Sonntag, 09. Juni 2013 (20:05-21:00 Uhr) KW 23 Deutschlandfunk - Musik & Information FREISTIL Der Wahn der Alchemisten - Auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Ein Feature von Ulrike Klobes und Matthias Kaether Redaktion: Klaus Pilger Produktion: DLF 2013 Urheberrechtlicher Hinweis Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. (c) - ggf. unkorrigiertes Exemplar Manuskript Zitator: Die Gelehrsamkeit ist gegenwärtig ein weitläuftiges Behältnis von ausgegrabnem Erze: Kupfer, Gold, Eisen, Silber - alles übereinandergehäuft; es muss geschieden und so lange geläutert werden, bis das Hauptmetall reiner Menschenverstand, reine Vernunft, übrigbleibt - dieser Stein der Weisen, der letzte Zweck des philosophischen Alchimisten! Schauspieler 1: Johann Carl Wezel, 1778 (Wechsel zu Gounod, Faust - Mephistos Lied vom Gold) Musik Ja das Gold regiert die Welt (...) Hört die güldnen Taler klingen auf des Götzen Weltaltar bringt ein Fürst selbst Opfer dar. Zitator (auf Musik): Der Wahn der Alchemisten. Auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Ein Feature von Ulrike Klobes und Matthias Käther. (Musik hoch, dumpfes Klopfen, wütende Stimme: "Mach diesen Opernmist leiser"!) Sophie: Ja, ja, ist ja gut! (Musik reißt ab. Geräusche: Ein Heft wird geöffnet, Kugelschreiber knipst.) Tagebuch, 10. Januar. Wieder mal superlaut Gounods Faustoper gehört. Bin sonst kein großer Opernfan, aber alles, was mit dem Faust-Mythos zu tun hat, zieht mich in den Bann. Obwohl, manchmal wünschte ich, der Teufel würde Faust holen. Naja, hat er ja auch. Aber er hätte es tun sollen, bevor Faust berühmt wurde. Dann hätte er mich nie zu diesem vermaledeiten Alchemie-Roman inspiriert, mit dem ich nicht weiterkomme. (Laboratmo): Faust : Doktor - dort! Sehen Sie nur! Es färbt sich gülden! Die Transmutation hat geklappt! Psychologe: Gewiss, Herr äh Faust, sehr schön, aber sagen Sie, waren in Ihrer Familie immer alle ganz gesund? Sophie: Schwachsinn! (Geräusch von zerknülltem Papier) Apropos, ich muss zur Analyse. Dr. Rasche ist nett. Heute hat er mich mit der Analyse meines Traums verblüfft - ich hatte geträumt, ich sei eine Sonne, die von einem grünen Löwen gefressen wird. O-Ton Rasche: ...ja, das ist ein so vielschichtiges Bild. Einmal (...) der Löwe ist grün. Also Grün ist die Farbe der Hoffnung. (...) Und in der Alchemie ist der grüne Löwe ein Lösungsmittel und wurde von den Alchemisten gern genommen, um Pyrit, also Katzengold, und Quecksilber irgendwie miteinander zusammen zu bringen. Sophie: Ein alchemistisches Symbol? Ich arbeite immer noch mit zu wenig Hintergrundmaterial. Muss mehr Fachliteratur lesen. Vor allem über die alten Goldmacher. Woraus haben die eigentlich Gold gemacht? Zitator: Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich, dass er mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm "ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen." Der König sprach zum Müller "das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie Morgen in mein Schloss, da will ich sie auf die Probe stellen." Sophie: 15. Januar. Altes Manuskript weggeworfen. Kurzen Alchemie-Leitfaden im Netz runtergeladen und gelesen. Gar nicht so unspannend. Klar, die suchten nach dem Stein der Weisen. Der war aber, wie es scheint, gar kein Stein. Sondern meist was Pulvriges oder Flüssiges. Allerlei Fachchinesisch über die Herstellung überflogen. Nix verstanden. Andere haben's scheinbar auch nicht kapiert. In einem Forum eine uralte Legende gefunden über einen Vollidioten von Herrscher. Lebte im 7. Jahrhundert in Damaskus. Khalid Ibn Yazid befahl allen Alchemisten des Landes, den Stein der Weisen zu finden. Einer schaffte es wirklich, und jetzt kommt es: Khalid: Liebe Freunde! Ich bin froh, dass ihr so zahlreich vor meinem Thron erschienen seid. Ihr wisst ja sicher, dass ich alle diese fiesen Alchemistenbetrüger habe hinrichten lassen. (Beifall) Bedauerlicherweise ist dabei eine kleine Panne passiert. Äh also, Morenius, der wahre Alchemist, der Entdecker des Steins der Weisen(Beifall) ist leider aus Versehen mit verbrannt worden. (Verwirrtes Gemurmel...) Kann passieren. Also, äh, ist vielleicht ein Experte unter Ihnen, der weiß, was man mit diesem Stein der Weisen macht? Muss man ihn essen? ... oder zerstampfen, oder wird er verbrannt ... kommt er ins Gemüse...(Gemurmel wird lauter) Sophie: Ein schöner literarischer Stoff, aber wohl eher was für eine Shortstory. Vielleicht sollte man generell herausfinden, wozu der Stein eigentlich gut ist. 21. Januar. Habe einen Spezialisten für Chemiegeschichte entdeckt, angeblich war die Alchemie eine Art Vorläufer der Chemie. Hat mich auch gleich eingeladen, als er hörte, dass ich ein Buch über Alchemie schreibe. Muss ja nicht wissen, dass es ein Roman wird. Hochinteressantes Gespräch, wenn ich auch vieles nicht verstanden habe. Linkes Definition der Alchemie klang ziemlich kompliziert: O-Ton Linke: Also bezeichnen wir die Alchemie als (...) die Kunst, gewisse Materialien zu höherem Sein zu veredeln und zwar derart, dass mit der Manipulation der Materie auch der um ein Geheimnis ringende Mensch in einen höheren Seinszustand versetzt wird. Sophie: Das muss man erst mal verdauen - das könnte in meinem Roman irgend so ein irrer Magier sagen. Das heißt, die Alchemisten haben die Bestandteile der Welt, sonderbarerweise lauter Metalle, verschieden gewertet, und versucht, sie von einem niedrigen in einen höheren Zustand zu verwandeln. Und dann hat sie das so aufgeputscht, dass sie selber dabei in eine Art Rausch geraten sind? Muss noch näheres herausfinden. Vielleicht Drogen oder so. Erst mal werd' ich einige Basics sortieren, die mir in Linkes Büro um die Ohren geflogen sind. Die Alchemisten haben, wenn ich das richtig verstanden habe, zunächst eine Art dunklen Dreck genommen und durch ihre Apparaturen gejagt. O-Ton Linke: Also aus dieser strukturlosen, schwarzen ersten Materie - prima Materie - über die verschiedenen Stufen [...] letztlich über die Rötung zum Gold kommt oder eben allgemeiner gesprochen zum Stein der Weisen. Manchmal hat man vier Stufen dieses Werkes angenommen - die heilige Vierzahl... Sophie: Vier wegen der vier antiken Grundelemente Feuer, Wasser Luft und Erde. O-Ton Linke: Manchmal sieben nach den Planeten. Manchmal zwölf, nach den Tierkreiszeichen. Und so hat nun jeder versucht, in dieses große Werk, Opus Magnum, eine Systematik einzubringen, (...) in der sich der Mensch auch läutert, entwickelt. Sophie: Also, das Opus magnum oder das Große Werk war die Aufgabe, im Labor niedere in höhere Materie umzuwandeln. Und das in verschiedenen Stufen. Lustiger weise entsprechen die Farben des sich wandelnden Stoffs im Kolben der alten deutschen Kaiserfahne. Schwarz - weiß - rot. Schöne Idee für einen historischen Roman. Kaiser Wilhelm: Bethmann-Hollweg! Kanzler (Hacken knallen): Ja, mein Kaiser! Kaiser: Ich gebe Ihnen den kaiserlichen Befehl, den deutschen Stein der Weisen erfinden! Kanzler: Zu Befehl, Majestät! Kaiser: Dazu werden die Deutschen Alchemischen Werke gegründet, die DAW! Kanzler: Die... äh...die was? Sophie: Interessanterweise scheint man nicht einmal genau zu wissen, woher das Wort Alchemie überhaupt stammt. Fest steht nur - die erste Silbe ist der arabische Artikel Al, den findet man oft im europäischen Sprachgebrauch, zum Beispiel in Al-Kohol. Aber woher kommt das Wort Chemie? O-Ton Linke: Man sagt, es könnte aus dem Altägyptischen kommen, wo es die schwarze Erde bezeichnet, dieses "kem". Es könnte vom Griechischen kommen, wo eben in diesem "chem" das "fließen" drinsteckt.(...)Manche sprechen von gewissen chinesischen Anteilen. Sophie: Und dann sagte Professor Linke noch einen seltsamen Satz: O-Ton Linke: Herr Schütt hat sicher auch keine eindeutige Definition, er ist da der Profi, ich hab das ja nur nebenbei als anorganischer Chemiker betrieben. Ja, vielleicht so viel zum Ursprung. Sophie: Wer ist dieser ominöse Schütt? Vermutlich eine Art Superexperte. Vielleicht sollte ich den finden. Soviel ist klar, der Stein der Weisen ist eine Art Endergebnis von Experimenten, die dazu dienten, niedere Materie in höhere zu überführen. Aber was macht man mit dem Ergebnis? Und wie kommt man an das schwarze Ursprungszeug ran? Kunde: Ich hätt gern einmal Streichhölzer, ne Packung Rasierklingen, das Schaumwellen-Duschgel... Verkäufer: Gern... Kunde: Und eine Packung Urmaterie. Verkäufer: Sicher, macht dann 4 Euro achtundneunzig. Sophie: Die Alchemisten scheinen diesen rätselhaften Ur-Mist vornehm als "Prima Materia" bezeichnet zu haben. Wir haben auch länger über meinen geliebten Faust gesprochen, Obwohl ich nicht so weit wie Linke gehen würde, der die Version von Goethe liebt: O-Ton Linke: Faust I wie II sind insgesamt ein alchimistisches Drama und alle bedauern, dass er nicht ein Buch von seinen vielen Büchern - um das auszuführen - geschrieben hat. Sophie: Sicherlich Quatsch - Faust ist kein reines Alchemie-Werk. Oder doch? Klar, Faust strebt nach der Jugend, auch das scheint ja auf dem Wunschzettel der Alchemisten gestanden zu haben. O-Ton Linke: Also das war natürlich eine Folge, dass man auch ganz ungewöhnliche Substanzen mit einführte als Medikamente. Aber manche erwiesen dann wirklich auch Heilkraft. Sodass der Stein der Weisen mutierte in dieser Richtung zu dem Lebenselixier, was das Leben verlängert... auch wieder Arabisch. Al-ixier, ja al. Die Vorsilbe Elixier eingedeutscht oder latinisiert auch. Sophie: 26. Januar. Schwere Träume. Hab geträumt, wie mir ein Engel einen goldenen Eimer reicht und sagt - da ist prima Materie drin! Zitator: Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt! Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen Und sich die goldnen Eimer reichen! Sophie: Auf dem Grund des Eimers lag eine eklige Schlange, die sich in den Schwanz gebissen hat. Ist bestimmt eine Freudianische Schweinerei. Obwohl - hat Dietmar Linke nicht irgendwas von einem zentralen Alchemie-Symbol erzählt? Irgendwas mit vielen Os - ah, hier ist es, gut, dass ich das Diktaphon mitgenommen habe. O-Ton Linke: Alles hängt irgendwie zusammen und das war ja auch das ewige Symbol, dieser Schwanzfresser oder Schwanzbeißer, dieser Schlange, Ouruboros, ja, das finden Sie ja auf allen möglichen alchimistischen Schriften. Die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt um zu zeigen, aus dem Einen entsteht auch dann... im Griechischen "Hen to pan", "eins zu allem", wie aus dem Einen, das irgendwie in alles eingeht, in diesem Kreislauf. Alchemist (Krangeräusch): Vorsicht mit dem Käfig! Langsam absenken! So! (furchtbar wütendes Gezische) Bitte das Tier nicht reizen! Arbeiter: Det tut mir leid, Meesta, det Viech is unterwegs varrückt jewordn, dat beißt sich imma in sein Schwanz! Alchemist: Nein, das muss so! Das ist ein Ouruboros! Sophie: Sehe wirklich Potential für fulminanten Roman! Ich habe rausgefunden, wer dieser Superexperte ist. Hans-Werner Schütt, emeritierter Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Technischen Uni Berlin. Der gibt zu Hause kleine private Seminare zum Thema Alchemie. Sofort angemeldet. 2. Februar. Habe haufenweise Geld für Alchemie-Bücher ausgegeben. Es gibt kaum gute Einführungsliteratur - meistens gehen die Autoren gleich in die Vollen, dass einem der Kopf schwirrt. Trotzdem befinden sich in Helmut Geberleins sonderbar wirrem Standardwerk von 1991 einige klärende Sätze. Zitator: "Bis zum 18. Jahrhundert war die Alchemie als eine ganzheitliche Wissenschaft akzeptiert. Die hermetische Philosophie und ihre praktische Seite, die Laborarbeit, bedingten sich gegenseitig. Die Rosenkreuzer, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, begannen die spirituelle Seite der Alchemie zu betonen. Als Reaktion darauf wandten sich die wissenschaftlich Interessierten zunehmend der materiellen Seite zu und schufen die naturwissenschaftliche Chemie". Sophie: Auch Romane der Autoren-Konkurrenz sind angekommen. Vieles ist eher Nerv tötend stupid, wie Michael Scotts "Geheimnisse des Nicolas Flamel". Auch Joanne K. Rowlings "Harry Potter und der Stein der Weisen" gibt nicht viel her. Angeblich, so die Rowling, war ein gewisser Franzose namens Nicolas Flamel der Einzige, der den Stein der Weisen je erfolgreich hergestellt hat. Den Stein beschreibt sie so: Zitator: "Die alte Wissenschaft der Alchemie befasst sich mit der Herstellung des Steins der Weisen, eines sagenhaften Stoffes mit erstaunlichen Kräften. Er verwandelt jedes Metall in Gold. Auch zeugt er das Elixier des Lebens, das jeden, der es trinkt, unsterblich macht." Sophie: Bei Rowling ist Flamel noch am Leben und erfreut sich trotz hunderter Lebensjahre bester Gesundheit. Warum nur taucht dieser Flamel immer wieder in der Literatur auf? O-Ton Schütt: Weil es einige Hinweise darauf gibt, dass der Mann existiert hat. Und er einen ausgedehnten Bericht, nicht über den alchemischen Prozess, sondern über seinen Weg zur Alchemie geschrieben hat. Dass er bei einem Buchhändler ein Buch gefunden hat und das konnte er nicht entziffern. Und dann ist er nach Santiago de Compostela gegangen, wo die ganzen Pilger hinkommen. Und da hat er einen christlichen (...) Juden getroffen, der also jüdische Weisheit miteingebracht hat(...) Also der lebhafteste Bericht, den wir haben. Sophie: Ach, das war Hans-Werner Schütt, der Top-Alchemie-Experte, dessen Privatseminar ich seit gestern besuche, großartige Quelle für Material. 