-weißrussischen Grenze. Eine Sendung von Anja Schrum und Ernst-Ludwig v. Aster Musik 1.) Alltag an der Systemgrenze - Der Grenzübergang von Medininkai Geräusch Lkw fährt an... nächste rollen langsam an die Grenzkontrolle Sprecherin: Im Schritttempo schiebt sich der weißrussische Lkw am Kontrollhäuschen vorbei Richtung Litauen. Schon rollt der nächste Laster zur Zollkontrolle. 1.200 Lkw passieren täglich den Grenzübergang hier in Medininkai, im Südosten Litauens. Sprecherin: Ein paar Spuren weiter wartet der Fahrer eines teuren Geländewagens. Auf dem Nummernschild: zwei kleine rot-grüne Streifen. Auf der Heckklappe die Buchstaben "BY". Hier befinden wir uns im Terminal für Pkw Sprecherin: "Weißrussische Staatsbürger müssen sich in der Drittstaaten-Spur anstellen, die Litauer reisen über die Spur für EU-Bürger ein", erklärt Giedrus Mazkjawitschus, der Leiter des Grenzübergangs. Der Major blickt in Richtung des weißrussischen Geländewagens und sagt knapp: "Einkaufstouristen". Zwischen der weißrussischen Hauptstadt Minsk und dem litauischen Vilnius liegen gerade mal 170 Kilometer. Jeden Tag fahren weißrussische Neureiche mit ihren Limousinen zum Einkaufstrip nach Litauen über die Schengen-Außengrenze. Sprecherin: Mazkajwitschus geht einige Schritte weiter. Seit sechs Jahren leitet der bullige Mittvierziger die Grenzkontrollen auf litauischer Seite. Medininkai ist der größte Übergang an der litauisch-weißrussischen Grenze. Eine Schnittstelle zwischen den Systemen. Hier EU, dort Weißrussland. Der Major deutet auf die Fernstraße Richtung Vilnius. Da hinten auf der linken Seite steht ein Denkmal. An dieser Stelle befand sich der erste Grenzkontrollposten. Es war ein kleines Häuschen. 1991 wurden die Grenzbeamten, die dort Dienst taten, von russischen Sondereinsatzkräften erschossen. Sprecherin: Das war kurz nachdem sich Litauen für unabhängig erklärt hatte. Eine Machtdemonstration Moskaus. Die sieben Grenzpolizisten hatten keine Chance. Sprecherin: Major Mazkjawitschus geht ein paar Stufen nach oben ins Kontrollzentrum. Auf den Schreibtischen surren Computer. Über sie läuft das so genannte Schengener Informationssystem. Darin sind auch die Namen von 200 weißrussischen Regierungsmitgliedern, Richtern und Sicherheitskräften gespeichert. Gegen sie hat die EU ein Einreiseverbot verhängt, aufgrund von Menschenrechtsverletzungen in Weißrussland. Sprecherin: Gleich neben der Tür: Eine Wand aus Flachbildschirmen. Auf 30 Monitoren laufen Bilder aus Dutzenden von Überwachungskameras. Sprecherin. "Hier sehen sie zum Beispiel die Zufahrt zum Posten. Dort ist der Grenzstreifen zu sehen und da der Dutyfree-Shop", erklärt Mazkjawitschus. Dann stutzt er, fixiert einen Bildschirm oben rechts. Die Kamera liefert Bilder aus einer Werkstatt. Männer in Uniform sind zu sehen, die einen Pkw untersuchen. "Kontrabande", sagt der Major: Schmuggelware. Und eilt wieder nach draußen. Geräusch Knackende Treppe, Schritte Sprecherin: In der Werkstatt steht ein dunkelblaues Auto. Zwei Zöllner sind gerade dabei die Innenverkleidung der Türen zu entfernen. Andere hantieren mit Taschenlampe und Schraubenschüssel im Kofferraum, ziehen Zigarettenschachtel um Zigarettenschachtel aus einem Metalltank. Sprecherin: "Hier sehen Sie, die Kollegen vom Zoll haben Schmuggelgut gefunden, Zigaretten, versteckt im Gastank. 30 Stangen a 10 Packungen", sagt der Major. Sprecherin: Das hier sind weißrussische Zigaretten, sagt der Major, greift nach einer Schachtel und deutet auf die Steuerbanderole. Sprecherin: Umgerechnet 35 Cent kostet eine Packung drüben in Weißrussland, erzählen die Zöllner. Hier in Litauen werden sie für das Fünffache verkauft. Sprecherin: An der Werkstatt-Wand lehnt ein Mann. Er hat die Arme vor dem Oberkörper verschränkt und den Kopf unter einer schwarzen Kapuzenjacke verborgen. Stoisch blickt er ins Nichts. Sprecherin: Sein Auto wird bis zum Gerichtsprozess beschlagnahmt, erklärt der Major. Wahrscheinlich wird er zu einer Geldstrafe zwischen 1.500 und 3.000 Euro verurteilt - das zigfache eines weißrussischen Monatslohns. Mazkjawitschus zuckt mit den Schultern, blickt gen Weißrussland. "Ich fahre nie rüber", sagt er. Dass das Nachbarland mit seinen 10 Millionen Einwohnern mit einer schweren Wirtschafts-krise kämpft, hat er gelesen. Ob deshalb mehr geschmuggelt wird? Diese Frage will er nicht beantworten. Literatur-Musik Etwas mehr als drei Zugstunden sind es von Vilnius in die weißrussische Hauptstadt Minsk. Hier die barocken Fassaden der alten Fürstenstadt, dort die Paläste der Lukaschenko-Regierung im Sowjet-Stil. Die Gegensätze könnten nicht größer sein: Ein Spannungsfeld, das der weißrussische Autor und Architekt Artur Klinau in seinem Buch "Minsk. Sonnenstadt der Träume" durchmisst. Aufgewachsen in Weißrussland, dem "Land des Glücks", wie der 47-Jährige ironisch