DEUTSCHLANDFUNK Redaktion Hintergrund Kultur / Hörspiel Redaktion: Ulrike Bajohr Grosny. Alltag in einer europäischen Stadt von Gisela Erbslöh Regie: Anna Panknin Sendung: 14. Juni 2013 Urheberrechtlicher Hinweis Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. © (Musik) 01 O-Ton Saréma Synchron Was Ramsán Kadýrow für uns tut, ist beispiellos. 01a O-Ton Marcha Synchron Man darf hier nicht laut sagen, was man denkt, und wenn ich schreibe, was ich denke, wird es nicht gedruckt. 01f O-Ton Saréma Synchron Das hat es in der Geschichte noch nicht gegeben, dass das Oberhaupt einer Föderationsrepublik den Menschen so sehr hilft wie er. 01b O-Ton Architekt innen, mehrfach Handygeklingel (wenn es akustisch geht) Synchron Natürlich ist hier sehr viel getan worden, unglaublich schnell und mit großem Nachdruck…. Sprecherin Asset Manchmal denke ich: Mein Gott, was ist mit uns Tschetschenen passiert, dass alle ihm zustimmen - und schweigen. 02 O-Ton Fatima Synchron Man sagt uns, was wir sagen dürfen. Aber Gott sei Dank haben wir ja noch unsere Gedanken im Kopf. Atmo Rasende Autos, Polizeisirenen - unterlegen Ansage Grosny. Alltag in einer europäischen Stadt. Feature von Gisela Erbslöh Atmo hochziehen 03 O-Ton Saréma, (innen) Synchron Natürlich haben wir es jetzt besser als früher. Die tschetschenische Republik ist die ungefährlichste Region im ganzen Nordkaukasus geworden. Wirklich. Die Kriminalitätsrate ist sehr niedrig. Und dass die Menschen sich hier sicher fühlen, sehen Sie ja auch an den vielen Leuten ausländischer Herkunft auf der Straße. Ich habe den Vorsitzenden der tschetschenischen Minderheit in Syrien interviewt. Sie betrachten Tschetschenien als das Land, in dem sie ihren Krieg überleben können. Sogar Chinesen leben hier. Die hätten ja auch nach Westeuropa gehen können. Das sind doch Tatsachen! Atmo Im fahrenden Bus Autorin Wir fahren in einem Bus der Linie 32 über den Ahmád-Kadýrow- Prospekt Richtung Innenstadt. Chinesen fallen mir nicht auf, aber zahlreiche Porträts der drei Männer, die in den letzten fünfzehn Jahren die Geschicke des kleinen Landes bestimmt haben. Staatspräsident Vladimir Putin schaut unergründlich und irgendwie abwesend durch uns hindurch; der ermordete vorletzte Präsident der Tschetschenen, Ahmád Chadzhí Kadýrow, lächelt gütig; herausfordernd forsch blickt uns sein Sohn und Nachfolger in die Augen: Ramsan oder bloß „er“ sagen seine Landsleute, wenn sie von ihm reden, oder „das Oberhaupt“, nämlich der tschetschenischen Republik. 04 O-Ton Saréma s6 (Innenraum) Wir hatten doch keinerlei Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Das hat sich durch unser Oberhaupt, dank seiner Jugend und seiner Energie, mit der er 2006/7 den Wiederaufbau von Grosny begann, sehr geändert. Atmo Im Bus Autorin Ich staune. Grosny, die Schreckliche, ist eine üppige Schönheit geworden. Der frühere Leninprospekt – bei meinem letzten Besuch 2006 standen nur mehr Ruinen am Straßenrand – hat sich in eine Prachtstraße verwandelt. Pompöse Fassaden, mit gelblichem Sandstein verkleidet, mit Halbsäulen, Absätzen, Sockeln, Tympanons über den Fenstern und stattlichen Hauseingängen dekoriert, signalisieren Ordnung und Wohlstand, sogar Überfluss. Als hätte da jemand mit der imperialen Architektur von St. Petersburg oder den Palästen der Stalinzeit konkurrieren wollen. An der Ssunzhá, deren Ufer einbetoniert und erhöht wurden, so dass der Fluss kaum noch zu sehen ist, spiegeln die Fenster der fünf illustren Hochhäuser von „Grosny City“ den Frühlingshimmel. Weiß und grün leuchten in der Ferne die noch im Bau befindlichen Paläste der zukünftigen Regierungsresidenz – auf dem Areal hätte ein ganzes Stadtviertel Platz. – Ich zähle das vierte Porträt des Oberhaupts auf dieser Straße; darunter, in großen Buchstaben: „Ramsán, wir danken dir für Grosny“. Dann erreicht unser Bus die märchenhafte zentrale Moschee der Stadt, inmitten einer streng gegliederten, wohlgepflegten Anlage. Rosenbeete und Rasen werden von einer Vielzahl schwarzgekleideter Gärtner gesprengt, Frauen mit verhülltem Kopf und orangefarbener Schutzweste fegen die blitzsauberen asphaltierten Wege. Die Moschee sei die größte in Russland, erklärt meine Begleiterin Saréma, erbaut nach dem Vorbild der Istanbuler Hagia Sophia, zum Gedenken an Ahmád Kadýrow von dessen Sohn Ramsán. 05 O-Ton Saréma Innen Synchron Was er tut, ist beispiellos. Er hat Menschen, die alles verloren haben, Wohnungen und Häuser finanziert. Und die Ahmad- Kadýrow- Stiftung kümmert sich um die Behandlung Neugeborener mit Herzfehlern. Kinder mit zerebraler Lähmung wurden erfolgreich von chinesischen Ärzten behandelt, ebenfalls bezahlt von der Ahmád-Kadyrow- Stiftung, und natürlich geht das auf Ramsáns Initiative zurück. Das ist alles seine Barmherzigkeit. Er bereist die ganze Republik, ist buchstäblich überall. Atmo Geräusche aus dem Hof Autorin Saréma ist Journalistin. Wir kennen uns seit der Zeit, als Grosny in Trümmern lag. Sie gab ihre eigene Kulturzeitung heraus und schrieb die meisten Artikel dafür selbst; über Abende mit tschetschenischer Poesie in notdürftig hergerichteten Räumen, über falsche und wahre Traditionen der Tschetschenen – etwa die Unsitte, junge Mädchen durch Entführung zur Heirat zu zwingen und über die eigentlich verbürgte Freiheit der Frauen. Sie mokierte sich, wie viele andere, über den damals gerade mal achtundzwanzigjährigen Kadyrow. Er war eben dabei, sich in die Nachfolge seines ermordeten Vaters einzugewöhnen und ließ von Anfang an keine Gelegenheit aus, den Bürgerinnen seiner Republik gute