13. Februar. Heute die Präsidentin Uni Augsburg der interviewt. Hat ein Buch über Okkultismus geschrieben und ist Spezialistin für Völkerethnologie. Erhoffte mir neue gute Einfälle fürs Buch. Auch sie hatte ihre ganz persönliche Definition vom Stein der Weisen. O-Ton Doering Manteuffel: Dieser Stein oder diese Substanz, die dann da gewonnen wird, hat übernatürliche Eigenschaften. Sie kann zum Beispiel Tote zum Leben erwecken lassen, das erhofft man sich zumindest. Der Stein steht dem Göttlichen nahe, ist also schon weit entfernt von dem Menschen und bildet die Einheit ab zwischen Mensch, Natur und Kosmos. Das ist das, was in der Alchemie insgesamt angestrebt wird. Sophie: Sonst war das Treffen auch ein bisschen niederschmetternd - viele Ideen sind vermutlich schon ein paar Mal zu viel im Roman und im Film verwendet worden... O-Ton Doering Manteuffel: Also, in der Massenkultur wird Alchemie natürlich sehr schnell verwechselt mit (...) irgendwelchen Zauberern, die mit Giften und vielleicht auch halluzinogenen Drogen umgehen. Es geht da viel mehr um den Besitz von Macht in Form des Steins der Weisen. Es geht um die Beschwörung von Dämonen. Es geht darum, dass man über Mittelchen verfügt, die halt eben als Wunderkuren unterwegs sind. Das genau ist natürlich alles nicht wirklich Alchemie, das sind Klischees. Wahnsinniger Alchemist: Ha! Ich habe den Stein der Weisen gefunden! Ich habe die Macht! Ich werde die Welt beherrschen! Mir alle Völker untertan machen! (Donnergrollen) Adept: Ach hör doch mal mit den blöden Klischees auf...! Sophie: Immerhin, im ihrem Buch erwähnt die Professorin, dass die Pest-Epidemien im Mittelalter daran schuld waren, dass die edle Kunst der Alchemie zum unseriösen medizinischen Zauberspektakel verkam. Schrille These. O-Ton Doering Manteuffel: Wir wissen ja alle, seit dem 15. Jahrhundert gibt es in Europa überall große Pestwellen. Und die Leute sind darauf nicht vorbereitet. Jetzt fragt sich natürlich auch, welche Medizin hilft da eigentlich. Man versucht ja ganz vieles. Und das geht einher mit einer Popularisierung der alchemistischen Medizin, die ja bis dahin als eine Geheimlehre gehandelt wurde. (...) Es sind jetzt Wundermittel, die im Umlauf sind. Die sehen also nur so aus, als seien sie Medizin. Sophie: Und dann kamen ein paar schöne Details, sehr malerisch - daraus könnte man vielleicht was machen... O-Ton Doering Manteuffel: Also, ich hatte ja schon bereits gesprochen von diesen Haselnüssen, in denen das Quecksilber drin ist. Aber es kommt eben auch das Einhornpulver, (...) Skorpionöl, das Teriyak und so weiter. Das sind Mittel, die kommen zu Teilen aus exotischen Ländern zu uns, es gibt auch eine Exotisierung der Medizinen und Pharmazien dieser Zeit und (...) man setzt auch auf altbekannte Wundermittel wie eben genau dieses Einhornpulver. Es kommt im Spätmittelalter auf. Sophie: Endlich wehte mich so etwas an wie der große märchenhafte Atem der Mystik - im nüchternen 21. Jahrhundert erzählt mir eine Unipräsidentin was von Einhornpulver... Fieser Alchemist (auf Sägegeräusch:) Halt das verdammte Einhorn fest, Adept! ( Adept Ja, Meister Fieser Alchemist Wenn wir das Horn haben, verkaufen wir es als Pony an einen Reiterhof! (irres Gelächter, ängstliches Gewieher) O-Ton Doering Manteuffel: Ja, wie kommt man zum Einhornpulver? Man muss sich das so vorstellen, dass ja die Transportwege vielleicht nicht so eng geknüpft waren, wie das heute der Fall ist. Und wenn irgendwo am Meer, sagen wir mal irgendwo am Nordseestrand, ein Schwertwalzahn gefunden wurde, das sind ja lange, lange gedrehte Zähne dann hat man die angesehen wie das Horn eines Einhorns und dann sind die da aufgefunden worden von irgendwelchen Leuten und wurden dann hochgehandelt in der europäischen Medizin. Sophie: Schade! Aber die Einhorn-Idee ist super. 26. Januar. - Endlich lichtet sich der Nebel. Das kleine Seminar bei Professor Schütt ist Gold wert. Er hat mich und ein paar andere Freaks in seinem Haus erneut zu Kaffee und Kuchen empfangen. Gigantische Büchersammlung. Sympathischer alter Herr. Glücklicherweise hab ich zur Recherche für meinen erfolglosen Lyrikband "Primzahlen" von Aristoteles gelesen - wie sich herausstellt, ist Alchemie nichts weiter als praktische Anwendung von dessen Theorien. Er glaubte ja, dass Materie an sich und die Eigenschaften von Materie was Grundverschiedenes sind... O-Ton Schütt: ...dass diese Eigenschaften was Seelenhaftes sind und dass man sie von der Materie trennen kann. Wenn man die Eigenschaften getrennt hat, als Pneuma, also als Nicht-Fassbares, dann kann man diese Eigenschaft auf die andere übertragen. Das kann man nur, wenn man die Materie nicht schon sozusagen mit soviel Eigenschaften besetzt ist, dass da gar kein Platz mehr ist. Man muss also eine Materie herstellen, die eigenschaftslos ist. Sophie: Ha, so kommt man also zu dem schwarzen Zeug, das man am Anfang der alchemistischen Experimente braucht. Das sollte also eigenschaftslose Materie sein. Und daraus wollte man dann in komplizierten Verfahren Gold machen. Aber anscheinend hat Gold den alten Alchemisten noch nicht gereicht. O-Ton Schütt: Also ist Gold zwar göttlich, aber noch nicht das, was wir gern hätten. Wenn man es also fertig bringt, ein Supergold zu fabrizieren, dann kann dieses Gold etwas tun. Und dieses Supergold ist eben sozusagen der Ursprung, der Same des Steins der Weisen. Sophie: Aha... Aber verwirrend ist das trotzdem - ich dachte immer, der Stein der Weisen wird gebraucht, um Gold herzustellen - und nun stellt man aus Gold den Stein der Weisen her? O-Ton Schütt: Es ist auch so, man nimmt Gold um den Stein der Weisen herzustellen, der dann wiederum - heute würden wir sagen vielleicht katalytisch in kleineren Mengen andere Substanz zu Gold machen kann. Sehr häufig wurde(...) dann sicher nach der gleichen Überlegung, innerlich zumindest, einfach die Stufe des Goldmachens übersprungen. Sophie: Fragt sich nur - wenn's nie geklappt hat, warum hat man trotzdem jahrhundertelang getüftelt? O-Ton Schütt: Man