schreibt, lebt er nach wie vor in seiner Geburtsstadt Minsk und ist Herausgeber des Kunstmagazins "Partisan". Literatur 1 Wir verließen das Land des Glücks alle auf verschiedenen Wegen. Der eine war nie dort gewesen, ein anderer wurde gewaltsam zur Ausreise gezwungen, einige verließen das Land, als es im Sterben lag, noch bevor es tot war. Ich verließ das Land des Glücks früher als meine Altersgenossen. Ich wuchs in einem jüdischen Viertel auf, und die Juden wollten das Land des Glücks aus irgendeinem Grund immerzu verlassen. Sie hatten Verwandte in der anderen Welt, die ihnen Briefe schickten, in dem sie ihnen von einem unglaublichen Überfluss erzählten, der ganz anders war als unser aus Gips gefertigter Überfluss. Dann kam mein Vater. Dann Onkel Richard, ein Freund meiner Mutter, der das Land des Glücks nicht nur nicht mochte, sondern es hasste. Dann begannen andere Bücher zu erscheinen. Und dann kam Vilnius. Ich liebte Vilnius vom ersten Atemzug an. Die Luft in den Straßen durchschnitt die im Gedächtnis haftenden Erinnerungen an den Geruch von Njamiha, jenem Njamiha, das vom Duft des Kaminrauchs erfüllt war und das ich in meiner Kindheit so geliebt hatte. Musik 2) Freiheit hinter Barrikaden - der Kampf des Abgeordneten Geräusche Schritte / Verkehr / vor Parlament Sprecher: Spärlich rollt der Abendverkehr über den Gediminas-Prospekt, vorbei an Museen, Akademien, Theatern. Am westlichen Ende des Boulevards tauchen Außenscheinwerfer die Fassade des "Seimas", des litauischen Parlaments, in ein grelles Licht. Es ist 21 Uhr. Der Platz vor dem imposanten Gebäude ist menschenleer. Einsam vertritt sich ein Wachmann in der Eingangshalle die Füße. Sprecher: Gewaltige Betonblöcke stapeln sich vor dem Eingang. Daneben rosten Panzersperren. Stacheldraht zieht sich über die Barrikaden. Fahles grünes Licht lässt Beton und Stahl noch kälter wirken: Ein Widerstandsdenkmal direkt vor dem Parlament zur Erinnerung an den Kampf um die Unabhängigkeit Sprecher: Aus einem Nebeneingang taucht ein untersetzter Mann auf, winkt mit beiden Armen, ruft etwas auf Deutsch herüber. Emanuelis Zingeris, 55 Jahre, ist Seimas-Abgeordneter und Chef des Auswärtigen Ausschusses im Parlament. Vor einer halben Stunde hat er überraschend angerufen. "Ich warte im Parlament auf Sie. Notfalls bis Mitternacht." Geräusche: Schritte / Platz Sprecher: Zingeris eilt über den Platz. Ein schneller Händedruck zur Begrüßung. Von der weißrussischen Grenze sei er gerade zurückgekommen und seit 15 Stunden schon auf den Beinen, sagt er. Zingeris freut sich, das er mal wieder Deutsch sprechen kann. Vier andere Sprachen beherrscht er auch noch. Das war alles verbarrikadiert ... Sprecher: Der kleine Mann stoppt vor den Betonblöcken, wippt in den Knien, breitet die Arme aus, als wolle er die Barrikaden umarmen. Mehr als ein Jahr hat er hinter diesen Betonblöcken gelebt, 1990/91 als der kleine baltische Staat um seine Unabhängigkeit kämpfte und die Sowjetunion Panzer auffahren ließ. Hier ist geschrieben... ein Herz Litauens. 6.000- 8.000 Leute haben hier gelebt; mit ihrem eigenen Körper haben sie ihr Parlament geschützt, Sprecher: Zehntausende stellten sich über Monate den sowjetischen Panzern entgegen. Schützten ihr Parlament. Friedlich und unbewaffnet. Im Kreml regierte damals Michael Gorbatschow, der frisch gekürte Friedensnobelpreisträger. Gegen Litauen verhängte er eine Wirtschaftsblockade, ließ in Vilnius auf unbewaffnete Demonstranten schießen. 14 Menschen starben, hunderte wurden verletzt. Am Ende aber triumphierte der zivile Widerstand über die militärische Gewalt. Das 3,5 Millionen-Einwohner- Land über die untergehende Sowjetmacht. Das war die beste Zeit in meinem Leben. Es war eine Revolution. Wie eine französische Revolution; es ging um Freiheit. Geräusche Schritte auf Flur Sprecher: Durch eine Sicherheitsschleuse geht es ins große Foyer des Parlaments. In einem Fenster erinnert noch ein Einschussloch an die Kämpfe von damals. Als wir unser Parlament verteidigt haben gegen die sowjetischen Panzertruppen, ... die Weißrussen waren dabei, die weißrussischen Demokraten, Herr Schuschkjewitsch Sprecher: Viele seiner alten Verbündeten sind heute Verfolgte, die Demokratiebewegung in Weißrussland schon lange Geschichte. Seit 17 Jahren regiert Alexander Lukaschenko das Nachbarland mit diktatorischen Vollmachten und hat alles, was seinen Machtanspruch gefährden könnte, aus dem Weg geräumt. Er ist ein Krimineller. Es gibt eine Menge von Geschichten, wie viele Leute verschwunden sind. Politische Personen, Funktionäre, wo sind sie ? ... Was hat er gemacht ? Sprecher: Zingeris schüttelt energisch den Kopf. Historisch eint Litauen und Weißrussland mehr als sie trennt, sagt er. Über Jahrhunderte gehörten beide zum polnisch-litauischen Großfürstentum. In Vilnius wurde vor mehr als 300 Jahren das erste