Ratschläge zu geben. Sarema war eine aktive, selbstbewusste Frau, und sie ist es auch heute. Aber sie ist auch müde geworden. Müde von der wiederholten Zerstörung ihres Lebensraums, vom Leiden und Sterben ihrer Verwandten und Freunde, vom Druck, sich immer wieder denen anpassen zu müssen, die gerade die Macht haben. - Die Zeitung, für die sie nach der Schließung ihrer eigenen arbeitete, existiert nicht mehr. Dem tschetschenischen Finanzier in Moskau ist die unvermeidliche Berührung politischer Themen zu riskant geworden. Ich bitte Saréma um ein Gespräch über das Leben im schönen neuen Grosny, sie stimmt zu, aber, bittet sie, keine politischen Fragen! Ich will es versuchen. Ob ihr der zur Schau getragene Glanz und Luxus der neuen Stadt nicht manchmal wehtue, frage ich, ob er die realen Folgen des Krieges nicht einfach nur zudecke? 06 O-Ton Saréma Innen, bei geöffnetem Fenster, S. lacht Synchron Der erste Krieg gegen uns begann 1995. Da war die tschetschenische Renaissance gerade richtig in Gang gekommen. So nennen wir die Zeit nach der Rückkehr der Tschetschenen aus der Deportation durch Stalin. Von den Sechzigern bis in die neunziger Jahre hinein konnten sich unsere Literatur und Kultur und die Wissenschaften ein wenig entwickeln. Aber die Regierung der russischen Föderation hat sie hemmungslos wieder zerstört. Deshalb bin ich nur froh, wenn ich diese Schönheit da draußen sehe. Atmo Geräusche aus dem Hof Autorin Wir sind in einer bescheidenen Privatwohnung zu Gast. Während des zweiten Kriegs, der im Jahr 2000 begann, fungierte sie als inoffizielles Zentrum der überlebenden tschetschenischen Intelligenz. 07 O-Ton Saréma Synchron Weißt du, dieser Krieg war so grausam. Es war so schwer, das alles durchzumachen und jetzt sitzt er ganz tief in unseren Seelen. Davor kann man nicht weglaufen. Also danke ich Gott für das, was wir jetzt haben. Autorin Saréma selbst wohnt nicht in Grosny, sondern in einem nahen Dorf. Die Wohnung ist einfach. An kalten Wintertagen stellt sie ihren Computer ins Badezimmer, weil sich dort der einzige Ofen befindet. Das kleine Stadthaus der Familie ist seit dem Krieg unbewohnbar. Geld für den Wiederaufbau hat sie nicht, und die Männer ihrer Familie, die selbst hätten bauen könnten, sind tot – oder im Ausland. 08 O-Ton Saréma Synchron Als unsere große Moschee fertig war – wir nennen sie „Das Herz von Tschetschenien“ - da strömten die Menschen hin, um sie zu bewundern. Auf einer Bank saß ein alter Mann. Er schaue die Moschee an, sagte er, und fühle sich wie im Paradies. Und wirklich, diese Moschee ist so schön, so märchenhaft, dass ihre bloße Existenz für viele eine Art seelischer Rehabilitation bedeutet. Andererseits gibt uns all diese Schönheit keine Garantie für die Zukunft. Viele Tschetschenen rechnen damit, dass in zehn Jahren oder so alles von vorn losgeht. Unsere Zukunft hängt ja von Russland ab, nicht von unserer Führung. Die russische Regierung macht, was sie will. Die hiesige auch, klar. Aber was Ramsán Kadyrow für uns tut, ist beispiellos, das kann man doch nicht bestreiten. Atmo Verkehrsgeräusche durchs offene Fenster? Autorin Ob ich davon gehört hätte, dass Deutschland bis Ende April 370 Tschetschenen aufnehme, fragt die Wohnungsbesitzerin. Sie müsse ihren Sohn wohl im Ausland unterbringen, weil es in Tschetschenien keine Arbeit gebe. Wenn aber eine Stelle frei wäre, müsse man viel Geld zahlen, um sie zu bekommen. Dann lobt sie die enorme Sauberkeit der neuen Stadt - und stellt mir den Architekten Aslan vor. Atmo 10 O-Ton Architekt Synchron Als Architekt und als Bürger dieser Stadt bin ich natürlich froh, dass wir die Ruinen nicht mehr sehen müssen, sondern Ordnung und Sauberkeit haben, das freut mich, natürlich. Aber ich habe auch eine professionelle Einstellung zu dem, was hier abläuft. Und die besagt, dass hier einiges anders aussehen könnte. Übrigens gibt es auch viel Gutes, was man über diese Stadt und die Republik Tschetschenien schreiben kann. Und wahrscheinlich sollten Sie das tun. Atmo Haus der Baschlám Tanzgruppe – Küchengeräusche, Autorin „Ich liebe unser Oberhaupt, er hat uns dieses Haus und ein Auto geschenkt“, sagt der Trainer der Kinder-Tanzgruppe Baschlám. Er ist dabei, seinen Hof zu pflastern. Der Springbrunnen vor einer Kulisse aus schneebedeckten Kaukasusbergen und mittelalterlichen tschetschenischen Wohntürmen im Gartenzwergformat ist bereits fertig. Das weitere Gespräch überlässt er seiner Frau. 11 O-Ton Frau des Trainers Synchron Gott hat uns diesen Menschen geschickt. Nur er konnte all das tun. Vielleicht finden Sie es merkwürdig, dass ich ihn verehre? Nein, nein, so einen gibt es nur ein Mal in der Welt. Autorin Was würden Sie sagen, frage ich, wenn die neue Stadt etwas bescheidener wieder aufgebaut worden wäre und mehr Geld für die Behandlung der Krankheiten ausgegeben werden könnte, die der Krieg den Tschetschenen beschert hat? 12 O-Ton Frau des Trainers Synchron Ich verstehe, was Sie meinen, aber das ist eine politische Frage. Und er kann ja nicht allen helfen, aber das, was er tut, wird nirgends sonst auf der Welt getan. Wir haben unsere Kinder-Tanzgruppe, und als wir nach dem Krieg noch nirgends auftreten konnten, hat er uns gefunden und uns einen Raum zum Proben gegeben, er hat uns einen Reisebus geschenkt und allen unseren Kindern Stipendien. Er tut was er kann. Atmo Verkehr Autorin Ein Freund der Familie fährt mich vom Haus der Tänzer ins Zentrum zurück. „Ich habe gehört, dass Deutschland bis Ende April 600 Tschetschenen aufnimmt“, sagt der Freund, „wissen Sie was darüber?