meint, man hat sich befreit von all seinen inneren Lasten(...). Und man ist frömmer geworden, den Göttern näher geworden usw., das sind ja positive Ereignisse. Sophie: Gehe aufgewühlt nach Hause. Die Sache wird immer spannender. Hier könnte man an einem echten deutschen Entwicklungsroman arbeiten. Ein junger Fälscher, der beim Experimentieren zum echten Alchemisten wird... Meister: Zeig, was du geschafft hast heute! Adept: Hier, Meister! Schauen Sie nur! Reines Gold! Meister: Du Schwachkopf! Du solltest Falschgold machen! Wer hat was von echtem Gold gesagt? Oh je, das gibt wieder Ärger mit der Innung.... Sophie: 23. Februar. Unter den eingetroffenen Büchern ein bemerkenswertes Exemplar - ein wunderschöner, aber auch verstörender Bildband von Jörg Völlnagel. Er ist Kurator bei den Staatlichen Museen zu Berlin und hat sich mit den mysteriösen Handschriften der alten Alchemisten beschäftigt. Die Bilder darin sind merkwürdig - viele absolut brutal, die erinnern mich an die Horrorfilme, die ich als Teenager heimlich gesehen habe. Drachen in riesigen Reagenzgläsern, zweiköpfige Männer, Löwen, die Sonnen fressen, zerstückelte Leichen in brodelnden Kesseln. Salamander, die am Spieß gebraten werden. Hab mich für übernächste Woche mit Völlnagel im Museum verabredet. Ein ganz schmales Bändchen über Alchemie von Neill Powell bringt weitere Klarheit. Der Autor ist zwar ziemlich verrückt, das Buch enthält aber einen der besten Erklärungsversuche für den Stein der Weisen. Zitator: Die Grundlage der Alchemie lässt sich in der Phrase zusammenfassen: Wie oben, so unten. Das bedeutete, dass alles im Universum oder Makrokosmos seine Parallele in der irdischen Welt oder dem Mikrokosmos hat. Alles wirkte in einem geordneten harmonischen System, und alles war von einem universellen Geist durchdrungen. Dieser Geist, der das Geheimnis des Universums enthielt, war es, den die Alchemisten einzufangen und im Stein der Weisen zu komprimieren suchten. Sophie: 4. März. Bei Völlnagel im Kulturforum. Montag, das Museum hat zu, wir gehen durch die leere Galerie. Die gespenstische Atmosphäre passt zum Thema. O-Ton Völlnagel: ...Und so hab ich eben auch im Rahmen meiner kunsthistorischen Betätigung immer wieder auch so einen Seitenblick auf die Alchemie gehabt und dann eben besonders in Hinblick auf ihre Bildlichkeit, auf ihre künstlerische Ausprägung. Und am Ende wurde das auch Thema meiner Dissertation. Sophie: Verstörende Illustrationen zeigt mir Jörg Völlnagel - Ein Wesen, halb Frau, halb Schlange, spießt mit einer Lanze einen nackten Mann auf ... einer Echse wächst ein zweiter Kopf aus - dem After... O-Ton Völlnagel: Die Entstehung ist rätselhaft. Wir wissen, dass etwa um die Mitte des 14. Jahrhunderts plötzlich allegorische Bildlichkeit auftaucht, anfangs sehr zart in Anspielungen. Und dann sozusagen immer weiter ausgearbeitet und immer stärker ausdifferenziert, immer raffinierter auch diese Bildgeschichten, die erzählt werden. Sophie: Züngelnde Flammentropfen fallen auf eine nackte Frau. Neun Kinder werden in einem Bottich lebendig geröstet, über ihnen hält eine Art König Sonne und Mond in den Händen... O-Ton Völlnagel: Ganz sicher haben sich die Maler oder die Künstler dieser Zeit bedient am bestehenden Formen- und Themenrepertoire. Ich sehe gewisse Ähnlichkeiten zum Beispiel zur Apokalypsedarstellung der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Wir haben sowohl, was diese fantastische Thematik angeht, als auch diese manchmal sehr grausame Ausprägung, die die Alchemie in ihrer Bildlichkeit auch hat (...) da sehe ich durchaus Parallelen. Sophie: Vieles mutet wirklich verdammt brutal an. O-Ton Völlnagel: Ich sehe in erster Linie darin besonders eindrückliche Bilder. (...)Ich nehme ein Beispiel: Ein Symbol für die Urmaterie, für die Ausgangsmaterie, aus der sich die Verwandlung vollzieht, ist der Drache (...) Und nun können Sie sagen in der Alchemie: Die Materie muss in ihre Wesensbestandteile zerlegt werden, um danach neu zusammengesetzt und veredelt werden zu können. Und in der Bildlichkeit nehmen Sie einfach diesen Drachen und lassen ihn töten. Und damit ist es klar, die Materie wird auf ihre Grundstruktur zurückgeführt und entsteht dann im Rahmen einer Stirb-und-Werde-Vorstellung, entsteht neu (...), das sind Symbole, die gehen unvermittelt in unser Bewusstsein ein und insofern hat die Alchemie da eine Bildsprache gefunden, die sehr direkt und wirkungsvoll ist. Sophie: Kaum zu glauben - diese wilden düsteren Darstellungen, die uns Schauer über den Rücken laufen lassen, sollen nur so profane Dinge symbolisieren wie die Umwandlung von Metallen... Mir schwirrt ohnehin der Kopf, denn trotzdem die Bilder so bedrohlich und suggestiv sind, steht fest: O-Ton Völlnagel: ...dass man alles immer wieder anders darstellen und sagen kann. Es gibt unendlich viele Gleichnisse für dieselben Prozesse in der Alchemie. Der alchemistische Verwandlungsprozess (...) der das aus Blei Gold verwandelt, dafür gibt es tausend verschiedene Geschichten, Gleichnisse und Formen der Darstellung. Sophie: Nicht nur die alten Schriften geben mir tausend Rätsel auf, ich frage mich auch, wieso moderne Künstler immer noch von der Alchemie fasziniert sind. Völlnagel zeigt mir auch Reproduktionen seltsamer Kunstwerke aus dem 20. und 21. Jahrhundert... O-Ton Völlnagel: Wie zum Beispiel Anselm Kiefer. Und darin explizit die prima materia, die Ausgangsmaterie sehen, von der die Metallverwandlung beginnen kann. Oder Yves Klein in seinen Feuer- oder vor allem in seinen Goldbildern, der das Gold wirklich künstlerisch untersucht und sich damit ganz explizit auf alchemistische Prozesse bezieht. Also, es gibt ne große Bandbreite und man weiß von Künstlern, die sich eingehend mit der Alchemie-Thematik befasst haben, (...) wie meinetwegen bei Siegmar Polke, der das in einer ironischen, augenzwinkernden Art tut und immer wieder ältere Darstellungen eingebaut hat in seine zahlreichen Alchemiebilder. (...)Da gibt es eine große Freiheit und eine große Bandbreite... Sophie: 7. März. Gespräch mit Völlnagel war eine Offenbarung - wenn es große alchemistische Kunst gibt, ist auch große alchemistische Literatur möglich! Und dann heute die absolute Überraschung: Als ich in meiner Analysestunde bei Dr. Rasche beklage, dass es keine alchemistische Musik gibt, widerspricht er mir! O-Ton Rasche: Die Musik hat von früh an eine enge Verbindung mit der Alchemie gehabt. Und vielleicht eindrucksvollster Beleg dafür ist die Atalanta