Buch auf Weißrussisch gedruckt. Jetzt beginnt 30 Kilometer entfernt die Lukaschenko-Diktatur. Emanuelis Zingeris kann es nicht ertragen. Geräusche: Schritte Sprecher: Im vierten Stock arbeitet sich eine Reinigungskolonne den langen Flur entlang. Zingeris grüßt, steigt über Stromkabel und Saugschläuche, gestikuliert, erzählt. "Seit zwanzig Jahren laufe ich über diese Flure", sagt er lächelnd... Ich bin ein bisschen erschöpft. Sprecher: Der Abgeordnete reibt sich die Augen. Er wirkt müde. Auch seinem blau-weiß- gestreiften Businesshemd sieht man den langen Tag an. 250 Kilometer ist er heute mit einem Fernseh-Team an der litauisch- weißrussischen Grenze entlang gefahren, hat sieben Grenzübergänge besucht. Geräusch/ Tür auf Sprecher: Die Tür zu Büro 428 steht offen. Auf einem großen Flachbildschirm läuft stumm ein deutscher Nachrichtensender. Um eine große EU-Fahne neben dem Schreibtisch schlingt sich ein weiß-rot-weißer Schal. Das sind die Farben der weißrussischen Unabhängigkeitsbewegung. Sprecher: Zingeris schiebt einen Stapel Unterlagen auf dem kleinen Besprechungstisch beiseite und nimmt einen Schluck kalten Kaffee aus einer Espressotasse. Seit Monaten verhandeln Litauen und Weißrussland über ein Abkommen, das der Bevölkerung im grenznahen Bereich die Kontakte erleichtern soll. Ein kleiner Grenzverkehr zwischen Demokratie und Diktatur: Das sind ungefähr 1,5 Millionen Leute. 800.000 von litauischer Seite, 600. 000 von weißrussischer Seite. Diese Bürger werden eine einfache Möglichkeit haben ihre Nachbarn zu besuchen. Sprecher: Aber bisher bewegt sich auf weißrussischer Seite kaum etwas, klagt er. Im Gegenteil. In den letzten Monaten verhängte die Regierung in Minsk Ausreiseverbote für Menschenrechtler und Oppositionelle. Westliche Journalisten bekamen keine Akkreditierungen, um aus Weißrussland zu berichten. Kurzzeitig verwies die Regierung in Minsk den polnischen und den EU-Botschafter des Landes. Sie vollstreckte - trotz internationaler Proteste - zwei Todesurteile gegen die so genannten Metrobomber. Emanuelis Zingeris schüttelt den Kopf, presst die Hände zusammen. Seit 17 Jahren muss er zuschauen wie im Nachbarland die Freiheit unterdrückt wird. Wir müssen uns schämen in Europa, dass wir dieses Volk in der Mitte von Europa vergessen haben. Weißrussen haben das Recht selbständig zu wohnen, zu leben und ihren Platz zwischen den anderen Völker zu haben. Sprecher: Bisher hat die Europäische Union eher taktiert als agiert, sagt er. Das scheint sich nun zu ändern. Erstmals plant die EU Wirtschaftssanktionen gegen staatsnahe weißrussische Unternehmen. Ein Schritt, den Emanuelis Zingeris schon lange gefordert hat. Musik 3.) Asyl in Vilnius - eine Journalistin auf der Flucht Geräusche Straße Sprecherin: Ein Altbau im Zentrum von Vilnius. Neben der dunklen Toreinfahrt hängt ein Klingelschild. Der Zettel mit den Wohnungsnummern ist verrutscht, Kabel ragen aus der Wand. Geräusche Schritte, Vogel krächzen, Klingeln Sprecherin: Durch ein Metallgittertor geht es in den Hinterhof, dann nach links, zu einem Seitenflügel. Ein Holzklotz klemmt unter der geöffneten Haustür. Geräusch Klingeln Sprecherin "Hallo! Kommen sie einfach hoch. Die Gegensprechanlage ist kaputt," schallt es aus dem ersten Stock. Eine frisch gewischte Steintreppe führt nach oben. Natalia Radzina wartet an der Haustür. Freundlich aber eindringlich mustern ihre großen dunklen Augen die Besucher. Die Journalistin bittet in ihre Drei-Zimmer-Altbauwohnung, die sie sich mit einem Kollegen teilt. Im Wohnzimmer trifft sich regelmäßig die Exil-Redaktion von Charter 97, der wohl populärsten oppositionellen Webseite Weißrusslands. Natalia Radzina ist die Herausgeberin Geräusche Waschmaschine Sprecherin: In der modernen, grau gefliesten Küche pumpt die Waschmaschine. Die 32Jährige schlüpft in graue Fellhausschuhe, rührt ein wenig Zucker in ihren Tee und bittet dann hinüber ins Wohnzimmer an den Esstisch. Sprecherin: Durch die geöffnete Flügeltür fällt der Blick ins Schlafzimmer. An einem Metallständer hängen ein paar Kleidungsstücke, darunter steht eine Reisetasche. Vor einem Jahr ist die Journalistin aus Weißrussland geflohen: Versteckt im Auto von Freunden, ohne Reisepass, mit nichts als ihrer Zahnbürste und ihrem Laptop im Gepäck, nach Moskau, wo sie Monate lang um neue Papiere kämpft, immer in panischer Angst vom weißrussischen KGB entführt zu werden. Schließlich bekommt sie politisches Asyl in Litauen. Sprecherin: Ich musste bei Null anfangen, erinnert sich Radzina. Sie besitzt nur das Nötigste: Ein paar Kleidungsstücke, einen Computer, einige Bücher. "Ich will mich hier nicht häuslich einrichten, ich will auf jeden Fall zurück nach Weißrussland", sagt die 32Jährige. Dabei fühlt sie sich in Vilnius durchaus wohl: Hier in Vilnius spürt man etwas von der weißrussischen Seele. Hier fühlen