“ – Dann stehen wir im Stau, eine der Durchgangsstraßen ist gesperrt. „So ist das bei uns“, sagt er und lächelt entschuldigend, „zehn Mal am Tag: irgendwer von denen „da oben“ muss dringend irgendwohin.“ Der Fahrer drückt seinen Unmut sehr vorsichtig aus. Ich wundere mich, dass er ihn gegenüber einer Fremden überhaupt äußert. Denn ich habe Fatímas Warnung im Ohr: 13 O-Ton Fatíma Synchron Es besteht die Gefahr, dass du alles verlierst, was du hast. Und ich glaube, es ist auch lebensgefährlich. Schau dir doch an, was da los ist. Was sich Kadyrow mit der Tschetschenisierung und der Islamisierung seiner Republik ausgedacht hat, übertrifft alles bisher da gewesene. Und wie immer trifft es die Frauen zuerst. Autorin: Vor allem Frauen mit Bildung. Frauen wie Fatima, die schon lange nicht mehr in Grosny, sondern in Moskau wohnt. Frauen wie Asset, die heute auf mich wartet, die sich Sorgen machen wird, wenn ich nicht rechtzeitig komme. Atmo Straße Autorin Ich steige aus dem Auto aus und gehe zu Fuß weiter. Asset ist erleichtert, als sie mich sieht. Sprecherin Asset „Alles ging drunter und drüber im Hause Oblonskij“ – erinnern sie sich an den Satz bei Tolstoj? (lacht) So geht auch bei uns alles durcheinander, es sieht nur so aus, als ob es in Ordnung wäre. Und die Menschen suchen etwas, woran sie sich festhalten können, aber das, was sie finden, ist trügerisch. Autorin Assét hat noch zwei Gleichgesinnte mitgebracht, sie ist nicht die einzige, die auf das übliche Ritual der Lobpreisungen Kadyrows verzichtet. Aber niemand in Grosny wird so offen und klar zu mir sprechen wie sie. Sprecherin Asset Die gehen so gemein vor. Rühren dich selbst erst mal nicht an, sondern halten sich an deine Familie. Dein Sohn verschwindet, dein Mann verschwindet und wenn du trotzdem weiter machst, fangen sie in irgendeiner Ecke auch dich. Niemand erfährt davon. Sie haben Studenten von uns verschleppt, zusammengeschlagen und länger als eine Woche irgendwo festgehalten. „Sie“, das sind seine Sicherheitskräfte, die tun, was er anordnet. Manchmal auch mehr. Autorin Asséts Sohn ist aus Grosny fortgezogen. Sie selbst ist Dozentin an mehreren Hochschulen der Republik. Sprecherin Asset Das Regime verlangt nicht, dass man es liebt oder verehrt, es verlangt deinen bedingungslosen Gehorsam. Es will, dass du von selbst weißt, was sein Führer und seine Gefolgsleute wünschen. Sprecherin Maret Dass du ihre absurdesten Anordnungen ausführst. Autorin: Die Philologin Marét schreibt für verschiedene Medien der russischen Föderation. Sprecherin Marét Wenn du rein logisch einwendest, dass ihre Vorschriften nicht dem Gesetz entsprechen, und auch nicht unseren Sitten und Traditionen, werden sie dir im besten Fall antworten: „Aha, du bist also ein Feind unseres Volkes und unserer Religion.“ Sprecherin Ajschat: Sie vermischen alles mit dem Islam. Autorin: Ajschat arbeitet für eine unabhängige Hilfs-Organisation. Alle drei Frauen sind verheiratet und haben erwachsene Kinder. Mehr über sie zu sagen, wäre für sie gefährlich, und auch ihre Stimmen wollen wir zu ihrem Schutz nicht veröffentlichen. Kadyrows Geheimdienst ist überall. Atmo Straße Autorin Wir haben uns an einer Ecke des Putin-Prospekts getroffen – dort, wo alle paar Stunden ein Glockenspiel mit der Melodie von Big Ben an das ferne London erinnert. Es wäre schön, zusammen „irgendwohin“ zu gehen, meint Asset, aber im neuen Grosny sei es schwer, Orte zu finden, in denen man sich gerne aufhalte, wie früher die Theater oder die Kulturhäuser. Sprecherin Asset Alles ist von denen besetzt. „In unseren Zimmern sitzen jetzt Kommissare“, kennen Sie das Lied? Es sind bloß andere Kommissare als früher. Zwischen ihrer und unserer Vorstellung von dem, was ein Theater, was überhaupt Kultur ist, liegen Welten. Sprecherin Maret Vor einer Woche wurde der Chef- Regisseur unseres Theaters, Chakíschev, einfach rausgeschmissen. Sprecherin Asset Und vor anderthalb Wochen der Rektor der Pädagogischen Hochschule. Sprecherin Maret Das waren gebildete, intelligente Menschen – an ihrer Stelle werden irgendwelche jungen Leute nach oben katapultiert, am liebsten Mitglieder der Kadyrowfamilie, mit weiß der Himmel was für Ausbildungen. Atmo Stadt, Musik aus Lautsprechern Autorin Der Putin-Prospekt ist für den Autoverkehr gesperrt – ebenso der Kadyrow-Prospekt. Denn heute ist der zehnte Jahrestag der tschetschenischen Verfassung, und mit ihm wird Ramsáns Vater Ahmád Chadzhí gefeiert. Er ließ damals das erste und bislang letzte Referendum in dieser Republik durchführen. Ein Jahr später starb er bei einem Sprengstoffanschlag im Stadion. – Vor den Hochhäusern von Grosny City nehmen die Teilnehmer der Parade Aufstellung. Vorn, im weißen SUV mit dem Kennzeichen RAMSAN, der blutjunge Bürgermeister von Grosny, ein Vetter des Oberhaupts. Motorradfahrer, angeblich aus allen Teilen der Russischen Föderation, knattern mit ohrenbetäubendem Lärm heran. Fallschirmspringer segeln vom höchsten Hochhaus herab auf die Straße. Vom Platz der Freiheit her tönt Lesginka-Pop. Eine Fußgängerkolonne in grün-roter Sportkleidung mit grün- roten Fähnchen und Transparenten, setzt sich in Bewegung: „Ahmad Kadyrow, Vater der Tschetschenen, wir danken dir“. Ramsan zeigt sich nicht. Atmo Menschenmenge, gelegentlich Musik Sprecherin Maret Er lässt sich jetzt im Konzertsaal von Delegierten der russischen Staatsduma und unserer Nachbarrepubliken als Erfinder des neuen Tschetschenien feiern. Sprecherin Asset Ein bis zwei Mal im Monat müssen auch wir in diese Halle, weil ein gewisser Jemand dort Publikum braucht. Da