Fugiens von Michael Maier, 1618 herausgekommen, als der Dreißigjährige Krieg anfing(...)Und in der Atalanta Fugiens geht's darum, die großen Gegensätze ihrer Zeit zu versöhnen, auf alchemistische Art. Also es geht auch um das weibliche Prinzip und das männliche Prinzip. Und darüber hat Michael Maier eben Fugen geschrieben, dreistimmige Fugen. (Musik) Sophie: Und es kommt noch besser - als ich nach Aufnahmen frage, outet sich Dr. Rasche als hochbegabter Organist! Wer kann das schon über seinen Analytiker sagen: Mein Therapeut orgelt! Toller Spruch für die nächste Schriftstellerparty! Könnte Sebastian Fitzek beeindrucken. (...) O-Ton Rasche: Ich habe einige Stücke davon eingespielt, hier auf einer Orgel in Berlin. Nämlich auf der Orgel von Amalia, der Schwester vom Alten Fritz, die hat hier eine wunderbare Barock-Orgel damals bauen lassen, die erhalten geblieben ist, ja. (Musik stehenlassen, dann wieder Gewummer an die Wand): ...Mach diesen Orgelmist aus! Sophie: Ist ja gut, beruhig Dich mal! 15. März. Ich bin im Schreibrausch. Mein Roman nimmt Gestalt an... eine Alchemie-Geschichte rund um Kaiser Wilhelm den Zweiten. Tirpitz: Aber Majestät, wir brauchen mehr Geld für die Kriegsmarine! Kaiser Wilhelm: Unsinn, Tirpitz! Ich hab dem Marine-Etat ein bisschen Geld entnommen für wichtigere Projekte! Tirpitz: Bisschen Geld? Eine Million Reichsmark? Und mit Verlaub, für was für Projekte? Sophie: In der Tat sollen Könige und Herrscher von jeher gern Geld ausgegeben haben für Alchemie - das wäre also gar nicht so abwegig. Da war doch was in den Aufzeichnungen von Professor Linke... O-Ton Linke: Häufig waren's ja Fürsten, Herzoge, Könige natürlich auch (...) Also sicher wollten sie ihre Kasse auffüllen. Aber es gab solche, die auch wirklich interessiert waren und auch selbst Experimente machten, sich Goldmacher kommen ließen, um von ihnen zu lernen. (...)Ein echtes Interesse, sich selbst auch irgendwie zu läutern, zumindest geistigen Gewinn zu bekommen, das möchte ich Etlichen unterstellen. Und Andere die sagten: Na ja, den nächsten Krieg können wir nur führen, wenn vorher das Gold scheffelweise aus den Schalen kommt, ja. Sophie: Genau. Wilhelm der Zweite kann ja den Weltkrieg planen und heimlich, sagen wir, auf Helgoland, ein alchimistisches Geheimlabor unterhalten... Kaiser Wilhelm: Ich plane doch den Weltkrieg, General, und - das muss aber unter uns bleiben - unterhalte deshalb ein Geheimlabor auf Helgoland. General: Ach nee! Und was laborieren Sie da? Kaiser Wilhelm: Das will ich Ihnen sagen! Ich äh, also naja, ich nehme... stehen Sie bequem...ich... Sophie: 20. März. Schreibstau. Verzweifle an der Darstellung des alchemistischen Labors. Ich kriege das nicht hin, jedenfalls nicht besser als die Autoren der Vergangenheit. Lese Oscar Hoffmanns Goldtrust, einen großartigen Alchimistenschmöker von 1907. Zitator: Das Laboratorium, das mit all seinen Retorten, Phiolen und Instrumenten beim Schein der grellen Muffel-Ofen-Flamme wie eine mittelalterliche Hexenküche aussah, füllte sich alsbald, nachdem Wassilowitsch eine Destillationsprobe vorgenommen hatte, mit schweren, dichten Dämpfen. In dem Tiegel schmolz eine graugrüne Masse und brodelte bereits lustig, als der Adept herantrat, um das Schmelzprodukt zu prüfen. Sein Auge leuchtete wie die glutflüssige Masse, in welche er soeben schaute. Sophie: Es steht fest, ich muss diese Atmosphäre kennenlernen, muss in eine Umgebung, wo ich inspiriert werde! Ein Ort, an dem ein Adliger düstere Experimente gemacht hat! Hat Dietmar Linke nicht irgendwas dazu gesagt, wo war's nur... O-Ton Linke: In Weikersheim, im ganz nördlichen Württemberg ist eine sehr schöne Ausstellung von diesem Grafen von Hohenlohe oder Herzog, (...)ich kenn mich in den Genealogien nicht so aus. Sophie: Es ist ein Graf, wie Wikipedia mitteilt. Und er hat auf seinem Schloss experimentiert. Klingt toll. Ich werf' mich sofort in den Wagen und fahr hin. Weikersheim, 28. März. Die Exkursion schien zunächst ein Reinfall zu sein. Das Schloss war schön düster und kalt, und die Hohenlohe-Typen auf den Ahnenbildern von infernalischer Hässlichkeit. Gute Kulisse für eine Horrorstory à la Lovecraft. Das Museum war aber leider gar kein Alchemielaboratorium, sondern befand sich in der Schlossküche. Das Laboratorium selbst ist irgendwann im 30jährigen Krieg abgebrannt. Trotzdem - endlich ein paar Geräte gesehen. O-Ton Museumsführerin: Da haben wir auch eine Nachbildung, was vermutlich in seinem Laboratorium an Öfen, Gerätschaften stand, also man hat auch Brandwein destilliert in Weikersheim... Sophie: Der Ofen, so erfahre ich, war in jedem alchemistischem Labor das Herzstück. Er musste lange Zeit, oft über Jahre, vor sich hin glühen. Hitzeregulierung, ob am Herd, am Hochofen oder der Heizung, ist eine alchemistische Erfindung. O-Ton Museumsführerin: In der Mitte war eben dann das Heizmaterial und wenn man eben Destillieren muss oder auch Metalle, Erze schmelzen, braucht man schon ne Menge Hitze und damit sein Gehilfe nicht ständig da sein muss, oder dass eben die Gehilfen, die Verantwortlichen, nicht immer nachschauen mussten, konnte man unten diese Schieber ein bisschen öffnen, und dann ist das so langsam nachgerutscht, dass dann eine kontinuierliche Wärme oder Hitze da war. Sophie: Beeindruckend sind auch die Laborgefäße, die gar nicht so mittelalterlich aussehen, sondern oft an moderne Chemielaborutensilien erinnern. O-Ton Museumsführerin Die hier oben, das sind noch Originalgefäße, das sind Leihgaben aus Österreich.... Sophie: Auch hier haben die Alchemisten Pionierarbeit geleistet. Wobei sich überhaupt die Frage stellt, inwieweit diese Alchemisten die Chemie beeinflusst haben. Glücklicherweise treffe ich im Schloss einen Chemielehrer, der ein großer Fan des Museums ist. Dr. Robert Meixner, der sich seit seiner Kindheit mit Alchemie beschäftigt, entdeckt jede Menge Spuren der Alchemie in der Moderne. O-Ton Meixner: Sie können in jeder Apotheke heute alchemistische Präparate kaufen, die werden genau nach diesem Muster hergestellt, es wird eine Grundsubstanz zerstückelt, es wird also erhitzt, es wird dann destilliert, der Geist wird entnommen, das übrig gebliebene Salz wird mit dem Geiste wiedervereinigt... Sophie: Auch die Entdeckung des Phosphors ist der Alchemie zu verdanken. O-Ton Meixner: Der Phosphor wurde ja durch Eindampfen von menschlichem Harn isoliert, und dann hat man eben gesehen, dass der im Dunkeln glüht. Und dann gab man ihm den Namen