wir uns heimisch. Diese Stadt gibt uns Kraft. Im Laufe der Geschichte sind immer wieder Weißrussen hierher geflüchtet. Und deswegen ist es symbolisch, dass Vilnius uns auch heute wieder Zuflucht gewährt. Geräusche Schritte Sprecherin: Natalia Radzina geht hinüber ins Schlafzimmer, deutet auf eine Reihe kleiner Farbfotos an der Wand: Bilder ihrer Eltern und Geschwister, aber auch von politischen Gefangenen. Die Journalistin greift zu einer bunten Karte, die an einem großen Wandspiegel klemmt. Auf der Vorderseite ist die Zeichnung einer Katze zu sehen, die sich mit ausgestreckten Armen an ein Seil klammert, um nicht abzustürzen. Diese Karte konnte meine Mutter ins Gefängnis schmuggeln lassen. Wir haben ja keine Nachrichten bekommen, wir waren völlig isoliert. Da hat mir diese Karte sehr geholfen. Hier oben steht: "Halte durch!" Und wenn man die Karte aufklappt, so sieht man unter der einen Katze eine ganze Pyramide von Katzen. Und da steht: "Wir halten zu Dir". Die Katze hier oben bin ich und hier unten steht meine Familie , die mich stützt. (lacht) Sprecherin: Eineinhalb Monate saß die 32Jähige in einem Minsker KGB-Gefängnis. In einer winzigen Zelle, zusammengepfercht mit anderen Oppositionellen. Was die Gefangenschaft mit ihr, der so unerschütterlich und kämpferisch wirkenden Journalistin gemacht hat, auch das ist ihr erst hier, im Exil in Vilnius, klar geworden. Als man sie ins hiesige KGB-Museum einlud, in dessen Keller noch die alten Zellen vorhanden sind. Und als wir unten im Keller waren bin ich in Tränen ausgebrochen. So eine Reaktion habe ich von mir selbst nicht erwartet, weil doch schon eine gewisse Zeit vergangen war. Das war vollkommen überraschend. Und es hat mir gezeigt, dass diese Erlebnisse noch tief in mir stecken. Sprecherin: Die Journalistin holt ihren Laptop hervor, stellt ihn auf den Wohnzimmertisch und öffnet die Seite von Charter 97.org. Der Großteil der Redaktion befindet sich mittlerweile im Exil. Radzina klickt die neuesten Meldungen an. Sie ist dankbar, dass Litauen ihr Asyl gewährt hat. Trotzdem kritisiert sie regelmäßig auch die litauische Weißrussland-Politik. So zum Beispiel als litauische Behörden im vergangenen Jahr ihren weißrussischen Kollegen Auskünfte über die Auslandskonten belarussischer Oppositioneller gaben, mit der Folge, dass der weißrussische Menschenrechtler Ales Byalyatski in Minsk wegen Steuerhinterziehung zu viereinhalb Jahr Haft verurteilt wurde. Derzeit beschäftigt Radzina vor allem die litauische Wirtschaftspolitik. Ich kritisiere zum Beispiel die Äußerungen der litauischen Präsidentin Dalia Grybauskaite. Sie ist der Meinung, dass Sanktionen gegen Weißrussland unnötig sind. Ich habe ein paar kritische Artikel darüber geschrieben, die zeigen, wie die litauische Wirtschaft enormen Druck auf die Politik ausübt. Zum Glück hat die Regierung keine Schritte gegen mich unternommen. Das zeigt, dass Litauen ein demokratischer Staat ist. Sprecherin: Natalia Radzina lächelt und klappt ihren Laptop wieder zu. Sie bittet in die kleine Küche, dem einzigen Raum in der Wohnung, wo geraucht werden darf. Geräusche Waschmaschine / Feuerzeug klickt Sprecherin: Die 32Jährige fingert eine Zigarette der Marke "Parliament" aus der Packung, zündet sie an und inhaliert tief. Natalia Radzina blickt aus dem Küchenfenster. Es ist mittlerweile dunkel geworden in Vilnius. Alleine wird sie das Haus jetzt nicht mehr verlassen. Die Grenze ist gleich um die Ecke und die zivilen Mitarbeiter des KGB kommen in Scharen hierher, mit gefälschten Papieren. Meine litauischen Kollegen sagen, dass ich vorsichtig sein soll. Wenn es dunkel wird, gehe ich nicht mehr ohne Begleitung auf die Straße. Ich bekomme ziemlich oft SMS und Emails mit Drohungen und Beleidigungen. Daraus geht auch hervor, dass ich beobachtet werde, dass sie ganz genau wissen, was ich mache, wohin ich fahre, welche Reisen ich unternehme und mit wem ich mich treffe. Literaturmusik Literatur 2 Nach Vilnius war es nicht weit aus der Sonnenstadt, nur knapp hundertsiebzig Kilometer, drei Stunden mit einem gemütlich fahrenden Morgenzug, und schon konntest Du den Duft des ersten Kaffees im Vaiva einatmen, einem Cafe in der Nähe der St. Johanneskirche. Wir fuhren an freien Tagen nach Vilnius, ohne dort etwas Besonderes erledigen zu müssen, einfach nur, um durch die Straßen zu streifen, in den alten Höfen Wein zu trinken, unter dem Torbogen der zur Gorki-Straße führte, gemächlich eine Zigarette zu rauchen und die ohne Hast vorbeigehenden Menschen zu beobachten. Um zu dem Bach am Fuße des Gediminas-Hügels zu gehen, die gewisse heidnische Energie dieses wilden, überwucherten Ortes zu spüren mit seinen unzähligen Schnecken, die in ihren Barockgewändern langsam die Stämme der alten Bäume herauf krochen. Musik 4) Verwandtschaft hinter dem Zaun - Leben im Grenzdorf Geräusche: Hof / Messer schärfen Sprecher: Stas schärft sein Messer, fährt prüfend mit dem Daumen über die Klinge. Tania schleppt Wasser in einem verbeulten Zinkeimer heran. Hinter dem Schuppen liegt ein geschlachtetes Schwein, festgezurrt auf einer Holzleiter. Schlachttag im kleinen litauischen Örtchen Norviliskes, direkt an der weißrussischen Grenze. Schwester und Schwager des Rentnerpaares sind extra aus dem 90 Km entfernten Vilnius gekommen, um mit anzufassen. Sprecher: "150 Kilogramm wiegt die Sau bestimmt", schätzt Stas. "Mindestens 200", widerspricht seine Schwester. Ihr Bruder grinst, tippt sich an die Stirn. Was verstehen Städter schon von Schweinen. Geräusche: Borsten schaben / Wasser Sprecher Stas wischt das Messer an der alten Arbeitshose ab, beginnt routiniert die abgeflammten Borsten von der Schwarte zu schaben. Swinje, karowa.. Sprecher: "Eine Kuh, ein paar Schweine und ein Pferd, das ist alles, was wir haben", erzählt er. Dazu noch das alte gelbe Holzhaus, die beiden kleinen windschiefen Ställe, ein bisschen Ackerland. Stas und seine Schwester Valentina sind auf dem Bauernhof aufgewachsen. Ein Stückchen weiter beginnt Weißrussland. Eine Grenze gab es damals noch nicht. Da hinten war Weißrussland. Da konnten wir uns frei bewegen, wie in unserem eigenen Dorf. Es war doch alles eins. Die Schwester meines Vaters, wohnte drüben im Dorf. In Weißrussland. Sprecher: Sie leben in Norviliskes, Litauen, die Tante in Pizkuny, Weißrussland. Zwei Nachbarorte, die sich über Jahrzehnte eine Kirche und einen Friedhof teilten. Heute teilt ein Grenzzaun die beiden Dörfer. Und Norviliskes liegt an der EU-Außengrenze. Stas legt das Messer beiseite, fingert eine Schachtel Zigaretten, Marke Minsk, aus der Jackentasche. Schmuggelware aus Weißrussland. Sprecher: "Es ist schlimm", schimpft er. "Man kann nicht mehr nach Pizkuny gehen". Der nächste Grenzübergang ist weit entfernt; ein Visum kann er sich nicht leisten. "Selbst zum Pilze suchen im Wald brauchen wir heute eine Genehmigung", klagt seine Frau. Alles ist kompliziert geworden. Die Schwester nickt zustimmend. Sie lebt schon lange in Vilnius, arbeitet jedes Jahr vier Monate in Belgien, damit die Familie über die Runden kommt. Hier geht alles kaputt. Das Dorf stirbt langsam aus. Sehen sie, wer hier noch lebt: Mein Bruder ist über 50, mit seiner Frau. Die ist ein bisschen jünger. Unser Nachbar ist behindert. Dahinter wohnt ein Rentner. Ein Haus weiter, wohnt meine alte Schulfreundin, die ist auch schon über 50. Im Haus daneben lebt noch eine Rentnerin. Das ist alles, was vom Dorf übrig geblieben ist. Sprecher: An der Dorfstraße verfallen die Holzhäuser. Vom großen Agrarbetrieb, wo Stas einst arbeitete, stehen nur noch Mauerreste. Der Rentner drückt die Zigarette aus, greift wieder zum Messer und beugt sich über das Schwein. "Jeder ist hier auf sich allein gestellt," grummelt er. Der einzige Treffpunkt ist die Kirche. Und der Friedhof. Geräusch: Autofahrt Sprecher: Am nächsten Tag ist Gottesdienst. Pkw rollen über die einsame Sandstraße von Norviliskes Richtung Kirche. Ein altes Mütterchen im Sonntagsmantel, mit geblümtem Kopftuch, eine Handtasche über den Arm, tippelt am Straßenrand entlang. "Können Sie mich mitnehmen?", fragt sie. Ihr Beine schmerzen, erzählt die 72Jährige. Jedes Wochenende läuft sie gut eine Stunde bis zur Kirche. Und zurück. Da freut sie sich über jede Mitfahrgelegenheit Ich danke, euch, nette Leute. Sie wechselt vom Russischen ins Weißrussische. Hier hat sich das doch früher alles gemischt, sagt sie. Damals, als wir alle noch gemeinsam in die Kirche gehen konnten. Geräusch Auto stoppt / aussteigen Sprecher: Auf einer Anhöhe thront die alte, lindgrüne Holzkirche. Gleich daneben am Hang liegt der Friedhof mit hunderten von Grabsteinen, eingezwängt im rechten Winkel zwischen Grenzzäunen. "Staatsgrenze", mahnen gelbe Warnschilder rechts und links vom Gräberfeld. Die 72Jährige greift in ihre Tasche, holt ein paar Plastikblumen hervor und geht langsam zum Grab ihres Mannes. Sprecher: Stas und Tania kommen den Sandweg entlang. Auch Valentina, die Schwester, ist mitgekommen. Sie kostet der Gang zur Kirche jedes Mal Überwindung. Vor zwei Jahren starb ihre Tante, drüben in Pizkuny, in Weißrussland, auf der anderen Seite vom Zaun. Wir konnten sie nicht hier auf dem Friedhof beerdigen. Sie wurde in Weißrussland bestattet, obwohl ihr Vater, ihre Mutter und ihre Schwestern, also die ganze Verwandtschaft, auf diesem Friedhof liegt. Auch ihr Mann ist hier begraben. Er starb, als es diese Grenze noch nicht gab. Die Tante aber durften wir hier nicht begraben. Sprecher: Drüben, im weißrussischen Wald, klopft ein Specht. Auf dem litauischen Friedhof zwitschern Vögel. Auf einem Sockel glänzt weiß eine Madonnen-Statue. Mit ausgebreiteten Armen blickt sie über den Grenzzaun. Nach Weißrussland. Valentina