können wir nicht „nein“ sagen. Wir sind ihre Statisten. Am Eingang werden wir durchleuchtet. Sie haben ja unheimliche Angst, dass ihnen was passieren könnte. Drinnen warten wir dann so zwei, drei Stunden lang, bis der Herr geruht zu erscheinen. Zusammen mit seinen Leibwächtern und der ganzen Eskorte. Sogar drei bis vier Stunden haben wir warten müssen, ohne Wasser, ohne Essen. Sprecherin Maret Dann spricht er zehn Minuten lang und wir dürfen nach Hause gehen, wenn am Abend schon längst keine Busse mehr fahren. Atmo Putin –Prospekt - unterlegen Autorin Schwarzuniformierte Kadyrowzy patrouillieren rund um die Konzerthalle. Dahinter erstreckt sich der Kuppelbau des neuen Nationalmuseums, umgeben von nachgebauten mittelalterlichen Türmen, wie sie die Tschetschenen früher im Gebirge bewohnten. Auf dem gesperrten Putin-Prospekt fegt eine Straßenkehrmaschine noch das letzte trockene Vorjahreslaub vom Asphalt. Dies ist die einzige Straße in Grosny, die mehr oder weniger aussieht wie vor dem Krieg - in der Mitte ein Grünstreifen mit Bäumen und Bänken, an den Seiten Häuser im Stil der späten Stalinzeit. - Wenige junge Männer stehen in Gruppen herum, Frauen und Kinder flanieren. Die Frauen überwiegend mit Kopftuch, aber manche auch ohne, viele mit langem, oft aufreizend engem Rock, taillierter Jacke und sehr hochhackigen Schuhen; andere wieder in schwarzen oder knallbunten Chídzhabs, die Körper und Haar bedecken. Atmo Straße_ins Café – noch unter vorhergehendem Text ganz kurz laute Musik aus einem Auto, dann Kehrmaschine Sprecherin Asset Ich denke oft über meine Studenten nach – an wem sollen sie sich ein Beispiel nehmen? Früher spielten alte Menschen, die wegen ihrer Fähigkeiten und Leistungen allgemein respektiert wurden, in der tschetschenischen Gesellschaft eine wichtige Rolle. Sie hatten keine offizielle Position, aber es war üblich, sich bei Konflikten oder bei wichtigen Entscheidungen an sie zu wenden. Seit den Kriegen sterben die Menschen bei uns früh. Sprecherin Maret Jetzt hängt alles in der Republik von einer einzigen Person ab. „Er“ ist derjenige, an dem wir uns orientieren sollen. „Er“ schreibt den Frauen vor, wie sie sich zu kleiden haben, „er“ sagt den Frauen, wo ihr Platz ist - und hat damit sogar Erfolg. Atmo Straße – ins Café, laute Musik – unterlegen Autorin Wir betreten ein Café im westlichen Stil – meine Begleiterinnen richten ihre verrutschten Kopftücher. Die Musik dürfte laut genug sein, um unser Gespräch zu übertönen. Sprecherin Asset Im vergangenen Jahr, am „Tag der tschetschenischen Sprache“, hat er im vollbesetzten Konzertsaal eine meiner Kolleginnen wegen ihrer Kleidung angebrüllt. Der Rock sei zu kurz, das Kopftuch zu klein – und wie sie es sich erlauben könne, in solchem Aufzug vor ihm zu erscheinen? Sprecherin Maret Verstehen Sie, was das bei uns bedeutet? Er weist eine Frau zurecht, die seine Mutter sein könnte. Sprecherin Ajschat Egal, wie alt sie ist – er beleidigt nicht nur sie, sondern auch die Männer ihrer Familie. In der tschetschenischen Familie sind der Vater oder die Brüder für die Mädchen oder Frauen verantwortlich, und wenn sie verheiratet sind, die Ehemänner oder die Söhne. Sprecherin Maret Das heißt, die Männer müssen die Frauen ihrer Familie beschützen und nur sie haben das Recht, sie zurechtzuweisen. Sprecherin Maret Und jetzt ist es so: die staatliche Autorität, in Gestalt dieses Oberhaupts und seiner Gefolgsleute, schreibt den Frauen vor: „Zieh dich so oder so an“. Damit sagen sie den tschetschenischen Männern indirekt, dass sie keine Männer sind. Das bedeutet nicht nur die Zerstörung der Sitten, es geht überhaupt gegen die tschetschenische Mentalität. Sprecherin Asset Meine Kollegin erschien am nächsten Tag vor lauter Schreck im Chidzhab in der Hochschule. Sprecherin Maret Wir müssen schon lange befürchten, dass man uns alle irgendwann zwingt, den Chidzhab zu tragen. Es gefällt ihm ja so gut, wie die Frauen in Saudi Arabien herumlaufen. Sprecherin Asset Obwohl, jetzt hat er ja offenbar seine Meinung geändert. Neulich bekam eine Studentin große Probleme, weil sie im Chidzhab, bedeckt bis über das Kinn, in der Universität war. Sie will gerade über die Straße gehen, in ein anderes Gebäude, da fährt ein schwarzer Wagen aus der Eskorte unseres höchsten Herrn vorbei, hält an, jemand zieht das Mädchen ins Auto, und sie stellen ein regelrechtes Verhör mit ihr an – warum die Verhüllung? Dann muss der Rektor kommen, alle Dozenten müssen kommen – und es wird behauptet, die Studentin sei eine Wahhabitin. Sprecherin Maret Sie wird also kriminalisiert. Denn Wahhabitin sein hieße, mit den Rebellen in den Bergen zu tun zu haben. Sie wollen den Gottesstaat einführen und sind für die meisten Terroranschläge der letzten Jahre verantwortlich. Sprecherin Ajschat Aber keiner stellt die Frage, wieso die Angehörigen der Kadyrow-Truppe das Mädchen in ihr Auto zwingen und ohne irgendeinen anwesenden Verwandten, verhören dürfen. Das widerspricht dermaßen unserer Tradition – von der unsere sogenannte politische Elite ja dauernd redet – dass man gegen diese Männer vorgehen müsste. Sprecherin Asset Der Rektor und die Dozenten haben aber tödliche Angst, dass sie für ihre Studentin verantwortlich gemacht werden und dann ihre Stelle verlieren könnten. Wir sind ja verpflichtet, Studenten zu denunzieren, die sich nicht nach Vorschrift kleiden. Sprecherin Maret Es kommt auch vor, dass „Sittenwächter“ in den Unterricht platzen, um die Länge der Ärmel und der Röcke zu kontrollieren. Sprecherin Asset Einen Monat später verlassen Studentinnen des Instituts für Programmierung die Universität. Sie streifen ihre Kopftücher ab und zufällig kommt Kadyrow persönlich vorbei. Lässt seine gesamte Eskorte anhalten – er liebt das ja, so aufzutreten – und stellt die Mädchen zur Rede. „Wer seid ihr, wo kommt ihr her, was für ein Aufzug“. Und wieder das Gleiche, der Rektor und die Dozenten müssen her: „Eure Studentinnen sind Schlampen, die Schande der Nation!