Phosphor, das heißt Lichtträger. Und Phosphor ist heute ein Element des Periodensystems, das genau die Eigenschaften hat, die man an der Stelle im Periodensystem von ihm erwarten würde Sophie: 30. März. Verwirrt und zerschlagen nach wüsten Träumen nach Hause zurückgekommen. Dort erwartete mich das Ergebnis meiner wilden Internet-Bestellungen der letzten Zeit - ein neuer hoher Stapel Fachliteratur zum Thema Alchemie. Ein tausendseitiges Werk gleich aussortiert: Gottlieb Latz' Standardwerk aus dem Jahr 1869. Kein Wort verstanden. Zitator: Es steht aber gar nichts im Wege, daß die adoptio respective der ignis fällt. Geschieht das nun, so ist die Sache fertig, und bei Separabis fängt etwas Neues an. Der Autor will aber nicht, dass dies absolut geschieht. Sophie: Und so weiter und so weiter. Mist. Hatte kurz überlegt, ob man nicht alte alchemistische Schriften zitieren könnte innerhalb des Romans. Aber die gehören anscheinend zu den schwerstverständlichen Texten der Weltliteratur. Dagegen liest sich Hegels Spätwerk wie Jerry Cotton. O-Ton Doering-Manteufel: Also die Alchemie ist ja eine Geheimlehre insofern, als dass sie nur bestimmten Gelehrten zur Verfügung stand. Diese Verschlüsselung, die hat mehrere Bedeutungen. Einmal geht es schon darum, dass nur ein bestimmter Kreis über die Entschlüsselungskenntnisse verfügte. Es gibt Verschlüsselungen, die allen bekannt waren. Aber es gibt auch Verschlüsselungen, die ein einzelner Alchemist nur für seinen Eigengebrauch hergestellt hat. Und da wird's dann schwierig, das zu entziffern. Sophie: Professor Schütt hat mich heute im Seminar aber wieder etwas optimistischer gestimmt... O-Ton Schütt: Erstmal ist auffallend, dass fast alle alchemischen oder sehr viele alchemischen (...) Traktate sich von einem Meister an einen Schüler richten. Das Vorbild des Meisters ist sicher auch sozusagen ein körperliches Vorbild gewesen. Wie (...)buddhistische Meister oder sonstige Kulturen. Also, er richtet sich an seinen lieben Sohn und er bringt ihm was bei, was er (...) aus Büchern nicht lernen kann, was aber in allen Büchern drinsteht. Sophie: Da hat sich bei mir ein Schalter umgelegt. Das ist es! Ich muss, um das alles zu verstehen, einen Lehrer finden, einen Meister... Vielleicht könnte ja Dr. Rasche.... Er hat Ahnung von Alchemie. Ich werde ihn bei der nächsten Analyse fragen. 4. April. Neue Idee für den Roman: Wilhelm der Zweite könnte zunächst auf einen Betrüger reinfallen. Kaiser Wilhelm: Und der ist wirklich echt? Ein echter Stein der Weisen aus dem osmanischen Reich? Ist er sich sicher? Händler: Is total echt, Alter, kannst du erkennen hier an Härte, fass mal an, Effendi, ist steinhart...und die Farbe, guck, ist weiß wie Schnee, bester Weißenstein von Europa für nur 600 Reichsmark...und dazu gibt's noch diese rote Flasche...(Geräusch von zerknülltem Papier) Sophie: Weiß noch zu wenig über alchemistische Betrüger. Den Tag damit verbracht, aus meinen Aufzeichnungen ein Dossier anzulegen über Scharlatane - Zitator: Damit ich nit vergess dabei. Den großen Beschiss der Alchimei. O-Ton Völlnagel: Sebastian Brandt in seinem "Narrenschiff" von 1494 bezeichnet die Alchemie als Beschiss und den Alchemisten als Betrüger. Wir haben das also schon im 15. Jahrhundert, die Vorstellung, dass Alchemie im Grunde Scharlatanerie ist. Und das zieht sich durch bis in die heutige Zeit. Zitator: Man spürt wohl in der Alchimei Und in des Weines Arzenei Was falsch und Beschiss auf Erden sei. O-Ton Museumsführerin: Gab's natürlich auch, Betrüger, und da gibt es wirklich eine wahre Kriminalgeschichte, der Michael Pohlhaimer hat eben behauptet, er kann Silber herstellen im Labor, hat sich dann hier anstellen lassen, hat den Grafen Wolfgang betrogen, hat also um Vorschuss gebeten und ist dann mit über 100 Gulden, soviel hat er bekommen vom Grafen, bei Nacht und Nebel davon. O-Ton Schütt: (...) ein Problem aus der Sicht der modernen Chemie ist, dass die Alchemisten keine Kenntnis von Legierungen hatten. (...)Und auf dem Gebiet ist dann die Trennschärfe so ungenau, dass man natürlich mit genügend Geschwatze oder sonst wie Messing oder abenteuerliche Legierungen als Gold verkaufen konnte. Also es gab genug Prüfmethoden. Das auch. Aber das konnte nicht jeder und das wusste nicht jeder. O-Ton (Weber, Freischütz, Melodram) Merk auf, damit Du die Kunst lernst! Hier erst das Blei. Etwas gestoßenes Glas von zerbrochenen Kirchenfenstern, das findet sich! Etwas Quecksilber! O-Ton Doering-Manteuffel: Und in diesen Bereichen, also in diesen populären Schriften, die jetzt in der Bevölkerung oder auch unter den Landärzten überall kursieren, da werden solche Rezepturen angeboten, die noch entfernt aus der Alchemie kommen bzw. alchemistisch wirken. Sie sind eine Vulgarisierung der ehemals gelehrten spagyrischen Medizin (Fortsetzung Freischütz): Drei Kugeln, die schon einmal getroffen! Das rechte Auge eines Wiedehopfs, Das linke eines Luchses! Probatum est! O-Ton Meixner: Da haben sich manche wirklich ins Elend führen lassen und standen am Schluss mittellos da und die Alchemisten, wenn sie fliehen konnten, sind sie geflohen, und wenn sie ertappt wurden, dann hat der Herzog Friedrich von Württemberg sie zum Beispiel auf dem Schlossplatz in Stuttgart an einen vergoldeten Galgen bis zum Tod aufhängen lassen. Zitator: Zehn Minuten später jubelte Wassilowitsch auf. Die kleine Gestalt des Buckligen reckte sich stolz empor, und zwei leuchtende Augen, vereint mit glückseliger Miene, verrieten, dass das uralte Problem restlos gelöst war. O-Ton Döhring-Manteuffel: Also der Versuch, aus Quecksilber Gold zu machen, das ist ja nachgewiesen, dass das funktioniert. Man braucht dann nur einen Superbeschleuniger. O-Ton Linke: Es ist möglich. In Büchern über Zentren der Kernforschung, CERN in Genf oder wo auch immer, wenn es populär zugeht, dann steht natürlich auch "Wir können Gold machen, wir schießen". O-Ton Döhring-Manteuffel: Es lohnt sich aber nicht. Und damit ist das Ganze natürlich entzaubert. Also in dem Moment, wo sich die Transmutation von niederwertigen Stoffen zu höherwertigen nicht lohnt, braucht man auf dem Weg auch nicht mehr Gold zu machen. O-Ton Linke: Es ist auf jeden Fall klar da ist die Feinunze (...) immer noch hundertmal preiswerter als das auf diese Weise hergestellte, nachgewiesene und isolierte Gold. Sophie: 18. April. Heute war Schriftstellertreffen in Berlin. Niederschmetternd. Mit Kollegen Kai Meyer gesprochen, der sich super auskennt mit dem Thema. Leider