schüttelt resigniert den Kopf. Das tut einfach weh. Wir sind doch alle gemeinsam hier aufgewachsen. Manchmal sehe ich meine Cousinen an einem Feiertag. Dann kommen sie an den Grenzzaun. Und dann können wir uns unterhalten. Aber so etwas ist doch nicht normal, das darf doch nicht sein. Musik Literaturmusik Literatur 3 Diese Stadt war ganz anders als die Sonnenstadt. Über ihr lag die ruhige Stille ihrer ewigen Mauern. Doch aus dieser Ruhe kam eine kaum hörbare, lockende Stimme, die in die tiefsten Tiefen des Bewusstseins eindrang. Es war die Stimme des Bluts, die Schlaflosigkeit des Bluts, die Schlaflosigkeit der Schlaflosigkeit. Die blutigen Ufer der Schlaflosigkeit riefen, flehten dich an, wollten dich aufrütteln. Die Njamiha, die litauische Nemiga, tauchte hier wieder auf, in unserer alten Hauptstadt, in Vilnius. Ihre unterirdischen Wasser führten eine blutige Wahrheit mit sich, eine Wahrheit mit der sie ihre Ufer bedeckte, ihre unsichtbaren unterirdischen Ufer. Sie flehte, ich solle diesen Kelch des Leidens austrinken, den Kelch des roten Wassers, das aussah wie Wein, das nicht glücklich machte, sondern die schlaflose Wahrheit zurückkommen ließ, den Schlaf raubte, unglücklich in der Wahrheit machte, im Bewusstsein der Un-Gerechtigkeit. Das bittere Wasser der Njamiha in deinem Blut forderte, flehte, gierte nach ihr, gierte nach dem Triumph der Gerechtigkeit, die nur auf dem Weg der Freiheit zu erreichen war, zu der man nur über Brüderlichkeit gelangt. Literaturmusik 5) Handeln, aber richtig - der litauische Wirtschaftsboss. Geräusche einzelne Lkw rauschen vorbei Sprecherin: Eine Autostunde von Norvilikses entfernt stauen sich hunderte von Lkw auf der A 3, die sich wie ein graues Band durch die flache Landschaft zieht. Sie alle wollen Richtung Weißrussland. Über den Grenzübergang Medininkai. Sprecherin drüber: "Vielleicht sind da Blumen drin, Tiefkühlfisch oder gebratene Nägel?", sagt Sergej sarkastisch und blickt dem grauen Kühlzug hinterher, der an der Lastwagenschlange vorbeirauscht. "Vielleicht bestechen sie Jemanden an der Grenze, keine Ahnung", fügt Andrej hinzu, zuckt müde mit den Schultern, zieht eine Zigarettenschachtel aus der Tasche seines blauen Blousons. Die beiden Fahrer stehen neben ihren Lkw und warten. Sprecherin drüber: "Das ist nicht normal", beginnt Andrej zu schimpfen, während er sich eine Zigarette anzündet. "Normal ist, dass man neun Stunden pro Tag arbeitet und dann ausruht. Aber wir, wir sind seit drei Tagen hier im Einsatz. Ohne Pause, ohne Schlaf!" Der Mittvierziger deutet auf den schmutzig-weißen Laster hinter sich. Sprecherin: Andrej hat Konserven geladen: Senf, Meerrettich, Essig für Moskau. Doch die letzten Stunden ist er keinen Meter vorwärts gerollt. Alles steht, seit Tagen schon, irgendwo im Nirgendwo, an der A3, rund 12 Kilometer vor dem Grenzübergang nach Weißrussland. Geräusch einzelner Lkw Sprecherin: Hin und wieder rauscht ein einzelner Bus oder ein Auto an der Schlange vorbei. Nicht ungefährlich. Stoßstange an Stoßstange stehen die Lkw halb auf der Fahrbahn, halb auf dem Seitenstreifen: Transporter aus Russland, Weißrussland und der Ukraine, aus Litauen, Lettland und Estland, aus Kasachstan und Aserbaidschan. Sprecherin "Schauen Sie, hier gibt es nichts", schimpft ein aufgebrachter Fahrer mit Schirmmütze und Camouflagehose und deutet über den Straßengraben auf die dahinter liegenden Felder. "Keine Toiletten, kein Trinkwasser, kein Essen. Einfach nichts." Geräusche einzelne Lkw rauschen vorbei / Treppen steigen... Sprecherin: Während die Lkw-Fahrer fluchend auf die Weiterfahrt warten, eilt in Vilnius Aloyzas Kuzmarskis die Treppen im Haus des litauischen Industrie-Verbandes nach oben. Gerade kommt er von einem mehrstündigen Termin in der weißrussischen Botschaft. Sprecherin: Die litauisch-weißrussische Zusammenarbeit ist mehr als 200 Jahre alt, sagt Kuzmarskis und bittet in ein holzvertäfeltes Büro, an einen gediegenen Besprechungstisch. Der Geschäftsmann im blauen Anzug zieht ein paar Visitenkarten aus seiner feinen, braunen Lederaktentasche, verteilt sie an die Besucher. Auf der Karte ist ein stilisierter Hafenkran abgebildet. Kuzmarskis ist nicht nur Vorsitzender des litauischen Verbandes der Verlade-Unternehmer, sondern auch Generaldirektor von BEGA, einer von 17 Umschlagsfirmen im 300 Kilometer entfernten Ostseehafen von Klaipeda. Sprecherin drüber: Bis auf eine sind alle Firmen im Seehafen von Klaipeda Privatunternehmen, sagt Kuzmarskis, und alle sind spezialisiert: Auf Container-Umschlag zum Beispiel oder Düngemittelverladung, Ölprodukte oder Schüttgut. Kuzmarskis blickt auf die Uhr, er ist blass, wirkt nervös und ein wenig gehetzt. Worüber er am Vormittag in der weißrussischen Botschaft gesprochen hat, möchte er nicht verraten. Geräusch Blättern Sprecherin: Kuzmarkis zieht Ausdrucke einer Power Point-Präsentation aus seiner Aktentasche, zeigt eine Karte des litauisch-weißrussischen Grenzgebietes und legt los: 677 Kilometer gemeinsame Grenze verbinden beide Länder Es gibt sechs internationale Übergänge, vier für den Straßen- und zwei für den Zugverkehr. Solche Züge wie der "Merkur", der "Wikinger" oder die "Sonne", die transportieren zum Beispiel Güter über Kasachstan nach China. Das zeigt die Perspektiven der Transit- und Transportwirtschaft. Und all diese Wege führen durch Weißrussland. Sprecherin: Schnell wird deutlich: Klaipeda ist der wichtigste Seehafen für das küstenlose Weißrussland. 