“ Autorin Ich verstehe nicht ganz. Warum diese Aufregung, wenn sich doch Frauen hier im Café oder auf dem Boulevard auch ohne Kopftuch und in sehr unterschiedlicher Kleidung zeigen dürfen? Sprecherin Asset Das ist es ja, es betrifft die Studentinnen. Überhaupt Menschen mit Bildung. Er selbst kann ja nicht mal korrekt sprechen, weder russisch noch tschetschenisch. Sprecherin Maret Einem Teil der Bevölkerung kommt dieser Druck auf die Frauen durchaus entgegen. Bildung macht selbständig. Wenn sie erst mal einen Beruf haben, könnten sie ihren eigenen Weg gehen wollen. Sprecherin Ajschat Aber bevor es soweit ist, haben sie meist schon ein Kind und sind erpressbar. Es ist bei uns üblich, dass Kinder beim Vater oder bei der Schwiegerfamilie bleiben – weil die Frau ja meist kein Einkommen hat und die Kinder angeblich nicht ernähren kann. Vor Gericht dagegen zu klagen, ist aussichtslos. Sprecherin Asset Ich habe lange versucht, diese Aggression gegen Frauen zu verstehen. Ich denke, das ist der Grund: Beide Kriege haben gezeigt, dass Frauen bei uns in der Lage sind, Widerstand zu leisten. Sie haben für ihre Männer und Söhne gekämpft. Sie haben für Nahrung gesorgt, sie haben Häuser wieder aufgebaut. Solche Frauen sind stark. Die Männer sind jetzt in der Minderheit – viele sind krank, viele finden keine Arbeit. Das könnte dazu führen, dass die gesellschaftlichen Prozesse von den Frauen geregelt werden und dass sie die Entscheidungen treffen. Die Männer, die jetzt an der Macht sind, haben das begriffen. Sprecherin Ajschat Kadyrows Kleiderordnung nehme ich nicht so ernst. Das ist Populismus – ein Spiel, um Loyalitäten festzustellen und sich Loyalitäten zu sichern. Der eigentlich schlimme Rückschritt geschah in dem Augenblick, als es hieß, dass die Frauen anständiger Männer zu Hause bleiben sollten. Und dass Männer mehrere Frauen heiraten dürfen. Das zerstört die Rechte und die Persönlichkeit der Frau noch viel mehr. Autorin Was, frage ich, können Frauen, die sich wehren wollen, tun? Sprecherin Asset Ich fürchte, in der Öffentlichkeit gar nichts. Sie können versuchen, dort, wo sie arbeiten, Einfluss zu nehmen, oder zu Hause, in der familiären Umgebung. Sie können auch zu einer unabhängigen Hilfsorganisation gehen. Aber dort versucht man leise, ohne Aufsehen, zu helfen und die Frauen individuell zu stärken. Sprecherin Ajschat Wir dürfen kaum über die Arbeit unserer Hilfsorganisation reden, und wenn wir es doch tun, müssen wir damit rechnen, dass man sie verbietet. Vor kurzem ist in einer westlichen Zeitung ein Artikel über Gewalt gegen Frauen in Tschetschenien erschienen. Die Autorin beruft sich auf mich, obwohl ich sie gebeten hatte, sich sehr vorsichtig auszudrücken. Seitdem bekomme ich Anrufe mit Drohungen. Ich habe Angst, dass uns was passiert. Atmo Hof, Kinderstimmen Autorin Wir haben das Café schon verlassen, da erzählt Maret, dass auch sie Drohanrufe kennt, auch sie hatte mit der Autorin des Berichts zu tun. Sprecherin Maret Und ich habe sie auch noch mit Kollegen bekannt gemacht. Jetzt schneiden sie mich, weil alle fürchten, mit dem Artikel in Verbindung gebracht zu werden. Privat schimpfen wir, aber öffentlich sagen wir nichts. Manchmal habe ich das Gefühl, irre zu werden. Ich merke, wie das Gerede von denen da oben sich im Kopf festsetzt, wie ich anfange, ihre Direktiven vor mir selbst zu rechtfertigen; wie ich mich schon frage, ob die anderen, die ihn loben, Recht haben und ich falsch liege, mit dem, was ich über ihn und seine Familie denke? Nein, natürlich nicht. Atmo Derselbe Hof, Schwalben, unterlegen Sprecherin Asset Das Gemeine an unserer Situation ist, dass wir ständig von diesen Märchen umgeben sind, in Grosny sei jetzt alles wunderbar und friedlich und hier lebten die glücklichsten Menschen der Welt. Viele Frauen würden sich mehr wehren, aber wir haben Ehemänner, Brüder und Söhne. Können wir es verantworten, wenn sie nachts abgeholt werden? Es passiert viel seltener als früher, aber wir wissen alle, dass es passieren kann. Die mutigen, unbeugsamen Tschetschenen sind gehorsam geworden – verstehen Sie, was das bedeutet? Autorin Maret und Ajschat haben sich verabschiedet. Asset lädt mich ein, die Fernsehübertragung der Feiern zum Jahrestag der Verfassung anzuschauen. 14a O-Ton aus Fernsehton, Sprecher– unterlegen, ab und zu hochziehen Der Moderator feiert Ahmad und Ramsan Kadyrow mit hymnischen Worten. Ramsan kommt ins Bild, er spricht zu den Gästen im Festsaal. Nicht immer in zusammenhängenden Sätze. Atmo 14a 14b O-Ton aus Fernsehton – Kadyrow spricht Sprecher Kadyrow Synchron Nach dem Willen Allahs und dank unserem ersten Präsidenten Ahmád Chadzhi, haben wir Frieden und Stabilität erlangt. Wir haben erlangt, dass – dass wir nie erlauben werden, dass irgendwer mit uns spielt oder sich über uns lustig macht. Wir werden auf der Grundlage des Gesetzes Gerechtigkeit fordern und wenn jemand das Gesetz nicht versteht, dann haben wir die Stärke und die Macht – und das sind die Patrioten des Volkes. Atmo 14b Kadyrow spricht weiter Sprecherin Asset Im letzten Jahr wurde ich beschattet. Wir hatten einen Abend für Sarah organisiert – die mit 20 in Moskau als angebliche Terroristin verurteilt und nach sieben Jahren Straflager freigelassen wurde. Ich bekam Anrufe, anonym. Erst – immer nur Schweigen. Dann eine Stimme: „Hast du keine Angst? Du hast doch einen Sohn und einen Mann“ – so in der Art. Ich sagte: „Ich weiß nicht, wer du bist, aber wahrscheinlich hast du auch Brüder, Söhne und einen Vater. Glaubst du, dass wir euch nicht kriegen, wenn ihr uns was tut?