hat er meine Idee anscheinend schon glänzend umgesetzt in seiner Romantrilogie, "Die Alchimistin". Und warum ist ein Mann vor mir auf die Idee gekommen, eine Alchimistin zur Heldin zu machen? Ärgerlich. Und er hat damit auch noch absolut ins Schwarze getroffen... O-Ton Meyer: Es gab damals mal so eine Welle mit Büchern, die alle... die alle mit -in endeten im Titel. Das war vor allem Dingen nach der "Päpstin". Und die " Alchimistin" ist da irgendwie genau reingerutscht in diese Phase... Sophie: Er hat leider auch schon die Idee benutzt, das Ganze in der Ära von Wilhelm dem II. anzusiedeln zu. Der erste Band spielt um 1890... O-Ton Meyer: ...Und hab dann eben ein paar Jahre später "Die Unsterbliche" geschrieben, den zweiten Band, der dann einige Jahre später spielt, kurz vor Beginn oder zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Sophie: Bin am Boden zerstört. Genau das, was mich an dem Thema interessierte, hat auch Meyer fasziniert. O-Ton Meyer: Darum ging's ja unter anderem (...)... dass es zu einem Zeitpunkt spielt, in dem die Alchemie eigentlich tot ist oder nur noch so eine Lachnummer ist, die niemand mehr ernst nimmt. Und dann hinzugehen und zu sagen: Ja es gibt diese Alchemisten noch und sie existieren noch im Verborgenen und arbeiten noch im Verborgenen. Und es gibt einige, die haben es eben tatsächlich auch geschafft, im Mittelalter unsterblich zu werden, weil sie den Stein der Weisen gefunden haben, und sie leben immer noch. Das fand ich einfach faszinierend. Sophie: Inzwischen hab ich auch reingelesen - wunderbar! So was bekomme ich nie hin, Meyer gelingen sogar die verflixten Laborbeschreibungen. Zitator: "Es gab mehrere Versuchsanordnungen aus gläsernen Behältern, manche rund, andre eckig oder in Formen, die aussahen, als hätte ein verrückter Glasbläser sie ohne Sinn und Verstand geschaffen: stachelig wie Seeigel, runzelig wie Geschwüre, quallig wie Wolkenformationen. Manche hatten lange Auswüchse aus Glas und Metall, andere waren durch labyrinthische Systeme aus Rohren und Schläuchen verbunden." Sophie: Ich frage ihn augenzwinkernd, ob er sich vom Stein-der-Weisen-Plot der Rowling inspirieren ließ. O-Ton Meyer: Ich glaube schon, dass sehr viele gerade jüngere Leser natürlich zum ersten Mal vom Stein der Weisen gehört haben durch J. K. Rowling. Aber ich glaube, das ist bei ihr (...) das, was Hitchcock den McGuffin genannt hat. Also das Ding, um was geht im Buch. Und das ist eigentlich völlig egal, ob das Mikrofilm ist oder ein geheimes Buch, ein verbotenes Buch, egal was, es ist einfach das Ding, das die Hauptfiguren in ihren Besitz bringen möchten, um das sich die ganzen Konflikte entwickeln. Und das ist eben bei Harry Potter der Stein der Weisen. Das hätte (...) auch der Gral sein können oder sonst was. Also es ist eigentlich völlig egal. Von daher glaub ich nicht, dass dadurch ... das Thema Alchemie wirklich einen Riesenschub bekommen hat. Sophie: Meyers Werk, das weiß ich inzwischen, ist beneidenswert reißerisch. Zitator: "In einem finsteren Schloss am Meer wächst Aura Institoris inmitten eines Labyrinths endloser Korridore heran. Als ihr Vater, der Alchimist Nestor Nepomuk Institoris, im Auftrag seines ärgsten Widersachers getötet wird, steht Aura plötzlich seinem Mörder gegenüber - dem Hermaphroditen Gillian. Ihm wurde befohlen, auch Aura zu beseitigen. Doch Gillian stellt sich gegen seinen Meister und rettet Aura das Leben. Sie muss das Erbe ihres Vaters antreten und selbst zur Alchimistin werden, um gemeinsam mit Gillian gegen einen uralten Feind zu bestehen, der in den Katakomben von Wien seine Ränke schmiedet". Sophie: Meyer hat auch viel mehr gelesen als ich und eine Menge Insidersachen verbaut - der Hermaphrodit, also ein Zwitter mit männlichen Geschlechtsteilen und Brüsten, ist ein beliebtes Einheits-Symbol in der Alchemie - originell, einen auftreten zu lassen! Letztendlich hat mir das Recherchewissen Meyers den Todesstoß versetzt - das krieg ich nie so gut hin! O-Ton Meyer: Das sollte nicht darum gehen, dass sich da einfach ein paar Leute um den Stein der Weisen(...)die Köpfe einschlagen... sondern es sollte schon natürlich auch um die Alchemie selbst gehen und da brauchte ich natürlich Figuren, die einfach mal sagen: Was ist die Alchemie und was bedeutet die? Es geht eben nicht einfach nur darum, Blei in Gold zu verwandeln oder Quecksilber in Gold zu verwandeln oder weiß der Teufel was. Sondern es geht eigentlich natürlich auch um philosophische Ansätze. Alter Alchimist: Der Stein der Weisen...ist...nur eine Metapher, mein Kaiser! Wilhelm: Mir egal, was es ist, ich will es haben! Alter Alchimist: Ich meine, es ist ein Gleichnis, eine philosophische Analogie! Wilhelm: (schüttelt den Alchimisten): Du willst mir doch nicht weismachen, verdammter Scharlatan, dass ich eine Million Reichsmark für eine verdammte Analogie ausgegeben habe? Sophie: 25. April: Völlig am Boden zerstört zur Analyse. Der Alchemieroman wird wohl nie geschrieben werden - alles schon dagewesen. Und der Verleger drängelt. Dann doch ein Licht am Ende des Tunnels. Das mit der großen philosophischen Analogie - daraus kann man vielleicht was machen! Rasche meint, schon Carl Gustav Jung war total angefixt von dieser Idee. O-Ton Rasche: Also, Jung war davon fasziniert, dass unser Leben nicht einfach sinnlos und zufällig ist, sondern einem inneren, vorgegebenen Muster folgt. Und diesen Weg nennt er den Individuationsweg oder Individuationsprozess. Und sagt, es ist ein ganz natürlicher Vorgang. Jeder Mensch hat irgendwie ein Schicksal und ist dazu da, er selber zu werden. Und wenn dann eben die Patienten zu ihm kamen in einer Krise und ihm die Träume erzählt haben, dann hat er Bilder erzählt bekommen und auch bestimmte Erlebnisse, auch Tagträume oder auch gemalte Bilder gezeigt bekommen, die alle irgendwie etwas Ähnliches hatten mit diesen alchemistischen Texten (...) Sophie: Für Jung war die Suche nach dem Stein der Weisen, der lange schwierige Weg von der niedrigen Materie zur höchsten Essenz, identisch mit der Suche nach dem Sinn des Lebens und der Selbstbefreiung des Menschen schlechthin. Die Erfahrungen des Adepten im Labor an der Seite des Meisters hat seine Entsprechung in der analytischen Therapie. O-Ton Rasche: Und deshalb sagen wir zum Beispiel, wenn ein Mensch anfängt in seinem Unbewussten zu graben, dann ist er gut beraten, wenn er einen Begleiter dabei hat. Ja und das ist dann das Gefäß der analytischen Beziehung, der