31 Prozent der im litauischen Hafen umgeschlagen Güter stammen vom weißrussischen Nachbarn. Und Klaipedas Kapazitäten sind noch längst nicht ausgeschöpft. Die globale Wirtschaftskrise 2009 hat auch das kleine Litauen schwer getroffen. Die Wirtschaftsleistung brach um 15 Prozent ein und damit auch der Güterumschlag. Da kamen die Aufträge aus Weißrussland gerade recht. In erster Linie muss man sagen, dass Weißrussland ständig seinen Exporte über den Hafen in Klaipeda ausweitet. Nehmen wir den Zeitraum zwischen 2008 und 2012, so hat sich der Export verdoppelt. Im letzten Jahr wurden im Hafen von Klaipeda 12,5 Millionen Tonnen Güter verschifft. Nicht nur Mineraldünger, sondern auch landwirtschaftliche Technik, Fahrzeuge, Ersatzteile, Autoreifen usw. Sprecherin: Aloizas Kuzmarskis deutet auf ein paar bunte Tabellen. Die litauischen Investitionen in Weißrussland haben sich seit 2008 verdreifacht, auf 61,5 Millionen Euro. Tendenz steigend. Ebenso wie im Güterumschlag. Doch beruhigt zurücklehnen kann sich Kuzmarkis nicht, diskutiert die EU doch immer wieder über verschärfte Wirtschaftssanktionen gegen Weißrussland. Man muss sich klar machen, dass die anderen EU-Staaten eine andere Sichtweise auf dieses Problem haben, weil die wirtschaftlichen Folgen für sie ganz andere sind als für Litauen. Aber wir müssen realistischer Weise sagen, wenn man Wirtschaftssanktionen einführen würde, so würde das nicht nur Weißrussland treffen, sondern auch Litauen. Und nicht nur Litauen. Es wären Sanktionen gegen einfache Menschen, gegen Arbeiter, die heute Arbeit haben und Geld verdienen. Es ist sehr wichtig, das zu verstehen. Sprecherin: Die Lukaschenko-Regierung könnte auf weitere EU-Sanktionen mit einer Behinderung des Transitverkehrs antworten, befürchtet Kuzmarskis. Dann wäre der Hafen von Klaipeda nur noch über große Umwege zu erreichen. Der Wirtschaftsboss legt die Stirn in Falten, blickt wieder nervös auf die Uhr. Der nächste Termin wartet. Literaturmusik Literatur 4. In Vilnius begann das Erwachen, ein Erwachen, das die blutige Wahrheit der Realität mit sich brachte. Die Wüstenfläche mit der Sonnenstadt in der Mitte begann sich mit Städten, Ereignissen und Menschen zu füllen, die die Wasser des unterirdischen Flusses davongetragen hatten. Eine Entdeckung folgte auf die andere. Jede war grausam, immer grausamer und grausamer. In unserem Bewusstsein erstand Stück für Stück die Wahrheit über das historische Litauen. Neue Leute tauchten auf, die deine Freunde wurden und ebenfalls die Wahrheit wissen wollten. Die Wahrheit der Lehrbücher, die das Imperium geschrieben hatte und die wir in der Schule gelesen hatten, nährte uns mit dem Wasser eines anderen Flusses, dem Wasser der Lethe, in die wir alle Verbrechen, die hier im Laufe der Jahrhunderte begangen worden waren, hatten hineinschütten sollen. Wir wollten dieses von der Lüge vergiftete Wasser nicht mehr trinken. Wir suchten andere Bücher.. Literaturmusik 1) Grenzenlos studieren - die EHU in Vilnius Geräusche: Verkehr vor EHU Sprecher: "Keine Hunde", "keine Waffen", "keine Zigaretten", mahnen Verbotsschilder an der Eingangstür. Daneben ein Hinweis: Kameraüberwachung. Die "Europäische Humanistische Universität" - EHU - liegt am Stadtrand von Vilnius, untergebracht in einem gelben, dreistöckigen Klinkerbau. Geräusche: Schritte Sprecher: Tania eilt die Treppe hinauf ins Foyer, blickt suchend auf die großen Flachbildschirme. Dort stehen die Veranstaltungs-Ankündigungen. Eine Woche lang lädt die Universität zum "Tag der offenen Tür" ein. Tania ist vor zwei Tagen aus Weißrussland gekommen, hat sich bei ihrer Oma in Vilnius einquartiert. Ab dem Sommersemester will die 17Jährige hier studieren Sprecher: "Heute Morgen war ich bei der Eröffnungsveranstaltung", erzählt sie aufgeregt und fingert einen blauen Papphefter aus dem Rucksack: Geräusch Reissverschluss auf, auspacken Sprecher: Informationen über die geisteswissenschaftlichen Studiengänge. Ein Stadtplan von Vilnius. Eine Kurzgeschichte der Universität, gegründet vor 20 Jahren in Minsk. Vor sieben Jahren von den Machthabern in Weißrussland geschlossen. Danach kompletter Umzug nach Vilnius. Ins Exil. Heute lernen hier in erster Linie Weißrussen. 