“ Das hat er verstanden, die Drohungen haben erst mal aufgehört. Aber natürlich hören sie mein Telefon ab und kontrollieren meine Mails. 14c O-Ton Fernsehton (Ramsan russisch) TV2 Sprecher Kadyrow ca 5.00 Synchron Ich bin stolz und glücklich, dass das tschetschenische Volk unsere Ideen unterstützt und dass es Putin und Ahmád Chadzhi auf ihrem Weg folgt. Ahmád Chadzhi hat nie daran gezweifelt, wir alle haben nie daran gezweifelt, dass wir die Republik wieder aufbauen und genau solche Bürger werden, wie die Bürger Russlands. Atmo 14c Sprecherin Asset Einer soll es dem anderen sagen: „Wenn wir nicht folgen, werden wir umgebracht. Auch ohne Grund.“ Vor welches Gericht willst du hier gehen? Zu welchem Staatsanwalt? 14d O-Ton aus Fernsehton – Sprecher Kadyrow Synchron Wir halten zusammen, wir werden stärker, wir werden zeigen, wer wir Muslime sind. Wir haben der Welt gezeigt, dass wir Baumeister sind und dass der Ruf „Allah ist groß, Allah akbar“, kein Aufruf zum Terrorismus ist. Atmo 14d Fernsehton, z.T. Kadyrow tschetschenisch - unterlegen Autorin Die Kamera folgt Kadyrow auf eine Baustelle, ins Labor, ins Radio. Der Fernseher läuft, wir trinken Tee und sehen es: Kadyrow ist überall, ernsthaft, interessiert und natürlich fachkundig. Das Land blüht, die Menschen sind glücklich, die Wissenschaft kommt voran. 15a O-Ton Fatíma A + C     Synchron Kadyrow hält Tschetschenien und vielleicht überhaupt den Kaukasus zusammen und genau dafür wird er von Russland gebraucht. Als großer, gefährlicher Trampel, der alle um sich herum an der Kandare hält. Es funktioniert, weil man ihn mit sehr viel Geld ausstattet. Er hat die Macht und die Kontrolle über die ganze Republik, denn das Volk hat er praktisch gekauft. [....] Er baut sich Paläste, aber er baut auch anderen Tschetschenen Paläste, das begreift er als seine Aufgabe. Im Gegensatz nämlich zu allen anderen Machthabern in unserem Land, [….], die sich lieber in London oder Paris oder auf irgendeiner Insel einrichten. Die sind nicht solche Patrioten wie er, der wahrscheinlich wirklich glaubt, dass das, was er tut, die Republik zum Blühen bringt. Autorin …. sagt Fatíma im fernen Moskau Atmo im Bus mit religiöser Musik, unterlegen Autorin Ich bin auf dem Weg zu Marcha. Die Fahrt zu ihr hinaus ist weit und führt durch die weniger repräsentativen Viertel der Stadt, vorbei an sauberen, ordentlichen Reihenhäusern. Nichts erinnert an die zurückliegenden Kriege – nur dass Bäume fehlen. Auf dem ganzen Weg sehe ich nur eine einzige Frau am Steuer eines Autos. An der Außenmauer einer Schule prangt in großen Buchstaben: „Mit Ramsán und Bildung in die Zukunft.“ Atmo Lokal 15 O-Ton Marcha Synchron Wir haben im Krieg in den Kellern gesessen und an die Wände Abschiedsverse geschrieben, damit die Überlebenden erfahren, dass es uns gegeben hat. Damals habe ich nicht geglaubt, dass die Sonne für uns noch mal scheinen und die Stadt wieder aufgebaut wird. Autorin Marcha ist Witwe und Mutter zweier Söhne. Das mehrstöckige Haus, in dem sie wohnt, ist gerade mal fünf Jahre alt. Die Wandfarbe blättert, die Bodenfliesen sind zerbrochen, die Aufzugtüren rosten. Marcha bittet mich nicht hinauf in ihre Wohnung, sondern in ein Selbstbedienungslokal in der Nähe. Ihre Nachbarn seien allzu neugierig, der Mann diene in einer Sicherheitstruppe. 16 O-Ton Marcha - im Lokal Synchron Als sie Natascha umbrachten, wurde mir klar, der Krieg ist bei uns noch längst nicht zu Ende. Er geht irgendwie im Unsichtbaren weiter. Du weißt nicht, wo der Feind sitzt. Autorin Natascha ist Natalja Estemirova. Sie arbeitete für die russische Menschenrechtsorganisation Memorial in Grosny und war mit ihren Dokumentationen von Entführungs - und Tötungsfällen durch staatliche Sicherheitskräfte bekannt geworden. Einmal ist ihr im Rathaus von Grosny angeblich Ramsan Kadyrow begegnet. Er soll sie beschimpft und beleidigt haben. Nicht lange danach fand man Natascha mit gebundenen Händen und Schüssen im Kopf und im Körper in einem Wald. Das war 2009. 16b O-Ton Marcha Es tut mir weh an sie zu denken. Gott hatte sie geschickt, damit sie Menschen wie mir hilft. Sie ist mit mir vor Gericht gegangen. Da hat man mir da alles Mögliche angedroht, aber sie war immer bei mir. Atmo 16b Marcha bringt Tschépoksch, stellt ihn auf den Tisch 17a O-Ton als durchlaufende Atmo: Marcha erzählt –unterlegen Autorin Marcha bringt mir einen Teller mit „Tschepoksch“, eine Art Pfannkuchen mit Kürbis und Käse. „Essen Sie doch“, sagt sie, „essen Sie“, und erzählt mir ihre Geschichte. In den letzten Jahren der Sowjetunion war Marcha Leistungssportlerin, dann kamen die Rebellen und die Kriege. Betrunkene russische Soldaten zündeten mit einem Flammenwerfer Marchas Schwestern an, die eine war blind, die andere Epileptikerin gewesen. Sie verbrannten bei lebendigem Leib. Die Mutter wurde wahnsinnig. Marcha, im sechsten Monat schwanger, glaubte, auf der russischen Kommandantur Unterstützung zu finden, stattdessen wollte man sie einsperren. Sie entkam mit Hilfe von Landsleuten und ausländischen Korrespondenten. Da setzten die Wehen ein und Marcha brachte ihren älteren Sohn zur Welt. „Ein Klumpen Fleisch“, sagte die Hebamme in der überfüllten Klinik. „Du kannst ihn gleich beerdigen.