psychotherapeutischen Beziehung. Was wiederum auch bedeutet, dass der Begleiter vernünftig ausgebildet sein muss und ungefähr die Idee haben muss, welche Energien da auch freigesetzt werden. Das ist ganz wichtig. Sophie: Gut gesagt, nicht? Und deswegen meine neue Idee - ich werde Alchimistin! Eine Adeptin! Ich werde mir einen echten Meister suchen! Und ich werde mein Tagebuch veröffentlichen! Mein Verleger wird von der Idee begeistert sein... Verleger am Telefon: Sind Sie wahnsinnig geworden? Ich will kein verdammtes Tagebuch! Was ist mit meinem Roman? Das klang doch ganz vielversprechend mit dem Geheimlabor ... Sie wissen, der Abgabetermin ist im Mai, und wenn Sie nicht bald das zweite Kapitel ... Musik aus der Oper "Der Stein der Weisen" - Ouvertüre wird unter dem schimpfenden Verleger lauter, bis er verdrängt wird. Sophie (auf Ouvertüre): 29. April. Bin auf dem Weg ins Bayerische Dörfchen Egling. Höre laut im Auto jene mysteriöse Wiener Oper von 1790, an der angeblich Mozart mitgeschrieben hat - Der Stein der Weisen. Sehr hübsch und inspirierend. Hab vielleicht meinen Meister gefunden, Mehmet Cati - ein wirklich lebender Alchemist, der auch Kurse gibt. O-Ton Cati: Die Kosmologie der Alchemie, diese Dinge, versuch ich dann in der Praxis darzustellen. Wobei das praktisch in dem Falle natürlich im Labor, damit jeder für sich zuhause ein bisschen was knöstern kann, weil das ist ja so der Anknüpfungspunkt, dass die Leute kommen, weil sie sich zum Beispiel ein Heilmittel herstellen wollen. Mach ich da nicht so eine spirituelle Alchemie, sondern wirklich auch mit Laborpraxis und zeige aber das, was jetzt sehr theoretisch und spirituell klingt, wie diese Praxis tatsächlich darstellbar ist. So dass es jeder selber machen kann. Sophie: 30. April: Erstes Gespräch mit Cati verläuft ziemlich desillusionierend. Stein der Weisen finden kann dauern. Immerhin verspricht er, mich zunächst in die alchimistische Medizin einzuführen. O-Ton Cati: ...ich hab mir überlegt, (...)was wäre jetzt für alle ein wichtiger Aspekt. Das jetzt eben das Frühjahr kommt, Entgiftung. Manche machen ja Frühjahrskuren. Und da kann die Brennnessel halt unterstützen. Also so bin ich auf die Idee gekommen, deshalb die Brennnessel in den Vordergrund der Betrachtung gestellt und da kann man schauen, was hat die alles für Eigenschaften. Das ist eine Marspflanze, die ist dem Mars zugeordnet. Dann hat die natürlich auch Fähigkeiten oder Möglichkeiten auch das Selbstbewusstsein zu stärken. Sophie: Genau das, was ich in meiner Situation jetzt brauche. Verzweiflung und Niedergeschlagenheit soll aber bei Adepten keine Seltenheit sein. Wie sagt Hans-Werner Schütt in seinen Seminaren immer so schön: O-Ton Schütt: Die melancholia alchemica war ein stehender Ausdruck im Mittelalter Sophie: Für Cati muss das aber nicht sein - vor allem Alchemistenkollegen, die sich der spirituellen Bedeutung der Lehre verschließen und egozentrisch nach Unsterblichkeit und Reichtum streben, werden vom Frust verzehrt. Andre sind einfach zu ungeduldig, wie ein ruheloser Kollege Catis. [Musik] O-Ton Cati: Und er wollte aber ganz schnell sein. Das heißt, wenn ich jetzt Wasser 50 Grad warm mache und ich hab da zwei Liter, bis das übergedampft ist, dauert das. Wenn ich jetzt aber direkt 100 Grad heiß mache, dann dauert das nicht lange, ehe das alles verdampft. Und er wollte eben ganz schnell sein. Und ich sag, aber das ist nicht das, wonach du gucken musst. Du musst auf die subtilen Kräfte gucken. Und das ist dann so ein Anknüpfungspunkt, wo die Menschen einfach entweder ausrasten oder anfangen, nicht damit arbeiten zu wollen. Sophie: Geduld - ich weiß nicht, ob ich die wirklich besitze... (Brodelgeräusche im Hintergrund) Man muss ja auch bedenken: Je länger ich brauche, desto voluminöser wird mein Tagebuch. Und wer will schon einen Zwölfbänder kaufen. Das ist selbst für ein opus magnum etwas fett. Apropos: Ich muss Schluss machen, muss die Temperatur der prima materia kontrollieren. Eins ist klar: Alchemie ist wesentlich mehr als nur der Versuch, Gold zu machen oder für immer am Leben zu bleiben. O-Ton Linke: ... das waren zwei natürlich ausgesprochen wünschenswerte Ergebnisse. Sagen wir mal die Spitzenresultate, aber man war ja auch mit weniger zufrieden. Mit dem Silber, mit einem neuen Arzneimittel, was das Leben vielleicht doch verlängerte. O-Ton Doering-Manteuffel: Das Element der Suche ist, finde ich, auch sehr wichtig. Wir leben ja (...) in flüchtigen Zeiten, wie Siegmund Baumann mal gesagt hat und in diesen flüchtigen Zeiten ist die Sinnsuche sehr schwer. Und insofern braucht man Anhaltspunkte und auch Rückhalte dafür und da können Systeme wie die Alchemie schon einiges bewirken. O-Ton Meixner: Und das wäre nämlich das Grundprinzip der Alchemie: zuerst die Analytik, zuerst das Zerlegen und dann die Vereinigung der Gegensätze zu einem neuen übergeistigen Wesen ... O-Ton Schütt: ...der Stein der Weisen ist schon überall, wir müssen ihn nur sozusagen in Erscheinung bringen. Zitator: Seltsam verlächelnd schob der Laborant den Kolben fort, der halbberuhigt rauchte. Er wusste jetzt, was er noch brauchte, damit der sehr erlauchte Gegenstand da drin entstände. Zeiten brauchte er, Jahrtausende für sich und diese Birne in der es brodelte; im Hirn Gestirne und im Bewusstsein mindestens das Meer. Das Ungeheuere, das er gewollt, er ließ es los in dieser Nacht. Es kehrte zurück zu Gott und in sein altes Maß; er aber, lallend wie ein Trunkenbold, lag über dem Geheimfach und begehrte den Brocken Gold, den er besaß. Sprecher: Rainer Maria Rilke [Schluss Gounod-Faust: letzte Takte des Lieds vom Gold] Sprecher: Sie hörten: Der Wahn der Alchemisten - Auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Von Ulrike Klobes und Matthias Käther. Mit Dr. Sabine Doering-Manteuffel, Professorin für europäische Ethnologie; Professor Dietmar Linke, Chemiehistoriker; Professor Hans-Werner Schütt, Wissenschaftshistoriker; Dr. Robert Meixner, Lehrer und Alchemieexperte; Dr. Jörg Rasche, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Analytische Psychologie; Dr. Jörg Völlnagel, Kurator der Staatlichen Museen zu Berlin; Kai Meyer, Romanautor; Dr. Mehmet Cati, Alchemist; Sigrun Pflüger, Museumsführerin im Alchemiemuseum Weikersheim. Es sprachen: Cathleen Gawlich, Michael Rotschopf, Leopold von Verschuer und Bernhard Schütz. Ton und Technik: Bernd Friebel R Regie: Philippe Bruehl R Redaktion: Klaus Pilger. Produktion: Deutschlandfunk 2013. ENDE 3