2.000 Studenten sind eingeschrieben, 1.400 davon im Fernstudium. Die Unterrichtssprachen sind Russisch, Weißrussisch und Englisch. Tania verstaut die Mappe wieder im Rucksack. Sprecher: Aus einer Sitzecke im Foyer winkt ihre Oma herüber. Eleganter Mantel, Hut, Halstuch. Gerade hat sie sich eine kleine Ausstellung auf den Stellwänden angeschaut. Alte Fotos, Zeitungsausschnitte. Die Geschichte der weißrussischen Exilbewegung in Litauen zwischen 1918 und 1920. Wann immer es in Minks brenzlig wurde, suchten Verfolgte Zuflucht in Litauen. Damals wie auch heute. Die alte Dame schüttelt missbilligend den Kopf. Ich gucke das weißrussische Staatsfernsehen, den ersten Kanal. Ich weiß über die Ereignisse im Land Bescheid. Auch die Sendungen im litauischen Fernsehen sehe ich mir an. Ich spreche perfekt Russisch und Litauisch. Ich bin nicht der Meinung, dass die Situation in Weißrussland schlechter ist als bei uns. Was die wirtschaftlich Lage angeht, so bin ich fest davon überzeugt, das Weißrussland uns um ein Vielfaches voraus ist. Das ist meine persönliche Meinung. Sprecher: Seit 70 Jahren lebt sie in Vilnius. Zweimal im Jahr besucht Sie Ihre Verwandten in Minsk. Dort sind die Straßen viel sauberer als bei uns, sagt sie. Alles ist ordentlicher. Und viel sicherer. Die Enkelin steht daneben, tritt verlegen von einem Bein auf's andere. Widerspricht zaghaft. Sprecher: "Hier gibt es viel mehr Perspektiven als bei uns", sagt sie. Die Fächerauswahl, die Austauschprogramme - das ganze Angebot ist viel besser als in Minsk. Die Oma hört zu, wiegt nachdenklich den Kopf. Sprecher: Maksim Milto steht ein Stückchen abseits, betrachtet vergnügt die Neuankömmlinge. Jedes Jahr übersteigt die Zahl der Bewerbungen die verfügbaren Studienplätze um ein Vielfaches, erzählt er. Milto war lange Zeit Sprecher der EHU- Studenten; jetzt vertritt er den litauischen Studentenverband. Der 20Jährige ist ein akademischer Grenzgänger: Geboren in Litauen, wächst er in Weißrussland auf, macht in Minsk seinen Schulabschluss, wechselt dann zum Studium nach Vilnius. Ein Semester war ich sogar in Portugal als Austauschstudent. In Weißrussland konnten das viele Kommilitonen einfach nicht glauben, in einem anderen Land zu studieren, Englisch dort zu lernen oder Portugiesisch. Das alles ist für Studenten in Weißrussland unendlich weit weg, obwohl die Grenze doch gleich um die Ecke ist. Sprecher: Die Unabhängigkeit der Lehr und die europäischen Perspektiven, das macht den Reiz der EHU für viele junge Weißrussen aus. Das akademische Alternativprogramm in Vilnius wird finanziell unterstützt von den USA und der EU, skeptisch beäugt aus Weißrussland. Die Lukaschenko-Regierung sieht in der Universität eine Kaderschmiede für Systemgegner. Teilen der Opposition gilt die EHU als Sprungbrett für Karrieristen Richtung Westen. "Zu wenig weißrussische Inhalte, zu viele unpolitische Studenten", wetterte zuletzt Stanilaus Schuschkjewitsch, der Ex-Präsident Weißrusslands. Milto lud den 78jährigen Politiker kurzerhand zur Diskussion mit Studenten nach Vilnius ein. Schuschkjewitsch sagte ab. Maksim Milto schüttelt genervt den Kopf. Als im Dezember 2010 in Minsk die Menschen auf die Straße gingen, um gegen die manipulierte Präsidentschaftswahl zu demonstrieren, wurden elf von unseren Studenten verhaftet. Und wo war da Herr Schuschkjewitsch? Er saß im Schlafwagen nach Moskau. Er hat nicht demonstriert. Sprecher: Unabhängiges Denken ist politisch. Das haben viele Kritiker nicht begriffen, sagt Milto. Und dass immer wieder die Exil-Rolle der Universität hervorgehoben wird, kann er auch nicht verstehen. Denn für ihn ist die EHU schon lange eine litauische Universität: Für mich ist die EHU eine Privat-Universität in Vilnius an der vor allem Weißrussen studieren. Wenn wir die ganze Zeit von einer "Exil-Universität" reden, dann hört sich das an wie eine ewige Tragödie. Das ist doch Vergangenheit. Seit etlichen Jahren ist die Uni schon in Vilnius. Da sollten wir doch lieber hervorheben, was die Studenten hier alles machen, was sie für Litauen und West-Europa tun können. Das sind die Brückenbauer zwischen der EU und Weißrussland. Diese Studenten hier werden in Zukunft ihr Land mitgestalten. Das dauert vielleicht noch 5- 10 Jahre. Aber es wird passieren. Sprecher: Ein Bildungsauftrag an der Grenze zur Diktatur. Weißrussische Studenten als Brückenbauer. In Litauen. Zwischen Weißrussland und der EU. Musik Das waren "Gesichter Europas": "Ganz nah und doch so fern - Leben an der litauisch-weißrussischen Grenze". Eine Sendung von Anja Schrum und Ernst-Ludwig v. Aster. Die Literaturauszüge entstammen dem Buch: "Minsk. Sonnenstadt der Träume" von Artur Klimau; erschienen in der Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2006. Der Sprecher war Thomas Fränzel. Die Redaktion der Sendung hatte Norbert Weber. ---- E n d e --- 1 1