“ Marcha schlug sich mit dem kaum lebendigen Säugling nach Moskau durch, und fand eine Klinik, die sie mit dem Kind aufnahm. 17b O-Ton Marcha Synchron Da wusste ich, dass ich irgendwann Ärztin werden würde. Atmo 17b (die von dem, was die Autorin sagt, ziemlich abweicht) Autorin Später rettete eine tschetschenische Ärztin dem chronisch kranken Kind ein zweites Mal das Leben und unterstützte die Mutter beim Medizinstudium. Marcha verklagte die russischen Soldaten, die ihre Schwestern getötet hatten, mit Hilfe der Menschenrechtsorganisation Memorial vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg. 18 O-Ton Marcha Synchron Aber man darf hier nicht laut sagen, was man denkt, und wenn ich schreibe, was ich denke, wird es nicht gedruckt. Ich habe Angst, offen zu sagen, dass ich beim Europäischen Gericht gewonnen habe und obwohl meine Freunde es wissen, können sie darüber nicht schreiben. Atmo Haus Innen Autorin Die Ärztin, die Marchas Sohn gerettet hat, lässt mich ihre schönen Behandlungsräume sehen. Ihre Praxis würde vom Oberhaupt unterstützt, ebenso wie andere Kliniken im Land. Natürlich hätte die unverhältnismäßig hohe Zahl von Schwerkranken in der Republik mit den Kriegen zu tun. Tuberkulose und Krebs und Neugeborene mit zerebraler Lähmung – und immer noch müssten allzu viele unbehandelt bleiben. „Aber“, ergänzt sie dann schnell, „Er weiß das nicht. Man lässt die Informationen nicht zu ihm durch. Wenn er es wüsste, würde er helfen.“ Woran es auch liegen kann, wenn Hilfe nicht dort ankommt, wo sie nötig ist, erklärt mir die Lehrerin Taissa. Der Grund heiße „otkát“. 19 O-Ton Taissa Synchron Jedes Kind weiß, was das ist. Wenn dir zum Beispiel 370 000 Rubel (das sind etwa 7300 Euro) für deine im Krieg zerstörte Wohnung zustehen, dann lässt du in der Behörde, die das Geld verteilt, nicht etwa die Hälfte, sondern bis zu 80, sogar 90%. Der Rest ist für dich. Mir stand eine Rekompensation zu und ich wäre schon mit 50% zufrieden gewesen. Bekomme ich aber nicht. Da habe ich alles abgelehnt. Soll ich etwa deren Taschen füllen? Autorin Die Vorstellung, dass jemand auf die Idee kommen könnte, gegen dieses System zu klagen, findet Taissa nur komisch. 20 O-Ton Taissa Synchron Einmal haben zwei Juristen aus Kasàn‘ an der Wolga bei uns Seminare für zivilgesellschaftliche Belange durchgeführt. Sie erklärten lange ihre Konflikte, und auf welcher Gesetzesgrundlage sie vor Gericht Erfolg hatten. Aber ich weiß doch, dass bei uns nicht ein einziges Gesetz funktioniert. Wir sind Russland, aber wir sind auch nicht Russland. Autorin Aber ist da nicht noch das Staatsoberhaupt, das bekanntlich allen hilft, die es nötig haben? 21 O-Ton Taissa Synchron Was glauben Sie denn, wer hinter den Leuten steht, die den „Otkát“ fordern? (Lacht laut) Vor ihm haben doch alle Angst. Und niemand geht freiwillig hin, um von ihm etwas zu verlangen. Ist doch klar. Auch die Juristen von der Wolga haben uns schließlich gesagt: „Tut uns leid. In Grozny können wir euch nicht helfen.“ Aber wir müssen hier leben und schweigen. Man sagt uns einfach: „Pass auf, sonst passiert dir noch was.“ 22a O-Ton aus Atmo Autofahrt –Stimmen der alten Frau, Saremas und des Fahrers - unterlegen Autorin (Und) Ahmád Kadyrow lächelt am Straßenrand. Unter seinem Porträt steht auf Tschetschenisch: „Möge Gott unsere Rechte schützen“. Saréma hat ein Taxi für eine Tour durch die Stadt aufgetrieben. Sie möchte, dass ich noch ein paar schöne Erinnerungen von Grosny mit nach Hause nehme. Eine alte Frau fährt ein Stück mit und steigt wieder aus. Der Fahrer würde furchtbar gern nach Deutschland zurückkehren. In den siebziger Jahren war er in der DDR stationiert. Und Deutschland nehme jetzt doch wieder Tschetschenen auf? 22b O-Ton aus Atmo Autofahrt: der Fahrer erzählt vom Krieg Autorin Dann erzählt er, wie er im zweiten Krieg von russischen Soldaten festgehalten und mit sandgefüllten Colaflaschen geschlagen wurde. Auf die Nieren. Mit ihm waren etwa zehn junge Männer eingesperrt, der älteste war achtzehn. Soviel er wüsste, hätten zwei von ihnen überlebt. Arme Jungs, sagt Sarema. Atmo 22b Autofahrt , Stimmen von Fahrer und/oder Sarema Autorin „Tschetschenien ist die Mitte Welt“ verkündet ein überdimensionaler Globus am Straßenrand. „Mit Ramsan auf die Straßen“ wirbt ein Autohaus. „Ramsan - Garant des Friedens und der Stabilität“ steht auf einem Schild inmitten einiger Neubauten. Atmo Straße (eventuell Menschen auf Marktstraße mit synth.Musik Autorin Gegenüber dem zentralen Markt ragt eine gigantische vergoldete Nadel in den Himmel – höchster Punkt eines Bauwerks, einer Mischung aus Festung und Kathedrale. Ahmád-Kadyrow-Museum steht über dem Eingang. Er wird von bewaffneten Wachleuten in Camouflage und einem elektronischen Metalldetektor gesichert. Drinnen erstrahlt ein mehrstöckiger Kuppelsaal im Licht eines riesigen Kronleuchters. Eine zweiflüglige Parade-Treppe führt ins Untergeschoss, wo provisorische Stellwände den Werdegang der Familie Kadyrow bebildern. 23 O-Ton Architekt Innen Synchron Es gibt noch keinen Begriff für unsere Architektur. Auch nicht für das, was auf dem Kadyrow-Prospekt steht. Betonskelette mit Platten zu behängen, macht doch noch keine Architektur, sie muss auch einen Inhalt haben, oder? Es war Ramsan Kadyrows Wunsch, aus dem Prospekt das Allerschönste überhaupt zu machen, er will immer das Allerschönste, aber nicht immer gelingt es. Weil er kein Fachmann ist und auf Fachleute nicht hört. Obwohl er sagt, dass er bereit sei, sie an seiner Seite zu haben. Dies hier ist der Versuch, etwas Grandioses zu schaffen. Es ist ja auch ziemlich originell, wahrscheinlich sieht man so was sonst nirgends, oder? Autorin Lieber hätte der Architekt Aslan S. einen Teil des alten Grosny erhalten. Nicht alle Gebäude seien völlig zerstört gewesen. Auch die städtische Flusslandschaft mit ihren terrassenförmigen Ufern hätte wiederhergestellt werden können. Wichtig wäre es auch gewesen, Spuren des Krieges zu bewahren. 24 O-Ton Architekt Synchron Als Erinnerung an das, was damals hier vor sich ging, an den Vandalismus der politischen Führungsetagen von Russland und von Tschetschenien, und all derer, die die Entscheidungen trafen. Dass sie aber fast alles einfach haben abtragen lassen, ist auch so ein Beispiel von Vandalismus an unserer Geschichte. 25 O-Ton Sarema Innen Synchron Sie dürfen die Rolle nicht klein machen, die er, als Persönlichkeit, für den Fortgang unserer Geschichte spielt. Wo gibt es denn schon ideale Regenten? Sprecherin Asset2012 s1 Es ist furchtbar, wenn Menschen, die nichts gelernt haben, versuchen einen Staat zu leiten. Was Lenin schon sagte: „Die Köchin soll den Staat regieren“ - das haben wir jetzt bei uns. 26 O-Ton Architekt Innen Synchron Natürlich meine ich, dass Kadyrow und seine Leute, eine große Arbeit gemacht haben, mit unglaublicher Kraftanstrengung. Sie haben Sauberkeit und Ordnung hergestellt. Das muss man ihnen zugestehen. Wenn sie es auch noch richtig gemacht hätten, wären wir auf das Ergebnis noch stolzer. Die Menschen leben mit dieser Umgebung, wie sie eben jetzt ist. Was sollen sie sonst tun? Aber wenn wir ihnen zeigen dürften, wie sie aussehen könnte, würden sie garantiert sagen: „Das ist es, was wir wollen.“ Atmo Außen – Stimmen, Musik Sprecherin Asset Die Tschetschenen müssen erfahren, wen und was sie für immer verloren haben und was wirklich geschah. Vor allem die Jugend muss es für ihre Zukunft wissen. Woran wir uns heute orientieren können, geistig, moralisch, ist nur die Vergangenheit. Ich habe meine Erinnerungen, meine Themen, mein Wissen. Das ist mein Glück. Ich bin mit der russischen Kultur aufgewachsen, aber in meiner Familie spielten auch die Überlieferungen eine große Rolle. Die Mutter sang mir die alten Lieder vor, die sie von ihrer Mutter hatte. Die Wurzeln waren noch lebendig und daraus konnten sich meine Interessen entwickeln. Und was passiert heute? Man setzt uns Fälschungen, Surrogate vor. Was ihm nicht gefällt - baut es um, schreibt es um. Auch die Geschichte muss umgeschrieben werden. Atmo Straße, ab und zu vorbeirasende Autos und Sirenen Autorin Ramsan Kadyrow, höre ich, sei empfindlich, wenn es um den Namen seiner Familie oder des Clans gehe, zu dem sie gehört. In alten tschetschenischen Anekdoten spielt dieser Clan eine ähnliche Rolle, wie die Ostfriesen im deutschen Witz. Jüngst hätte man – so wird erzählt - Kadyrow zwei ältere Bücher vorgelegt, in denen solche Anekdoten zitiert werden. Daraufhin wurden die Bücher nicht zum Nachdruck zugelassen und ihre Autoren, renommierte Historiker und Literaturwissenschaftler, seien aus ihren Lehrämtern entlassen worden. Sprecherin Asset Gott sei Dank bin ich nicht allein. Ich habe einen Kreis von Menschen, die so denken, so wahrnehmen wie ich. Wir kennen uns seit der Studentenzeit, laufen uns ab und zu über den Weg oder arbeiten zusammen. So ist eine Art Raum entstanden, in dem wir atmen können. Aber jeden Tag denkt jeder von uns: „Oh Gott, was werden die heute wieder von uns verlangen.“ Die – das ist eine Sache, meine Arbeit, meine Studenten sind eine andere. Vielleicht betrüge ich mich damit aber nur selbst? Atmo Autoverkehr – Muezzin unterm Verkehrslärm Autorin Ein letzter Gang mit Saréma über den Putin-Prospekt, vorbei an spiegelnden Schaufenstern, Cafés, Modeboutiquen, quer über den großen Platz beim Rathaus, durch die Grünanlagen der Ahmad-Kadyrow-Moschee bis hin zu den Hochhäusern von Grosny City. Das höchste, mit 33 Stockwerken und der größten runden Uhr der Welt an seiner Spitze, steht leer. Bekam nicht 2012 der Schauspieler Gérard Depardieu hier eine Wohnung von seinem Freund Ramsan geschenkt? „Was hast du dagegen“, fragt Saréma gereizt. „Warum soll Kadyrow ihm keine Wohnung schenken?“ Einige Tage nach meiner Abreise wird das höchste Hochhaus von Grosny wie eine Fackel brennen. Es waren, trotz angeblich strenger Auflagen wegen der Erdbeben-Gefahr in dieser Gegend, weder Sprinkleranlage noch Feuerlöscher installiert worden. Das Oberhaupt der Republik wird sein Volk aufmuntern: Man werde ein neues, höheres Hochhaus an diese Stelle bauen. Und als gute Patrioten werden dann alle Angestellten staatlicher Institutionen ein Papier unterschreiben müssen, dass sie verpflichtet, das Gehalt eines Arbeitstages für seinen Wiederaufbau zu stiften. Musik Absage: Grosny. Alltag in einer europäischen Stadt. Sie hörten ein Feature von Gisela Erbslöh Autorin Vor dem Rückflug nach Moskau versucht die Kontrolleurin meines Handgepäcks noch schnell ein Gespräch. Ihr Bruder lebe in Deutschland und sie und der Rest der Familie hätten im vergangenen Jahr auch versucht nach Deutschland zu gehen, vergeblich. Aber sie würden es wieder probieren. Es sprachen: Isis Krüger, Claudia Mischke. Renate Fuhrmann, Susanne Flury, Laura Blaeser, Nicole Boguth, Agnes Pollner, Marion Mainka, Marietta Bürger, Axel Gottschick und Christoph Wittelsbürger Ton und Technik: Hendrik Manool, Wolfgang Rixius und Katrin Fidorra Regie: Anna Panknin Redaktion: Ulrike Bajohr Eine Produktion des Deutschlandfunks 2013